‘Spiegelungen‘


Abschied

Du hieltest lang in deinen Händen
das dunkle Gesicht der Nacht,
als wäre es von einem Dämmern erhellt.
Beim Abschied sah ich, wie die Sonne
in den Buchten deiner Augen erlosch.
Wann werde ich mein Land wiedersehen,
den Horizont deines Gesichts?
Ich werde andere Himmel sehen,
an Quellen andrer Lippen trinken,
duftend und nächtlich,
doch wenn der verhängnisfarbene Traum
die verklingende Erinnerung entfacht,
beklage ich den Verlust der Heimat,
dürstend nach dem Regen deiner Augen.
Achtlos fließt der Tag
vor den Fenstern der Fremde.
Lasst mir die Hoffnung.


Veröffentlicht in Almut Armélin & Ulrich Grasnick: Wenn wir den Atem anhalten: Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis 2017. Berlin-Brandenburg: Quintus, S. 128.


abschied


[Verzeichnis der Texte]




Die Mauer

mauer

Du baust eine Mauer
aus leergesungenen Träumen,
aus gebrochenen Versprechen,
aus zerlebten Tagen versäumter Hoffnungen,
aus verstreuten Fragmenten,
die du für das Leben hieltest.

Die bedrohten Zwischenräume
füllst du mit verbrauchten Lügen,
dir fremd gewordnen Illusionen,
zu oft geweinten Tränen,
unausgesprochnem Zorn
und vergessen gehoffter Wut.

Diese Mauer schützt dich nicht
vor dem Stachel der Erinnerungen.
Jeder Stein trägt noch die Glut alter Feuer,
jeder von ihnen gleicht einem Spiegel,
jeder Zwischenraum eine schutzlose Wunde.
Dein Leben aufgetürmter Verzicht.


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Zeitenwelke

Angehäuft sind da ernsthaft Monate,
verhüllt in einem Gewand
aus den Fäden versäumter Tage gewoben.
Die Uhr, die auf dem Land sich ins Moos gelegt,
auseinandergebrochen und verwundet,
eine verschattete Spur unter dem Keil der Zeiger.
Das sind die Zeiten, die weder Finger noch Licht einfingen,
kostbarer als ein zerbrochener Fächer aus der Hand der Geliebten,
stummer als der Flügel einer entflohenen Hoffnung.
Das ist die hochzeitliche Zeit der erlösten Träume,
die Blütenblättern gleich wie flüchtige Schirme
hinabtaumeln.
Verwelken.

zeitenwelke


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© Werner Stangl Linz 2018