‘Rück.Blick‘


Wohin

Wohin ist das Vertrauen der Gebete der Kindheit?
Du hast die Menschen kennengelernt,
ihre Lügen und Träume,
ihre Wahrheiten und Enttäuschungen.

Du trägst ihre Gesichter mit dir,
ihre Grimassen und Masken.
Sie drängen sich vorlaut
in deine Träume und Tage.

Manchmal kannst du ihr Schweigen nicht ertragen.
Manchmal fordern sie deine Erinnerungen,
sind dir Spiegel und Hölle zugleich.
Trotzig sind die Gebete des Alters.

licht


[Verzeichnis der Texte]

Metaphern.Begräbnis

Im stillsten Winkel
des Friedhofs der Erinnerungen
will ich ein Grab ausmessen,
so weit, dass es ein Leben fassen kann.
In ihm will ich begraben
jenen schon so fernen Tag,
als ich zum ersten Mal dich sah,
den mir so teuren Augenblick,
als ich den Treuering
an deinen Finger steckte,
und jene selt’nen Stunden,
als du von Liebe sprachst.
In ihm will ich begraben
die Hoffnung und die Worte,
aus denen ich uns eine Welt gebaut,
das Lachen und die Stille,
die uns gemeinsam
und doch einsam waren,
die Tränen, die du nicht geweint,
und deinen kühlen Zorn,
der einem Herzen galt,
das doch nur lieben wollte.
Du magst die Worte finden,
die du in jenen Stein nun schreibst,
den Stein,
der du bist.

stein-kreuz


[Verzeichnis der Texte]

LebenS|SpiegeL

Zum 26. 10.

Du ertappst dich dabei,
dass du dein Leben inszenierst.
Das Lächeln vorhin – ein Um-zu,
deine Haltung – Attitüde.

Du bist nur ein Spiegel,
der sein Gegenüber reflektiert,
Gefühle akribisch registriert,
mit einem Achselzucken quittiert.

Du saugst das Leben auf,
kannst nichts davon für dich behalten,
gibst gerecht buchführend alles zurück,
ohne deine Spuren einzumischen.

So bleibst du auf dich zurückgeworfen,
kannst deine Leere nicht füllen,
bist nur ein Gefäß deiner selbst,
Hoffnung bleibt dir fremd.

Was ist das: Liebe?

Claudia Taller im Spiegel


[Verzeichnis der Texte]

© Werner Stangl Linz 2017