‘DUM – Das ultimative Magazin‘

christmette 24.12.1992. langenlois. man feiert u.a. die geburt einer neuen zeitschrift: a4-format. schwarz-weiß. großteils schreibmaschingetippt. reichlich bebildert. … dum öffnet sich. gastbeiträge eintrudeln. erscheinungsweise unregelmäßiger.


NACHSCHLAG – Brot & Prügel & …

Bei der thematisch vorgegebenen Ambivalenz des Wortes NACHSCHLAG zwischen Brot & Prügel fällt beim NACHSCHLAG in einem Wörterbuch auf, dass zumindest eine Trivalenz (Brot & Prügel & Lexikon) besteht. Näher betrachtet zeigt sich alsbald, dass jeglicher SCHLAG die Tendenz hat, verschiedene Richtungen EINZUSCHLAGEN, wobei EINSCHLÄGIGE NACHSCHLAGWERKE allmählich die Phantasie in BESCHLAG nehmen. Wer kann einem Autor den Wunsch schon ABSCHLAGEN, beim AUFSCHLAGEN seines Moleskine SCHLAGWÖRTERN literarisch nachzuspüren? Man kann von einem DURCHSCHLAGENDEN Erfolg sprechen, auch wenn in Zeiten des Computers und des Laserdruckers jener DURCHSCHLAG seine Bedeutung verloren hat, den man einst mit verstärktem ANSCHLAG der Schreibmaschintasten und mit Hilfe von DURCHSCHLAGPAPIER erzeugen konnte. Für einen solchen ANSCHLAG benötigte man daher keine Bomben sondern kräftige und zielsichere Finger. Auch muss man sich bei jedem NACHSCHLAG fragen, ob ihm nicht ein VORSCHLAG vorangeht, der ihn unter Umständen überflüssig macht, denn häufig bleibt es bei diesem, wenn er von anderen AUSGESCHLAGEN wird, wobei diese ohne VORSCHLAGHAMMER passiert. Es geschieht zwar häufig, dass Menschen etwas ABGESCHLAGEN wird, jedoch nur mehr selten in Form mittelalterlichen HAND-, FUSS- oder gar KOPFABSCHLAGENS. Heute sind nur mehr Golfspieler an einem guten ABSCHLAG interessiert.

Der NACHSCHLAG besitzt vornehmlich eine sportliche Komponente, wobei es Disziplinen gibt, in denen er mit einer gelben oder roten Karte geahndet wird. Dafür braucht ein Referee seinerseits nicht im Regelbuch NACHSCHLAGEN. Wenn auch am Beginn eines Wettkampfes der HANDSCHLAG steht, verkümmert dieser vielfach zu einem Ritual, das nicht selten in einem finalen NIEDERSCHLAG seinen NIEDERSCHLAG findet, wobei beide nur wenig mit der meteorologischen Erscheinung gleichen Namens gemein haben, es sei denn, es handelt sich dabei um faustgroße Hagelkörner. Übrigens bleibt in diesem Zusammenhang unklar, was man unter HANDSCHLAGQUALITÄT versteht, denn insbesondere beim Boxen ist zwar das SCHLAGEN mit der Hand aber nicht der INNENHANDSCHLAG erlaubt, auch wenn ein regelkonformer FAUSTSCHLAG mit einem ZERSCHLAGENEN Kiefer oder AUSGESCHLAGENEN Zähnen enden kann. Welchem Kämpfer der Referee am Ende den ZUSCHLAG erteilt, hängt nicht zuletzt von der SCHLAGQUALITÄT ab, die wortwörtlich ein SCHLAGENDER Beweis für die SCHLAGFERTIGKEIT des Siegers darstellt, wobei bei Faustkämpfen die verbale Variante unberücksichtigt bleibt. Hingegen ist bei Auktionen der ZUSCHLAG höchstens mit Schmerzen für das Portemonnaie verbunden, die man aber kaum mit einem kühlenden UMSCHLAG behandeln kann. Hier darf der äußerst unsportliche TIEFSCHLAG nicht UNTERSCHLAGEN werden, dem aber nicht ein HOCHSCHLAG sondern der ÜBERSCHLAG sowohl physisch als auch metaphorisch gegenübersteht, letzterer in die Buchhaltung des Veranstalters, wobei eventuell die schon erwähnte UNTERSCHLAGUNG bei SCHLAGKRÄFTIGEN Finanzbehörden mit einem kräftigen AUFSCHLAG bestraft wird. Es ist keine Überraschung, dass manche Verlierer NIEDERGESCHLAGEN wirken.

