‘Facetten‘

Facetten 2014 – 2015

Oder:

„Die roten Fäden finden bzw. ziehen Sie bitte selbst“

Krösswang starrte auf das seltsame Wesen auf dem Einband des vor ihm liegenden Buches. Er war vor knapp einer Stunde von der Präsentation der Facetten 2014 im Linzer Salzamt zurückgekommen, in denen ein ihm widerfahrenes tragisches Ereignis des letzten Jahres ausführlich beschrieben worden war.

Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, an der Präsentation teilzunehmen, und es war der langjährigen Freundschaft zum Autor geschuldet, der ihn zur Begleitung überreden konnte: „Es ist deine Geschichte! Keine Sorge, der Text wird nicht gelesen. Aber es gibt ein ordentliches Buffet.“

Die Herausgeberin beklagte in den einleitenden Worten zur Vorstellung der Facetten 2014 die mangelnde Bereitschaft der Leser, sich nicht mehr auf eine Lektüre von Anthologien einzulassen. Und schloss ihre Ausführungen, dass die Anordnung der Texte in dem Buch einer Regelhaftigkeit folgen, die man bei sorgfältiger Lektüre entdecken könne.

Krösswang liebte Rätsel, wobei für ihn jene, die mit logischem Denken und in klarer Gedankenführung zu lösen waren, eine Herausforderung darstellen. Ungelöste Rätsel oder Rätsel, bei denen ihm die Logik der Lösung nicht klar geworden war, konnten ihn in Wochen dauernde Depressionen stürzen.

Der befreundete Autor meinte nach der Lesung, während er sich am Buffet ein Schinkenbrötchen in den Mund schob, dass das gewiss nur ein Trick der Herausgeberin gewesen wäre, um die Anwesenden zur Lektüre der Texte zu veranlassen. Diese Bemerkung erregte Krösswangs Widerspruchsgeist, auch wenn er schwieg und ebenfalls den belegten Brötchen zusprach. Krösswangs Gedanken kreisten seit einigen Minuten kauend über dem weiten Feld seiner Gehirnwindungen und suchten schon einen Landeplatz, an dem er die Grabung nach dem von der Herausgeberin in den Facetten 2014 verborgenen Schatz beginnen könnte. Lächelnd registrierte der Autor Krösswangs Geistesabwesenheit und bemerkte beiläufig, dass die Gelegenheit günstig wäre, denn drüben am Büchertisch stünde die Herausgeberin und blättere in einem Buch: „Frag sie doch einfach!“

Aus dem Blick, den Krösswang seinem Freund zuwarf, konnte man sowohl Ratlosigkeit als auch Entsetzen ablesen. Deshalb verschluckte er sich beinahe an der auf der Zunge liegenden Erwiderung und an dem ob des Staunens nur halb zerkauten Schinkenbrötchen, das mitten auf dem Weg in seinen hinteren Rachen war.

Krösswang schluckte. Einmal. Zweimal.

Die Unterhaltung erstarb an der Krösswang zuteil gewordenen Zumutung und es war keine Überraschung, dass sich Krösswang kurz darauf verabschiedete und mit einem Exemplar der Facetten bewaffnet, das ihm sein Autorenfreund aus Dankbarkeit für die Erlaubnis zur Geschichte sogar mit Widmung versehen überlassen hatte, auf den Weg nach Hause machte.

Zu Hause angekommen legte Krösswang das Buch zunächst auf seinen Schreibtisch. Obwohl Krösswang eher ungeduldig war, wusste er auch, dass es manchmal besser ist, ein wenig Abstand zu gewinnen, bevor man sich an die Lösung eines Problems macht. Daher widerstand er dem Drang, das Buch sofort zu lesen, sondern stellte es in das Bücherregal und beschloss, zumindest eine Woche zu warten, bis er es wieder zur Hand nehmen würde, um es einer ersten gründlichen Lektüre zuzuführen.

Schließlich hatte er ein Jahr Zeit.

