‘Jahres.Zeiten‘


Montag.Morgen.Gesichter

Unterwegs zum Bahnhof
begleiten den Weg durch die Stadt
Montagmorgengesichter.

Manche zögern sich schläfrigen Auges
in die Helligkeit,
manche scheinen auf der Flucht.

Die schlaftrunkene Altstadt
spuckt die Übriggebliebenen der Nacht
auf den erwachenden Hauptplatz.

Gefüllt mit stationsweise Eingesammelten
durchschneidet die Straßenbahn
den träge fließenden Wochenbeginn.

Magistratsbeamte
tragen ihre paragraphengeregelte Präsenz
in schmalen Aktentaschen
in das nahe Rathaus.

Die in der Fußgängerzone
bis zehn Uhr erlaubten Lieferautos
verhindern kurze Wege.

Boutiqueverkäuferinnen
streuen ihre Weekenderinnerungen
zwischen die farblich wohlgeordneten Regale.

Schüler mit Rucksäcken tragen
antizipierend den Geruch ihrer  Schule
in den Nasen.

Südeuropäische Bettler
üben die erfolgversprechendste Behinderung
und spendenerheischende Mienen.

Ein Kupfermuckenverkäufer
hält resignierend seine Zeitschrift
in die erwartete Nichtbeachtung.

Das Musiktheater
tönt seine verstummte Fassade
gegen den querungsförderlichen Volksgarten.

Der in seiner strömenden Geschäftigkeit
seltsam stille Bahnhof
tauscht die zügeweise sortierten Ankommenden
gegen die ungeordnet eintrudelnden Abfahrenden;
die ersten lassen sich ihrem Ziel entgegentreiben,
die andern setzen manchmal ein Lächeln auf.

montag-morgen-gesichter

4. März 2015

Frühling, verhalten

Der Winter ist klein geworden.
Die Kälte duckt sich
hinter die kurz gewordenen Schatten.
Noch schläft die Kraft
unter den schneegescheckten Wiesen.
Der Spiegel des Flusses
schreckt vor den Farben noch zurück.
Es ist, als hielte die Zeit den Atem an,
bevor sie neue, wildere Stunden
in die Welt spült.

fruehling verhalten


[Verzeichnis der Texte]

17. März 2013

Herbst.Schmähung

Herbst! Herbst!
Schickst die Natur
auf Chlorophyllentzug,
stiehlst karge Sonnenstunden
aus den engen Tälern.
Du treibst die Nebelfetzen
als Boten läng’rer Nächte
durch die Gassen.
Du täuschst mit deinen Farben
die frühlingssücht‛gen Herzen.
Vertrieben hast du längst
den Schrill der Schwalben aus den Giebeln.
Bedrängst der Menschen Hälse
mit dicken Schals und hohen Krägen,
zwingst ihnen Mützen auf die Köpfe.
Deine Gefährten, die trägen Raben,
machst du zu Pompfüneb‛rern
des alten, lebensmüd geword‛nen Jahres.

herbst schmähung


[Verzeichnis der Texte]

7. Januar 2013

© Werner Stangl Linz 2017