‘Essay‘


Von der Kathi-Tant zum Andromedanebel

Als Kind war ich noch nicht sehr firm in Etymologie.

Da ich mit meinen Eltern in einem typischen einstöckigen Wiener Vorstadthaus in Meidling lebte, und sich unser Leben auf Nummer 7 bzw. auf Zimmer und Küche beschränkte, verband ich mit dem Begriff Nachbar allein jene Frau, die alle Kathi-Tant nannten, die am gleichen Gang auf Nummer 6 lebte und mit der wir uns Bassena und WC teilten – übrigens benutzten diese beiden Einrichtungen auch die Bewohner auf Nummer 5 und Nummer 8, wobei die Nummer 5 jenseits des Stiegenaufgangs lag und daher nicht nahe genug war, um als nachbarlich erlebt zu werden, während auf Nummer 8 mein Großvater und seine damals arbeitslose Tochter wohnten, also zur Verwandtschaft zählten und aus diesem Grund für die Bezeichnung Nachbar ausfielen. Demnach war die Kathi-Tant in meiner frühen Kinderzeit der einzige Nachbar.

Die Kathi-Tant genoss den Luxus, alleine in einer gleich großen Wohnung zu leben wie meine Eltern und ich. Obwohl sie irgendwie mit uns verwandt war – Gerüchten nach eine uneheliche Schwester meines Großvaters -, gehörte sie nicht zur Familie, besonders dann, wenn meine Mutter und ihre Schwester, die wie erwähnt auf Nummer 8 wohnte, in unserer Küche saßen und über die Kathi bassenamäßig tratschten.

Eine gewisse Erweiterung fand mein Nachbarschaftsbegriff schon damals durch meinen Großvater – ja, der auf Nummer 8 -, wenn er sich über den Lärm der Tischlerei im Nachbarhaus beschwerte. Dieser Tischler war für mich nur insofern von Bedeutung, indem er eine Tocher hatte, die – einige Jahre älter als ich – mir durch das wesentlich größere Körpergewicht mein nagelneues Dreirad deformiert und somit unbrauchbar gemacht hatte. Offenbar können Nachbarn auch destruktiv sein, zumindest in Bezug auf Stille und besonders auf Dreiräder.

In der Volksschule schließlich lernten wir die so genannten Nachbarländer Österreichs auswendig, wobei die Tschechoslowakei – die Behm, wie mein Großvater sagte -, Ungarn und Jugoslawien hinter einem Eisernen Vorhang lagen, während Italien, die Schweiz und Deutschland für uns Österreicher für einen Urlaub leicht erreichbar waren. Gleichwohl hat es für uns nie zu einem Urlaub in einem der Nachbarländer gereicht, denn wir fuhren stets ins Waldviertel, das der nördliche Teil des Nachbarbundeslandes Niederösterreich ist, wobei dieses Bundesland die Stadt sehr intensiv nachbarlich umklammert. Ach ja: zu den Nachbarländern kommt noch Liechtenstein, aber das ist bekanntlich so klein, dass man es bei einer Aufzählung gerne vergisst. Glücklicherweise hatte ich einen Banknachbarn, der mich dann mit dem Ellbogen stoßend flüsternd an Liechtenstein erinnerte, sodass man deshalb wohl zu Recht vermuten kann, dass die Schweizer einen Nachbarn als Anstößer bezeichnen.

Auf dem Realgymnasium schließlich wurde die Nachbarschaft auf Kontinente – Asien war uns demnach nachbarlich nahe – und sogar auf Planeten unseres Sonnensystems ausgedehnt, denn Venus und Mars lägen uns trotz ihrer astronomischen Ferne äußerst nahe, wären also Nachbarn der Erde. Aber auch da war mit Nachbarschaft noch nicht Schluss, denn irgendwann hörte man von einer Galaxie nahe der Milchstraße, die auf den klingenden Namen Andromedanebel hört. Und der wäre schließlich unser Nachbar im Universum.

Konsequent weitergedacht endet also vermutlich irgendwie alles im Universum in Form einer Nachbarschaft, auch wenn etymologisch genaugenommen mit Nachbar niemand anderer als der nächste Bauer gemeint ist, der mit uns im Dorf lebt.


Veröffentlich in DUM – das ultimative Magazin, No.: 85/2018, NACHBAR – Hilfe & Klage, S. 13.

