‘etcetera‘

etcetera, die Zeitschrift für Literatur, junger bis arrivierter Autoren, Essays, Interviews, Rezensionen, Künstlerportraits und so weiter …
etcetera ist die vierteljährlich erscheinende gedruckte Visitenkarte St. Pöltens.
Die Literaturzeitschrift der LitGes ist seit 1998 die Nachfolgezeitschrift des Limes.
NewcomerInnen neben international bekannten LiteratInnen, aber auch bildenden KünstlerInnen neben FilmemacherInnen und Musik-Schaffenden sorgen für die Ausgestaltung der Themenhefte in Inhalt und Präsentation.


Sprüche, vulkanisiert

Wenn es dem Vulkan zu wohl ist, geht er auf’s Eis schmelzen.

Der Vulkan geht so lange zum Brunnen, bis er ausbricht.

Man soll den Vulkan nicht vor dem Ausbruch loben.

Ein Vulkanausbruch kommt selten allein.

Wie man in den Vulkan hineinruft, so spuckt es heraus.

Wer sich in den Vulkan begibt, kommt darin um.

Wer den Geysir nicht ehrt, ist den Vulkan nicht wert.

Es ist nicht alles Vulkan was spuckt.

Schlafende Vulkane soll man nicht wecken.

Wenn der Vulkan nicht zum Philosophen kommt, muss der Philosoph zum Vulkan gehen.

Daraus folgt:

Empedokles

Bedenkenleer
hatte er sich vom Kraterrand
in das Lavameer
gestürzt –
die Sandalen blieben zurück –
im Falle
zog alle
Nichtigkeit
an ihm vorüber –
er hatte alles bedacht …
nur die Sandalen,
die hatte er nicht
zum Schuster gebracht!
Es ist zu spät!
Es ist zu spät!
Wer jetzt wohl in den Sandalen geht?


etcetera 72: Tanz auf dem Vulkan




KÖRPER TEILEN

Im Englischen gibt es die anschauliche Redewendung „give me a hand“, die die Möglichkeit andeutet, diesen Körperteil jemand anderem zur Verfügung zu stellen. Spinnt man diesen Gedanken weiter, erkennt man bald, wie praktisch es manchmal wäre, wenn Menschen ihren Körper teilen könnten, wobei damit nicht gemeint ist, sich metaphorisch zwischen zwei Tätigkeiten zu zersprageln, sondern dies auch physisch zu realisieren.

Im Englischen besitzt das Körperteilen übrigens Tradition, denn schon bei Shakespeare sagt Antonius zu Freunden, Römern und Landsleuten: „lend me your ears“. Wie das geendet hat, weiß man. Dieses spezielle Ohrenververleihen wäre etwa für Spionagetätigkeiten geeignet, denn dann bräuchte man sein Ohr nicht an die Wand pressen, sondern könnte es bequem im Nachbarzimmer unter dem Bett oder in einem Lampenschirm verstecken.

Bildlich erfahren sich Menschen ohnehin häufig als geteilt, denn wie oft kann man von anderen hören, dass man zwar anwesend aber mit dem Kopf ganz wo anders sei. Aber zurück zum Konkreten, zum Praktischen: Man stelle sich vor, dass man einfach seine Hand oder auch nur ein paar Finger ausklinken könnte, damit sie am Rücken an jener Stelle kratzen, an der es gerade schrecklich juckt, und die man aufgrund der üblichen anatomischen Gegebenheiten nicht erreichen kann. Es sei denn, man wäre ein Gummimensch, aber das ist kurzfristig nicht machbar.

Für korpulente Menschen ist es sicherlich bequem, könnten sie die Füße abmontieren und die Zehennägel gemütlich in Augenhöhe schneiden; oder die Hände mit der Schere nach unten schicken, was aber nicht ratsam scheint, denn man sollte mit den Augen doch eine gewisse Kontrolle behalten. Möglich ist natürlich, ein Auge zu den Füßen mitzuschicken, allerdings fehlt dann die vielleicht für einen adäquaten Zehennagelschnitt notwendige dreidimensionale Perspektive. Gleiches gilt für das Nägellackieren.

Man muss auch an raffinierte Möglichkeiten denken, etwa jemandem aus der Entfernung ein Haxl zu stellen, während der Rest ganz arglos an einer Wand lehnt und „Alle meine Entchen“ pfeift. Man könnte jemandem die Faust aufs Auge drücken, während man scheinbar genüsslich an der Bar seinen Whisky on the Rocks trinkt. Problematisch könnte das nur in einem Saloon werden, wenn sich die laut Westernfilmen übliche Prügelei mit selbstständigen Fäusten oder Füßen ergibt, bei der der eine oder andere Beteiligte gar nicht mehr weiß, warum gerade seine Faust auf dem Schädel eines Kartenspielers oder sein Fuß auf dem Steiß des Sheriffs oder seine Finger im Dekolleté der Bardame landen. Peinlich könnte es werden, wenn die eigene Faust auf Grund ihrer Rage und im wahrsten Sinn des Wortes blind vor Wut den eigenen Körper malträtiert. Ich glaub, mich tritt mein Pferd.

