‘Wende.Zeiten‘


Aufbruch.Stimmung

Noch tragen die Eichen
das Laub der alten Tage,
die Stürme des Neuen
greifen entschlossen
nach den brüchig gewordenen Ästen.
Das Geschnatter der Böen
zerbricht das Blau des Himmels
im Spiegel des Flusses.

Noch kleidet das Herz
die Trauer der vertrauten Enttäuschung,
die neuen Stunden überschreiben
zögernd nur
die Spuren des Gestern.
Die Schreie der Vögel
zerreißen die Fäden des Gewohnten.

Was wiegt eine Hoffnung
in den Händen der Unentschlossenen?

aufbruchstimmung


[Verzeichnis der Texte]

Metaphern.Begräbnis

Im stillsten Winkel
des Friedhofs der Erinnerungen
will ich ein Grab ausmessen,
so weit, dass es ein Leben fassen kann.
In ihm will ich begraben
jenen schon so fernen Tag,
als ich zum ersten Mal dich sah,
den mir so teuren Augenblick,
als ich den Treuering
an deinen Finger steckte,
und jene selt’nen Stunden,
als du von Liebe sprachst.
In ihm will ich begraben
die Hoffnung und die Worte,
aus denen ich uns eine Welt gebaut,
das Lachen und die Stille,
die uns gemeinsam
und doch einsam waren,
die Tränen, die du nicht geweint,
und deinen kühlen Zorn,
der einem Herzen galt,
das doch nur lieben wollte.
Du magst die Worte finden,
die du in jenen Stein nun schreibst,
den Stein,
der du bist.

stein-kreuz


[Verzeichnis der Texte]

Frost

Die Frucht der Rosen
birst im ersten Frost.
Mit ihr zerbricht das Glas der Zeit,
das die Erinnerungen birgt.

Das alte Jahr zerstiebt –
mit ihm auch die Versprechen,
die manche Lippen gaben.

So kommt die neue Zeit daher
ohne Versprechen, ohne Hoffnung,
sodass dein Herz sich ihr verschließt.

frost[Foto: Herbst; W.S. 2010]


[Verzeichnis der Texte]

© Werner Stangl Linz 2017