Zwischen den Bildern

Galeriebesucher gehen von Bild zu Bild, von Objekt zu Objekt. Wenn sie davon berichten, dann erzählen sie, wie viele Bilder sie gesehen haben, welche sie beeindruckt und welche ihnen weniger gefallen haben.
Doch was geschieht zwischen den Bildern? Was passiert mit dem Raum dazwischen? Überspringen ihn die Augen und Gedanken einfach? Ist es ein bloßes Inzwischen, nur Leere, gar Vakuum?
Verarbeitet das Gehirn derweil das Gesehene, das Empfundene und legt es als Erinnerungen in den Windungen der grauen Masse ab?
Schaltet das Gehirn auf Leerlauf, leert es sich aus, um für neue Eindrücke bereit zu sein?
Am ehesten bewusst werden Zwischenräume, wenn die Hängung zu eng war. Doch auch hier rückt der Zwischenraum nur in Form seiner Negation ins Bewusstsein, nicht in Form seiner zweifelsfreien Existenz. Manchmal auch gestört durch rote Punkte, kaum lesbare Schilder, Preisauszeichnungen.
Trennt der Zwischenraum oder verbindet er die Bilder? Zwischenraum kann eine Brücke über den Bilderfluss sein, aber manchmal auch ein fehlender Übergang – eine Furt, die man nicht trockenen Fußes durchschreiten kann. Die Schuhe werden dabei nass und hinterlassen auf dem Weg zum nächsten Bild deutliche Abdrücke, Pfützen am Boden der Galerie. Der Zwischenraum ist nie ein reißender Fluss, eher ein stilles Wasser, eine Lache, in der sich das Gesehene spiegelt, doch in der Bewegung des Durchschreitens verschwimmt das gerade Betrachtete und enthüllt Neues, fließt als flirrendes Nachbild hinein ins nächste Bild.
Was wäre, wenn es überhaupt keinen Zwischenraum gäbe? Bild an Bild reihte sich, Bilder gingen ineinander über, atemlos, keine Verschnaufpause für Impressionen. Gleichermaßen ein vom Künstler wohl ungewollter Film böte sich. Man stelle sich eine Galerie ohne Zwischenräume vor: alle Exponate verschmölzen zu einem einzigen. Schande über den Galeriebesitzer oder den von ihm beauftragten Kurator, die Kuratorin. Fluch dem Hänger, der Hängerin.
Allmählich sollte es Galeriebesuchern dämmern, wie bedeutsam dieser Zwischenraum ist.
Grundsätzliches drängt sich schließlich auf: ist Zwischenraum überhaupt Raum? Ist es nicht eher Zeit? Ist es vielleicht diese vierte Dimension, in der Raum und Zeit einander begegnen?
Einerlei: man sollte dem Zwischenraum achtsamer begegnen.

zwischenraum


[Verzeichnis der Texte]

Auf und Ab

landstrich-2016Im Koordinatensystem des cartesisches Raumes ist Auf und Ab prima vista jene Form der Bewegung, die Menschen von der Schöpfung oder Evolution – je nach weltanschaulicher Perspektive – vorenthalten wurde. Während Hin und Her gewöhnlich auf der x-Achse und Vor und Zurück auf der y-Achse stattfinden, ist es Insekten, Vögeln und einigen exotischen Arten unter Fischen und Säugetieren vorbehalten, auch die z-Achse zu bespielen. Genau genommen ist selbst das wissenschaftlich nicht so eindeutig, denn im geodätischen Koordinatensystem sind x- und y-Achse vertauscht, sodass unter dieser Perspektive Menschen zwischen Hin und Her bzw. Vor und Zurück lavieren, wohl nicht zuletzt deshalb, da sie von der z-Achse vulgo Auf und Ab-Achse ausgeschlossen sind.

Bei zunächst oberflächlicher Betrachtung bewegt sich das Gegensatzpaar Auf und Ab antagonistisch auf einer gemeinsamen Dimension, wobei es sich nicht nur semantischer Lifte oder semiotischer Paternoster bedient, sondern auch syntaktische Seilbahnen und sprachartistische Schrägaufzüge unterschiedlichster Neigungsgrade nicht scheut. Einigermaßen schräg klingt daher der Abputz zum Aufputz.

