Sprachliches Unkraut

Das unvollendete Präteritum
hofft auf Perfektion.
Im hölzernen Satzbau
vermodern die Modi.
Das optimistische Futur
füttert die Gegenwart.

Maskulina und Feminina
geben sich dem Genuss hin.
Künstliche Komposita
haben es gestrichen voll
und zerfallen zerschmettert
auf dem Komposthaufen der Lettern.

Selbstgefällige Adjektiva
widersetzen sich der Mülltrennung.
Ein unerhörtes Appellativum
verirrt sich zwischen Parenthesen
und zerschellt schließlich
an einem Exklamationszeichen.

Eine achtlos hingeworfene Interjektion
folgt ihren Partikularinteressen,
Nebensätze setzen sich kommentarlos
zwischen zwei Stühle.
Präfix und Postfix
haben sich endgültig getrennt.

Umständliche Adverbia
stauen den Sprachfluss,
niedliche Diminutiva
verkümmern artgerecht,
Augmentativa zerplatzen
als Sprechblasen.

Verbogene Verben
suchen ihr grammatikalisches Rückgrat,
Nomina bleiben hingegen flexibel.
Dekliniert fürchten sich
zuletzt alle vor dem Durchfall
und hoffen auf einen Schlusspunkt



Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018

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Sprachliches Unkraut

© Werner Stangl Linz 2018