‘Nacht & Tag‘


Gaukler

Als Gaukler verkleidet in deine Wünsche
stehst du versteinert auf dem Podest,
posierst für die achtlosen Passanten,
geschminkt mit den Farben der Illusion.

Die Welt in namenlosem Grau dreht sich,
du bist das Zentrum ohne Mitte,
um das die Zeit mit ihrem Band
ein trügerisches Spiel aus Möglichkeiten knüpft.

So sehr du dich auch mühst
und um die Gunst der Gaffer buhlst,
in ihrem Lachen findest du allein
den Spiegel deines Schmerzes.

Nacht[Josef Fischnaller: Die Würfel des Narren. Linolschnitt 1977]


[Verzeichnis der Texte]




Nacht

Nacht –
Gefährtin und Gefäß –
du öffnest dich den Träumen,
du tastest dich entlang des Fremden.

Nacht –
Hüterin und Jägerin –
du befreist die zerstörenden Stürme,
dein dunkler Rücken wahrt das Vertraute.

Nacht –
Hoffnung und Schatten –
du liebst die Unentschlossenen,
ihr Spiel neigt die Waage deiner Gunst.

Nacht –
Spiegel und Flucht –
du stöberst im Fundus des Ungelebten,
dein Bruder Morgen kleidet sich im Gestern.

Nacht


[Verzeichnis der Texte]




Spuren.Suche

Du gehst die selben Wege jeden Tag,
doch deine eignen Spuren sind verblasst.
Des Vortags Schritte sind zu leicht als dass sie blieben.
Nur manchmal findest du aus frühen Tagen
ein vages Zeichen, einem Schatten gleichend,
Chiffre für schon vergessen erhoffte Wunden.
Und schneller werden deine Schritte,
um die Erinnerungen hinter dir zu lassen.
Und du beginnst allmählich die Welt zu fliehen,
mit ihr die Menschen, die einst Begleiter waren

literarische Spuren Taller


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© Werner Stangl Linz 2018