‘Prosa‘

Ungebundene Texte in Anlehnung an innere Monologe


Kein Tag zum Vergessen

oder:

Einer ist immer das Opfer

Krösswang hatte die Angewohnheit, vor dem Einschlafen den vergangenen Tag Revue passieren zu lassen. Dabei rief er sich mit seinem Lieblingsteddybären im Arm alle Ereignisse noch einmal in Erinnerung und schlief danach mit einem Lächeln ein.

Doch heute hätte er diese Übung besser bleiben lassen.

Es hatte schon am Morgen begonnen, als sich sein Frühstückstoast im Toaster verklemmte und er im Bad durch beißenden Rauch alarmiert wurde. Natürlich waren es die beiden letzten Scheiben in der Packung gewesen. Krösswang entsorgte die verkohlten Scheiben im Biomüll, lüftete kurz und verließ hungrig die Wohnung. Er kaufte auf seinem Weg ins Büro ein noch warmes Croissant, das er beim Warten auf den nächsten Bus verschlang, da ihm aufgrund des Bäckereibesuchs der übliche vor der Nase davongefahren war. Er würde zu spät kommen, doch sein Chef pflegte in der Regel erst eine halbe Stunde nach ihm zu erscheinen. Doch die Regel hatte heute Lust auf eine Ausnahme gehabt, sodass er lang, breit und entschuldigend dem Chef sein morgendliches Missgeschick berichten musste. „Dass mir das nicht wieder vorkommt, Krösswang!“ war im Grunde eine harmlose Zurechtweisung, doch Krösswang fühlte, dass das noch nicht das Ende war.

Und Krösswang behielt recht. Knapp vor der Mittagspause erschien der Chef in seinem Büro, legte eine dicke Mappe auf seinen Schreibtisch: „Krösswang, der Bericht muss heute noch hinaus! Seien Sie so gut, und erledigen Sie das bitte!“ Dabei blickte er ihn mit einem Gesicht an, in dem deutlich zu lesen war: „Wenn du schon zu spät kommst, dann kannst du auch später nach Hause gehen!“

Zu allem Überdruss wurde er bei dieser Arbeit von mehreren Anrufen der amerikanischen Firmenfiliale unterbrochen, wobei es nicht so sehr die Unterbrechung war, die ihn bei der Überarbeitung des Berichts störte, sondern die Tatsache, dass er diese Gespräche auf Englisch führen musste. Sein Englisch war zwar recht passabel, doch immer wenn er sich dieser Sprache bediente, tauchte im Unbewussten sein Englischlehrer aus dem Gymnasium auf, der ihn mit der richtigen Aussprache des „th“ regelrecht gequält hatte. Der junge Krösswang wies eine leichte Fehlstellung der Vorderzähne auf, wodurch jede seiner englischen Äußerungen in einem veritablen Gelächter der Mitschüler endete, was ihn die verständliche Aversion seinem Lehrer gegenüber auf die Sprache übertragen ließ.

Nicht zuletzt durch mehrmalige Nachfragen der Sekretärin, ob er endlich den Bericht fertiggestellt hätte, musste er zwei Stunden länger als geplant in der Firma bleiben. Es war demnach schon dunkel, als er sich auf den Heimweg machte. Der Bus fuhr ihm abermals vor der Nase weg, und da die Intervalle am Abend länger waren, musste Krösswang mit knurrendem Magen eine halbe Stunde ausharren, wobei es auch noch zu schütten begann. Der schirmlose Krösswang drückte sich in einen Hauseingang, der ihm nur wenig Schutz bot. Als der Bus näher kam und Krösswang zur Haltestelle lief, wurde er von jener Wasserfontäne vollgespritzt, die das Vorderrad des Busses beim Durchfahren einer Wasserlache bei der Haltestelle produzierte.

Bis auf die Haut durchnässt schloss Krösswang seine Wohnungstür auf. Der Geruch des verbrannten Toasts hing noch immer in der Luft. Von den nassen Kleidungsstücken befreit, duschte er heiß und schob eine Tiefkühlpizza in die Mikrowelle, die just in diesem Augenblick ihren Geist aufgab. Dass die dann telefonisch bestellte Pizza nur lauwarm und durchnässt war, störte ihn weniger als die Tatsache, dass er durch all diese Fährnisse darauf vergessen hatte, sich im Fernsehen das Europacupspiel seines Lieblingsvereins anzusehen. Als er den TV-Apparat einschaltete, bekam er noch den Siegestreffer des gegnerischen Teams in der Nachspielzeit mit, was das Ausscheiden aus dem Bewerb bedeutete. Krösswang ging zu Bett und versuchte den Tag einfach zu vergessen, was natürlich nicht gelang.