Bleiben wir bei den positiven Möglichkeiten: Eine Frau oder ein Mann muss vor dem Rendezvous keinen Spiegel oder wie heute üblich die Selfiekamera des Smartphones nutzen, um die eigene Erscheinung zu überprüfen. Sie könnten einfach mit ausgeklinkten Augen in einer Entfernung von ein paar Metern sich selber von allen Seiten begutachten; abgesehen von den Augen natürlich, aber daran kann man sich ja vielleicht gewöhnen. Ein weites Feld an praktischen Möglichkeiten ergibt sich natürlich für den Bereich der menschlichen Beziehungen, wobei sich das in Abstufungen von oberflächlichen bis zu leidenschaftlichen Verhältnissen darstellt. Die angenehmen Seiten sind dabei offensichtlich – detaillierte Spielarten kann ich gerne der Phantasie der Leserinnen und Leser überlassen. Im Wortsinne zwiespältig ist Körperteilen aus der Perspektive der ehelichen Treue, wenn z. B. ein Mann zu Hause bei seiner Angetrauten beim Abendessen sitzt, und diese moniert: „Ist dein Unterteil schon wieder bei der Nachbarin?“

Wenn man das hier dargelegte Prinzip des Körperteilens nicht nur auf Extremitäten beschränkt, sondern auf Innereien ausdehnt, könnte ein Alkoholiker seine Leber auf Entzug nach Kalksburg schicken, während er seiner geregelten Arbeit nachgeht. Oder jemand schickt bei Problemen mit der Lunge diese auf den Zauberberg … Man könnte ein verletztes Glied einfach in einem Paket zum Arzt schicken, per Einschreiben, versteht sich. Das wäre auch bei einem eitrigen Backenzahn praktisch, sofern dieser den Schmerz mitnimmt. Die moderne Prothetik ist dabei auf einem guten Weg.

An dieser Stelle kommt die durchaus nicht irrelevante Problematik ins Spiel, wenn man vergisst, wo man einen seiner Körperteile abgelegt oder wohin man einen anderen geschickt hat. Darüber sollte man akribisch Buch führen oder zumindest GPS-Ortung einsetzen: „Alexa, find my left foot!“ Und nicht zuletzt zu den letzten Fragen: Was passiert, wenn einen Menschen der Tod ereilt und ein wesentlicher Körperteil ist gerade unterwegs? Oder wenn einige Teile den Rest überleben und fortan nicht nur sprichwörtlich ein Eigenleben entwickeln? Wie wird sich das beim Letzten Gericht darstellen? Kommt ein Teil ins Paradies und ein anderer in die Hölle? Oh Gott!


Verfasst für etcetera 74 – Körper:Teile. Von Monstern und …




Bildträger

Wikipedia: Als Bildträger wird in der bildenden Kunst der Untergrund eines Bildes bezeichnet. In der Tafelmalerei besteht der Bildträger üblicherweise aus Holz. Textile Bildträger werden als Leinwand bezeichnet, obwohl diese Bezeichnung eigentlich nur für Textilien aus Flachs zutrifft. Weitere Bildträger sind Karton oder Papier, seltener Blech, Glas, Keramik und andere Materialien. In der Wandmalerei können Felsen oder jede andere Architekturoberfläche, z. B. Wände oder Decken mit oder ohne Putz auf Mauerwerk, als Bildträger dienen.

Jugendschutzgesetz (§ 1 Abs. 2): Bildträger sind gegenständliche Träger von Texten, Bildern oder Tönen, die zur Weitergabe geeignet, zur unmittelbaren Wahrnehmung bestimmt oder in einem Vorführ- oder Spielgerät eingebaut sind oder mit Hilfe dieser Vorführ- oder Spielgeräte dargestellt werden können. Bildträger müssen, wenn sie in der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, mit einer Altersfreigabe der Obersten Landesjugendbehörden oder einer Organisation der freiwilligen Selbstkontrolle, i.d.R. der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ und der „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ gekennzeichnet sein. Bildträger, die indiziert bzw. mit „Keine Jugendfreigabe“ oder überhaupt nicht gekennzeichnet sind, dürfen Kindern und Jugendlichen nicht angeboten, überlassen oder zugänglich gemacht werden.

Flatz – die Haut als Bildträger (Marktstr. 33, 6850 Dornbirn): Im Gefolge von Valie Export und Timm Ulrichs begab sich Flatz in den 1980er Jahren auf die Suche nach Ausdrucksformen außerhalb der konventionellen Bildmittel und wurde bei seinem Körper fündig. 1985 signierte Flatz sich selbst durch ein Tattoo auf dem Schulterblatt, drei Jahre später folgte ein Barcode auf dem linken Oberarm. Über die Jahre kamen weitere großflächige Beschriftungen der Haut: “Physical Sculpture” auf dem Rücken, die altgriechische Redewendung “Molon Labe” (Komm und hol sie dir!) am Bauchansatz, die vertikalen Schriftzüge “Mut tut gut” und Ciceros “Dum spiro spero” (Solange ich atme, hoffe ich) auf den Armen. Und analog zum Film “Die Nacht des Jägers” (1955), in dem Robert Mitchum als falscher Gefängnispriester die Worte “Love” und “Hate” auf seinen Fingern stehen hat, sind bei Flatz am Daumenansatz die Worte “Give” und “Take” eintätowiert. Nach seinem Ableben will er seine Haut in einem Auktionshaus meistbietend versteigern lassen wodurch sie zum verfügbaren Kunstwerk und überleben wird.

Mädchenportrait (The Metropolitan Museum of Art, New York): Gemälde, Öl auf Leinwand, Höhe: 110 cm, datiert 1869. Beschädigung des Bildträgers durch einen Türgriff beim Handling einer Umzugsfirma.

Digitale Bildverarbeitung: Ein Bildträger ist charakterisiert durch eine Punktmenge P, eine Nachbarschaftsrelation N für die Punkte von P und durch eine zyklische Ordnung Z für die Nachbarschaften der Punkte.

Mein Bildträger: Das Herz.


Veröffentlicht in etcetera – Literatur und so weiter, Nr. 63.




© Werner Stangl Linz 2018