‘Essay‘


Hole-in-one am letzten Loch

stroke

Eine Kranken(haus)geschichte ohne literarischen Anspruch

An einem Herbsttag wie jedem anderen – vielleicht war er doch ein wenig anders als die anderen, aber das weiß man bekanntlich immer erst im Nachhinein – begleitete die Arbeit am Computer ein Schwindelgefühl, das sich im Laufe des Tages verstärkte und eine schlaflose Nacht einleitete, die am nächsten Morgen mit einem Anruf beim Ärztenotdienst endete.

Eine freundliche Stimme fragte, wie man helfen könnte, und kündigte nach der Schilderung der Beschwerden an, dass ich in ein paar Minuten mit dem Eintreffen des Roten Kreuzes rechnen könnte. Es waren fünf oder zehn Minuten vergangen, in denen ich mich ankleiden konnte, da klingelte es am Haustor. Mit Hilfe der Wand und eines Stuhls tastete ich mich zum Türöffner und schloss auch gleich die Wohnungstür auf. Erschöpft ließ ich mich auf den Stuhl fallen. Da hörte ich zwei Stimmen im Stiegenhaus – ich rief, dass das Haus einen Lift hätte – doch die beiden waren schon an der Wohnungstür, klopften an und traten ein. Ein junger Mann – wie ich später erfuhr, ein Zivildiener im letzten Monat seines Dienstes – und ein blondes großgewachsenes Mädchen, das in diesem Augenblick ein wenig an einen Engel erinnerte, traten ein. Sie stellten einen Koffer mit ihrer Ausrüstung ab. Nach der Schilderung der Beschwerden und der Beantwortung einiger Fragen, der Messung des Blutdrucks entschieden sie, dass sie mich in ein Krankenhaus bringen müssten, um alles abzuklären. Auf die beiden gestützt verließ ich die Wohnung und wurde unter ermutigenden und sorgenden Worten zum wartenden Rettungswagen gebracht, wo ich an einen Stuhl gegurtet wurde. Der junge Mann nahm vor mir Platz und reichte mir „sicherheitshalber“ ein Säckchen, das ich während der kurzen Fahrt unter tröstenden Worten des Begleiters prompt in Anspruch nehmen musste.

Angekommen im Krankenhaus begleiteten mich die beiden zur Aufnahme und brachten mich vor die Triage, wo sie mich mit den besten Wünschen einer Krankenschwester übergaben, die mich in ein Untersuchungszimmer führte, in dem ich sitzend auf den Arzt warten sollte. Sie überreichte mir eine Tasse mit einem Papierhandtuch, falls mir wieder übel werden sollte, was in den nächsten Minuten mehrmals geschah.

Der alsbald eintretende Arzt stellte sich freundlich vor und überprüfte nach Schilderung der bisherigen Beschwerden mit Geduld und ohne jegliches Drängen die beschriebenen Störungen. Er ließ mir Zeit, nach belastenden und die Symptome verstärkenden Bewegungen wieder zur Ruhe zu kommen, und stellte schließlich eine erste Diagnose: transitorische ischämische Attacke. Er erklärte mir, dass es sich dabei um die Form eines kleinen Schlaganfalls handelt, telefonierte und ordnete meine Aufnahme in das Krankenhaus an, um die genaue Ursache abzuklären. Er wünschte mir alles Gute und wenn ich mich recht erinnere, fügte er noch hinzu, dass alles wieder in Ordnung kommen werde.

Schon ein paar Minuten später war ich auf einem fahrbaren Stuhl unterwegs in die neurologische Abteilung, geschoben von einem Zivildiener, der erst vor ein paar Wochen hier begonnen hatte. Auch er verabschiedete sich mit guten Wünschen und gab mir die Hand.

Es sind zu viele fürsorgliche und in der Routine dennoch auf jeden Patienten geduldig eingehende Menschen, die ich hier aufzählen müsste und denen ich in der neurologischen Abteilung in den nächsten fünf Tagen begegnete.