Um beim Sport zu bleiben: Ein HANDKANTENSCHLAG oder schneller BEINSCHLAG bringt im Karate Vorteile, mit Letzterem punktet auch ein Delphinschwimmer oder Krauler, während man im Tennis mit diesen wenig anfangen kann, da man seine Gegner nur indirekt SCHLAGEN darf, etwa mit einem gekonnten AUFSCHLAG, den auch Dominik Thiem nur mit einem ZAUBERSCHLAG retournieren könnte. Vermutlich geben hier gleichfalls SCHLAGFERTIGKEITEN den AUSSCHLAG, der sich bei den Protagonisten in blauen Flecken und eher selten in roten Punkten auf der Haut äußert. Bei solchen hilft ein heilender UMSCHLAG, auch ein aus der Mode gekommenes Mittel, um Bücher zu schützen, wofür man nicht unbedingt auf den UMSCHLAGPLATZ gehen muss. Übrigens ist das A & O beim Tennis ein guter RÜCKSCHLAG, der nicht mit einem NACKENSCHLAG verwechselt werden sollte, denn der wird durch das Reglement und das zwingend vorgeschriebene Netz verhindert. VERSCHLAGENE Bälle hingegen bilden beim Tennis das Um und Auf, denn ohne solche würde auch ein Tiebreak wenig nützen und eine endlose SCHLÄGEREI bedingen, unterschieden in VORHANDSCHLAG, RÜCKHANDSCHLAG, VOLLEYSCHLAG oder SCHMETTERSCHLAG. Übrigens ist im Tennismekka Wimbledon bei den überteuerten Erdbeerportionen stets SCHLAGOBERS dabei, das entgegen aller Tradition nicht mit Hilfe von TENNISSCHLÄGERN GESCHLAGEN wird.

Am Ende sportlicher Auseinandersetzungen steht häufig ein HERZSCHLAGFINALE, auch wenn dieser HERZSCHLAG wenig mit erotisch getönten Begegnungen zu tun hat. Eher spielt bei diesem HERZSCHLAG der AUGENAUFSCHLAG eine Rolle, wobei er bei Missinterpretation unter Umständen mit einem blauen Auge enden kann.

Jüngst war in SCHLAGZEILEN auch von SCHLAGENDEN Verbindungen die Rede, bei denen in manch antiquierten VERSCHLÄGEN völksungetümliche SCHLAGER gesungen worden sein sollen, ob mit oder ohne SCHLAGZEUGBEGLEITUNG ist nicht überliefert – hier wird wie immer die Unschuldsvermutung SCHLAGEND, d.h., wir ENTSCHLAGEN uns jeglicher Bewertung.

In der Musikbranche wiederum können SCHLAGER so EINSCHLAGEN, dass sich manche bei ihrer permanenten Wiederholung wie ERSCHLAGEN fühlen. Jeder EINSCHLAG hat nicht nur akustisch eine zerstörerische Seite, besonders wenn er in Form einer Gewehr-, Pistolen oder gar Kanonenkugel daherkommt, manchmal auch als QUERSCHLÄGER. Im Straßenverkehr bedingt der EINSCHLAG zwar die Wendigkeit, doch selbst dort kann er bedrohlich sein, wenn er sich als EINSCHLAGWINKEL beim Aufprall auf ein anderes Fahrzeug manifestiert. Darin sind Verkehrsexperten BESCHLAGEN, auch wenn dieses BESCHLAGEN nicht durch einen Hufschmied erfolgt ist. Als Heimwerker wieder ist man bei einem defekten SCHLAGBOHRER auch vor STROMSCHLÄGEN nicht sicher, die einen SCHLAGANFALL herbeiführen können.

So macht dieser sprachliche RUNDUMSCHLAGS letztlich SCHLAGARTIG deutlich, dass zahlreiche SCHLAGWORTE SCHLAGLICHTER mit einem veritablen SCHLAGSCHATTEN hinterlassen.


Gedanken zum Thema des DUM NR. 87 – „NACHSCHLAG – Brot & Prügel“.




Bassena-Latein

Haum sas ghead, Frau Nochbarin,
es woa scho in da Zeidung drin:
Da Fraunz, dea hod a Bankerl grissn.
Nau, kana wiad ihn sea vamissn.

Jo, neamd hod eam so richtich megn!
Drum is füad Oide rechd a Segn.
De oame Frau hod so vü glittn,
den gaunzn Tog haums eh nua gstrittn.

Und ans kaun i jetzt a varodn:
Ea hods betrogn noch Strich und Fodn!
Wos si ned sogn! A so a Gauna!
Jojo! So san se hoid de Mauna.

Si woa jo a ned grod a Waserl,
ia gresde Freid woa jo des Glaserl!
Nau, do haums recht! Si hod vü gsoffn,
east neilich hob i si im Wiazhaus troffn.

Jetzt wiads a schene Rentn kriagn.
Nau, dann kauns um die Heisa ziagn
und no mear saufn ois davua.
Wos wiad denn jetzt mit ihnan Bua?

Dea wiad woi ned so traurich sein,
denn neilich woa ea org am Schrein,
wia ihn da Voda prügeld hod.
Jojo, da Fraunz woa a Falott!