Es war ein geradezu feierlicher Akt, als er am darauf folgenden Sonntag nach einem ausgedehnten Frühstück das Buch aus dem Regal holte und sich mit diesem an seinen Lieblingsplatz zurückzog. Er streichelte behutsam den Einband und schlug das von dem weißen Titelblattlebewesen bewachte Buch auf. Bedächtig las er Titel und Impressumseite, sorgfältig das Inhaltsverzeichnis und das Vorwort der Herausgeberin. Dabei fühlte er sich innerlich der Herausgeberin verbunden, denn auch sie hatte alle Texte „aufmerksam Satz für Satz“ gelesen. Die beiden letzten Absätze des Vorworts las er mehrmals, denn hier war von jenem „inhaltlichen roten Faden“ und der dadurch diktierten Ordnung die Rede, die schließlich in der Aufgabe mündete: „Die roten Fäden finden bzw. ziehen Sie bitte selbst.“

Krösswang war in seinem Element.

Das Vorwort hatte ihn ein wenig verunsichert, denn es war sowohl von einem roten Faden als auch von Fäden die Rede. Krösswang schob diesen Gedanken rasch beiseite, denn es galt, seine Konzentration während der ersten Lektüre von den Gedanken vorauseilenden Hypothesen frei zu halten und sich allein den Texten zu widmen. Dabei las er nicht nur die Texte, sondern machte sich auch über die Autorinnen und Autoren kundig, die am Ende des Buches in einer Kurzvita vorgestellt wurden. Möglicherweise lag in diesen der Schlüssel zum Rätsel.

Nach der ersten Lektüre, die sich über eine Woche erstrecke, war Krösswang optimistisch, dem roten Faden auf die Spur zu kommen. Die ersten Hypothesen galten eher formalen Kriterien, so etwa der Länge der Texte nach Zeichen, Zeilen oder Absätzen, die er jedoch schon nach kurzer Zeit ausschließen konnte. Sein Freund hatte bei einer Begegnung ob Krösswangs Akribie und Detailverliebtheit gewitzelt, ob er denn auch seine Berechnungen mit oder ohne Leerzeichen gemacht, und ob er möglicherweise vorhandene Hurenkinder oder Schusterjungen berücksichtigt hätte.

Nach anfänglicher Unterstützung durch den Autor erlosch dessen Interesse, wobei er sich über manche der wunderlichen Hypothesen Krösswangs amüsierte und freundschaftlich ironische Anmerkungen dazu machte. Zu dieser Zeit konnte Krösswang über zerplatzte Hypothesen noch lachen. Schließlich blieb noch ein ganzes Jahr.

Nachdem Krösswang eine runde Zahl Hypothesen abgearbeitet hatte, legte er einige Tage Pause ein, um sich vom Ballast der Enttäuschung zu regenerieren. Allerdings gelang das nur selten, denn in seinen Alltag schlich sich auf leisen Pfoten das auf dem Cover des Buches lauernde Phantasietier und erinnerte ihn, dass er noch eine unerledigte Aufgabe hatte.

Krösswang kannte nach kurzer Zeit manche Texte auswendig und nervte, Ausschnitte rezitierend, seinen Freund, dem er bei den darob seltener werdenden Treffen seine neuesten Theorien zum „Geheimnis der Facetten 2014“ präsentieren konnte, die noch zur Überprüfung anstanden.

Er sei nahe dran, versicherte Krösswang um die Jahreswende, denn die Spur, der er jetzt folge, wäre ganz heiß. Umso enttäuschter war er dann, als sich diese in den 184 Seiten der Facetten verlor, wobei es mit der Titelei eigentlich 188 waren, denn der geniale grafische Gestalter hatte es sich nicht nehmen lassen, auch die Vakatseiten am Beginn und am Ende der Facetten 2014 mit den oft rätselhaften Arbeiten der Illustratorin zu versehen. Diese gehörten zweifelsohne zum Gesamtkunstwerk.

