‘Spiegelungen‘

Abend

Der Abend sattelt die leergelebten Stunden
und trabt den rötlichen Hügeln entgegen.
Die Schwalben zerschrillen im Flug
die verbliebenen Schatten.

Der Halbmond deiner Lider
vibriert in der Erwartung
einer versprochenen Nacht,
die spinnengleich prüfend ihre Hände
über die Dächer der Häuser legt,
die in die Buchten der Hügel sich kauern.

Gleich Spinnwebenflor spinnt sich die Nacht
an die erblindenden Fenster.
Der Duft fernen Ginsters
durchragt die Kühle der Leere,
und löscht die letzte Erinnerung.

[Foto: Benjamin Stangl, Wien 2016]

8. Dezember 2016

Die Mauer

mauer

Du baust eine Mauer
aus leergesungenen Träumen,
aus gebrochenen Versprechen,
aus zerlebten Tagen versäumter Hoffnungen,
aus verstreuten Fragmenten,
die du für das Leben hieltest.

Die bedrohten Zwischenräume
füllst du mit verbrauchten Lügen,
dir fremd gewordnen Illusionen,
zu oft geweinten Tränen,
unausgesprochnem Zorn
und vergessen gehoffter Wut.

Diese Mauer schützt dich nicht
vor dem Stachel der Erinnerungen.
Jeder Stein trägt noch die Glut alter Feuer,
jeder von ihnen gleicht einem Spiegel,
jeder Zwischenraum eine schutzlose Wunde.
Dein Leben aufgetürmter Verzicht.


[Verzeichnis der Texte]

22. Mai 2016

Zeitenwelke

Angehäuft sind da ernsthaft Monate,
verhüllt in einem Gewand
aus den Fäden versäumter Tage gewoben.
Die Uhr, die auf dem Land sich ins Moos gelegt,
auseinandergebrochen und verwundet,
eine verschattete Spur unter dem Keil der Zeiger.
Das sind die Zeiten, die weder Finger noch Licht einfingen,
kostbarer als ein zerbrochener Fächer aus der Hand der Geliebten,
stummer als der Flügel einer entflohenen Hoffnung.
Das ist die hochzeitliche Zeit der erlösten Träume,
die Blütenblättern gleich wie flüchtige Schirme
hinabtaumeln.
Verwelken.

zeitenwelke


[Verzeichnis der Texte]

2. Dezember 2012

© Werner Stangl Linz 2017