‘Sonstiges‘


Der Stadt entgegen

Der Tag wickelt sich aus der Nacht.
Seine Fühler summen.
Jetzt hängt er frei im Himmel
wie ein Weltkörper rollend.
Die Sonne schwimmt über den Horizont,
der Strom der Asphaltbahnen treibt hin,
breit zur grünen Küste der Hügel.

Der Wind spielt mit den Stunden
um Werden und Sein, um Leben und Sterben.
Der Kessel erwachendes Feuer
singt an der Kruste des zerbrochenen Flügels,
und drückt seine zähe Last
durch das regenbogenfarbene Tor voraus
zur Stadt hin.

Unter dem wallenden Segel am Himmel aber
gleitet und stolpert der kohlschwarze Schatten
wie ein Fuß über die Häuser und Plätze,
über das Geschrei der Händler
und das Gespött der Gottlosen
hinweg.


Veröffentlicht in DIE RAMPE. Hefte für Literatur. 4/2019, S. 28.

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[Verzeichnis der Texte]




Wie geht’s Ihna, Hea Nochboa?

Es faungt bei mia scho obn aun:
de Hoa san längst perdü.
Und drunta kaun ma a laung schaun,
do findt ma nimma vü.

Da Kortex, der losst häufich noch,
und a da Hippokampus.
I glaub, do is a großes Loch.
Kummt des vom vülen Schampus?

De Nosn rinnt ois wia a Traufn,
de Zähnt, de wockeln hin und hea,
ma miaßat s’ bessa einischraufn.
Des zoit de Kassa hoit ned mea.

Da Hois dafia, dea ist glei doppelt,
und a de Schuita knackt und grammelt,
da Adamsopfel oba hoppelt
ois wia a Hos, dea munta rammelt.

De Lungan röchlt wia sa’s braucht,
des Stiagnsteign is ned heita.
Des kummt hoit, waun ma sovü raucht.
Des Heaz schlogt Gottseidaunk no weita.

Des Kreiz? Jo, des is woa,
des is scho schief und krumm.
De Baundscheim foin hoit öfta vua,
ka Dokta waß warum.

Da Mogn is meistens übasäuert,
do kummt’s scho maunchmoi hoch.
Ois waun er’s Essen schon bereuert.
Und in da Nocht, do wead i woch.

A poa moi muas i daun auf’s Klo,
Durt sitz i stott’n Schlofn.
Und ‘s Schiffen? Des is sowieso
a gaunze Katastrophn.

Und von dem “An”? Do red i net.
Des kloppt schon laung net mea.
Und lieg i wida daun im Bett,
wölz i mi weida hin und hea,

und gspia de Hüftn und de Knia,
de woin hoit a ia Rua.
I glaub, i hoi ma no a Bia,
und deck ois mit an Doppla zua.

A meine Zechn san a Haumma,
da Halux losst schen griaßn.
Des gaunze Gstö is hoit a Jaumma,
i wead amoi in Roistui miassn.

Owa sunst? Sunst geht’s ma guat!
Do wü i goar net klogn.
I foa jo jetzt in Urlaub fuat.
Do ans mecht Ihna i no sogn:

Wea oiweu jaummert, si net gfreit,
der hot hoit nix vom Lebm.
Drum pfiati, sog i Ihna heit,
bis mia uns widasegn.


Verfasst für DUM – das ultimative Magazin Nr. 90: HINIG – Von ogfackt bis oghaust




Tränenlos

Nein! Daran konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Vom Hörensagen? Höchstens. Aus den Erzählungen ihrer Mutter? Aus den Erzählungen derer, denen es ihre Mutter erzählt hatte? Sie schüttelte den Kopf, wie um ihr Nichtwissenkönnen zu bestätigen.

Sie betrachtete die bunte, abgegriffene Schallplattenhülle, die sie zwischen Aktenordnern in der Kartonschachtel auf dem Küchentisch entdeckt hatte. Ihr Bruder hatte diese Schachtel als letztes Stück aus dem Kellerabteil hierher gebracht. Schau alles durch, hatte er gemeint, bevor er die Wohnung verließ. Kellerabteil und Küche gehörten zur Wohnung, die ihre Mutter bis zu ihrem Tod vor wenigen Wochen bewohnt hatte. In der Küche als letztes Mobiliar ein Tisch und ein Stuhl.

Sie ließ Wasser in der Spüle ablaufen, bis es kalt war, und trank aus der hohlen Hand. Sie setzte sich an den Tisch.

„Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ stand in altdeutscher Schrift auf der Hülle der Schallplatte, darunter ein Scherenschnitt, der ein an einem Zaun stehendes Mädchen zeigte, das mit einem Taschentuch einem Mann nachwinkte, der sich mit einem Wanderstock offensichtlich von ihr entfernte. Dieses Lied sollen ihre Eltern und ihre ältere Schwester auf der Fahrt aus ihrer Geburtsstadt Linz nach Ludwigsburg in Deutschland immer wieder gesungen haben. Sie hatten die Reise mit einem vollbepackten Peugeot angetreten, der all ihre Habseligkeiten enthielt. Ihre Eltern, beide Lehrer, hatten in der von den Kriegsereignissen noch gezeichneten Provinzstadt Linz für die Familie keine Zukunft gesehen. Beide unterrichteten einige wenige Stunden an einer Privatschule, der Vater hielt zusätzlich seine Familie mit Übersetzungsarbeiten für die englische Besatzungsmacht über Wasser. Der Bruder des Vaters, ebenfalls Lehrer, hatte sich in der Zwischenzeit in Ludwigsburg eine Existenz aufgebaut.

Ihre Schwester erzählte ihr später, dass sie nur deshalb mitgesungen hätte, damit man ihre Tränen nicht hätte sehen können. Und weil sie von der Mutter dazu ermuntert worden wäre. Sie selber war damals noch keine drei Jahre alt und während der Fahrt eingeschlafen.


Wie diese Erzählung weitergeht, kann man in der Kulturzeitschrift LANDSTRICH “FREMDE” nachlesen.


Am Sonntag, 2. Juni 2019, 15:00 Uhr, findet die Präsentation der LANDSTRICH-Ausgabe 2019 FREMDE unter Mitwirkung von AutorInnen im Kubin-Haus in Zwickledt 7, 4783 Wernstein, statt.


Nr. 35 FREMDE, 2019

Beiträge von Michael Burgholzer, Barbara Rieger, Martin Pollack, Thomas Ballhausen, Dominika Meindl, Claudia Bitter, Alois Riedl, Adi Traar, Lena Violetta Leitner, Evelyne Polt-Heinzl, Richard Wall, Julian Schutting, Herbert Mackinger, Wolfgang Wurm, Werner Stangl, Helga Thieme, Maria Moser, Martin Peichl, Bernadette Haller, Lisa Spalt, Gerhard Zeilinger, Götz Bury, Otto Johannes Adler, Bodo Hell, Franz Stanislaus Mrkvicka, Suse Schröder, Regina Wolf-Egger, Walter Meissl, Maria Gornikiewicz, Rudi Klein, Bea Kuuii.

ISBN: 978-3-95024026-6-7
Preis: 15 €

Bestellung: http://www.landstrich.at/




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