Ein Vorfall in den ersten Frühlingstagen hätte beinahe in einem Bruch der Freundschaft zum Autor gemündet, da dieser zu einem Treffen einen Zettel mitbrachte. Auf diesem waren 22 nummerierte Sätze zu lesen:

  1. Dies ist die Anklage: zu lieben vergessen zu haben.
  2. Ich schließe die Augen und vergesse das Licht, so gut ich kann.
  3. wo fußgänger auf ihren träumen ausrutschen
  4. Ein Briefträger, der wie ein Jäger auf der Lauer liegt, ist nicht vorgesehen.
  5. im Mund einen Mond, der gutmütig lacht
  6. Es dauerte Wochen, bis er sich von diesem Schock erholt hatte.
  7. Worte lassen sich nicht einfach umbringen, höchstens, dass sie einen umbringen können, das schon.
  8. Wenn man sich an Dinge erinnert, bekommen sie manchmal eine andere, meist zu große Bedeutung.
  9. Und gerade noch geduldete Übel haben nun mal kein Recht mehr auf Würde.
  10. vielleicht ist Wirklichkeit unverständlich selbstverständlich.
  11. Am Morgen weiß der Tag mehr.
  12. sie wussten nun beide um ihren verlust.
  13. Du hast ihnen vertraut.
  14. Keinem Verlangen verpflichtet, nichts
  15. Man weiß eben nie.
  16. Lachen kann man über alles.
  17. mein Kopforakel was aussieht wie von Kinderhand geflickte Engelsflügel
  18. Ich werde alles so belassen, wie es ist.
  19. Es war ein weiter Weg zu ihr Am Ende der Erinnerung
  20. Es gilt die Oberfläche der Erscheinungen zu deuten.
  21. das Land hört nie auf
  22. unter keinen Umständen aus den Augen lassen

Nach einer raschen Lektüre blickte Krösswang den Autor ratlos an, auch wenn er die Sätze sehr wohl erkannt hatte: „Na und?“

„Lass es Krösswang! Während du dich mit mehr oder minder sinnlosen Lösungsversuchen abmarterst, habe ich zu meiner Erbauung versucht, in jedem Text einen zentralen Satz zu finden, über den sich das Nachdenken wirklich lohnt!“

Krösswang fiel innerlich in sich zusammen, denn er hatte gehofft, bei seinem Freund Unterstützung für seine Aufgabe zu finden. Er empfand diesen Versuch als Verrat an der doch gemeinsamen Sache.

Es gingen Monate ins Land, ehe Krösswang sich wieder zu einem Treffen mit dem Autor aufraffen konnte.

Vermutlich aus Verzweiflung.

Nach Ostern begann Krösswang die Hypothesen in Gruppen zu ordnen und beginnend bei der prima vista am unwahrscheinlichsten diese nacheinander abzuarbeiten. Er erwog sogar einen Urlaubsverzicht, doch sein Freund hatte ihm geraten, die Facetten in den Urlaub mitzunehmen, da er doch in einer anderen Umgebung auf andere Gedanken und somit Hypothesen käme. Krösswang buchte einen Kurzurlaub in Grado, doch brachte ihm dieser letztlich nur einen veritablen Sonnenbrand und einen erhöhten Alkoholspiegel durch den Genuss der Grappas ein, die er am Ende jedes Urlaubstages zur Verdauung der Misserfolge benötigte.

Je näher der Tag der Präsentation der Facetten 2015 rückte, desto heftiger wurden Krösswangs Lösungsversuche, doch proportional heftiger kumulierte auch seine Verzweiflung, wenn sich die Lösung abermals als unbrauchbar herausstellte. Momente der Hoffnung wechselten in immer rascherer Folge mit Momenten der tiefsten Enttäuschung. Er schickte immer neue Hypothesen ins Feld seiner Gehirnwindungen, was regelmäßig in einem Gemetzel endete. Vermutlich hätte man mit den Methoden der modernen Hirnforschung massive Veränderungen in der Struktur von Krösswangs Gehirn feststellen können.