Am nächsten Morgen wusste er nicht mehr, wie lange sich das negative Gedankenkarussell gedreht hatte, bis er endlich eingeschlafen war. Von den Ereignissen des gestrigen Tages kündete allein Krösswangs Teddybär, der traurig und kopflos neben dem Bett lag.


Verfasst für DUM – das ultimative Magazin Nr. 93: STATUS QUO – Das Böse ist immer und überall!




Erinnern, die Schwester des Vergessens

Mnemosyne gebar dem Zeus nicht nur die neun Musen, sondern brachte nach anderer Tradition auch drei titanische Töchter zur Welt: Melete, die für die Übung steht, Aoide für den Gesang und Mneme, die die Erinnerung symbolisiert.

Von Geburt an – genau genommen schon lange davor – geht das menschliche Leben eine unausweichliche Allianz mit der Zeit ein, die fortan das Leben in jedem Augenblick in Vergangenes, in dahinhuschendes Gegenwärtiges und in ungewisses Zukünftiges teilt.

Während wir der Gegenwart mehr oder minder ausgeliefert sind und die Zukunft schicksalshaft offen bleibt, ist das Vergangene unabänderlich, denn alles, was geschehen ist, ist geschehen. Dieses Vergangene ist dabei sowohl das Fundament, auf dem wir leben, gleichzeitig auch die Last, die von Tag zu Tag sich mehrend, mitgeschleppt werden muss.

Das Vergangene mit seinen bewussten und unbewussten Erinnerungen, ist eingeschrieben in das, was wir leichthin simplifizierend Gedächtnis nennen. Auf der einen Seite sind diese Erinnerungen stabil, denn sie bestimmen die Identität des Einzelnen. Man stelle sich nur vor, eines Morgens aufzuwachen und sich an nichts erinnern zu können. Nicht an das, was gestern war, in der letzten Woche, im letzten Lebensjahr. Man wüsste nicht, wer oder was man ist. Die menschliche Identität besteht aus einer unüberschaubaren Anzahl von Erinnerungen, die Kontinuität schaffen, die es erst ermöglichen, sich als Individuum in der Welt zurecht zu finden. Solche Erinnerungen sind mit dem Einzelnen fest verbunden, sie machen das aus, was jemand ist und was jemand geworden ist.

Auf der anderen Seite sind Erinnerungen permanent in Gefahr, denn jedes Mal, wenn man eine davon wachruft, ist sie in dem Augenblick des Hervorkramens aus tausend anderen flexibel, plastisch, formbar. Und das geschieht, ohne dass wir allzu großen Einfluss auf diesen Veränderungsprozess haben. Da unser Gedächtnis keine Aufzeichnungsmaschine ist, sondern Erinnerungen instantan dynamisch aus Bruchstücken zusammensetzt, müssen immer wieder Lücken gefüllt werden. Das führt dazu, dass man nach einigen Wiedererinnerungen von Ereignissen fest davon überzeugt ist, dass das Automobil, das uns auf der Autobahn überholt und geschnitten hat, ein roter BMW war, auch wenn das Automobil realiter weder rot noch ein BMW war.

Jedes Erinnern ist vor allem das Ergebnis einer Selektionsmaschine, auf die Menschen nur partiell Einfluss haben. Es gibt so vieles, das man lieber für immer vergessen möchte, doch diese Versuche enden in einer Paradoxie: das, was man Vergessen möchte, setzt sich umso hartnäckiger in den Gedanken lauernd fest. Ein schönes Beispiel ist Kant, der häufig mit Merkzetteln arbeitete, um nichts zu vergessen, und bei der Entlassung seines Dieners Lampe auf einem seiner Merkzettel notierte: “Der Name Lampe muß nun völlig vergessen werden”. Der Erfolg dieser Methode war erwartungsgemäß bescheiden.

