‘Theorie‘


FEDERSPIEL – Schrei.Bü.Bung

Autorenkreis-Federspiel-LogoTextvorlage

Wir betraten den Park von der Seite, wo seine Bäume dicht belaubt waren. Diese Bäume öffneten sich uns, sodass wir ihre Düfte einatmen könnten. Verlassen, aber nicht still war der Park, Vogelgesang klang in seinem Laubwerk; Melodien begleiteten uns, die jeder von uns schon Mal gehört hatte. Im Gras und auf den Bänken spielten Sonnenstrahlen, mit Schatten füllte sich die Allee vor uns, der Himmel erweckte die Illusion vom Sommer. Eher sanft als erdrückend war der Park von Gebäuden umschlossen, vom Großstadtleben befreit; seine Schönheit schien unvergänglich zu sein wie eine tief eingekerbte Erinnerung.

1. Überlegen Sie sich, wie Sie den Text reicher machen, mit welchen Nuancen Sie ihn füllen, wo die Sätze wachsen könnten? Stellen Sie sich vor, Sie würden den Park selbst betreten und nehmen ihn mit allen Farben, Formen und Geräuschen wahr.

2. Kristallisieren Sie den für Sie wesentlichen Kern des Textes heraus und formen Sie daraus einen kürzeren Text (kann auch lyrisch umgearbeitet sein).

Quelle: Das literarische Sprachlabor, S. 134, hrsg. von Stefan Krist, Patricia Brooks und Günter Vallaster, 2009, Präsens Verlag Wien.

Organisiert und durchgeführt im AutorInnenKreis FERDERSPIEL von Andrea Heitz: http://www.allwrite.co/


Textvorlage,
Dichters Plage

Wir betraten den Park von der Seite
und fanden dort sitzende Leute,
wo seine Bäume dicht belaubt waren,
drängten sich plappernd Touristenscharen.
Diese Bäume öffneten sich uns ganz weit,
die Nasen wurden darob schnüffelnd breit,
sodass wir ihre Düfte einatmen konnten,
während auf Bänken Bettler sich sonnten.
Verlassen, aber nicht still war der Park,
eine Frau aß ein Brot mit Butter und Quark.
Vogelgesang klang in seinem Laubwerk von oben,
sogleich singende Schwestern Gottvater hoch loben.
Melodien begleiteten uns immer weiter,
ein Vogel baute ein Nest, sang Lieder heiter,
die jeder von uns schon Mal gehört hatte,
wie eines hängenden Grammophons Platte.
Im Gras und auf den Bänken spielten Sonnenstrahlen,
die zum Sonnenbade sich freundlich empfahlen.
Mit Schatten füllte sich die Allee vor uns aus,
und bildete kühlend ein dämmriges Haus.
Der Himmel erweckte die Illusion von Sommer,
doch von Ferne erklang leiser Donner.
Eher sanft als erdrückend war der Park –
die Frau aß soeben ein weit’res Brot mit Quark –
von Gebäuden ganz eng umschlossen.
Doch der Himmel hatte Andres beschlossen
und öffnet die Schleusen gar weit:
der Park wird vom Großstadtleben befreit.
Seine Schönheit schien unvergänglich zu sein,
doch es trog wie meistens der Schein:
wie eine tief eingekerbte Erinnerung
brachte das Wetter nasse Verschlimmerung.


Kerbdichtung

Erinnerung atmet Verlassenheit,
Vergänglichkeit parkt in entklangten Gebäuden.
Umschlossene Illusionen zerduften im Atemdickicht.
Melodien erwecken Großstadtleben
im
Spielwerk der Alleen.
Ein schattenbegleiteter Himmel
drück
t Gesang in das Laubwerk.
Schönheit zersanftet die Stille.


W. S. scripsit „Zur letzten Ruh“ zu Linze, Anno Domini 2015, zum 17. Juno.

Entstanden im Rahmen des AutorInnenkreises von FEDERSPIEL.