Krösswangs Verhalten im Spätsommer war von Panikattacken beherrscht, die ihn nicht selten zu absurden Versuchen verleiteten, etwa die Benutzung eines Würfels, mit dem er jedem Text eine Zahl zuordnete, wonach er die von der gleichen Zahl betroffenen abermals durch Auswürfeln in eine innere Reihenfolge brachte, die ihrerseits manchmal einen dritten oder vierten Würfeldurchgang erforderten.

Alle diese Versuche hatten logischerweise nicht annähernd etwas mit der faktischen Reihenfolge im Buch zu tun, sodass er danach in eine oft mehrere Stunden andauernde Starre verfiel, durch die ihn weder das Klingeln an seiner Wohnungstür noch ein Anruf auf seinem Mobiltelefon, das er zur besseren Konzentration auf seine Aufgabe ohnehin die meiste Zeit abgeschaltet hatte, erwecken konnte. Hinzu kam, dass sein Körper auf den Schlafentzug reagierte, denn schließlich ließen ihn nicht nur die noch unüberprüften Hypothesen des vergangenen Tages nicht einschlafen, sondern er erträumte in den wenigen Stunden des Erschöpfungsschlafes auch Lösungen, die sich dann allesamt am nächsten Morgen als unbrauchbar erwiesen. Besonders verzweifelt war Krösswang an Tagen, an denen er sich nach dem Aufwachen nicht mehr an die Lösung im Traum erinnern konnte. Er traf sich daher nur mehr äußerst selten mit seinem Freund, da er dessen wachsende Besorgnis um seinen Gesundheitszustand nicht mehr ertragen konnte.

So überhörte er auch das Klingeln des Freundes, der ihn am Sonntag, dem 6. Dezember 2015, um halb elf Uhr abholen wollte, um ihn zur Präsentation der Facetten 2015 in das Salzamt zu begleiten …


Anmerkung: Dieser Text wurde für die Facetten 2015 verfasst und eingereicht, fand aber keine Aufnahme durch die Herausgeberin.

6. Juli 2015

Warum Krösswang nicht mehr über Schatten springt

kroesswang

Nur die Sonne wirft keinen Schatten.

Krösswang schaute auf die Uhr: 12 Uhr 45. Nach seiner Tabelle war 12 Uhr 47 der ideale Zeitpunkt, das Haus zu verlassen. Er wusste, dass er vom Verlassen der Wohnung bis zum Haustor genau zwei Minuten brauchte. Die Tabelle hatte sein Leben ungemein erleichtert. Ein befreundeter Mathematiker hatte für 365 bzw. 366 Tage im Jahr jeweils jenen Zeitpunkt berechnet, zu dem die Sonne vor seiner Haustüre keinen Schatten mehr warf. In der Zeit vor der Tabelle hatte er an seinem Wohnzimmerfenster stehend mit Hilfe eines Feldstechers in der Spiegelung der Glasfront des gegenüberliegenden Hauses den Zeitpunkt abgewartet, zu dem er das Haus verlassen konnte, ohne über dessen breiten Schatten springen zu müssen. Durch eine Verzerrung in der spiegelnden Front war er manchmal einige Minuten zu früh oder zu spät gewesen.
Tabellen hingegen logen nicht.

Krösswang konnte somit den täglichen Spaziergang durch den nahen Brucknerpark in Angriff nehmen. Er überquerte den Platz vor dem Haus und achtete penibel darauf, nicht in den Schatten der mit den Jahren mächtiger gewordenen Eiche zu treten, die seiner Ansicht nach das städtische Gartenamt nur pflanzen hatte lassen, um sein Leben zu erschweren. Bis zum Brucknerpark waren es 331 bis 338 Schritte, und es gab nur wenige kritische Stellen wie den Schatten der Ampel über dem Zebrastreifen, auf dem er die Untere Donaulände überquerte. Früher hatte er die stark befahrene Straße direkt vor seinem Haus überwunden, doch seit ihn ein Polizist freundlich aber bestimmt ermahnt hatte, den dafür vorgesehenen Fußgängerübergang zu nutzen, nahm er die Bedrohung durch den Schatten der Ampel beim Schutzweg in Kauf. Im übrigen war es meist problemlos möglich, durch einen geeigneten Winkel beim Betreten des Zebrastreifens nicht in den Schatten der Ampel zu geraten, selbst wenn auf seinem berechneten Weg eine Passantin oder ein Passant entgegenkam. Stets prüfte er vor dem Überqueren die Lage, beobachtete argwöhnisch die eventuell an der gegenüberliegenden Gehsteigkante Wartenden, und schätzte deren erwartbaren Überquerungsweg. Mit der Zeit hatte er ein umfangreiches Know-how für diese kritische Situation entwickelt, und nur selten kam es vor, dass er entgegen seiner Berechnung vor einem Entgegenkommenden stehen bleiben musste, um nicht selber in den Schatten der Ampel auf dem Zebrastreifen zu treten.

