‘DUM – Das ultimative Magazin‘

christmette 24.12.1992. langenlois. man feiert u.a. die geburt einer neuen zeitschrift: a4-format. schwarz-weiß. großteils schreibmaschingetippt. reichlich bebildert. … dum öffnet sich. gastbeiträge eintrudeln. erscheinungsweise unregelmäßiger.


Wunder der Prärie

Sie kommen. Jeden Abend. Pünktlich. Der Kuss der Mutter. Ich ziehe die Vorhänge meines Klappbetts zu. Sorgfältig. Kein Licht darf hereindringen. Die Mutter dreht das Licht ab. Das Klappbett spart Platz in unserer Zimmer-Küche-Wohnung.

Nein, das sind sie noch nicht! Es sind die festen Schritte meiner Mutter. Sie verlässt das Wohnzimmer und schließt die Tür. Nun sitzt sie in der Küche, um auf meinen Vater zu warten. Er macht jeden Tag Überstunden. Damit ich einmal etwas Besseres werde. Damit ich ins Gymnasium gehen kann.

Ich prüfe nochmals. Der Vorhang darf keine Öffnung freilassen. Keinen Spalt. Alles sicher. Kein Schein dringt in mein Zelt. So nennt meine Mutter die vorgezogenen Vorhänge. Der Schatten des Fensterkreuzes, den die Straßenlaterne von draußen auf den Stoff wirft, zittert ein wenig.

Ich ziehe die Tuchent über den Kopf. So warte ich in meinem Zelt auf ihr Kommen. So wie die Mutter in der Küche auf meinen Vater wartet. Sie werden kommen. Bald. Wie jeden Abend. Pünktlich.

Mein Vater hatte mich ins Urania-Kino mitgenommen. Ausnahmsweise. Sonst begleite ich meine Tante an Samstagen ins Philadelphia-Kino. Ferien auf Immenhof. Die Geierwally. Alle Sissy-Filme. Die gefallen mir besonders. Die Orte sind mir vertraut. Schönbrunn kenne ich von den Spaziergängen mit meiner Mutter. Ich freue mich auf das italienische Eis danach. Oder die Cremeschnitte.

Mein Vater dachte, dass Tierfilme das Richtige für mich sind. Da kann ich etwas lernen von der Welt. Der Welt, die ich nur aus Büchern kenne. Und aus dem Kino. Reisen gibt es bei uns nur ins Waldviertel.

Mit meinem Vater „Wunder der Prärie“ auf einem Schoßplatz. Der Walt Disney Film mit den Präriehunden. Die werden von Pumas gejagt, aber nie erwischt. Sie verschwinden auf das Kommando eines Wächters rechtzeitig in ihren Erdhöhlen. Immer auch dann, wenn die Büffel kommen.

Büffel. Riesige Herden dieser mächtigen Tiere. Sie stürmen aus der Ferne auf uns zu. Donnernd wüten sie über alles hinweg. Das Näherkommen, das Dröhnen ihrer Hufe. Das Zittern der Erde, das Verdunkeln unter ihren Leibern. Die gelbroten Wolken aus aufgewirbeltem Sand.

Sie kommen jeden Abend. Immer dasselbe Bild. Zuerst der schmale dunkle Strich am Horizont. Darüber der blaue Himmel, darunter die weite grünen Ebene. Ein Strich, der immer breiter wird. Er beginnt zu zittern. Er schickt ein Flirren voraus. Mein Herz schlägt schneller, der Atem versperrt meine Stimme. Das Dröhnen schnürt meine Brust ein, drückt mich in die Kissen. Die Beklemmung löscht alle Gedanken.

Da sind sie. Da sind sie. Ich ducke mich. Ein trampelndes Stampfen, das auf mich stürzt. Ich bewege mich nicht. Kann mich nicht bewegen.

Endlich sind sie über mich hinweg. Ich wage nicht zu atmen. Ich weiß, sie kommen wieder. Wie in der Urania. Und seither jeden Abend. Mehrmals. Ich höre wieder ihre Hufe. Diese stampfenden Hämmer. Das Zittern der Luft, der gelbrote Staub. Dreimal. Viermal. Manchmal zähle ich, wie oft sie kommen. Wieder der Strich am Horizont. Das flirrende Zittern.

Ich höre die Stimme meines Vaters in der Küche. Nun kommen sie nicht wieder. Bis morgen Abend …



Veröffentlicht in DUM – das ultimative Magazin No. 88/2018, NACHT – Schlaf & Vogel, S. 17.