Psychologie und Literatur

Versuch über eine Konjunktion *)

Als expertisevermuteter und dadurch sich geschmeichelt fühlender Schreiber leichtfertig zustimmend, frohen Mutes, arg- und ahnungslos an das Thema “ Psychologie und Literatur“ herangehend, nähert er sich demgemäß ein wenig herablassend und mit nachträglich mehr als trügerisch sich herauskristallisierender Souveränität den Bedeutungen der beiden Begriffe an. Der erste, Psychologie, sollte wohl für jemanden, der Psychologie studiert und diese in einem wesentlichen Teil seines Lebens an einer Universität gelehrt hat, zwischen selbstverständlich und selbsterklärend angesiedelt sein. Selbst wissend, dass das lebenslang Vertraute bei genauerem Hinblicken fremd werden kann, wie in jenem Kinderspiel, bei dem man ein Wort so lange wiederholt, bis es in sinnfreies Silbenklingen und in exotisch erscheinenden Wortmelodien zerfällt. Natürlich kann er das eigene Fachgebiet von vorne bis hinten und von oben bis unten durch und durch und mehr als das definieren, nicht zuletzt deshalb, weil er es beruflich vorwiegend aus theoretischer Perspektive betrachtet hat. Also stellt er den ersten Teil des Themas frohgemut und nichtsahnend hintan und widmet sich dem zweiten: Literatur.

Das fällt deutlich schwerer, selbst wenn es ihm als gelegentlichen bis regelmäßigen Schreiber auch hie und da gelungen sein mag, etwas hervorzubringen, was gemeinhin oder zumindest von einigen Menschen in Ansätzen als Literatur bezeichnet worden ist, ist man durch eine solche Involvierung erfahrungsgemäß eher blind bei dem Unterfangen, sich an eine vom Tun abstrahierende Bestimmung desselben zu machen. Zum Glück bzw. Unglück gibt es immerhin ein wenn auch Jahrzehnte zurückliegendes Germanistikstudium, das aus Interesse an der Literatur begonnen aber aus Liebe zu ihr abgebrochen worden war – auch wenn für manchen Interesse und Zuneigung nicht allzu weit von einander entfernt liegen mögen -, denn es zeigte sich im Laufe weniger Semester, dass sich ein studierender und vorwiegend wissenschaftlicher Zugang zur Literatur nicht mit einem leidenschaftlichen vereinen lässt.

Ungeachtet dieses studienabbruch- bzw. studienwechselerzwingenden Dilemmas tauchen irrlichternd Bruchstücke aus Vorlesungen zum Thema Literatur auf, zwangsweise, denn man kann nichts vergessen, besonders nicht das, was manchmal aus guten Gründen vergessen werden will. Hängen geblieben ist Skurriles und Kurioses aus studienplanbedingt verbrachten und rückblickend lebenszeitstehlenden Stunden im Hörsaal: dass Didaktisches wie Kochbücher und berufliche Unterweisungen dereinst zur Literatur zählten, dass Belehrendes und Reisebeschreibungen, Briefe und Tagebücher irgendwann einmal die Literatur dominierten, dass Literatur – zumindest das, was wir heute im alltäglich Gebrauch darunter verstehen – erst sehr spät in schriftlicher Form festgehalten wurde, dass Literatur von Priestern und Gelehrten tradiert, vom Vater an den Sohn weitergegeben, durch Minnesänger und eher wenigen Minnesängerinnen von Burg zu Burg transportiert worden war, und dass schließlich aus diesen Tagen letztlich mehr verschollen als überliefert ist. Angesichts der heutigen und museal verklärten Archivierungswut ein kaum vorstellbares Paradies an Verlorenem und Unwiederbringlichem.

Taufscheinmäßig als der Vorinternetgeneration zuzurechnender Schreiber, aber berufsbedingt von Anfang an mit modernen Medien vertrauter als manches computersuchtgefährdete Konsolenkid und webzweipunktnullaffiner als die meisten exhibitionistischen Facebookexistenzen, hatte er doch eines der ersten literarischen Internetprojekte im deutschsprachigen Raum (www.netzliteratur.de) aktiv mitgestaltet und viel später bei einem literarischen Twitter-Wettbewerb des Duftenden Doppelpunktes den zweiten Preis gewonnen („Der orange gewandete Putzmann putzte in der U-Bahn von Irgendwo nach Nirgendwo das klebrige Bonbon vom Po“). Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Schreiber auch geneigt, digitale literarische Hervorbringungen wie Emails, Twitter, Facebook oder Weblogs der Literatur zuzurechnen – in Analogie zur rückblickend literaturhistorischen Unschärfe des Literaturbegriffs diesen spiegelbildlich auch in die Gegenwart und Zukunft zu projizieren.

Romane, die aus einer Aneinanderreihung von Emails bestehen, sind schon wieder aus der Mode, wobei seit einigen Jahren durchaus renommierte Autoren manche ihrer Texte ausschließlich digital einer internetaffinen Community naheschreiben, wobei diese auch darin geübt ist, Literatur nicht nur in in ihrer verlegbaren, druckergeschwärzten, buchdeckelbegrenzten, umblätterungsfähigen und eslsbeohrbaren Form aufzunehmen, sondern auch in Gestalt von über das Internet verbreiteten, diodengenerierten Texten vermittels batteriegetriebenem eReader ins Gehirn, ins Herz oder sonstwohin downzuloaden.

