Heimat

Die Heimat ist kein Ort,
schmückt sich mit keinem Namen.
Sie ist nicht dort,
wo man dich braucht,
sie ist im steten Werden,
wo man dich liebt.
Nicht Brief und Siegel
machen sie zu deinem Eigentum,
es sind die Hoffnung und das Sehnen,
die Haus dir sind …
und Welt.
Sie ist kein Ziel der Sehnsucht,
sie ist ihr Ursprung,
ihr stilles Sein
in einem Du.

hauptplatz


[Verzeichnis der Texte]

… ::: Montagslächeln

Zu “Heimat”

  1. Ingeborg Bachmann

    Erklär mir Liebe

    Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
    dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
    dein Herz hat anderswo zu tun,
    dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
    das Zittergras im Land nimmt überhand,
    Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
    von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
    du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
    was soll dir noch geschehen –

    Erklär mir, Liebe!

    Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
    die Taube stellt den Federkragen hoch,
    vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
    der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
    das ganze Land, auch im gesetzten Park
    hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

    Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
    und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
    Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
    Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
    hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
    daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
    und nähm den Weg zum roten Erdbeerstrauch!

    Erklär mir, Liebe!

    Wasser weiß zu reden,
    die Welle nimmt die Welle an der Hand,
    im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
    So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
    Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

    Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
    sollt ich die kurze schauerliche Zeit
    nur mit Gedanken Umgang haben und allein
    nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
    Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

    Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
    Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
    durch jedes Feuer gehen.
    Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.


    Ingeborg Bachmann: Erklär mir, Liebe. Die Zeit. Hamburg, Jg. 11, Nr. 29, 19. Juli 1956, S. 7.


Heimat

© Werner Stangl Linz 2017