NACHSCHLAG – Brot & Prügel & …

Bei der thematisch vorgegebenen Ambivalenz des Wortes NACHSCHLAG zwischen Brot & Prügel fällt beim NACHSCHLAG in einem Wörterbuch auf, dass zumindest eine Trivalenz (Brot & Prügel & Lexikon) besteht. Näher betrachtet zeigt sich alsbald, dass jeglicher SCHLAG die Tendenz hat, verschiedene Richtungen EINZUSCHLAGEN, wobei EINSCHLÄGIGE NACHSCHLAGWERKE allmählich die Phantasie in BESCHLAG nehmen. Wer kann einem Autor den Wunsch schon ABSCHLAGEN, beim AUFSCHLAGEN seines Moleskine SCHLAGWÖRTERN literarisch nachzuspüren? Man kann von einem DURCHSCHLAGENDEN Erfolg sprechen, auch wenn in Zeiten des Computers und des Laserdruckers jener DURCHSCHLAG seine Bedeutung verloren hat, den man einst mit verstärktem ANSCHLAG der Schreibmaschintasten und mit Hilfe von DURCHSCHLAGPAPIER erzeugen konnte. Für einen solchen ANSCHLAG benötigte man daher keine Bomben sondern kräftige und zielsichere Finger. Auch muss man sich bei jedem NACHSCHLAG fragen, ob ihm nicht ein VORSCHLAG vorangeht, der ihn unter Umständen überflüssig macht, denn häufig bleibt es bei diesem, wenn er von anderen AUSGESCHLAGEN wird, wobei diese ohne VORSCHLAGHAMMER passiert. Es geschieht zwar häufig, dass Menschen etwas ABGESCHLAGEN wird, jedoch nur mehr selten in Form mittelalterlichen HAND-, FUSS- oder gar KOPFABSCHLAGENS. Heute sind nur mehr Golfspieler an einem guten ABSCHLAG interessiert.

Der NACHSCHLAG besitzt vornehmlich eine sportliche Komponente, wobei es Disziplinen gibt, in denen er mit einer gelben oder roten Karte geahndet wird. Dafür braucht ein Referee seinerseits nicht im Regelbuch NACHSCHLAGEN. Wenn auch am Beginn eines Wettkampfes der HANDSCHLAG steht, verkümmert dieser vielfach zu einem Ritual, das nicht selten in einem finalen NIEDERSCHLAG seinen NIEDERSCHLAG findet, wobei beide nur wenig mit der meteorologischen Erscheinung gleichen Namens gemein haben, es sei denn, es handelt sich dabei um faustgroße Hagelkörner. Übrigens bleibt in diesem Zusammenhang unklar, was man unter HANDSCHLAGQUALITÄT versteht, denn insbesondere beim Boxen ist zwar das SCHLAGEN mit der Hand aber nicht der INNENHANDSCHLAG erlaubt, auch wenn ein regelkonformer FAUSTSCHLAG mit einem ZERSCHLAGENEN Kiefer oder AUSGESCHLAGENEN Zähnen enden kann. Welchem Kämpfer der Referee am Ende den ZUSCHLAG erteilt, hängt nicht zuletzt von der SCHLAGQUALITÄT ab, die wortwörtlich ein SCHLAGENDER Beweis für die SCHLAGFERTIGKEIT des Siegers darstellt, wobei bei Faustkämpfen die verbale Variante unberücksichtigt bleibt. Hingegen ist bei Auktionen der ZUSCHLAG höchstens mit Schmerzen für das Portemonnaie verbunden, die man aber kaum mit einem kühlenden UMSCHLAG behandeln kann. Hier darf der äußerst unsportliche TIEFSCHLAG nicht UNTERSCHLAGEN werden, dem aber nicht ein HOCHSCHLAG sondern der ÜBERSCHLAG sowohl physisch als auch metaphorisch gegenübersteht, letzterer in die Buchhaltung des Veranstalters, wobei eventuell die schon erwähnte UNTERSCHLAGUNG bei SCHLAGKRÄFTIGEN Finanzbehörden mit einem kräftigen AUFSCHLAG bestraft wird. Es ist keine Überraschung, dass manche Verlierer NIEDERGESCHLAGEN wirken.

Um beim Sport zu bleiben: Ein HANDKANTENSCHLAG oder schneller BEINSCHLAG bringt im Karate Vorteile, mit Letzterem punktet auch ein Delphinschwimmer oder Krauler, während man im Tennis mit diesen wenig anfangen kann, da man seine Gegner nur indirekt SCHLAGEN darf, etwa mit einem gekonnten AUFSCHLAG, den auch Dominik Thiem nur mit einem ZAUBERSCHLAG retournieren könnte. Vermutlich geben hier gleichfalls SCHLAGFERTIGKEITEN den AUSSCHLAG, der sich bei den Protagonisten in blauen Flecken und eher selten in roten Punkten auf der Haut äußert. Bei solchen hilft ein heilender UMSCHLAG, auch ein aus der Mode gekommenes Mittel, um Bücher zu schützen, wofür man nicht unbedingt auf den UMSCHLAGPLATZ gehen muss. Übrigens ist das A & O beim Tennis ein guter RÜCKSCHLAG, der nicht mit einem NACKENSCHLAG verwechselt werden sollte, denn der wird durch das Reglement und das zwingend vorgeschriebene Netz verhindert. VERSCHLAGENE Bälle hingegen bilden beim Tennis das Um und Auf, denn ohne solche würde auch ein Tiebreak wenig nützen und eine endlose SCHLÄGEREI bedingen, unterschieden in VORHANDSCHLAG, RÜCKHANDSCHLAG, VOLLEYSCHLAG oder SCHMETTERSCHLAG. Übrigens ist im Tennismekka Wimbledon bei den überteuerten Erdbeerportionen stets SCHLAGOBERS dabei, das entgegen aller Tradition nicht mit Hilfe von TENNISSCHLÄGERN GESCHLAGEN wird.