Da liegt es in der Natur der diesen Text betreffenden schreiberischen Umstände, am Computer sitzend und virtuell in einer globalen Internetlandschaft behaust, die Finger vermittels der Tastatur und der Computermaus nach dem angeblich größte Archiv menschlichen Wissens tippender- und klickenderweise auszustrecken, schlicht: danach zu googlen:

„Psychologie und Literatur“ – 211.000 Ergebnisse
„Literatur und Psychologie“ – 325.000 Ergebnisse
„Psychologie Literatur“ – 49.800 Ergebnisse
„Literatur Psychologie“ – 14.800 Ergebnisse
Literatur Psychologie –  7.620.000 Ergebnisse
Psychologie Literatur – 5.470.000 Ergebnisse

Eine Durchsicht der jeweils zuoberst auf den Bildschirm gespuckten Suchergebnisse erbrachte wenig Ergiebiges, denn schließlich ist der Gedanke, dass es psychologischer Literatur und psychologische Fachliteratur gibt, für einen Psychologen nicht wirklich überraschend, genausowenig wie die Tatsache, dass sich in der Literatur viel Psychologisches findet, bis zu der ebenfalls nicht allzu innovativen Erkenntnis, dass manche Psychologen der Frühzeit eher Literatur produzierten denn haltbares psychologisches Wissen. Von dieser Seite kam also nichts Erhellendes, nichts Überraschendes, nichts Neues.

Beim anschließenden ambulanten, peripatetischen und irgendwann resignierenden Sinnieren über eine mögliche Beziehung von Psychologie und Literatur, näherten sich die Gedanken allmählich immer mehr dem bisher unbeachteten Teil von „Psychologie und Literatur“ an, der Konjunktion. Das lag nicht zuletzt daran, dass Psychologie und Literatur mit Fortdauer der gedanklichen Auseinandersetzung paradoxerweise immer glitschiger, glibbriger und allen Gedanken entgleitender wurden, je entschlossener man danach griff. Noch zögerte der Schreiber, dieser aus dem Dunkel heranschleichenden Ohnmacht nachzugeben …

Alles gipfelte irgendwann – es war vermutlich beim alltäglichen großen Braunen im Stammcafé – in dem Psychologen vertrauten, über die intellektuellen Wurzeln stolpernden Aha-Erlebnis, dass Psychologie und Literatur von ihren Konnotationen radikal und fundamental disparat verortet sind. Literatur steht unter dieser sich eröffnenden Perspektive in einer Reihe von Begriffen, die mit aktivem Tun oder einer schaffenden Tätigkeit verbunden werden. Also mit Apparatur, etwas mittels Werkzeug zuzubereiten, Inventur, etwas zu finden, Natur, geschaffen worden zu sein, Kultur, etwas anzubauen, Architektur, als erste Kunst einen Anfang zu konstruieren, Kommandantur, Befehle zu erteilen, Mixtur, gemischt worden zu sein, Imprimatur, gedruckt werden zu dürfen, Armatur, ausgerüstet oder bewaffnet worden zu sein, Appretur, veredelt oder zugerichtet worden zu sein, Abitur, von einer Schule abzugehen, Montur, mit Bekleidung ausgerüstet zu sein, Koloratur, etwas farbig zu gestalten oder zu singen. Und auch in Amüsantem wie Agentur, das sich unter diesem Gesichtspunkt als Tautologie herausstellt und eher den -logien zuzuordnen wäre. Fazit, Hurra, Heureka und Na sowas: Literatur ist in seiner knappsten Bedeutung das Setzen von Buchstaben durch eine Literatin oder einen Literaten.

Die Psychologie ihrerseits steht als Begriff hingegen in der Tradition einer Familie, in der kein Mitglied etwas Sichtbares schafft oder hervorbringt, denn die Soziologie versammelt keine Gemeinschaft, die Biologie ist selbst nicht fruchtbar, die Anthropologie erzeugt keine Menschen, die Philologie erfindet keine Sprache, die Zoologie produziert keine Tiere, die Genealogie zeugt keinen Stammbaum, die Kriminologie begeht keine Verbrechen, eine Tautologie ist auch einfach nur wahr und sonst nichts, die Astrologie schließlich entscheidet ungeachtet aller horoskopgläubigen Wahrsagerinnen keine Schicksale. Und die Psychologie schafft konsequenterweise keine Seele.