Feuerpolizeilich sollte jeder Aufzug mit einem Abzug versehen sein, wobei dramaturgisch mancher Aufzug mit dem Abzug eines Protagonisten endet, oder die Aufführung eines Kriminalstückes in den meisten Fällen mit der Abführung des Täters, sodass die Auflösung der Spannung von der Genugtuung abgelöst wird, dass dem Opfer endlich Gerechtigkeit widerfährt. Bühnentechnisch betrachtet folgt jedem Auftritt irgendwann der Abtritt, wobei hinsichtlich der realen Ausformung unserer Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Auf Grund des Ausgeschlossenseins von der z-Achse haben sich Menschen der Auf und Ab-Dimension mehrheitlich metaphorisch bedient, auf der kontradiktorisch Handlungsrichtungen einander gegenüberstehen: Aufbau und Abbau, Auflauf und Ablauf, Aufmarsch und Abmarsch, Auftrieb und Abtrieb, Aufleben und Ableben, Aufgang und Abgang, wobei bei letzterem önologisch auf sein Pendant verzichtet werden sollte.

Auf und Abs lassen sich paradoxerweise sowohl synonym als auch komplementär fassen, etwa Auflösen und Ablösen, Aufreißen und Abreißen, aber auch Aufhalten und Abhalten treffen sich aus unterschiedlicher Perspektive manchmal im selben Ereignis.

Im sportlichen Bereich gesellen sich zu Aufschlag und Abschlag, Aufspielen und Abspielen auch Aufwurf und Abwurf, das Aufteen bleibt ohne Gegenstück elitär unter sich, fußballerisch findet sich die Auflage zur Ablage, wobei dieses Gegensatzpaar sich literarisch als geringe Auflage in der Ablage in einem Antiquariat, bei Amazon oder auf Ebay äußert.

Einige Auf und Ab lassen sich nur an den Haaren herbeigezogen verflechten, etwa Aufsicht und Absicht, Aufbruch und Abbruch. Manch jugendlicher Aufstand ist mit dem Abstand von etlichen Jahren unverständlich, manch Auflauf erst nach Ablauf erklärbar, manch testosterongesteuerter Aufriss endet in einem Abriss schwärmerischer Hoffnungen.

Folgerichtig lässt sich der Aufschnitt aus der Metzgerei aus geordneten Abschnitten von Wurst bestimmen. War hier ein Abschneider am Werk?

Manche Kombinationen bleiben hoffnungslos einseitig, denn was soll ein Komplement wie Abwand, Abtrag, Abwecken, Abenthalt, Abmucken respektive Aufmurksen, Aufreisen, Auffall, Aufklemmen, Auftreibung, Aufscheu, Aufgesang, Aufsichern, Aufnützungserscheinung … Oder gar ein wienerischer Aufort? Und ist vielleicht gar alles nur Aufschaum?

Worin liegt die Tätigkeit eines Absehers? Kann man die Abmerksamkeit noch weiter abschlüsseln? Partiell logisch erscheint der Aufruf von auf Abruf Bereitstehenden und immerhin lässt eine Aufrissbirne in Abbruchstimmung bei Aufbrucharbeitern einigen amüsanten Interpretationsspielraum, ähnlich ein für manchen Abruhr verantwortlicher Aufstandhalter. Und irgendjemand entdeckt sicherlich bei einem Auflaufdatum das Abkeimen jedweder Hoffnung.

Aus dem Dunkel persönlicher Erinnerungen taucht in dieser Kakophonie von Auf und Ab schließlich ein als Glaziologe renommierter Geographieprofessor der Gymnasialzeit auf, der die Unterrichtsstunden mit Abenteuern seiner Teilnahme an einer Alfred Wegener-Expedition würzte (unvergessen das bogenförmige Erstarren des Urins im Eise Grönlands anno 1930/31), der uns gelegentlich im Chor talauf-talab so lange aneinanderreihen ließ, bis zwangsläufig aus 36 Kinderkehlen die eilige Bewegungsform des Angehörigen einer nordischen Rasse erklang …

Es ist aufschließend und abschlussreich nicht zu leugnen, dass Auf und Ab einen veritablen Schluckab auslösen können, gegen den nur ein abschreckendes Aufschrecken hilft bzw. nach dem Aufhören der inneren Stimme das Abhören … oder auch umgekehrt.

In: Auf und Ab. Landstrich 2016, S. 8-9.

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
http://www.landstrich.at/

© Werner Stangl Linz 2018