Krösswang liebte die trüben Tage, an denen dichte Wolken den Himmel und somit die Sonne verdeckten, sodass auf dem etwa halbstündigen Spaziergang keine Schatten zu befürchten waren. Trügerisch waren jene gemischten, windigen Tage, an denen die Sonne zwischen dichten Wolken unvermutet durchbrach und unmittelbar vor seine Füße den Schatten eines Baumes oder eines Gebäudes zeichnete. Auch die diffusen Tage fürchtete Krösswang. Es gab an solchen Tagen an einigen Stellen des Weges keine klar erkennbare Differenzierung zwischen Schatten und Nicht-Schatten, sodass er auf Erfahrungswerte angewiesen war, an welchen Stellen des üblichen Weges prinzipiell ein Schatten, wenn auch ein unscharfer, möglich war.

Interessanterweise konnte Krösswang nicht mit Überzeugung Auskunft darüber geben, ob er den Sommer oder den Winter bevorzugte. Einerseits war der Sommer durch die Mehrzahl der Sonnentage schattenreicher als der Winter, doch waren die Schatten während seines Spazierganges in der Regel leichter zu vermeiden als an den statistisch selteneren sonnigen Wintertagen. Im Winter kam das Handicap der Schattenlängen hinzu. Krösswang drehte täglich eine Runde bis zum Schatten der Eisenbahnbrücke, die er nicht so sehr wegen ihres bedenklichen Bauzustandes sondern als potentielle Schattenwerferin fürchtete, wobei er den Hin- und Rückweg sorgfältig nach der vorherrschenden Windrichtung wählte: bei Westwind benutzte er für den Hinweg den unteren der Donau näherliegenden Gehweg, für den Rückweg den oberen und durch Sträucher und Bäume windgeschützten, während bei Ostwind die umgekehrte Route angebracht war. Bei Nord- oder Südwind, die in Linz statistisch beinahe vernachlässigbar auftraten, warf er auf der Höhe des Lentos eine für diesen Zweck vorbereitete Münze, um sich für eine Variante zu entscheiden.
Für Krösswang hatte alles im Leben eine schicksalsbezwingende Ordnung.

kroesswang
[Foto: Benjamin Rizy, 19. Februar 2014, Lesung Literaturhaus Wien]

Für Außenstehende glich Krösswangs täglicher Parcours durch den Brucknerpark vermutlich einem unerklärlichen Hindernislauf, denn kaum hatte er den auf der oberhalb der Böschung liegenden Weg entlang der Donau erreicht, musste er den Schatten der eingangs stehenden Kastanie umkurven. Das gehörte noch zu den leichteren Übungen. Schwieriger waren schon die Schatten der Laub- und Nadelbäume, die den oberen Gehweg säumten, doch waren sie auf Grund ihrer Immobilität leicht auszurechnen. An einigen von ihnen beobachtete Krösswang mit Genugtuung die deutlichen Folgen der Verticillium-Welke und der Wurzelfäule, auch wenn er sich nicht wirklich der Illusion hingab, das Baumsterben könnte ihm das Leben erleichtern. Mit geradezu bedrohlicher Sorgfalt wurden alljährlich kranke Bäume von der städtischen Gartenverwaltung gefällt und durch neue ersetzt. Das betraf auch Sträucher und Rosenstöcke, die aber zum Glück jedes Jahr im Herbst oder Frühjahr zurechtgestutzt wurden.

