Warum Krösswang nicht mehr über Schatten springt

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Nur die Sonne wirft keinen Schatten.

Krösswang schaute auf die Uhr: 12 Uhr 45. Nach seiner Tabelle war 12 Uhr 47 der ideale Zeitpunkt, das Haus zu verlassen. Er wusste, dass er vom Verlassen der Wohnung bis zum Haustor genau zwei Minuten brauchte. Die Tabelle hatte sein Leben ungemein erleichtert. Ein befreundeter Mathematiker hatte für 365 bzw. 366 Tage im Jahr jeweils jenen Zeitpunkt berechnet, zu dem die Sonne vor seiner Haustüre keinen Schatten mehr warf. In der Zeit vor der Tabelle hatte er an seinem Wohnzimmerfenster stehend mit Hilfe eines Feldstechers in der Spiegelung der Glasfront des gegenüberliegenden Hauses den Zeitpunkt abgewartet, zu dem er das Haus verlassen konnte, ohne über dessen breiten Schatten springen zu müssen. Durch eine Verzerrung in der spiegelnden Front war er manchmal einige Minuten zu früh oder zu spät gewesen.
Tabellen hingegen logen nicht.

Krösswang konnte somit den täglichen Spaziergang durch den nahen Brucknerpark in Angriff nehmen. Er überquerte den Platz vor dem Haus und achtete penibel darauf, nicht in den Schatten der mit den Jahren mächtiger gewordenen Eiche zu treten, die seiner Ansicht nach das städtische Gartenamt nur pflanzen hatte lassen, um sein Leben zu erschweren. Bis zum Brucknerpark waren es 331 bis 338 Schritte, und es gab nur wenige kritische Stellen wie den Schatten der Ampel über dem Zebrastreifen, auf dem er die Untere Donaulände überquerte. Früher hatte er die stark befahrene Straße direkt vor seinem Haus überwunden, doch seit ihn ein Polizist freundlich aber bestimmt ermahnt hatte, den dafür vorgesehenen Fußgängerübergang zu nutzen, nahm er die Bedrohung durch den Schatten der Ampel beim Schutzweg in Kauf. Im übrigen war es meist problemlos möglich, durch einen geeigneten Winkel beim Betreten des Zebrastreifens nicht in den Schatten der Ampel zu geraten, selbst wenn auf seinem berechneten Weg eine Passantin oder ein Passant entgegenkam. Stets prüfte er vor dem Überqueren die Lage, beobachtete argwöhnisch die eventuell an der gegenüberliegenden Gehsteigkante Wartenden, und schätzte deren erwartbaren Überquerungsweg. Mit der Zeit hatte er ein umfangreiches Know-how für diese kritische Situation entwickelt, und nur selten kam es vor, dass er entgegen seiner Berechnung vor einem Entgegenkommenden stehen bleiben musste, um nicht selber in den Schatten der Ampel auf dem Zebrastreifen zu treten.

Krösswang liebte die trüben Tage, an denen dichte Wolken den Himmel und somit die Sonne verdeckten, sodass auf dem etwa halbstündigen Spaziergang keine Schatten zu befürchten waren. Trügerisch waren jene gemischten, windigen Tage, an denen die Sonne zwischen dichten Wolken unvermutet durchbrach und unmittelbar vor seine Füße den Schatten eines Baumes oder eines Gebäudes zeichnete. Auch die diffusen Tage fürchtete Krösswang. Es gab an solchen Tagen an einigen Stellen des Weges keine klar erkennbare Differenzierung zwischen Schatten und Nicht-Schatten, sodass er auf Erfahrungswerte angewiesen war, an welchen Stellen des üblichen Weges prinzipiell ein Schatten, wenn auch ein unscharfer, möglich war.