Seien es die Krankenschwestern, die den Blutdruck oder die Temperatur maßen, Blut abnahmen oder mich mit dem Überwachungscomputer verkabelten oder von diesem entkabelten, alle waren fröhlich und nahmen so Anteil, als wäre man der einzige Patient auf der ganzen Station. Alle stellten sich vor und man bekam schon ein schlechtes Gewissen, wenn man es einfach nicht schaffte, sich all ihre Namen zu merken, etwa den Namen jener Krankenschwester im Nachtdienst, die die wegen der zahlreichen Überwachungsgeräte schlaflosen Nacht und durch das ungewohnte Liegen entstandenen Rückenschmerzen durch einer Massage mit einem erfrischenden Gel linderte, oder die Schwester, die beim Warten auf eine Untersuchung mir die möglichen Ursachen der Verzögerung erklärte und mir dadurch das Gefühl nahm, vielleicht vergessen worden zu sein.

Das in Anspruch genommene Transport- und Begleitpersonal, das vorsichtig und unter Rücksichtnahme auf den im Bett Liegenden, am Stuhl Sitzenden oder neben ihnen Gehenden die manchmal holprigen Liftein- und –ausstiege, Übergänge und Schwellen bewältigte und immer zum richtigen Ziel fand. Auch hier jedes Mal ein freundliches Wort bei der Begrüßung, während des Transportes, der Begleitung oder beim Abschied.

Aber auch das Reinigungspersonal, das höflich und stets unter großer Rücksicht seine Tätigkeiten verrichtete, schenkte mir und allen anderen Mitpatienten immer wieder einen freundlichen Blick. Besonders in Erinnerung blieb mir das vorsichtige Schließen der Zimmertüre, nachdem sie ihre Arbeit verrichtet hatten.

Auch die zahlreichen Ärzte bei der Visite, die sich trotz der großen Zahl an Patienten Zeit ließen, fanden stets ermutigende Worte, erklärten geduldig die Zusammenhänge. Und vor allem machten sie Hoffnung, dass alles ein gutes Ende finden würde. So unterschiedlich sie auch waren – einige blieben in Distanz an ihrem fahrbaren Computertisch, andere setzten sich auf einen Stuhl neben dem Bett oder auch auf die Bettkante -, allen merkte man das Interesse am Menschen an, mit dem sie es zu tun hatten.

Besonders aufmerksam war auch die Untersuchung der kurzzeitig auftretenden Sehstörungen in Form von Doppelbildern durch die Orthoptikerin und die Primaria der Sehschule, die sich nicht nur viel Zeit für ihre Überprüfungen nahmen, sondern immer wieder durch Erklärungen zeigten, dass ein Verständnis des Patienten für seine Symptome diesem bei deren Bewältigung hilfreich sein kann.

Am Tag der geplanten Entlassung, der zufällig mit meinem Geburtstag zusammenfiel, wurde mir von vielen gratuliert bzw. es war schon in den Tagen zuvor immer mein bevorstehender Geburtstag angesprochen worden. Schließlich war mir zwei Tage davor angekündigt worden, dass ich diesen wohl außerhalb des Spitals feiern könnte. Mehrmals wurde ich am Vormittag des Geburtstags gefragt, wie denn nun meine heutige Geburtstagsfeier aussähe. Und als ich antwortete, dass ich diesen Tag allein mit meinem Sohn, der aus Wien dafür angereist war, eher still bei einem gemeinsamen Abendessen begehen würde, wünschte man uns beiden eine schöne Feier, wobei sie lächelnd hinzufügten, dass ein Geburtstag in einem Krankenhaus wohl für niemanden sehr feierlich wäre.

Bei der vormittäglichen Visite an meinem Geburtstag kündigte mir der untersuchende Arzt an, dass er sich mit seinem Gutachten beeilen werde, dass ich schon um etwa dreizehn Uhr den Patientenbrief ausgehändigt bekäme und das Krankenhaus verlassen könnte. Um richtig zu feiern, wie er hinzufügte.

Als ich um dreizehn Uhr, nachdem ich all meine Habseligkeiten verstaut und mich für das Verlassen des Krankenhauses angekleidet hatte, bei der Stationsschwester nachfragte, erhielt ich die Anwort, dass der Primar als Leiter der Abteilung immer alle Berichte noch einmal kontrollierte, aber dass er sie nach Auskunft der Ärzte schon erhalten hätte. Mit Genugtuung nahm ich diesen Umstand zur Kenntnis, denn im Grunde ist das ein Zeichen der Ernsthaftigkeit, wie eine Abteilung geführt wird.