Krösswang war nicht allzu groß und im Laufe der Jahre ein wenig rundlich geworden, aber es kostete ihn selbst im Ruhestand keine Anstrengung, die sich in den Weg stellenden Schatten frisch gepflanzter Bäumchen und kleinerer Sträucher zu übersteigen. Oder mit einer ihm eigenen natürlichen Eleganz zu überspringen. Besondere Fertigkeiten erforderten die beweglichen Objekte auf seinem Weg, allen voran die ihm entgegenkommenden Menschen. Bei diesen kam es auf das genaue Timing an, den ersten Fuß exakt vor dem Schatten aufzusetzen und gezielt den zweiten dahinter, wobei Krösswang in dieser Hinsicht beidbeinig war, was bedeutete, er musste dafür nicht die Schrittfolge in Form eines Wechselschrittes tauschen. Entscheidend war, in welchem Tempo die Entgegenkommenden unterwegs waren, denn bei Joggerinnen und Joggern war eine exakte schritttaktische Anpassung notwendig. Krösswang peilte daher die heranfliegenden Schatten genau an und sprang meist mit beiden Beinen gleichzeitig hoch, sodass die Schatten unter seinen Füßen durchgleiten konnten. Zum Glück nutzten die meisten Jogger die Wiese mit der ins Gras tief eingetretenen Joggingspur, die Krösswang prophylaktisch großräumig vermied. Krösswang hatte ein spezielles Sensorium für Jogger entwickelt, die sich ihm heimlich und hinterrücks näherten, denn er hörte von Weitem entweder deren schnellere Schritte oder deren mehr oder minder rhythmisches Keuchen, sodass er instinktiv den der Sonne zugewandten Wegesrand aufsuchen konnte. Hier war die Gefahr vernachlässigbar, wenn auch nicht hundertprozentig auszuschließen.
Krösswang war immer sprungbereit. Das galt auch für Radfahrer, Rollschuhfahrer, Inlineskater und Skateboarder.

Krösswang wählte zwar vorsorglich stets den der Sonne näherliegenden Wegesrand, allerdings wusste er von zahlreichen Begegnungen mit Hunden zu berichten, die ihn mit ihren hechelnden Schatten zu bedrängen suchten. Für manche Hundebesitzerin – um diese Tageszeit waren ausschließlich Frauen mit ihren Vierbeinern unterwegs – mochte es wie die extreme Ausprägung einer Kynophobie erscheinen, wenn Krösswang ihnen in weitem Bogen auswich. Da Krösswang jeden Tag annähernd zur selben Zeit unterwegs war, kannten ihn die meisten Hundehalterinnen und riefen ihre Hunde zu sich, wenn sie Krösswangs ansichtig wurden.
Er war ihnen dafür dankbar.

Vögel waren ein eigenes Kapitel. Zwar hatte ihm der befreundete Mathematiker die äußerst geringe Wahrscheinlichkeit eines unvermuteten Vogelschattens vorgerechnet, doch im Innersten seines Herzens traute Krösswang dieser Statistik nicht. Vor allem an sonnigen Tagen beobachtete Krösswang argwöhnisch den Himmel. Er hatte vor Jahren ein traumatisches Erlebnis mit einer Gruppe von Schwänen gehabt, die mit ihrem markanten Wassertreten auf der Donau gestartet und genau vor ihm über die Uferböschung geprescht waren, sodass er die mächtigen Schatten der riesigen Flügel unmittelbar vor seinen Füßen auf dem Asphalt vorbeidonnern sah.
Es dauerte Wochen, bis er sich von diesem Schock erholt hatte.