Die Psychologie steht vielmehr in einer Reihe von sich mehr oder minder wissenschaftlich gerierenden Tunsweisen, die sich primär durch eine geistige und immaterielle Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand umschreiben lassen, indem sie diesen in Hypothesen oder Theorien fasst, manchmal um ihn dadurch wohl mehr zu verschleiern als zu enthüllen. Selbst wenn dem Schreiber angesichts mancher fachlich unlösbaren Aufgaben in seiner psychologiebegleiteten Laufbahn auch häufig eines als phänomenologisch zentrale Wesensheit übrig blieb: es einfach zu lieben.

Während demnach die Psychologie wie andere -logien weder etwas Sichtbares schafft noch hervorbringt, fließen aus der Literatur mehr oder minder sorgsam aneinander gereihte Buchstaben, die in Silben, Wörtern, Sätzen, Absätzen, Kapiteln, Büchern und schließlich in ganzen Bibliotheken kulminieren. Sichtbar und hörbar, mitteilbar und vermittelbar, greifbar, stapelbar, zerreißbar, bei 451 Grad Fahrenheit verbrennbar, was etwa 233 Grad Celsius entspricht. Trotz aller Virtualität, stets die Frage nach einem Urheber implizierend: einem Auctor, einem Hervorbringer, politisch korrekt sicherheitshalber auch einer Autorin. Einem Schreiber eben, wenn schon keinem Dichter.

Nichts dergleichen bei der Psychologie.

Alle vergleichenden und suchenden Überlegungen mündeten schließlich in der Überprüfung, ob zwischen Psychologie und Literatur die Konjunktion „und“ grundsätzlich angebracht ist. Im Umherirren der Gedanken entwickelte sich zwischen Psychologie und Literatur eine so fundamentale Differenz, dass schließlich die nackte Formulierung „Psychologie und Literatur“ an einem heute unbestimmbaren und durchaus archimedischen Punkt – vermutlich war es auf Höhe des gelben Rosenstrauches im Brucknerpark in Linz – unverantwortlich und unzulässig erschien. Das führte so weit, dass gebräuchliche Ansätze durchaus vernünftiger menschlicher Gedankenflucht, das Thema etwa mit einem Fragezeichen zu versehen „Psychologie und Literatur?“ oder mit einem Rufzeichen „Psychologie und Literatur!“, ouroborostische Züge erhielt. Auch die am sprachwissenschaftlichen Horizont auftauchende Erinnerung, dass die Konjunktion „und“ nach Mauthner Begriffe mit einer gleichmachenden Tendenz verbindet, sodass man sich im Gebrauch folgerichtig das „und“ einfach auch sparen könnte, also „Psychologie Literatur“ oder mit einer der derzeit so beliebten Binnenversalie „PsychologieLiteratur“, keine realiserbare Alternative bildeten. Ein „und“ kann schließlich nur dann nicht fortbleiben, wenn es einen Gegensatz, eine Bedingung, eine Steigerung ausdrückt. Ist das in das zu analysierende Thema gesetzte „und“ nun Ausdruck eines Gegensatzes zwischen Literatur und Psychologie? Bedingt Literatur Psychologie oder Psychologie Literatur? Wird Literatur durch Psychologie in irgendeiner Form gesteigert? Kollektives Kopfschütteln aller Alternativen. Das „und“ ist weder verzichtbar noch unverzichtbar, sondern schlicht irrelevant.

Schreibers Seufzer: Ach! Wären Literatur und Psychologie doch Verben, fände durch das „und“ sinn- und sprachgemäß wenigstens eine Multiplikation statt. Damit ließe sich etwas anfangen … Aber Psychologie und Literatur bleiben trotz aller gedankengymnastischer Anstrengungen Nomina, d.h., für diese bedeutet eine Verbindung mit „und“ eine schlichte Addition, also formelhaft „Literatur + Psychologie“. Was ergibt demnach dieses Kalkül Literatur + Psychologie? Literaturpsychologie oder Psychologieliteratur?

Allmählich dämmert es dem erschöpften Schreiber, dass die am Beginn stehende Hoffnung, das Thema „Psychologie und Literatur“ zu erhellen, letztlich in der dunklen Egalität einer düsteren, unheimlichen, mit Buchstaben gepflasterten, holprig finsteren Sackgasse mündet, soferne man mit seinen Ausführungen nicht bloß den hell ausgeleuchteten, asphaltierten Autobahnen der Trivialität folgen möchte.

Psychologie und Literatur. Die Antwort ist eindeutig: Nein.