Mein Sohn war inzwischen eingetroffen und wir verließen gemeinsam das Zimmer, in dem ich die letzten Tage verbracht hatte. Dabei sahen wir, wie der Primar, den ich bisher nur aus den im Zimmer aufliegenden Patientenunterlagen kannte, sich mit einigen Ärzten und Schwestern unterhaltend an der offenen Tür des Zimmers vorbeiging. Mein Bett war inzwischen auch neu bezogen worden und daher für eine Neuaufnahme freigegeben. Wir verließen deshalb das Krankenzimmer und begaben uns auf den langen Gang, wo auch ein Mitpatient mit seiner Frau wartete, der gleichzeitig mit mir entlassen werden sollte. Dieser Mitpatient informierte mich auch, dass die Schwestern noch auf die Entlassungsurkunden warteten, dass ihnen die Ärzte aber versichtert hätten, dass diese ausgefertigt wären und nur noch den unterschriftlichen Segen des Primars benötigten.

Ich ging daher beruhigt mit meinem Sohn auf einen Kaffee ins nahe Buffet. Nach meiner Rückkehr nahm ich auf einem der Besucherstühle auf dem Gang Platz und sah, wie der Primar telefonierend in einiger Entfernung auf und ab ging. Die Schwestern meinten, dass es nun nicht mehr lange dauern könnte. Inzwischen war es vierzehn Uhr vorbei.

Der Mitpatient war wohl etwas ungeduldiger als ich und suchte immer wieder das Gespräch mit den Schwestern und den vorbeikommenden Ärzten, erhielt aber immer die gleiche Ausunft, dass es nur noch um die Unterschrift des Primar ginge. Dieser sei für ihn nicht ansprechbar gewesen und wäre inzwischen in einem Zimmer am Ende des Ganges verschwunden.

Ich nützte die Zeit, um mit ein paar Gehübungen den noch immer recht unsicheren Gang weiter zu verbessern. Dabei unterhielt ich mich auch mit der Frau des Mitpatienten, die auf Grund meiner Profession einige Fragen zur Erziehung ihres Enkelkindes hatte. Immer wieder kam der Mitpatient, der unruhig auf dem Gang unterwegs war, vorbei und sagte, dass sich noch immer nichts tue. Ich versuchte ihn zu beruhigen, verstand aber seinen Ärger.

Schließlich wurde es sechzehn Uhr, als der Primar den Gang herunter kam und an uns vorüber ging. Mein Mitpatient sprach ihn etwas genervt an und ich unterstützte ihn, indem ich meinen heutigen Geburtstag erwähnte, und dass ich doch auch endlich das Krankenhaus verlassen möchte. Dabei sagte der Mann, dass er doch ohnehin schon auf den Weg in sein Zimmer zur Unterschrift sei. In einiger Entfernung drehte er sich noch um und rief uns zu:

„Ich war Golf spielen!“





Psychologie und Literatur

Versuch über eine Konjunktion *)

Als expertisevermuteter und dadurch sich geschmeichelt fühlender Schreiber leichtfertig zustimmend, frohen Mutes, arg- und ahnungslos an das Thema “ Psychologie und Literatur“ herangehend, nähert er sich demgemäß ein wenig herablassend und mit nachträglich mehr als trügerisch sich herauskristallisierender Souveränität den Bedeutungen der beiden Begriffe an. Der erste, Psychologie, sollte wohl für jemanden, der Psychologie studiert und diese in einem wesentlichen Teil seines Lebens an einer Universität gelehrt hat, zwischen selbstverständlich und selbsterklärend angesiedelt sein. Selbst wissend, dass das lebenslang Vertraute bei genauerem Hinblicken fremd werden kann, wie in jenem Kinderspiel, bei dem man ein Wort so lange wiederholt, bis es in sinnfreies Silbenklingen und in exotisch erscheinenden Wortmelodien zerfällt. Natürlich kann er das eigene Fachgebiet von vorne bis hinten und von oben bis unten durch und durch und mehr als das definieren, nicht zuletzt deshalb, weil er es beruflich vorwiegend aus theoretischer Perspektive betrachtet hat. Also stellt er den ersten Teil des Themas frohgemut und nichtsahnend hintan und widmet sich dem zweiten: Literatur.

