Lakonische Verse

Die lakonischen Verse (Synonyme: Lakonische Geschichten, Lakonische Gedichte, Lakonische Zeilen) sind der Versuch der Entwicklung einer neuen Literaturform, die vergleichbar einigen klassischen Formen (Sonett, Haiku) formale Regeln vorgibt, wie die Texte zu gestalten sind. Diese Literaturform soll sich aber neben den formalen Vorgaben auch an den aktuellen, neuen Medien bzw, Kommunikationsformen orientieren (SMS, Twitter), wobei ein gewisser Spielraum offen bleiben soll – also keine Beschränkung auf 140 Zeichen wie in Twitter oder 160 für eine SMS, auch wenn diese Grenzen reizvollerweise auch in strengeren Unterkategorien gepflogen werden können (#LV140 oder #LV160). Für Twitter sollte das Kürzel #LakonischeVerse oder #LakVers gewählt werden. Bei Twitter- oder SMS-Versen sollte „/“ als Trennzeichen verwendet werden.

Die Regeln der lakonischen Verse:
Drei Zeilen oder Sätze mit folgenden Inhalten:

  • 1. Zeile oder Satz: Situation, Ausgangslage, Bild
  • 2. Zeile oder Satz: Ereignis, Geschehen, Ablauf
  • 3. Zeile oder Satz: Folge, Überraschung, Clou

Die Lakonischen Verse haben keinen Titel, sondern werden von den AutorInnen nur durchnummeriert, sodass sie sich wie folgt einfach zitieren lassen: Werner Stangl Lakonische Verse #1, Max Dichter Lakonische Verse #17. Die Zeilen oder Sätze können mit oder ohne Trennzeichen geschrieben werden. Jede Zeile muss mindestens ein Wort enthalten.

Die Intention ist, dass diese drei Zeilen im Kopf der LeserInnen oder RezipientInnen erst eine Geschichte oder ein Bild entstehen lassen, die sich bei einer oberflächlichen Lektüre bzw. Faktenorientierung am Geschriebenen nicht automatisch einstellen, sondern erst in der subjektiven Interpretation oder Gestimmtheit der LeserInnen Sinn bzw Bedeutung erhalten.

Erste Versuche finden sich unter Lakonische Verse 1-X.

Es gibt aber auch schon Lakonische Verse von Freundinnen und Freunden

AutorInnen werden hier explizit ermuntert, in ihren Weblogs oder anderen Netzmedien eigene Seiten einzurichten, wobei empfohlen wird, eine Kommentar- oder Feedbackmöglichkeit vorzusehen, in denen LeserInnen spontane Reaktionen aber auch eigene Lakonische Verse in den literarischen Cyberspace stellen können. Es wird auch um Vorschläge für die weitere Gestaltung der Form der Lakonischen Verse gebeten: LakonischeVerse@stangl.eu

Historische Anmerkungen

λακωνικός lakōnikos, lat. laconicus) wird eine knappe, aber treffende, trockene, schmucklose Ausdrucksweise bezeichnet, die einst als charakteristisch für die Bewohner Lakoniens galt. Lakonien war ein Landstrich des Peloponnes im antiken Griechenland, der von den wortkargen Spartanern besiedelt wurde. Hintergrund der lakonischen Kürze war der militärische Befehlsstil.
Als Philipp II. mit seinem Heer herannahte, sandte er der Legende nach folgende Drohung an die lakonische Hauptstadt Sparta: „Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen werden.“ Darauf antworteten die Spartaner: „Wenn.“ Die lakonischen Sprüche gingen als Topoi in die Rhetorik ein. Die Lakonie tendiert zu Sentenz und Aphorismus. Das lakonische Pathos der Sachlichkeit/ Entschiedenheit verbindet sich aber nicht zwangsläufig mit Klarheit, denn häufig werden ihr Dunkelheit und Mehrdeutigkeit zugeschrieben, oft kritisiert, seltener geschätzt. Blütezeit des lakonischen Stils war die Silberne Latinität und ihre Rezeption im Späthumanismus/Barock. Sprachwitz und Redewendungen wie „In der Kürze liegt die Würze“ zeigen, dass Lakonie Bestandteil der Alltagssprache ist. Durch Kontrast, Gegensatz, Zuspitzung und Überraschung entwickelt sich aus der lakonischen Kürze (Brachylogie) die Lakonie, gattungsmäßig in Epigramm und Fabel, rhetorisch als Lakonismus. Lakonie dient der Prägnanz (lehrhafte Kürze), der Spannungserregung und der Steigerung des Nachdrucks. Tacitus intensiviert die Lakonie durch begriffliche Abstraktion und syntaktische Variation. Die lakonische Sentenz etabliert sich als Stilmittel der Prosa. Dunkelheit erscheint als Gefahr (Horaz). Im 16./17. Jh. rezipiert die Rhetorik die antike Lakonie (z.B. lipsianischer Stil). Im Barock wird sie Element gesellschaftlichen Takts und dient elitärer Distinktion. Die argutia-Bewegung stellt lakonischen Scharfsinn, Erfindungsreichtum, semantische Dichte und Spannungserregung in den Mittelpunkt der Rhetorik. Die Aufklärung betrachtet „Geist“, „Witz“ und „Kürze“ als synonym: Kürze und Klarheit (Winckelmann), Erfahrungswissen, Vernunft und Vergnügen (Lichtenberg) korrelieren miteinander. Rhetorizität und ästhetische Qualität der Lakonie halten sich in Literatur und Wissenschaftsprosa bis ins 20. Jh. Semantische Dichte, syntaktische Variabilität und Interpretationsoffenheit der Lakonie erweisen sich als dezidiert modern.

Schon bei Bertolt Brecht gibt es die im Volksliedton verfassten lakonischen „Kurzgedichte“, die in der Literaturgeschichte als kleine lyrische Spielerei oder nette Einfälle bezeichnet wurden, wobei aber die hier intendierte Form über die von Brecht vermutlich intendierte Verschlüsselung für den Leser insofern hinausgehen soll, dass sie keine biographischen Rätsel oder Anspielungen darstellen sollen, sondern sich jeder Leserin und jedem Leser erschließen sollten. Die lakonischen Verse sind auch im Gegensatz zu der in Samuel Becketts Spätwerk zu findende freie Form weniger inhaltlich als stärker formal an Regeln gebunden. Eine größere Nähe besteht hingegen zu Eric Saties kurzen, lakonische Klavierminiaturen, klingende Genrebildchen, von denen keines länger als eine Minute dauert, aber jedes pointiert und anspielungsreich daherkommt.

In der Google-Suche gibt es am 8. September 2010 „ungefähr 45 Ergebnisse“ bei der Suche nach „lakonischen Versen“ und 91 bei der nach „lakonische Verse“, am 12. September waren es 47 bzw. 108 Ergebnisse.

W.S.

Quellen
http://de.wikipedia.org/wiki/Lakonisch (10-08-09)
Metzler Lexikon Ästhetik. Kunst, Medien, Design und Alltag, hg. von Achim Trebeß, Stuttgart: Metzler, 2006, S. 231.





Lakonische Verse

© Werner Stangl Linz 2017