‘Wir sagen Unkraut‘

Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018
Das ausgeschriebene Thema des Alois Vogel-Literaturpreises 2018 war:
„Wir sagen Unkraut“


Sprachliches Unkraut

Das unvollendete Präteritum
hofft auf Perfektion.
Im hölzernen Satzbau
vermodern die Modi.
Das optimistische Futur
füttert die Gegenwart.

Maskulina und Feminina
geben sich dem Genuss hin.
Künstliche Komposita
haben es gestrichen voll
und zerfallen zerschmettert
auf dem Komposthaufen der Lettern.

Selbstgefällige Adjektiva
widersetzen sich der Mülltrennung.
Ein unerhörtes Appellativum
verirrt sich zwischen Parenthesen
und zerschellt schließlich
an einem Exklamationszeichen.

Eine achtlos hingeworfene Interjektion
folgt ihren Partikularinteressen,
Nebensätze setzen sich kommentarlos
zwischen zwei Stühle.
Präfix und Postfix
haben sich endgültig getrennt.

Umständliche Adverbia
stauen den Sprachfluss,
niedliche Diminutiva
verkümmern artgerecht,
Augmentativa zerplatzen
als Sprechblasen.

Verbogene Verben
suchen ihr grammatikalisches Rückgrat,
Nomina bleiben hingegen flexibel.
Dekliniert fürchten sich
zuletzt alle vor dem Durchfall
und hoffen auf einen Schlusspunkt



Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




Unkrauts Kriegsführung

Bei der Schneeschmelze
nutzt das Unkraut
das braungefrorene Gras als Tarnanzug.

Schickt als Vorhut
seine grünen Spitzen
in den Märzenhimmel.

Wenn die Aprilsonne
die Wurzeln wärmt,
bläst es zum Angriff.

Aus dem Hinterhalt
des Sommerschattens
überfällt es die erhoffte Ernte.

Im Herbst bleibt Arcimboldo ohne Gesicht.


Unkraut Bekämpfung


Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




Das Unkraut ist eine Frau

Das Unkraut ist jene Frau,
an der man einst achtlos vorüberging,
als sie uns schöne Augen machte.

Doch sie lief uns nach.
Ungeniert sinkt sie uns
unvermittelt an die Brust.


Unkraut randständig


Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




SIEB.10 @ 4711 ::

© Werner Stangl Linz 2020