Das fällt deutlich schwerer, selbst wenn es ihm als gelegentlichen bis regelmäßigen Schreiber auch hie und da gelungen sein mag, etwas hervorzubringen, was gemeinhin oder zumindest von einigen Menschen in Ansätzen als Literatur bezeichnet worden ist, ist man durch eine solche Involvierung erfahrungsgemäß eher blind bei dem Unterfangen, sich an eine vom Tun abstrahierende Bestimmung desselben zu machen. Zum Glück bzw. Unglück gibt es immerhin ein wenn auch Jahrzehnte zurückliegendes Germanistikstudium, das aus Interesse an der Literatur begonnen aber aus Liebe zu ihr abgebrochen worden war – auch wenn für manchen Interesse und Zuneigung nicht allzu weit von einander entfernt liegen mögen -, denn es zeigte sich im Laufe weniger Semester, dass sich ein studierender und vorwiegend wissenschaftlicher Zugang zur Literatur nicht mit einem leidenschaftlichen vereinen lässt.

Ungeachtet dieses studienabbruch- bzw. studienwechselerzwingenden Dilemmas tauchen irrlichternd Bruchstücke aus Vorlesungen zum Thema Literatur auf, zwangsweise, denn man kann nichts vergessen, besonders nicht das, was manchmal aus guten Gründen vergessen werden will. Hängen geblieben ist Skurriles und Kurioses aus studienplanbedingt verbrachten und rückblickend lebenszeitstehlenden Stunden im Hörsaal: dass Didaktisches wie Kochbücher und berufliche Unterweisungen dereinst zur Literatur zählten, dass Belehrendes und Reisebeschreibungen, Briefe und Tagebücher irgendwann einmal die Literatur dominierten, dass Literatur – zumindest das, was wir heute im alltäglich Gebrauch darunter verstehen – erst sehr spät in schriftlicher Form festgehalten wurde, dass Literatur von Priestern und Gelehrten tradiert, vom Vater an den Sohn weitergegeben, durch Minnesänger und eher wenigen Minnesängerinnen von Burg zu Burg transportiert worden war, und dass schließlich aus diesen Tagen letztlich mehr verschollen als überliefert ist. Angesichts der heutigen und museal verklärten Archivierungswut ein kaum vorstellbares Paradies an Verlorenem und Unwiederbringlichem.

Taufscheinmäßig als der Vorinternetgeneration zuzurechnender Schreiber, aber berufsbedingt von Anfang an mit modernen Medien vertrauter als manches computersuchtgefährdete Konsolenkid und webzweipunktnullaffiner als die meisten exhibitionistischen Facebookexistenzen, hatte er doch eines der ersten literarischen Internetprojekte im deutschsprachigen Raum (www.netzliteratur.de) aktiv mitgestaltet und viel später bei einem literarischen Twitter-Wettbewerb des Duftenden Doppelpunktes den zweiten Preis gewonnen („Der orange gewandete Putzmann putzte in der U-Bahn von Irgendwo nach Nirgendwo das klebrige Bonbon vom Po“). Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Schreiber auch geneigt, digitale literarische Hervorbringungen wie Emails, Twitter, Facebook oder Weblogs der Literatur zuzurechnen – in Analogie zur rückblickend literaturhistorischen Unschärfe des Literaturbegriffs diesen spiegelbildlich auch in die Gegenwart und Zukunft zu projizieren.

Romane, die aus einer Aneinanderreihung von Emails bestehen, sind schon wieder aus der Mode, wobei seit einigen Jahren durchaus renommierte Autoren manche ihrer Texte ausschließlich digital einer internetaffinen Community naheschreiben, wobei diese auch darin geübt ist, Literatur nicht nur in in ihrer verlegbaren, druckergeschwärzten, buchdeckelbegrenzten, umblätterungsfähigen und eslsbeohrbaren Form aufzunehmen, sondern auch in Gestalt von über das Internet verbreiteten, diodengenerierten Texten vermittels batteriegetriebenem eReader ins Gehirn, ins Herz oder sonstwohin downzuloaden.

