‘Lesungen‘


Findling

Nach diesen ereignisreichen Tagen war ich endlich zur Ruhe gekommen. Aus den allmählich verstummenden Bildern und Gedanken riss mich ein Mann mit einer gelben Kopfbedeckung, die ich von den Menschen kannte, die mich in den letzten Tagen aufgesucht hatten. Mit einem seltsamen Gerät machte sich dieser Mann an meiner tiefsten und dunkelsten Stelle, die durch die Geschehnisse der letzten Tage nun zuoberst lag, zu schaffen.

Das eindringliche Knirschen und Schaben erinnerte mich an Klänge versunkener Zeiten, deren Spuren sich in mich eingeschrieben hatten. Mit diesen Erinnerungen verbanden sich dumpfe Kälte und kristallenes Umfangenwerden, unaufhaltsames Bedrängtsein und erstickendes Vergrabensein unter dunklen Massen. Ein nie zu enden scheinender Rhythmus, getrieben und geschoben, anstoßend und gestoßen, reibend und zerrieben, hängend und lösend. Immerzu.

Da ich keine Zeit besitze, sondern nur das Spiel von Helligkeit und Dunkelheit kenne, den Wechsel von Wärme und Kälte, kann ich nicht sagen, wie lang dieser Zustand der Dunkelheit einst gedauert hatte. Irgendwann, nachdem ich zu einer starren Ruhe gefunden hatte, zerfiel die Dunkelheit und aufbrechendes, emporragendes Erwachen regte sich in mir und um mich herum.

Aus diesem Erwachen wurde Licht und Wärme. Ringsum alles kahl und feucht, rundgeschliffen und von Wassern umspült, fand ich mich festgebunden an geschwisterlichen Fels. Vor mir erstreckte sich eine von Stürmen gepeitschte Wasserfläche, die unter dem Brennen eines unablässig wiederkehrenden Feuers am Himmel zurückwich und glänzende Hügel freilegte. Hinter mir aufragender Fels, vor mir ein Abhang mit wassergeschriebenen Furchen.

Allmählich wich das strenge Grau und sandige Braun vielfältigeren Farben im Wechsel der Jahreszeiten. Nicht weit ein Fluss in einer sanften Biegung, die sich im Dunst der Morgennebel verlief. Irgendwann war der Fluss nur mehr zu erahnen, denn auf halber Anhöhe ragten schwankende Wipfel von Bäumen empor, die allein von Winterstürmen entlaubt ein glitzerndes Fenster freigaben. Überall regten sich Lebewesen, die an manchen Tagen vor prasselndem Regen aber auch vor sengender Sonne in meiner Nähe Schutz suchten. Mein Schatten wanderte in ewiger Wiederkehr über die Felswand hinter mir, verschwand, als die Sonne am höchsten stand, und breitete sich dann allmählich über den Abhang aus, bis er den Rand des Waldes erreichte, in dessen Dunkel er einen Gefährten fand, ehe die Nacht alles in sich verbarg.

Es gab Zeiten, da suchten mich nicht nur Tiere auf, sondern auch Menschen, die einzeln oder in Gruppen kamen, mich erkletterten, mich singend und tanzend umkreisten. Manche entfachten Feuer, die die Schatten des sonderbaren Treibens auf mich flackernd warfen.

Manchmal suchten Tiere erschöpft von der Flucht und in die Enge getrieben in meinem Schatten vor anderen Tieren und vor allem vor Menschen Schutz. Tagelang hallte in mir das Echo ihrer klagenden Schreie wider, die blutig unter einem Biss oder einem Messer erstorben waren. Manchmal jagten Menschen auch Menschen.

Ermüdend in seiner Wiederkehr geschah alles um mich mit geradezu hartnäckiger Regelhaftigkeit, bis zu jenem besonderen Tag. Davor hatte es Tag um Tag, Nacht um Nacht gestürmt und es war, als wollte das Blitzen und Donnern mich an meine Wurzeln, weit entfernt in Raum und Zeit, erinnern. Kein Leben drang in diesen Tagen zu mir. Rechts und links schoss das Sturzwasser an mir vorüber und riss auf dem Abhang Schneisen in Gebüsch und Wald. Brüllende Fluten packten alles, was sich ihnen in den Weg stellte und nahmen es splitternd und berstend mit sich. In meinen Rücken prallten entwurzelte Bäume und losgerissene Steine, unter deren Anprall ich erbebte. So geschah es, dass der Grund, auf dem ich mich sicher ruhend glaubte, von der Gewalt der Massen zerfurcht und zerbrochen wurde. Immer heftiger pochten die Wassermassen an meinen Rücken, bis ich, des sicheren Standes enthoben, den mir von einer trügerischen Ewigkeit zugewiesenen Platz verloren gab. Verloren geben musste. Langsam, noch zögernd, fasste mich die Schräge des Abhangs. Dahin. Hinab. Der zerrissene Wald konnte mich nicht halten. Ohnmächtig knirschend, rollend und gleitend stürzte ich. Nahe am Fluss fand mein Ausgeliefertsein ein Ende. Umgeben von Mauerwerk, Gebälk und fremden Gegenständen fand ich mich schwankend. Immer weiter rieb sich das Wasser machtvoll an allem, Stück um Stück packte es und schwemmte es in den sich dahinwälzenden Fluss, der weit ausgreifend längst sein Bett verlassen hatte.