Oder wie die Antwort auf alles: 42.

literatur-psychologie


*) Dieser Text entstand nach der Einladung, „einen Essay, oder ähnliches zum Thema Literatur und Psychologie“ für das Heft 2/2014 „Literarisches Österreich“ des Österreichischen Schriftsteller/Innenverbandes in der Rubrik „Rede-Gegenrede“ zu verfassen.

Erzählperspektiven

In der Literatur findet man drei wesentliche Erzählperspektiven, wobei die personale, auktoriale und neutrale Erzählperspektive unterschiedliche Wirkungen auf die Leserinnen und Leser haben.

Personale Erzählperspektive

In ihm war nichts als dumpfe Trauer. Nur schemenhaft nahm er die Trauergäste durch seinen Tränenschleier wahr. Wie viele waren gekommen? Zwanzig? Hundert? Es war ihm egal. Die schwarze Menge wogte an ihm vorbei, er schüttelte Hände und hoffte, dass man ihn bald alleine lassen würde.
In der personalen Erzählperspektive erfährt man etwa über das Innenleben eines Protagonisten: Er ist traurig („dumpfe Trauer“), nimmt seine Umwelt nur noch verschwommen war („schemenhaft …“), möchte alleine sein („dass man ihn bald alleine lassen würde“). Man sieht die Szene durch die Augen des Protagonisten (die Menge „wogte an ihm vorbei“); man weiß allerdings nichts über Vorgänge, die verborgen sind (oder auch: über die Zukunft), den über solche Informationen verfügt nur ein auktorialer Erzähler. Die Leserin bzw. der Leser kann sich bei diesem Erzählstil in den Protagonisten hineinversetzen, seine Gefühle und Gedanken wahrnehmen, mit ihm trauern. Durch die personale Perspektive befindet sich der Leser mitten auf dem Friedhof, schüttelt Hände, die Menge wogt an ihm vorbei. Wichtig: Die personale Erzählperspektive muss nicht die Ich-Form verwenden!

Auktoriale Erzählperspektive

Die meisten der knapp 150 Trauergäste wurden von Mitleid erfasst, als sie seine Tränen sahen. Hätten sie gewusst, was ihm noch bevorstand, wäre ihr Mitleid noch größer gewesen. Doch zum Glück wussten sie es nicht, und so kondolierten sie schweigend an ihm vorbei, und er musste widerwillig viel zu viele Hände schütteln.
Der Erzähler ist allwissend, d. h., er kennt die Zukunft (dem Protagonisten steht ein hartes Schicksal bevor), er kennt die Gefühle des Protagonisten („widerwillig“) und der Trauergäste („wurden von Mitleid erfasst“). Ebenfalls typisch: Der Erzähler kommentiert das Geschehen („zum Glück“). Die Leserin bzw. der Leser ist voll informiert und erhält (sofern es dem Erzähler beliebt) ein vollständiges Bild der Situation, der Personenkonstellation, der Handlungsstränge. Die Leserin bzw. der Leser und der Erzähler gruseln sich gemeinsam vor dem zukünftigen, schrecklichen Schicksal des Protagonisten. Der Erzähler zwingt der Leserin bzw. dem Leser seine Bewertung und Interpretation der Situation auf (das zukünftige Schicksal des Protagonisten wird so hart sein, dass es für die Trauergäste ein Glück ist, nichts darüber zu wissen).

Neutrale Erzählperspektive

Auf dem Friedhof waren etwa 150 Personen versammelt, die meisten davon schwarz gekleidet. Langsam bewegte sich die Schlange an Robert vorbei. Während die Leute ihm die Hand schüttelten, liefen ihm die Tränen über die Wangen.
In der neutralen Erzählperspektive werden Ereignisse, Situationen, Personen … sachlich und neutral geschildert (Kameraauge). Man erkennt keinen kommentierenden, lenkenden Erzähler wie in der auktorialen Erzählperspektive, man erhält auch keine detaillierten Informationen zum Innenleben einer Person wie in der personalen Erzählperspektive. Der Erzähler hält sich bei der neutralen Erzählperspektive im Hintergrund, Bewertungen oder Antizipationen muss die Leserin bzw. der Leser selbst vornehmen. Die Wirkung hängt also von Details in Beschreibungen, Personenrede o.ä. ab, denn so könnte eine genauere Beschreibung des tränenüberfluteten Gesichts würde der Leserin bzw. dem Leser die Möglichkeit geben, sich die Situation vorzustellen, sie einzuordnen und zu bewerten.


Quelle
Erzählperspektiven: Beispiele (Merkmale, Wirkung). Der Lehrerfreund vom 11. Jänner 2015.

© Werner Stangl Linz 2017