Da liegt es in der Natur der diesen Text betreffenden schreiberischen Umstände, am Computer sitzend und virtuell in einer globalen Internetlandschaft behaust, die Finger vermittels der Tastatur und der Computermaus nach dem angeblich größte Archiv menschlichen Wissens tippender- und klickenderweise auszustrecken, schlicht: danach zu googlen:

„Psychologie und Literatur“ – 211.000 Ergebnisse
„Literatur und Psychologie“ – 325.000 Ergebnisse
„Psychologie Literatur“ – 49.800 Ergebnisse
„Literatur Psychologie“ – 14.800 Ergebnisse
Literatur Psychologie –  7.620.000 Ergebnisse
Psychologie Literatur – 5.470.000 Ergebnisse

Eine Durchsicht der jeweils zuoberst auf den Bildschirm gespuckten Suchergebnisse erbrachte wenig Ergiebiges, denn schließlich ist der Gedanke, dass es psychologischer Literatur und psychologische Fachliteratur gibt, für einen Psychologen nicht wirklich überraschend, genausowenig wie die Tatsache, dass sich in der Literatur viel Psychologisches findet, bis zu der ebenfalls nicht allzu innovativen Erkenntnis, dass manche Psychologen der Frühzeit eher Literatur produzierten denn haltbares psychologisches Wissen. Von dieser Seite kam also nichts Erhellendes, nichts Überraschendes, nichts Neues.

Beim anschließenden ambulanten, peripatetischen und irgendwann resignierenden Sinnieren über eine mögliche Beziehung von Psychologie und Literatur, näherten sich die Gedanken allmählich immer mehr dem bisher unbeachteten Teil von „Psychologie und Literatur“ an, der Konjunktion. Das lag nicht zuletzt daran, dass Psychologie und Literatur mit Fortdauer der gedanklichen Auseinandersetzung paradoxerweise immer glitschiger, glibbriger und allen Gedanken entgleitender wurden, je entschlossener man danach griff. Noch zögerte der Schreiber, dieser aus dem Dunkel heranschleichenden Ohnmacht nachzugeben …

Alles gipfelte irgendwann – es war vermutlich beim alltäglichen großen Braunen im Stammcafé – in dem Psychologen vertrauten, über die intellektuellen Wurzeln stolpernden Aha-Erlebnis, dass Psychologie und Literatur von ihren Konnotationen radikal und fundamental disparat verortet sind. Literatur steht unter dieser sich eröffnenden Perspektive in einer Reihe von Begriffen, die mit aktivem Tun oder einer schaffenden Tätigkeit verbunden werden. Also mit Apparatur, etwas mittels Werkzeug zuzubereiten, Inventur, etwas zu finden, Natur, geschaffen worden zu sein, Kultur, etwas anzubauen, Architektur, als erste Kunst einen Anfang zu konstruieren, Kommandantur, Befehle zu erteilen, Mixtur, gemischt worden zu sein, Imprimatur, gedruckt werden zu dürfen, Armatur, ausgerüstet oder bewaffnet worden zu sein, Appretur, veredelt oder zugerichtet worden zu sein, Abitur, von einer Schule abzugehen, Montur, mit Bekleidung ausgerüstet zu sein, Koloratur, etwas farbig zu gestalten oder zu singen. Und auch in Amüsantem wie Agentur, das sich unter diesem Gesichtspunkt als Tautologie herausstellt und eher den -logien zuzuordnen wäre. Fazit, Hurra, Heureka und Na sowas: Literatur ist in seiner knappsten Bedeutung das Setzen von Buchstaben durch eine Literatin oder einen Literaten.

Die Psychologie ihrerseits steht als Begriff hingegen in der Tradition einer Familie, in der kein Mitglied etwas Sichtbares schafft oder hervorbringt, denn die Soziologie versammelt keine Gemeinschaft, die Biologie ist selbst nicht fruchtbar, die Anthropologie erzeugt keine Menschen, die Philologie erfindet keine Sprache, die Zoologie produziert keine Tiere, die Genealogie zeugt keinen Stammbaum, die Kriminologie begeht keine Verbrechen, eine Tautologie ist auch einfach nur wahr und sonst nichts, die Astrologie schließlich entscheidet ungeachtet aller horoskopgläubigen Wahrsagerinnen keine Schicksale. Und die Psychologie schafft konsequenterweise keine Seele.

Die Psychologie steht vielmehr in einer Reihe von sich mehr oder minder wissenschaftlich gerierenden Tunsweisen, die sich primär durch eine geistige und immaterielle Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand umschreiben lassen, indem sie diesen in Hypothesen oder Theorien fasst, manchmal um ihn dadurch wohl mehr zu verschleiern als zu enthüllen. Selbst wenn dem Schreiber angesichts mancher fachlich unlösbaren Aufgaben in seiner psychologiebegleiteten Laufbahn auch häufig eines als phänomenologisch zentrale Wesensheit übrig blieb: es einfach zu lieben.