brucknerhaus

Echte Herausforderungen waren die Schatten des Brucknerhauses und des Arcotels. Im Sommer konnte er diese beiden Hindernisse leicht bewältigen, obwohl sich ihm die Schatten von Rosenstöcken und Sträuchern in den Weg stellten, doch es genügte in der Regel am sonnenzugewandten Rand des Weges zu gehen, um keinen Schatten zu verletzen. Krösswang scheute sich auch nicht, in die an diesen Stellen manchmal nach einem Regenguss der letzten Nacht noch stehenden Wasserlachen zu steigen. Geradezu abenteuerlich waren diese beiden Gebäude aber im Winter. Das lag an der Sonne, die um die Mittagszeit so tief stand, dass er auf seinem Hinweg die Böschung unterhalb des oberen Weges suchen musste. Während dieses Problem beim Brucknerhaus durch dessen Rundung noch einigermaßen elegant und im Schwung zu lösen war, brannte das kantige und von heimtückischen Mobilfunkmasten gekrönte Arcotel seinen Schatten vor allem um die Wintersonnenwende bis an den Fluss hin in den schneebedeckten Abhang. Zwar trug Krösswang in Vorahnung solcher Schwierigkeiten lammgefütterte Stiefel mit wintertauglicher Profilsohle, doch wenn der Schnee sich im Wechsel von Plus- und Minusgraden in eine eisige Schicht verwandelt hatte, glich der Weg entlang des Schattens einer ausgefahrenen Skipiste, die ihn nicht nur einmal unsanft im Schnee landen ließ. Der Weg die Böschung hinauf war an solchen Tagen meist weniger beschwerlich, auch wenn manche Passanten ein wenig verwundert den auf allen Vieren die Böschung hinaufkraxelnden Krösswang belächeln mochten. Er bedauerte, den ihm von einem Freund für diesen Zweck geschenkten Eispickel bei einem kapitalen Sturz verloren zu haben.

2013 kam es schließlich zur lang befürchteten Katastrophe. Nach äußerst trüben und schattenfreien Weihnachtstagen reichte der Schatten des Arcotels am unvermutet sonnigen Stephanitag weit über den unteren Uferweg hin bis zur schneebedeckten Flussböschung, sodass nur ein schmaler Streifen einer schattenfreien Zone auf der Böschung zwischen Fluss und Arcotel-Schatten verblieb. Krösswang verlor beim Versuch, den Schatten eines Arcotelschen Mobilfunkmastes zu übersteigen, auf den unter dem Schnee eisglatten Steinen die Balance, und es war einem von der Vorsehung hier zu wachsen bestimmtem Büschel einer vertrockneten Schafgarbe zu verdanken, dass Krösswang nicht in den eiskalten Fluss stürzte.

Krösswang beschloss, in Hinkunft auf die täglichen Spaziergänge zu verzichten.

kroesswang
[Foto: Benjamin Rizy, 19. Februar 2014, Lesung Literaturhaus Wien]


[Verzeichnis der Texte]

1. Oktober 2013

Facetten 2013

facetten-2013

In den von Franz Schuh herausgegebenen Facetten 2013 mit Beiträgen von Erich Wimmer, Reinhard Kren, Peter Paul Wiplinger, Peter Assmann, Dominika Meindl, Henriette Sadler, Elfe Koplinger, Claudia Bitter, Magdalena Ecker, Dietmar Füssel, Andrea Starmayr, Martina Sens, Joseph Hader, Günther Androsch, Herbert Christian Stöger, Isabella Breier, Walter Pilar, Sibylle Lang, Ines Oppitz, Edeltraud Wiesmayr, Hermann Knapp, Roswitha Perfahl, Franz Zalto, Mario Rudlstorfer, Wilhelm Rager, Gunther Alois Grasböck, Alexander Krispel, Alfred Gelbmann, Günther Kaip, Richard Wall, Eleonore Traxler, Angela Flam, Dietmar Koschier, Josef Kohlböck, illustriert von Patricia Bolf-Charmi, wurde das Gedicht „Kindheit“ aus dem Zyklus „Spiegelungen“ veröffentlicht.

Zur Bestellung: Facetten 2013: Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz

7. September 2013

© Werner Stangl Linz 2017