‘Prosa‘

Ungebundene Texte in Anlehnung an innere Monologe


fragment 01: er ging durch die belebten straßen

w.s. scripsit 1966

abstander ging durch die belebten straßen, als hätte er etwas verloren. niemand konnte seine augen sehen, denn sein blick war auf das unregelmäßige muster der straßensteine gebannt. er trug keine gedanken hinter seiner stirn, denn er hatte sie an der letzten straßenecke verloren. oder war es die vorletzte. darüber dachte er nicht nach. es störte ihn nicht, daß er manchmal die unwilligen blicke der passanten auf sich zog, wenn er einmal einen von ihnen übersah und nicht platz machte. gedankenverloren setzte er einen fuß vor den anderen, die richtung zählte nicht. der lärm konnte den unsichtbaren schild nicht durchdringen, den er gleichsam als schutz vor sich her trug. seine hände baumelten im toten rhythmus seine schritte. ziellos. vergeblich.
abstandniemand hatte ihn gesehen. nur ich bin ein stück mit ihm mitgegangen, zählte seine schritte. dann habe ich ihn in der menschenmenge verloren.
abstandseither sehe ich ihn jeden tag, einmal in dieser, einmal in jeder straße, dann in keiner.
abstandgrüßen sie ihn von mir, denn ich habe ihn verstanden.

strassensteine-pflaster

Auf und Ab

landstrich-2016Im Koordinatensystem des cartesisches Raumes ist Auf und Ab prima vista jene Form der Bewegung, die Menschen von der Schöpfung oder Evolution – je nach weltanschaulicher Perspektive – vorenthalten wurde. Während Hin und Her gewöhnlich auf der x-Achse und Vor und Zurück auf der y-Achse stattfinden, ist es Insekten, Vögeln und einigen exotischen Arten unter Fischen und Säugetieren vorbehalten, auch die z-Achse zu bespielen. Genau genommen ist selbst das wissenschaftlich nicht so eindeutig, denn im geodätischen Koordinatensystem sind x- und y-Achse vertauscht, sodass unter dieser Perspektive Menschen zwischen Hin und Her bzw. Vor und Zurück lavieren, wohl nicht zuletzt deshalb, da sie von der z-Achse vulgo Auf und Ab-Achse ausgeschlossen sind.

Bei zunächst oberflächlicher Betrachtung bewegt sich das Gegensatzpaar Auf und Ab antagonistisch auf einer gemeinsamen Dimension, wobei es sich nicht nur semantischer Lifte oder semiotischer Paternoster bedient, sondern auch syntaktische Seilbahnen und sprachartistische Schrägaufzüge unterschiedlichster Neigungsgrade nicht scheut. Einigermaßen schräg klingt daher der Abputz zum Aufputz.

Feuerpolizeilich sollte jeder Aufzug mit einem Abzug versehen sein, wobei dramaturgisch mancher Aufzug mit dem Abzug eines Protagonisten endet, oder die Aufführung eines Kriminalstückes in den meisten Fällen mit der Abführung des Täters, sodass die Auflösung der Spannung von der Genugtuung abgelöst wird, dass dem Opfer endlich Gerechtigkeit widerfährt. Bühnentechnisch betrachtet folgt jedem Auftritt irgendwann der Abtritt, wobei hinsichtlich der realen Ausformung unserer Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Auf Grund des Ausgeschlossenseins von der z-Achse haben sich Menschen der Auf und Ab-Dimension mehrheitlich metaphorisch bedient, auf der kontradiktorisch Handlungsrichtungen einander gegenüberstehen: Aufbau und Abbau, Auflauf und Ablauf, Aufmarsch und Abmarsch, Auftrieb und Abtrieb, Aufleben und Ableben, Aufgang und Abgang, wobei bei letzterem önologisch auf sein Pendant verzichtet werden sollte.

Auf und Abs lassen sich paradoxerweise sowohl synonym als auch komplementär fassen, etwa Auflösen und Ablösen, Aufreißen und Abreißen, aber auch Aufhalten und Abhalten treffen sich aus unterschiedlicher Perspektive manchmal im selben Ereignis.

Im sportlichen Bereich gesellen sich zu Aufschlag und Abschlag, Aufspielen und Abspielen auch Aufwurf und Abwurf, das Aufteen bleibt ohne Gegenstück elitär unter sich, fußballerisch findet sich die Auflage zur Ablage, wobei dieses Gegensatzpaar sich literarisch als geringe Auflage in der Ablage in einem Antiquariat, bei Amazon oder auf Ebay äußert.

Einige Auf und Ab lassen sich nur an den Haaren herbeigezogen verflechten, etwa Aufsicht und Absicht, Aufbruch und Abbruch. Manch jugendlicher Aufstand ist mit dem Abstand von etlichen Jahren unverständlich, manch Auflauf erst nach Ablauf erklärbar, manch testosterongesteuerter Aufriss endet in einem Abriss schwärmerischer Hoffnungen.

