‘Spiegelungen‘


Die Mauer

mauer

Du baust eine Mauer
aus leergesungenen Träumen,
aus gebrochenen Versprechen,
aus zerlebten Tagen versäumter Hoffnungen,
aus verstreuten Fragmenten,
die du für das Leben hieltest.

Die bedrohten Zwischenräume
füllst du mit verbrauchten Lügen,
dir fremd gewordnen Illusionen,
zu oft geweinten Tränen,
unausgesprochnem Zorn
und vergessen gehoffter Wut.

Diese Mauer schützt dich nicht
vor dem Stachel der Erinnerungen.
Jeder Stein trägt noch die Glut alter Feuer,
jeder von ihnen gleicht einem Spiegel,
jeder Zwischenraum eine schutzlose Wunde.
Dein Leben aufgetürmter Verzicht.


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Zeitenwelke

Angehäuft sind da ernsthaft Monate,
verhüllt in einem Gewand
aus den Fäden versäumter Tage gewoben.
Die Uhr, die auf dem Land sich ins Moos gelegt,
auseinandergebrochen und verwundet,
eine verschattete Spur unter dem Keil der Zeiger.
Das sind die Zeiten, die weder Finger noch Licht einfingen,
kostbarer als ein zerbrochener Fächer aus der Hand der Geliebten,
stummer als der Flügel einer entflohenen Hoffnung.
Das ist die hochzeitliche Zeit der erlösten Träume,
die Blütenblättern gleich wie flüchtige Schirme
hinabtaumeln.
Verwelken.

zeitenwelke


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Der Stadt entgegen

Der Tag wickelt sich aus der Nacht.
Seine Fühler summen.
Jetzt hängt er frei im Himmel
wie ein Weltkörper rollend.
Die Sonne schwimmt über den Horizont,
der Strom der Asphaltbahnen treibt hin,
breit zur grünen Küste der Hügel.

Der Wind spielt mit den Stunden
um Werden und Sein, um Leben und Sterben.
Der Kessel erwachendes Feuer
singt an der Kruste des zerbrochenen Flügels,
und drückt seine zähe Last
durch das regenbogenfarbene Tor voraus
zur Stadt hin.

Unter dem wallenden Segel am Himmel aber
gleitet und stolpert der kohlschwarze Schatten
wie ein Fuß über die Häuser und Plätze,
über das Geschrei der Händler
und das Gespött der Gottlosen
hinweg.

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© Werner Stangl Linz 2018