‘Spiegelungen‘


O – wie Ode an die Freude

I

Wie Ode an die …
Öden Oden an?
Anoden?
Mit dem Powerbook andocken ans Netz …
Den Stecker des Netzgerätes
in die Steckdose des Intercity 740
„Licht für die Welt“
stecken, der nach dem gültigen Winterfahrplan
statt um 16:00 den Westbahnhof
erst um 16:34 verlässt.
Vor dem 16:22er,
der als Eurocity – aus Budapest kommend –
zwar eine Viertelstunde früher in Linz ankommen soll,
dafür aber gesteckt voll und ohne Steckdosenplatzgarantie daherkommt.
Hoffst du auf Garantien im Leben?

II

Hinter dir liegt Bratislava –
Die Burg, die mit Westgeld renovierte Altstadt,
die Straßenbahnen mit ihren zeitgemessenen Strecken,
die Oper mit ihren alternden Diven und dem Prunk des Vorvorigen …
Hinter dir der Südbahnhof
mit den neun Bahnsteigen,
die Ufern ins Neuland gleichen …
Ankunft und Abfahrt vermischen sich.
Pendelnde Waagebalken.

III

Ode an das Zögern?
Vor dir liegt Linz,
das dir Vertraute, dem du vertraust.
Hinter dem Schatten der Zeit,
der dir vorangeht und folgt,
dich mit der Welt verbindet und von ihr trennt.
Unendlicher Paravent.
An dem du dich entlang tastest.
Ahnungsvoll.

IV

Abläufe sind wie Taktschläge eines unsichtbaren Trommlers,
der in die Annalen
akustische Kerben hämmert.
Kein Augenblick entkommt
dem geordneten Vergehen und Werden.
Festgehalten für den Tag der Rückschau.
Wer wird je zurückschauen in die Chronik
des vom Trommler zerschlagenen, untergegangenen Zeitalters?
Das Leben liegt in der Stille.

V

Ode an die Vergangenheit?
Komm in den totgesagten Park und schau …
Das hat ein andrer gesagt und besiegelt.
Warum den versungenen Tag der Pessimisten mit
zerbrechlichen Versen begrenzen?
Festhalten für ein Irgendwann.
Lass dich fallen.

VI

Den Überschwang der Erwartung
zu zerbrechen im Zweifel für einen dämmernden Morgen –
Zerschlagen sind die dir fremden Gedanken,
die vom Nachhall der Trommelschläge vibrierend
auf dem Altar der Nachkommenden
auf einen Tag warten …
Welchen Tag?
Ihren?
Nimm ihn.

VII

Komm in den lebenserfüllten Park und schau …
Einritt frei.
Wende den Blick
in den vom Trommler noch verschonten Raum –
komm in den noch nicht zerschlagenen Tag,
der keine Grenzen kennt und keine Markierungen.
Der sich öffnet …
Raum gibt deinen Gedanken, den ungedachten …
Die Geschichten sind noch nicht vorübergegangen –
die Gestalten an den Weggabelungen zögern noch.
Die Fährnis kauert hinter den kommenden Schlägen des Trommlers,
noch ungewiss über den Rhythmus der unbeträumten Nächte.
Zögere nicht.

VIII

Reiß den Trommlern die Schlägel aus der Hand,
zerbrich die Schlägel,
den Mund der Herrscher
über deine Gegenwart und deine Träume.
Durchbrich den Zugzwang fremder Spiele,
die Teilungen des Unteilbaren.
Fremdes.

IX

Jede Reise hält
die Zeit an –
deine Zeit –
lass dich fallen in die Sekunden
eines Zwischenhalts –
Gedanken frieren Eisblumen ans Fenster des Abteils.
Eine wärmende Hand zerstört sie
und macht den Blick frei.
In ein anderes.

X

Den Stecker des Netzgerätes
aus der Steckdose des Intercity 740
„Licht für die Welt“
ziehen und nach dem Winterfahrplan
ankommen –
„Linz Hauptbahnhof – Linz Hauptbahnhof –
Sie befinden sich auf Gleis 6 …
Anschluss nach Perg neunzehn Uhr siebzehn … “
Nichts versäumen, das ist das Leben.




Die Mauer

mauer

Du baust eine Mauer
aus leergesungenen Träumen,
aus gebrochenen Versprechen,
aus zerlebten Tagen versäumter Hoffnungen,
aus verstreuten Fragmenten,
die du für das Leben hieltest.

Die bedrohten Zwischenräume
füllst du mit verbrauchten Lügen,
dir fremd gewordnen Illusionen,
zu oft geweinten Tränen,
unausgesprochnem Zorn
und vergessen gehoffter Wut.

Diese Mauer schützt dich nicht
vor dem Stachel der Erinnerungen.
Jeder Stein trägt noch die Glut alter Feuer,
jeder von ihnen gleicht einem Spiegel,
jeder Zwischenraum eine schutzlose Wunde.
Dein Leben aufgetürmter Verzicht.


[Verzeichnis der Texte]




Der Stadt entgegen

Der Tag wickelt sich aus der Nacht.
Seine Fühler summen.
Jetzt hängt er frei im Himmel
wie ein Weltkörper rollend.
Die Sonne schwimmt über den Horizont,
der Strom der Asphaltbahnen treibt hin,
breit zur grünen Küste der Hügel.

Der Wind spielt mit den Stunden
um Werden und Sein, um Leben und Sterben.
Der Kessel erwachendes Feuer
singt an der Kruste des zerbrochenen Flügels,
und drückt seine zähe Last
durch das regenbogenfarbene Tor voraus
zur Stadt hin.

Unter dem wallenden Segel am Himmel aber
gleitet und stolpert der kohlschwarze Schatten
wie ein Fuß über die Häuser und Plätze,
über das Geschrei der Händler
und das Gespött der Gottlosen
hinweg.

der-stadt-entgegen


[Verzeichnis der Texte]




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© Werner Stangl Linz 2019