Und a den Hund hod ea nua gschlogn.
Wos soi i ihna dazua sogn:
der hod den gaunzn Tog oft gwinsld
und mid sein Schwaunz des Pfloster pinseld!

Wissens scho, wauns eam begrobn?
Des wiad sei Oide uns scho sogn.
Di Leich, des wiad bestimmd a schene.
Jojo! De mortuis nil nisi bene.


Veröffentlich in DUM – das ultimative Magazin, No.: 86/2018, NACHRED: Imitsch & Tratsch.




Von der Kathi-Tant zum Andromedanebel

Als Kind war ich noch nicht sehr firm in Etymologie.

Da ich mit meinen Eltern in einem typischen einstöckigen Wiener Vorstadthaus in Meidling lebte, und sich unser Leben auf Nummer 7 bzw. auf Zimmer und Küche beschränkte, verband ich mit dem Begriff Nachbar allein jene Frau, die alle Kathi-Tant nannten, die am gleichen Gang auf Nummer 6 lebte und mit der wir uns Bassena und WC teilten – übrigens benutzten diese beiden Einrichtungen auch die Bewohner auf Nummer 5 und Nummer 8, wobei die Nummer 5 jenseits des Stiegenaufgangs lag und daher nicht nahe genug war, um als nachbarlich erlebt zu werden, während auf Nummer 8 mein Großvater und seine damals arbeitslose Tochter wohnten, also zur Verwandtschaft zählten und aus diesem Grund für die Bezeichnung Nachbar ausfielen. Demnach war die Kathi-Tant in meiner frühen Kinderzeit der einzige Nachbar.

Die Kathi-Tant genoss den Luxus, alleine in einer gleich großen Wohnung zu leben wie meine Eltern und ich. Obwohl sie irgendwie mit uns verwandt war – Gerüchten nach eine uneheliche Schwester meines Großvaters -, gehörte sie nicht zur Familie, besonders dann, wenn meine Mutter und ihre Schwester, die wie erwähnt auf Nummer 8 wohnte, in unserer Küche saßen und über die Kathi bassenamäßig tratschten.

Eine gewisse Erweiterung fand mein Nachbarschaftsbegriff schon damals durch meinen Großvater – ja, der auf Nummer 8 -, wenn er sich über den Lärm der Tischlerei im Nachbarhaus beschwerte. Dieser Tischler war für mich nur insofern von Bedeutung, indem er eine Tocher hatte, die – einige Jahre älter als ich – mir durch das wesentlich größere Körpergewicht mein nagelneues Dreirad deformiert und somit unbrauchbar gemacht hatte. Offenbar können Nachbarn auch destruktiv sein, zumindest in Bezug auf Stille und besonders auf Dreiräder.

In der Volksschule schließlich lernten wir die so genannten Nachbarländer Österreichs auswendig, wobei die Tschechoslowakei – die Behm, wie mein Großvater sagte -, Ungarn und Jugoslawien hinter einem Eisernen Vorhang lagen, während Italien, die Schweiz und Deutschland für uns Österreicher für einen Urlaub leicht erreichbar waren. Gleichwohl hat es für uns nie zu einem Urlaub in einem der Nachbarländer gereicht, denn wir fuhren stets ins Waldviertel, das der nördliche Teil des Nachbarbundeslandes Niederösterreich ist, wobei dieses Bundesland die Stadt sehr intensiv nachbarlich umklammert. Ach ja: zu den Nachbarländern kommt noch Liechtenstein, aber das ist bekanntlich so klein, dass man es bei einer Aufzählung gerne vergisst. Glücklicherweise hatte ich einen Banknachbarn, der mich dann mit dem Ellbogen stoßend flüsternd an Liechtenstein erinnerte, sodass man deshalb wohl zu Recht vermuten kann, dass die Schweizer einen Nachbarn als Anstößer bezeichnen.

Auf dem Realgymnasium schließlich wurde die Nachbarschaft auf Kontinente – Asien war uns demnach nachbarlich nahe – und sogar auf Planeten unseres Sonnensystems ausgedehnt, denn Venus und Mars lägen uns trotz ihrer astronomischen Ferne äußerst nahe, wären also Nachbarn der Erde. Aber auch da war mit Nachbarschaft noch nicht Schluss, denn irgendwann hörte man von einer Galaxie nahe der Milchstraße, die auf den klingenden Namen Andromedanebel hört. Und der wäre schließlich unser Nachbar im Universum.

Konsequent weitergedacht endet also vermutlich irgendwie alles im Universum in Form einer Nachbarschaft, auch wenn etymologisch genaugenommen mit Nachbar niemand anderer als der nächste Bauer gemeint ist, der mit uns im Dorf lebt.


Veröffentlich in DUM – das ultimative Magazin, No.: 85/2018, NACHBAR – Hilfe & Klage, S. 13.




© Werner Stangl Linz 2018