Am Ende sportlicher Auseinandersetzungen steht häufig ein HERZSCHLAGFINALE, auch wenn dieser HERZSCHLAG wenig mit erotisch getönten Begegnungen zu tun hat. Eher spielt bei diesem HERZSCHLAG der AUGENAUFSCHLAG eine Rolle, wobei er bei Missinterpretation unter Umständen mit einem blauen Auge enden kann.

Jüngst war in SCHLAGZEILEN auch von SCHLAGENDEN Verbindungen die Rede, bei denen in manch antiquierten VERSCHLÄGEN völksungetümliche SCHLAGER gesungen worden sein sollen, ob mit oder ohne SCHLAGZEUGBEGLEITUNG ist nicht überliefert – hier wird wie immer die Unschuldsvermutung SCHLAGEND, d.h., wir ENTSCHLAGEN uns jeglicher Bewertung.

In der Musikbranche wiederum können SCHLAGER so EINSCHLAGEN, dass sich manche bei ihrer permanenten Wiederholung wie ERSCHLAGEN fühlen. Jeder EINSCHLAG hat nicht nur akustisch eine zerstörerische Seite, besonders wenn er in Form einer Gewehr-, Pistolen oder gar Kanonenkugel daherkommt, manchmal auch als QUERSCHLÄGER. Im Straßenverkehr bedingt der EINSCHLAG zwar die Wendigkeit, doch selbst dort kann er bedrohlich sein, wenn er sich als EINSCHLAGWINKEL beim Aufprall auf ein anderes Fahrzeug manifestiert. Darin sind Verkehrsexperten BESCHLAGEN, auch wenn dieses BESCHLAGEN nicht durch einen Hufschmied erfolgt ist. Als Heimwerker wieder ist man bei einem defekten SCHLAGBOHRER auch vor STROMSCHLÄGEN nicht sicher, die einen SCHLAGANFALL herbeiführen können.

So macht dieser sprachliche RUNDUMSCHLAGS letztlich SCHLAGARTIG deutlich, dass zahlreiche SCHLAGWORTE SCHLAGLICHTER mit einem veritablen SCHLAGSCHATTEN hinterlassen.


Gedanken zum Thema des DUM NR. 87 – „NACHSCHLAG – Brot & Prügel“.




Bassena-Latein

Haum sas ghead, Frau Nochbarin,
es woa scho in da Zeidung drin:
Da Fraunz, dea hod a Bankerl grissn.
Nau, kana wiad ihn sea vamissn.

Jo, neamd hod eam so richtich megn!
Drum is füad Oide rechd a Segn.
De oame Frau hod so vü glittn,
den gaunzn Tog haums eh nua gstrittn.

Und ans kaun i jetzt a varodn:
Ea hods betrogn noch Strich und Fodn!
Wos si ned sogn! A so a Gauna!
Jojo! So san se hoid de Mauna.

Si woa jo a ned grod a Waserl,
ia gresde Freid woa jo des Glaserl!
Nau, do haums recht! Si hod vü gsoffn,
east neilich hob i si im Wiazhaus troffn.

Jetzt wiads a schene Rentn kriagn.
Nau, dann kauns um die Heisa ziagn
und no mear saufn ois davua.
Wos wiad denn jetzt mit ihnan Bua?

Dea wiad woi ned so traurich sein,
denn neilich woa ea org am Schrein,
wia ihn da Voda prügeld hod.
Jojo, da Fraunz woa a Falott!

Und a den Hund hod ea nua gschlogn.
Wos soi i ihna dazua sogn:
der hod den gaunzn Tog oft gwinsld
und mid sein Schwaunz des Pfloster pinseld!

Wissens scho, wauns eam begrobn?
Des wiad sei Oide uns scho sogn.
Di Leich, des wiad bestimmd a schene.
Jojo! De mortuis nil nisi bene.


Veröffentlich in DUM – das ultimative Magazin, No.: 86/2018, NACHRED: Imitsch & Tratsch.




© Werner Stangl Linz 2019