Folgerichtig lässt sich der Aufschnitt aus der Metzgerei aus geordneten Abschnitten von Wurst bestimmen. War hier ein Abschneider am Werk?

Manche Kombinationen bleiben hoffnungslos einseitig, denn was soll ein Komplement wie Abwand, Abtrag, Abwecken, Abenthalt, Abmucken respektive Aufmurksen, Aufreisen, Auffall, Aufklemmen, Auftreibung, Aufscheu, Aufgesang, Aufsichern, Aufnützungserscheinung … Oder gar ein wienerischer Aufort? Und ist vielleicht gar alles nur Aufschaum?

Worin liegt die Tätigkeit eines Absehers? Kann man die Abmerksamkeit noch weiter abschlüsseln? Partiell logisch erscheint der Aufruf von auf Abruf Bereitstehenden und immerhin lässt eine Aufrissbirne in Abbruchstimmung bei Aufbrucharbeitern einigen amüsanten Interpretationsspielraum, ähnlich ein für manchen Abruhr verantwortlicher Aufstandhalter. Und irgendjemand entdeckt sicherlich bei einem Auflaufdatum das Abkeimen jedweder Hoffnung.

Aus dem Dunkel persönlicher Erinnerungen taucht in dieser Kakophonie von Auf und Ab schließlich ein als Glaziologe renommierter Geographieprofessor der Gymnasialzeit auf, der die Unterrichtsstunden mit Abenteuern seiner Teilnahme an einer Alfred Wegener-Expedition würzte (unvergessen das bogenförmige Erstarren des Urins im Eise Grönlands anno 1930/31), der uns gelegentlich im Chor talauf-talab so lange aneinanderreihen ließ, bis zwangsläufig aus 36 Kinderkehlen die eilige Bewegungsform des Angehörigen einer nordischen Rasse erklang …

Es ist aufschließend und abschlussreich nicht zu leugnen, dass Auf und Ab einen veritablen Schluckab auslösen können, gegen den nur ein abschreckendes Aufschrecken hilft bzw. nach dem Aufhören der inneren Stimme das Abhören … oder auch umgekehrt.

In: Auf und Ab. Landstrich 2016, S. 8-9.

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
http://www.landstrich.at/

Die noch nicht erblassten Erblasser

Proömium

Als vom Beitrittsdatum her betrachtet junges Mitglied des OESV kann ich mir nicht zuletzt durch die bei der Aufnahme überreichte Sammlung von Texten ein Bild davon machen, was einerseits Erbe und andererseits Auftrag im Zusammenhang mit dem 70-jährigen Bestand des OESV sein könnte. Andererseits ist mir bewusst, dass der OESV nur zwei Jahre vor mir aus der Taufe gehoben worden ist, demnach 97 Prozent der Lebenszeit mit mir teilt, ich auf Grund meines Beitritts knapp 2 Prozent aktiven Anteil an ihm habe. Aus diesen Eckdaten heraus drängen sich mir weniger auf den OESV als auf Literatur bezogene Fragen zu seinem runden Geburtstag auf. Hinzu kommt, dass ich mich in den letzten Jahren mit dem Thema Erben im Zusammenhang mit der eigenen Familie auseinanderzusetzen hatte, wobei ein materiales Familienerbe erbschleichenderweise in einem immaterialen Text implodierte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Also:

Dem Erben wohnt die Konnotation bei, etwas zu bekommen, was man vorher nicht hatte. Etwas, von dem man vielleicht geträumt, es aus gutem Grund auch erwartet, eher selten befürchtet hatte. Gleichzeitig gilt für Erbfälle, dass man häufig nicht Alleinerbe ist, sondern sein Erbe teilen muss. Das trifft im Fall des Erbes eines Literaten oder einer literarischen Vereinigung wohl zu.

Im Erbfall drängen sich kurzfristig Fragen auf, an die kein Beteiligter gedacht hat. Die einfachste Frage ist noch die nach dem Erbgegenstand. Doch was bedeutet dieser im Zusammenhang mit Literatur? Sind es Zeitschriften, Bücher, schlicht Papier mit Buchstaben bedruckt? Oder ist ein solches Erbe neben Festgeschriebenem vor allem das Immaterielle, also Ideen, Gedanken? Oder gar Formalia wie literarische Formen, Versmaße, Zeilenlängen, gar Normseiten?

Die Problematik, die sich bei einem literarischen Erbe stellt, ist wohl in erster Linie der Gegensatz zwischen Substanz und Idee, zwischen Materialität und Immaterialität. Während es bei materialen Objekten meist möglich ist, dieses aufzuteilen, ist das bei Literatur schwieriger. Man stelle sich vor, dass ein Erbe die ersten einhundert Seiten eines Werkes erhält, während sich der zweite nach Erhalt der restlichen einhundert fragen muss: Was geschah davor? Während der erste wissen möchte, ob sich Hamlet und Ophelia doch bekommen haben, oder ob Ophelia ins Bordell gegangen ist, wie Shakespeare ihr sinngemäß geraten hatte, wundert sich der zweite, warum die Freunde mit Waffen aneinandergeraten.