Menschen entwickeln selten ein Gefühl dafür, wie fragil ihre Erinnerungen sind, denn sie begännen an sich zu zweifeln, was in einem fatalen Zwiespalt auch pathologisch enden kann. Bekanntlich kann man Menschen falsche Erinnerungen einimpfen, sogar Straftaten, die dann im Gehirn repräsentiert sind und sich nicht von tatsächlich Geschehenem unterscheiden. Solche false memories haben schon unschuldige Menschen ins Gefängnis gebracht, weil Zeugen von Dingen berichten, die sich nie ereignet haben. Letztlich erweist sich, dass wir nur einen kleinen Teil der Erinnerungen unter wissentlicher Kontrolle haben. Das gilt insbesondere dann, wenn wir Erinnerungen nur zu gerne in eine wünschenswerte Richtung verändern würden.

Permanent, vor allem während des Schlafs, verändern sich die Erinnerungsbruchstücke in unserem Gedächtnis, ordnen sich neu und Menschen haben oft große Mühe, diesen Veränderungen zu folgen. Nicht nur Lernende machen die Erfahrung, dass oft Wichtiges dem Vergessen anheimfällt. Daher ist Vergessen wohl im Vergleich zum Erinnern der mächtigere Prozess, der Menschen nicht nur im Alter Angst macht. Doch sollten wir diese komplementäre Schwester der Erinnerung nicht allein unter der Perspektive des Verlusts sehen, sondern auch deren Nützlichkeit im Auge haben. Schließlich befreit das Vergessen die Menschen vom Ballast des Trivialen und Unmerklichen, übersieht das Banale des Alltäglichen und die langweilige Wiederkehr des ewig Gleichen.

Nicht wenige Menschen würden gerne Traumatisches und Ungeliebtes aus ihren Gedanken löschen, erhoffen vom Trinken des Wassers aus dem Fluss Lethe das endgültige Vergessen. Diese mythologische Symbolik entspringt wohl einer gewissen Sehnsucht des Menschen, sich manchmal von der eigenen Vergangenheit oder wenigstens Teilen von ihr trennen zu können.

So regiert im Leben der Menschen oft Mneme, diese Tochter Mnemosynes, deren Name trefflicher Weise auch jenen mythologischen Fluss bezeichnet, dessen Wasser die Erinnerungen an Verdrängtes, Verborgenes und scheinbar Vergessenes immer dann hochspült, wenn es unerwartet und wohl manchmal auch unerwünscht ist.

Übrigens: Wie hießen doch die beiden anderen Töchter Mnemosynes am Beginn dieses Textes? ;-)



Verfasst für das Programmheft “WEHMUT” der Münchner Symphoniker anlässlich eines Konzertes am 3. November 2019 im Herkulessaal der Münchner Residenz.




sehr geehrte fahrgäste wir bitten sie ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen wenn diese ihn nötiger brauchen vielen dank

präludium

benjamin in den kindergarten am pfarrplatz gebracht –
heute musste ich besonders lange winken –
auch einen abschiedskuss hat er mir gegeben, das macht er nicht jeden tag –
habe ich auch nicht auf seine jause vergessen ? –
ich grüße den hinkenden straßenkehrer, der gerade seinen wagen weiterschiebt –
auf dem weg durch die rathausgasse sich einstimmen für den arbeitstag –

hauptplatz

hoffentlich nicht das loch um 8 (zwei 3er hintereinander oder gar ein durchgestrichener 1er) –
ich will nicht zur grottenbahn, schon gar nicht in die sonnensteinstraße –
die uhr des alten rathauses – erst 7 uhr 40 –
ein blick zur schmidttorgasse –
ein 3er –
die kehrmaschine fährt mit fauchen und zischen hinter mir vorbei und hält den verkehr auf – wie immer um diese zeit –
ein blick zur schmidttorgasse –
meine drei putzfrauen kommen vom landhaus herüber –
ich halte sie für putzfrauen, denn ich kenne sie und ihre hände –
der 1er (nicht der schwarze, fast bin ich enttäuscht) –
ein paar verkäuferinnen steigen aus – genau weiß ich es nicht, aber um diese zeit … sie müssen verkäuferinnen sein –
ich habe glück und bekomme einen sitzplatz –
ich steige immer vorne ein, weil hinten (rückwärts, wie die straßenbahner sagen) bekomme ich magenschmerzen, zumindest bilde ich mir das ein –
ich hole den kalender aus meiner umhängtasche und suche den heutigen tag, als ob man einen tag suchen könnte –
ich überlege, was ich heute im büro machen werde –
keine lehrveranstaltung, aber ich wollte die rezension fertigschreiben – ich notiere “rezension” –
heute abend gehen wir in nabucco –
ich weiß, der tag wird schön enden, obwohl er erst wenige stunden alt ist, ein schönes gefühl –