Interessanterweise konnte Krösswang nicht mit Überzeugung Auskunft darüber geben, ob er den Sommer oder den Winter bevorzugte. Einerseits war der Sommer durch die Mehrzahl der Sonnentage schattenreicher als der Winter, doch waren die Schatten während seines Spazierganges in der Regel leichter zu vermeiden als an den statistisch selteneren sonnigen Wintertagen. Im Winter kam das Handicap der Schattenlängen hinzu. Krösswang drehte täglich eine Runde bis zum Schatten der Eisenbahnbrücke, die er nicht so sehr wegen ihres bedenklichen Bauzustandes sondern als potentielle Schattenwerferin fürchtete, wobei er den Hin- und Rückweg sorgfältig nach der vorherrschenden Windrichtung wählte: bei Westwind benutzte er für den Hinweg den unteren der Donau näherliegenden Gehweg, für den Rückweg den oberen und durch Sträucher und Bäume windgeschützten, während bei Ostwind die umgekehrte Route angebracht war. Bei Nord- oder Südwind, die in Linz statistisch beinahe vernachlässigbar auftraten, warf er auf der Höhe des Lentos eine für diesen Zweck vorbereitete Münze, um sich für eine Variante zu entscheiden.
Für Krösswang hatte alles im Leben eine schicksalsbezwingende Ordnung.

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[Foto: Benjamin Rizy, 19. Februar 2014, Lesung Literaturhaus Wien]

Für Außenstehende glich Krösswangs täglicher Parcours durch den Brucknerpark vermutlich einem unerklärlichen Hindernislauf, denn kaum hatte er den auf der oberhalb der Böschung liegenden Weg entlang der Donau erreicht, musste er den Schatten der eingangs stehenden Kastanie umkurven. Das gehörte noch zu den leichteren Übungen. Schwieriger waren schon die Schatten der Laub- und Nadelbäume, die den oberen Gehweg säumten, doch waren sie auf Grund ihrer Immobilität leicht auszurechnen. An einigen von ihnen beobachtete Krösswang mit Genugtuung die deutlichen Folgen der Verticillium-Welke und der Wurzelfäule, auch wenn er sich nicht wirklich der Illusion hingab, das Baumsterben könnte ihm das Leben erleichtern. Mit geradezu bedrohlicher Sorgfalt wurden alljährlich kranke Bäume von der städtischen Gartenverwaltung gefällt und durch neue ersetzt. Das betraf auch Sträucher und Rosenstöcke, die aber zum Glück jedes Jahr im Herbst oder Frühjahr zurechtgestutzt wurden.

Krösswang war nicht allzu groß und im Laufe der Jahre ein wenig rundlich geworden, aber es kostete ihn selbst im Ruhestand keine Anstrengung, die sich in den Weg stellenden Schatten frisch gepflanzter Bäumchen und kleinerer Sträucher zu übersteigen. Oder mit einer ihm eigenen natürlichen Eleganz zu überspringen. Besondere Fertigkeiten erforderten die beweglichen Objekte auf seinem Weg, allen voran die ihm entgegenkommenden Menschen. Bei diesen kam es auf das genaue Timing an, den ersten Fuß exakt vor dem Schatten aufzusetzen und gezielt den zweiten dahinter, wobei Krösswang in dieser Hinsicht beidbeinig war, was bedeutete, er musste dafür nicht die Schrittfolge in Form eines Wechselschrittes tauschen. Entscheidend war, in welchem Tempo die Entgegenkommenden unterwegs waren, denn bei Joggerinnen und Joggern war eine exakte schritttaktische Anpassung notwendig. Krösswang peilte daher die heranfliegenden Schatten genau an und sprang meist mit beiden Beinen gleichzeitig hoch, sodass die Schatten unter seinen Füßen durchgleiten konnten. Zum Glück nutzten die meisten Jogger die Wiese mit der ins Gras tief eingetretenen Joggingspur, die Krösswang prophylaktisch großräumig vermied. Krösswang hatte ein spezielles Sensorium für Jogger entwickelt, die sich ihm heimlich und hinterrücks näherten, denn er hörte von Weitem entweder deren schnellere Schritte oder deren mehr oder minder rhythmisches Keuchen, sodass er instinktiv den der Sonne zugewandten Wegesrand aufsuchen konnte. Hier war die Gefahr vernachlässigbar, wenn auch nicht hundertprozentig auszuschließen.
Krösswang war immer sprungbereit. Das galt auch für Radfahrer, Rollschuhfahrer, Inlineskater und Skateboarder.