Während demnach die Psychologie wie andere -logien weder etwas Sichtbares schafft noch hervorbringt, fließen aus der Literatur mehr oder minder sorgsam aneinander gereihte Buchstaben, die in Silben, Wörtern, Sätzen, Absätzen, Kapiteln, Büchern und schließlich in ganzen Bibliotheken kulminieren. Sichtbar und hörbar, mitteilbar und vermittelbar, greifbar, stapelbar, zerreißbar, bei 451 Grad Fahrenheit verbrennbar, was etwa 233 Grad Celsius entspricht. Trotz aller Virtualität, stets die Frage nach einem Urheber implizierend: einem Auctor, einem Hervorbringer, politisch korrekt sicherheitshalber auch einer Autorin. Einem Schreiber eben, wenn schon keinem Dichter.

Nichts dergleichen bei der Psychologie.

Alle vergleichenden und suchenden Überlegungen mündeten schließlich in der Überprüfung, ob zwischen Psychologie und Literatur die Konjunktion „und“ grundsätzlich angebracht ist. Im Umherirren der Gedanken entwickelte sich zwischen Psychologie und Literatur eine so fundamentale Differenz, dass schließlich die nackte Formulierung „Psychologie und Literatur“ an einem heute unbestimmbaren und durchaus archimedischen Punkt – vermutlich war es auf Höhe des gelben Rosenstrauches im Brucknerpark in Linz – unverantwortlich und unzulässig erschien. Das führte so weit, dass gebräuchliche Ansätze durchaus vernünftiger menschlicher Gedankenflucht, das Thema etwa mit einem Fragezeichen zu versehen „Psychologie und Literatur?“ oder mit einem Rufzeichen „Psychologie und Literatur!“, ouroborostische Züge erhielt. Auch die am sprachwissenschaftlichen Horizont auftauchende Erinnerung, dass die Konjunktion „und“ nach Mauthner Begriffe mit einer gleichmachenden Tendenz verbindet, sodass man sich im Gebrauch folgerichtig das „und“ einfach auch sparen könnte, also „Psychologie Literatur“ oder mit einer der derzeit so beliebten Binnenversalie „PsychologieLiteratur“, keine realiserbare Alternative bildeten. Ein „und“ kann schließlich nur dann nicht fortbleiben, wenn es einen Gegensatz, eine Bedingung, eine Steigerung ausdrückt. Ist das in das zu analysierende Thema gesetzte „und“ nun Ausdruck eines Gegensatzes zwischen Literatur und Psychologie? Bedingt Literatur Psychologie oder Psychologie Literatur? Wird Literatur durch Psychologie in irgendeiner Form gesteigert? Kollektives Kopfschütteln aller Alternativen. Das „und“ ist weder verzichtbar noch unverzichtbar, sondern schlicht irrelevant.

Schreibers Seufzer: Ach! Wären Literatur und Psychologie doch Verben, fände durch das „und“ sinn- und sprachgemäß wenigstens eine Multiplikation statt. Damit ließe sich etwas anfangen … Aber Psychologie und Literatur bleiben trotz aller gedankengymnastischer Anstrengungen Nomina, d.h., für diese bedeutet eine Verbindung mit „und“ eine schlichte Addition, also formelhaft „Literatur + Psychologie“. Was ergibt demnach dieses Kalkül Literatur + Psychologie? Literaturpsychologie oder Psychologieliteratur?

Allmählich dämmert es dem erschöpften Schreiber, dass die am Beginn stehende Hoffnung, das Thema „Psychologie und Literatur“ zu erhellen, letztlich in der dunklen Egalität einer düsteren, unheimlichen, mit Buchstaben gepflasterten, holprig finsteren Sackgasse mündet, soferne man mit seinen Ausführungen nicht bloß den hell ausgeleuchteten, asphaltierten Autobahnen der Trivialität folgen möchte.

Psychologie und Literatur. Die Antwort ist eindeutig: Nein.

Oder wie die Antwort auf alles: 42.

literatur-psychologie


*) Dieser Text entstand nach der Einladung, „einen Essay, oder ähnliches zum Thema Literatur und Psychologie“ für das Heft 2/2014 „Literarisches Österreich“ des Österreichischen Schriftsteller/Innenverbandes in der Rubrik „Rede-Gegenrede“ zu verfassen.




© Werner Stangl Linz 2018