‘Rück.Blick‘

Kindheit II

Kindheit – das waren jene Tage
an denen im Sand jedes Glitzern
ein Diamant war oder zumindest Gold

Kindheit – das waren jene Tage
an denen jede Ritze in einem Baum
einen Schatz barg oder ein Geheimnis

Kindheit – das waren jene Tage
an denen in den sich wandelnden Wolken
die Fabelwesen aus den Träumen lebten

Kindheit – das waren jene Tage
an denen jedes Knarren und Rascheln
in der Nacht ein lustvolles Schaudern war

Kindheit – das waren jene Tage
an denen eine belauschte flüsternde Stimme
einer Fee mit drei Wünschen gehörte

Kindheit – das waren jene Tage
an denen die unausweichliche Nacht
der Abschied von einer Welt war

kindheit


[Verzeichnis der Texte]

22. September 2013

Zeit

Wer hatte uns die Zeit geschenkt?
Dieses Leben,
dieses unendliche Leben.
Voll Kraft und ungestüm
füllten wir die Seiten.
Was wir begannen,
war ein Entwurf der Möglichkeiten.
Viele Seiten vor uns.
Ungesagtes. Ungeschriebenes.
Die Zeit nahm uns die Feder aus der Hand.
Der Alltag schrieb in andre Bücher.
Fragment blieb alles.
Zwischenraum.
Als der Herbst noch eine knappe Zeit gewährte,
hofften wir in der Erinnerung
die alte Kraft zu finden,
vergaßen Wunden, die Spuren des Gelebten.
Wir wollten die vergilbten,
längst leergelebten Seiten füllen.
Wie damals.
Ungestüm.
Griffen nach dem Versäumten,
dem unausgesprochen Möglichen.
Phantasien. Illusionen. Schein.
Wer hatte uns die Zeit genommen?
Dieses Leben,
dieses endliche Leben.

erstes mal


[Verzeichnis der Texte]

6. Oktober 2011

Der Baum

Im verstummten Teil des Gartens,
nah an seiner Grenze,
steht ein alter Baum,
müde noch vom Widerstand
gegen die Stürme
des letzten Jahres.
Schatten der Erinnerung
sind eingebrannt
in seine Rinde.
An den höchsten Ästen
hängen vergessene Früchte,
die süßer werden
von Tag zu Tag,
wie spät entfachte Liebe.

hauptplatz
[Aquarell: Erwin Kastner, 2011]


[Verzeichnis der Texte]

22. Juli 2011

© Werner Stangl Linz 2017