Krösswang wählte zwar vorsorglich stets den der Sonne näherliegenden Wegesrand, allerdings wusste er von zahlreichen Begegnungen mit Hunden zu berichten, die ihn mit ihren hechelnden Schatten zu bedrängen suchten. Für manche Hundebesitzerin – um diese Tageszeit waren ausschließlich Frauen mit ihren Vierbeinern unterwegs – mochte es wie die extreme Ausprägung einer Kynophobie erscheinen, wenn Krösswang ihnen in weitem Bogen auswich. Da Krösswang jeden Tag annähernd zur selben Zeit unterwegs war, kannten ihn die meisten Hundehalterinnen und riefen ihre Hunde zu sich, wenn sie Krösswangs ansichtig wurden.
Er war ihnen dafür dankbar.

Vögel waren ein eigenes Kapitel. Zwar hatte ihm der befreundete Mathematiker die äußerst geringe Wahrscheinlichkeit eines unvermuteten Vogelschattens vorgerechnet, doch im Innersten seines Herzens traute Krösswang dieser Statistik nicht. Vor allem an sonnigen Tagen beobachtete Krösswang argwöhnisch den Himmel. Er hatte vor Jahren ein traumatisches Erlebnis mit einer Gruppe von Schwänen gehabt, die mit ihrem markanten Wassertreten auf der Donau gestartet und genau vor ihm über die Uferböschung geprescht waren, sodass er die mächtigen Schatten der riesigen Flügel unmittelbar vor seinen Füßen auf dem Asphalt vorbeidonnern sah.
Es dauerte Wochen, bis er sich von diesem Schock erholt hatte.

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Echte Herausforderungen waren die Schatten des Brucknerhauses und des Arcotels. Im Sommer konnte er diese beiden Hindernisse leicht bewältigen, obwohl sich ihm die Schatten von Rosenstöcken und Sträuchern in den Weg stellten, doch es genügte in der Regel am sonnenzugewandten Rand des Weges zu gehen, um keinen Schatten zu verletzen. Krösswang scheute sich auch nicht, in die an diesen Stellen manchmal nach einem Regenguss der letzten Nacht noch stehenden Wasserlachen zu steigen. Geradezu abenteuerlich waren diese beiden Gebäude aber im Winter. Das lag an der Sonne, die um die Mittagszeit so tief stand, dass er auf seinem Hinweg die Böschung unterhalb des oberen Weges suchen musste. Während dieses Problem beim Brucknerhaus durch dessen Rundung noch einigermaßen elegant und im Schwung zu lösen war, brannte das kantige und von heimtückischen Mobilfunkmasten gekrönte Arcotel seinen Schatten vor allem um die Wintersonnenwende bis an den Fluss hin in den schneebedeckten Abhang. Zwar trug Krösswang in Vorahnung solcher Schwierigkeiten lammgefütterte Stiefel mit wintertauglicher Profilsohle, doch wenn der Schnee sich im Wechsel von Plus- und Minusgraden in eine eisige Schicht verwandelt hatte, glich der Weg entlang des Schattens einer ausgefahrenen Skipiste, die ihn nicht nur einmal unsanft im Schnee landen ließ. Der Weg die Böschung hinauf war an solchen Tagen meist weniger beschwerlich, auch wenn manche Passanten ein wenig verwundert den auf allen Vieren die Böschung hinaufkraxelnden Krösswang belächeln mochten. Er bedauerte, den ihm von einem Freund für diesen Zweck geschenkten Eispickel bei einem kapitalen Sturz verloren zu haben.

2013 kam es schließlich zur lang befürchteten Katastrophe. Nach äußerst trüben und schattenfreien Weihnachtstagen reichte der Schatten des Arcotels am unvermutet sonnigen Stephanitag weit über den unteren Uferweg hin bis zur schneebedeckten Flussböschung, sodass nur ein schmaler Streifen einer schattenfreien Zone auf der Böschung zwischen Fluss und Arcotel-Schatten verblieb. Krösswang verlor beim Versuch, den Schatten eines Arcotelschen Mobilfunkmastes zu übersteigen, auf den unter dem Schnee eisglatten Steinen die Balance, und es war einem von der Vorsehung hier zu wachsen bestimmtem Büschel einer vertrockneten Schafgarbe zu verdanken, dass Krösswang nicht in den eiskalten Fluss stürzte.

Krösswang beschloss, in Hinkunft auf die täglichen Spaziergänge zu verzichten.

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[Foto: Benjamin Rizy, 19. Februar 2014, Lesung Literaturhaus Wien]


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Warum Krösswang nicht mehr über Schatten springt

© Werner Stangl Linz 2017