‘erste versuche‘


fragment 01: er ging durch die belebten straßen

w.s. scripsit 1966

abstander ging durch die belebten straßen, als hätte er etwas verloren. niemand konnte seine augen sehen, denn sein blick war auf das unregelmäßige muster der straßensteine gebannt. er trug keine gedanken hinter seiner stirn, denn er hatte sie an der letzten straßenecke verloren. oder war es die vorletzte. darüber dachte er nicht nach. es störte ihn nicht, daß er manchmal die unwilligen blicke der passanten auf sich zog, wenn er einmal einen von ihnen übersah und nicht platz machte. gedankenverloren setzte er einen fuß vor den anderen, die richtung zählte nicht. der lärm konnte den unsichtbaren schild nicht durchdringen, den er gleichsam als schutz vor sich her trug. seine hände baumelten im toten rhythmus seine schritte. ziellos. vergeblich.
abstandniemand hatte ihn gesehen. nur ich bin ein stück mit ihm mitgegangen, zählte seine schritte. dann habe ich ihn in der menschenmenge verloren.
abstandseither sehe ich ihn jeden tag, einmal in dieser, einmal in jeder straße, dann in keiner.
abstandgrüßen sie ihn von mir, denn ich habe ihn verstanden.

strassensteine-pflaster

12. Juli 2016

GEH DEN WEG, DEN DIR EIN BLINDER WEIST

w.s. scripsit, 1965

1
geh den weg, den dir ein blinder weist,
denn deine augen lügen;
die farben zeichnen nicht den unterschied,
sie sind nur traum.
hör nicht die worte, die ein stummer spricht,
denn deine lippen schweigen;
die töne sprechen eine fremde sprache,
sie sind nur illusion.
glaub den gebeten, die ein tauber hört,
denn deine ohren trügen;
gedanken sind nur ein vermuten,
sie sind von dieser welt.

2
die kinder hinter den mauern
spielen deine vergeblichen spiele.
dein sieg ist triumph über den augenblick,
deine tränen eingeständnis,
deine hoffnung letztes genießen.
die kinder hinter den mauern
beten deine träume,
doch du fürchtest ihre tränen.

3
hinter den hügeln des grauen sterbens
bricht der strahl einer drohenden sonne
strafend hervor.
die lieder quälen die toten herzenin ihrer schweigenden ohnmacht.
die hände gleißen ihre weiße unschuld
dem blinden himmel.
die schatten der götter
drängen sich in vertraute gestalten,
die schritte zertreten die träume,
teilen leben und untergang.
flehende stimmen zerschneiden augenblicke
in entsetzen.
die züge der bebenden gestalten
verbinden horizont mit horizont,
posaunenschrei versammelt ewigkeit.
gericht.
und du verbirgst dich
hinter deinem zweifelnden glauben.

4
blutregen fällt in die dürstenden weiten
aufbricht
die wunde der erinnerung
der strom der lügen ergießt sich in die ermatteten wüsten
der adler tod
zieht seine kreise über den dampfenden wipfeln
haß schreit dich an
verloren sind die schwelenden hoffnungen
zerborsten die stämme des lebens
lavaschwall presst aus den schlünden
wahrheit
geschwärzt von den flammen des unterganges
verbirgt sich das licht in den zerschlagenen atomen
aus dem nichts rührt die hand der unendlichkeit
an den saiten der totenharfe
die stimmen zerschreien die ordnung
des göttlichen aktes
es krallt sich entsetzen in deine brust
dringt in den schlag deiner schritte
ohnmacht zerschlägt dein walten
der purpur der altäre
fällt unter den schlägen schweigender blitze
chaos zeugt eine neue ordnung
und du, staubkorn,
zitterst?

duerre
[Foto: Franz Reitinger]


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29. August 2011

DER ERSTE KUSS

w.s. scripsit, 1966

man kennt sich erst seit ein, zwei wochen,
ist schon per du, doch durchaus sie-lich,
es ist das eis noch kaum gebrochen,
doch man ist glücklich, denn man sieht sich.

auch an dem abend war es ähnlich,
man plaudert, schwatzt und lacht vergnügt,
zwar sind die worte eher dämlich
doch ist das gleich, wenn man sich liebt.

man sieht die welt mit andern augen,
sucht sehnend eine freie bank,
doch jeder jüngling wird mir glauben,
daß erst nach stunden – gottseidank –

sie sich dann zeigt; doch leider hell beleuchtet
von all den lichtern, unromantisch,
doch ist man müde und befeuchtet
ein sacktuch um geradezu pedantisch

den schmutz am sitze zu verteilen;
sich endlich setzt; ein meter liegt dazwischen.
doch liebe kennt kein lang verweilen,
sie rücken enger und verwischen

den rest den staubes an den lehnen;
und endlich rühret arm an arm!
da muß das mädchen plötzlich gähnen,
und er fragt sie: ist dir auch warm?

sie nickt ein paarmal … und er schweigt.
da für den augenblick
kein andres thema sich mehr zeigt
sagt sie, gen himmel geht ihr blick:

heut ist das wetter endlich gut.
er meint drauf: ja. was sollt er andres machen?
da faßt ihn plötzlich liebesmut,
die flammen knistern und entfachen

in seinem herzen einen brand,
und er in heißem glutverlangen
nimmt schüchtern ihre kleine hand …
doch ist dabei er so verlegen

daß einen finger er vergißt!
doch sie versteht und schiebt den kleinen,
der seinerseits so sehr vermißt,
zwischen die bebenden der seinen.

er blickt sie an und sie retour,
die augen spiegeln tausend lichter.
doch leider fehlt zu weit’rem nur der mut;
doch endlich bricht er

das schweigen mit des mädchens namen.
und beide könnten heut nicht sagen
wie ihre lippen näher kamen
und wie er dann mit leisem zagen

ihr näschen traf statt jener tiefren stelle …
doch war die richtige nicht weit.
ich denke, daß auf alle fälle
sie allzu gerne war bereit

kußgeographisch ihn zu lenken
bis er die lippen endlich fand.
denn bald schon möchte sie ihm schenken
mehr als nur lippe, nas‘ und hand.

hier zieht der dichter sich zurück.
erato schaut schon böse drein.
sie hat’s nicht gern, wenn man das glück
beschreibt mit solchem schlechten reim!

erstes mal




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26. August 2011

© Werner Stangl Linz 2017