Als Literatur Bezeichnetem wohnt eine gewisse Unbarmherzigkeit bei, denn das zwischen Buchdeckeln und in Bibliotheken als Literaturfriedhöfen Festgehaltene hat hartnäckig Bestand. Dort Verwahrtes wird zwar bei der Vergänglichkeit alles Seienden irgendwann entweder einem Konservator oder einem Bücherwurm vorgeworfen, wobei letzterer ein Käfer ist, wenn auch in einem wurmähnlichen Larvenstadium.

Beim Erben ist formal betrachtet oft die erste Frage: Ist ein Testament des Erblassers vorhanden, ein schriftliches oder mündliches? Ist es beglaubigt? Ist es beiseite geschafft worden?

Ist im Fall eines literarischen Erbes nicht das von den verblichenen Erblassern Hinterlassene Testament und Erbe zugleich? Ist Literatur also Testament und Testat?

Manche legen vorausblickend fest, was mit ihrem Erbe zu geschehen habe, wobei einige aus Rücksicht auf die Erben oder boshafterweise zu deren Bestrafung eine Vernichtung ihres Nachlasses fordern. Wollen sie dadurch verhindern, dass sie eines Tages in einem Schuber mit zwanzig Bänden enden, horribile dictu als Deko in einem Ikea-Regal „Bengt“.

Bekanntlich verläuft bei Erbschaften alles so lange harmonisch, bis der Erbfall eintritt. Dann zerbröseln Beziehungen wie schlecht gelagerter Papyrus.

Aus der Perspektive der Erben betrachtet, gibt es die Möglichkeit, das Erbe zu verweigern. Etwa um sich vor der Erbschaftssteuer zu drücken. Was geschieht in einem solchen Fall mit dem Erbe? Zahlreiche Erben können mit ihrem Erbe wenig anfangen, wovon Altwarenhändler und Nachlassverwerter ein Lied singen können. Was geschieht bei fehlenden Erben? Fällt das literarische Erde dem Staat anheim? Oder fällt es ins Nichts? In die Ewigkeit?

Ist aber einmal ein Erbe gefunden, kann dieser nach dem Erhalt der Einantwortungserklärung im Namen des Erblassers bekanntlich so handeln, als ob dieser noch am Leben wäre. Kann er dann auch ein literarisches Erbe beliebig umschreiben? Also wie bei materialem Erbe damit machen was er will?

Wie schaut es mit der Erbschaftssteuer aus? Kann man die gegen andere Steuern gegenrechnen? Bis wann muss die Steuer beim Finanzamt der Literaturgeschichte entrichtet werden? Gibt es Fälligkeiten, Termine, Strafrahmen?

In der Regel treten Erbfälle erst dann ein, wenn jemand verblichen ist. Das trifft auf das literarische Erbe des OESV gottlob nur bedingt zu, denn viele der Autorinnen und Autoren erfreuen sich bester Gesundheit, sind also sowohl Erben als auch Erblasser und das paradoxerweise gleichzeitig. Bei Erbschaften zu Lebzeiten findet man außerhalb der Literatur einige Varianten, die vom Ausgedinge über das Nutzungsrecht bis zum Wohnrecht reichen, also mancherlei Konstruktionen, die für die noch nicht erblassten Erblasser durchaus riskant sein können, vor allem dann, wenn sich die Erben zu früh als solche fühlen.

Pietätvollerweise sollte man in der Literatur wohl nur dann von Erbe sprechen, wenn der Erblasser realiter erblasst ist, denn es gibt Erblasser, die sich Zeit ihres Lebens an ihren bevorzugten literarischen Themen abarbeiten und bis zu ihrem physischen Ende nie zu einem literarischen kommen, sodass Erbe und Erben in Bezug auf deren literarischen Hervorbringungen am ehesten dann Sinn macht, wenn man den Veröffentlicher und das Veröffentlichte als tot im Sinne von unveränderlich auffasst, wobei der erste – ohne Einbalsamierung und Mumifizierung versteht sich – den Weg allen Fleisches geht, während das Vererbte ein Ablaufdatum aufweist, das nicht zuletzt von der Lagerung und Behandlung abhängt, die man ihm zuteil werden lässt. Hier pendeln manche Erben zwischen Nekrophilie und Exhumierung, Erbschleicherei und Leichenfledderei vulgo Plagiierung.

Seufzend aber nicht unbedingt resignierend bin ich als noch einigermaßen lebender Autor zur Einsicht kommen, dass ich als irgendwie Involvierter das Erbe von 70 Jahren OESV kaum angemessen fassen oder gar würdigen kann. Leichter ist es vermutlich mit dem titularisch damit verbundenen Auftrag, ist der doch auf 6500 Zeichen mit Leerzeichen klar beschränkt, die jetzt erreicht sind.


Beitrag zur Jubiläumsausgabe „70 Jahre ÖSV“ des Themenhefts 2015 „Erbe und Auftrag“ – Literarisches Österreich, Zeitschrift des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes, S. 108-109.

© Werner Stangl Linz 2017