rudolfstraße umsteigen zu den linien 3, 32 und 38

ich verstaue den kalender und nehme die wochenzeitung –
zuvor mustere ich kurz mein gegenüber –
eine schülerin vermutlich, sie hält ein abgegriffenes reclamheft in der hand –
ich schlage meine zeitung auf – schon wieder untersuchungsausschuss, diesmal nicht bvt –
ich kann das wort nicht mehr hören, trotzdem lese ich ein paar zeilen –

wildbergstraße jahrmarktgelände

die berufsschüler steigen aus –
sie haben es gar nicht eilig, ich blicke ihnen nach –
ein älterer mann steigt ein und will sich nicht setzen, obwohl ihm zwei schüler einen platz anbieten, “ich steige gleich aus”, sagt er –
dann setzt er sich doch –
ich schaue wieder in meine zeitung und merke, dass ich lese ohne zu lesen –
aber ich höre –
sehr geehrte fahrgäste wir bitten sie ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen wenn diese ihn nötiger brauchen vielen dank –
in wien klingt das anders: seien sie achtsam andere fahrgäste benötigen ihren sitzplatz vielleicht notwendiger –
keine bitte und kein dank –

peuerbachstraße

jetzt ist die straßenbahn ziemlich leer geworden, denn eine größere gruppe schüler ist ausgestiegen –
der fahrer hilft einer mutter mit kinderwagen beim einsteigen –
ich blicke kurz von meiner zeitung auf, als der straßenbahnwagen die eisenbahngleise rumpelnd überquert – 15 steht auf einem gelben schild –
ich lese ein paar zeilen (und lese sie doch nicht) –
trotzdem blättere ich weiter –

linke brückenstraße umsteigen zur linie 32

mir fällt ein, dass ich für eine kollegin meiner frau ein buch aus der ub besorgen soll –
ich hole nochmals meinen kalender aus der tasche und mache mir eine notiz “buch für susanne” –
als ich den kalender verstaue, fällt mein blick auf das reclamheft meines gegenübers –
“die leiden des jungen werthers” kann ich jetzt lesen –

ontlstraße

sehr geehrte fahrgäste wir bitten sie …
der fahrer wartet auf ein paar schüler, die vom bus herübergelaufen kommen –
“danke” keuchen sie und werfen ihre schweren taschen auf den boden –
der eine hat die kopfhörer seines smartphones über seinem struppigen haar –
hie und da dringt ein scharfer rhythmus zu mir herüber, eine melodie ist nicht zu entnehmen –
“hast du die hausübung aus mathe” fragt ein anderer –
ich versuche weiterzulesen, vielmehr, ich studiere eine karikatur –

harbach

beim blumengeschäft stellt eine verkäuferin gerade ein schild auf –
ich vergesse den text, ehe ich ihn gelesen habe, wahrscheinlich ein sonderangebot –
“die leiden des jungen werthers” fällt mir wieder ein –
ich mustere unauffällig das gesicht des mädchens in der fensterscheibe und schaue dann wie unabsichtlich kurz direkt hinüber –
die dichten rotblonden haare sind vermutlich mit einem band zusammengebunden –
als ich vor vielen jahren den “werther” gelesen habe (habe ich ihn überhaupt gelesen?) –
briefroman, selbstmorde assoziiere ich … und liebe –
… wenn diese ihn nötiger brauchen vielen dank … –

harbachsiedlung

das mädchen ist vielleicht 16 oder 17 –
sie sieht ein bißchen altmodisch aus, ein wenig ländlich –
wahrscheinlich muss sie den “werther” für die schule lesen und dann einen aufsatz darüber schreiben –
ich lese in meiner zeitung (ohne zu lesen) –
ungeordnete gedanken, mehr gefühle sind es, die mir im kopf herumgehen –
als das mädchen merkt, dass ich sie schon einige augenblicke lang anstarre, blickt sie kurz auf und gleich wieder weg –
man blickt immer gleich weg, wenn man sich in der straßenbahn ansieht –
das gehört sich nicht, bekommt man schon als kind zu hören –

gründberg umsteigen zur linie 38

… ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen wenn diese … –
sie blättert um, sie liest also tatsächlich –
ich blättere auch um –
“frühjahrsputz in budapest” lese ich und ich denke an den geplanten urlaub am plattensee –
wir haben uns dann doch für die toskana entschieden –
ich merke, dass das mädchen kurz herüberschaut –
ich merke es, obwohl ich zeitung lese (lese ich?)
ich sehe schon die kirche von magdalena und den ersten goldregen bei der feuerwache (ich habe noch nie eine ausfahrt beobachtet –
es ist ein sonniger tag –