So endlos mir das Fließen und Reißen erschienen war, so unvermittelt zerriss das Blau eines sonnenglühenden Himmels das Toben, bis das Wasser nur noch flüsternd in wenigen schlammgeborenen Rinnsalen seinen Weg suchte. Menschen kamen von überall her, bestaunten und beklagten die Verwüstung. Kopfschüttelnd versicherten sie einander, welches Glück die Bewohner des Hauses gehabt hätten, in das ich zerstörend gestürzt war.

Danach vergingen einige Tage, an denen immer wieder Männer mit allerlei Gerätschaften kamen, mich umkreisten, von allen Seiten prüfend betrachteten.

Wohl in der Folge dieser Geschehnisse war dieser Mann gekommen, der nun mit seiner schrillenden Verrichtung zu einem Ende gelangt schien. Er holte aus einer Tasche längliche Gegenstände, die er in das Loch steckte, das er mit seiner Gerätschaft wohl gebohrt hatte. Schließlich befestigte er einen Draht, der an einer Spule endete. Mit einer formbaren Masse verschloss er das Loch, ergriff die Spule und entfernte sich, wobei sich der Draht entrollte. Ich sah, wie er in einiger Entfernung hinter dem Fahrzeug, mit dem er gekommen war, stehen blieb. Ich konnte nicht sehen, was dort geschah, aber es musste etwas mit der Verrichtung zu tun haben, die mit dem Bohren an mir begonnen hatte. Der Mann blickte sich um und nahm einen trichterförmigen Gegenstand an den Mund, aus dem ein durchdringender Ton erklang. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann bückte sich der Mann mit einer kraftvollen Bewegung …

FEDERSPIEL-Lesung-Alte-Welt-Linz

[Foto: Ingrid Brachner]

Die gesamte Lesung in der Alten Welt in Linz

[Kamera und Schnitt: Ortwin Teibert; Der Findling ab 41:33]

bilder.leben – Österreichischer Schriftsteller/innenverband

lesung-wien-oesv-19-02-2014


Bei der Lesung im Literaturhaus Wien am 19. Februar 2014 lasen:

Judith Gruber-Rizy aus dem Roman „Schwimmfüchslein„, einem faszinierenden Roman über zwei Künstlerinnen im Ringen um Anerkennung, wobei die Protagonistin Rosa auf einer Zugreise eine Biografie über Gabriele Münter, die wie sie unter der Nichtbeachtung ihrer Kunst durch den Partner leidet. Schwimmfüchslein war der Kosename, den Wassily Kandinsky der Malerin Gabriele Münter liebevoll am Beginn ihrer Beziehung gab.

Axel Karner Ausschnitte aus „Der rosarote Balkon„, einer Art Drehbuch über das ländliche Leben mit seinen Brutalitäten, seiner Niedertracht und dem unsäglichen Leiden. Diese wortkarge Geschichte erzählt die Verweigerung des Lebens eines Kindes, beschränkt auf die reduzierten Wahrnehmungen aus der Perspektive eines Balkons, der zwar in das zentrale Geschehen des Dorfplatzes hineinragt, aber nur einen begrenzten Blickwinkel zulässt.

Werner Stangl las „Warum Krösswang nicht mehr über Schatten springt„, eine Kurzgeschichte über einen zwanghaften Menschen, der nichts mehr fürchtet, als in einen Schatten zu treten.


AKUT 12

Alberndorfer-Anthologie-6

Reimann-Lesung
[Lesung in der Reiman Akademie am 19. Dezember 2012]

[von links: Welf Ortbauer, Isabell Gemende, Josef Moser, Werner Stangl]

Eine Fotostrecke zur Verleihung der Lyrik/Prosa/Märchenpreise AKUT 12 gibt es auf der Homepage des Fotografen Hanno Strigl: http://www.strigl.at/bilderalben/alberndorf/kulturtage/akut12/preisverleihung/index.html, von dem auch das Bild von der Preisverleihung stammt.
Eingereichter Text war eine gekürzte Fassung des Märchens „Der alte Rabe und die Vogelscheuche„.

© Werner Stangl Linz 2017