Ferdinand-Markl-Straße

diese viel zu kurze station bleibt wie fast immer ereignislos –
manchmal fährt die straßenbahn ohne zu halten nach

sankt magdalena biesenfeldbad

der ältere mann von der wildbergstraße sitzt noch immer auf seinem platz, er umklammert einen plastiksack –
“frühjahrsputz in budapest” lese ich nochmals und blättere weiter –
eine werbung für den “philharmoniker” –
ich denke an nabucco und “teure heimat …”, der tag wird gut enden –
verona fällt mir ein, schon wieder urlaub –
das mädchen lässt das reclamheft kurz sinken –
sie ist eigentlich recht hübsch, der “werther” passt irgendwie zu ihr –
ich bemerke, dass die zeilen numeriert sind (wie in der bibel) –
ich vermeide, sie auch indirekt durch die spiegelung im fenster zu beobachten (beobachte ich sie?) –
sie wird sicherlich einen aufsatz schreiben müssen –

glaserstraße

… wir bitten sie ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen –
die putzfrauen steigen aus, sie wohnen im biesenfeld, wie ich weiß –
hier möchte ich nicht einmal begraben sein, denke ich –
architektonisch ganz interessant, aber die verwinkelten stiegenhäuser –
unsere leihomi wohnt hier bei ihrer tochter –
ich habe benjamin manchmal hingebracht und abgeholt –
heute abend kommt sie, wenn wir in die oper gehen –

dornach

ich sehe das postamt –
ein paar tnf-studenten steigen aus, für sie ist es näher zum tnf-turm als von der endstation –
man erkennt die tnf-studenten an den abgewetzten aktenkoffern –
oder sie wollen auch nur ein wenig frische luft schnappen –
das mädchen vis-á-vis verstaut das reclamheft in der schultasche und schaut auf die uhr –
sie wirkt für mich noch altmodischer als vorher, aber der “werther” passt … (das habe ich doch schon gedacht) –

schumpeterstraße pfarrzentrum heiliger geist

der wagen hält, obwohl niemand den halteknopf gedrückt hat (ich weiß das, weil das “wagen hält” nicht auf dem overheadscreen erscheint –
der fahrer schaut auf seinen fahrplan –
ich falte meine zeitung in der mitte und stecke sie in meine tasche –
ich stehe auf und gehe zur vordersten tür beim fahrer (wie beinahe jeden tag, um mir einige sekunden zu ersparen … wozu?) –

universität

der fahrer drückt den weichenknopf ein paarmal –
der wagen kommt langsam zum stillstand –
als ich aussteige sehe ich den roten pferdeschwanz des mädchens zur schule baumeln –
ein weißes band –
wahrscheinlich wird sie doch keinen aufsatz schreiben müssen, das hoffe ich wenigstens –
der “werther” passt zu ihr –

finale

die anzeige bei der haltestelle springt von 8.14 auf 12°, es wird ein richtiger frühlingstag werden, auf dem heimweg am nachmittag werde ich meine jacke ausziehen müssen –
der schülerlotse hat gerade seine arbeit beendet, ich muss selber aufpassen beim überqueren der straße –
ein paar studenten überholen mich, sie haben es eiliger –
im teichwerk ist noch nachtbetrieb –
ein paar enten watscheln über den weg und lassen sich in den uniteich plumpsen (gestern habe ich eine tote ente im wasser treiben gesehen) –
ich summe “teure heimat …” und hole den büroschlüssel aus meiner hosentasche.


Aktualisierung des Textes “wenn sie an der nächsten haltestelle aussteigen wollen, drücken sie bitte rechtzeitig den halteknopf“, veröffentlich in den Facetten ’90.


Gelesen von Harald Brachner ab 31:47 mit Musik von Johnny Cash:

 

 




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© Werner Stangl Linz 2020