‘Prosa‘

Ungebundene Texte in Anlehnung an innere Monologe


sehr geehrte fahrgäste wir bitten sie ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen wenn diese ihn nötiger brauchen vielen dank

präludium

benjamin in den kindergarten am pfarrplatz gebracht –
heute musste ich besonders lange winken –
auch einen abschiedskuss hat er mir gegeben, das macht er nicht jeden tag –
habe ich auch nicht auf seine jause vergessen ? –
ich grüße den hinkenden straßenkehrer, der gerade seinen wagen weiterschiebt –
auf dem weg durch die rathausgasse sich einstimmen für den arbeitstag –

hauptplatz

hoffentlich nicht das loch um 8 (zwei 3er hintereinander oder gar ein durchgestrichener 1er) –
ich will nicht zur grottenbahn, schon gar nicht in die sonnensteinstraße –
die uhr des alten rathauses – erst 7 uhr 40 –
ein blick zur schmidttorgasse –
ein 3er –
die kehrmaschine fährt mit fauchen und zischen hinter mir vorbei und hält den verkehr auf – wie immer um diese zeit –
ein blick zur schmidttorgasse –
meine drei putzfrauen kommen vom landhaus herüber –
ich halte sie für putzfrauen, denn ich kenne sie und ihre hände –
der 1er (nicht der schwarze, fast bin ich enttäuscht) –
ein paar verkäuferinnen steigen aus – genau weiß ich es nicht, aber um diese zeit … sie müssen verkäuferinnen sein –
ich habe glück und bekomme einen sitzplatz –
ich steige immer vorne ein, weil hinten (rückwärts, wie die straßenbahner sagen) bekomme ich magenschmerzen, zumindest bilde ich mir das ein –
ich hole den kalender aus meiner umhängtasche und suche den heutigen tag, als ob man einen tag suchen könnte –
ich überlege, was ich heute im büro machen werde –
keine lehrveranstaltung, aber ich wollte die rezension fertigschreiben – ich notiere “rezension” –
heute abend gehen wir in nabucco –
ich weiß, der tag wird schön enden, obwohl er erst wenige stunden alt ist, ein schönes gefühl –

rudolfstraße umsteigen zu den linien 3, 32 und 38

ich verstaue den kalender und nehme die wochenzeitung –
zuvor mustere ich kurz mein gegenüber –
eine schülerin vermutlich, sie hält ein abgegriffenes reclamheft in der hand –
ich schlage meine zeitung auf – schon wieder untersuchungsausschuss, diesmal nicht bvt –
ich kann das wort nicht mehr hören, trotzdem lese ich ein paar zeilen –

wildbergstraße jahrmarktgelände

die berufsschüler steigen aus –
sie haben es gar nicht eilig, ich blicke ihnen nach –
ein älterer mann steigt ein und will sich nicht setzen, obwohl ihm zwei schüler einen platz anbieten, “ich steige gleich aus”, sagt er –
dann setzt er sich doch –
ich schaue wieder in meine zeitung und merke, dass ich lese ohne zu lesen –
aber ich höre –
sehr geehrte fahrgäste wir bitten sie ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen wenn diese ihn nötiger brauchen vielen dank –
in wien klingt das anders: seien sie achtsam andere fahrgäste benötigen ihren sitzplatz vielleicht notwendiger –
keine bitte und kein dank –

peuerbachstraße

jetzt ist die straßenbahn ziemlich leer geworden, denn eine größere gruppe schüler ist ausgestiegen –
der fahrer hilft einer mutter mit kinderwagen beim einsteigen –
ich blicke kurz von meiner zeitung auf, als der straßenbahnwagen die eisenbahngleise rumpelnd überquert – 15 steht auf einem gelben schild –
ich lese ein paar zeilen (und lese sie doch nicht) –
trotzdem blättere ich weiter –

linke brückenstraße umsteigen zur linie 32

mir fällt ein, dass ich für eine kollegin meiner frau ein buch aus der ub besorgen soll –
ich hole nochmals meinen kalender aus der tasche und mache mir eine notiz “buch für susanne” –
als ich den kalender verstaue, fällt mein blick auf das reclamheft meines gegenübers –
“die leiden des jungen werthers” kann ich jetzt lesen –

ontlstraße

sehr geehrte fahrgäste wir bitten sie …
der fahrer wartet auf ein paar schüler, die vom bus herübergelaufen kommen –
“danke” keuchen sie und werfen ihre schweren taschen auf den boden –
der eine hat die kopfhörer seines smartphones über seinem struppigen haar –
hie und da dringt ein scharfer rhythmus zu mir herüber, eine melodie ist nicht zu entnehmen –
“hast du die hausübung aus mathe” fragt ein anderer –
ich versuche weiterzulesen, vielmehr, ich studiere eine karikatur –

harbach

beim blumengeschäft stellt eine verkäuferin gerade ein schild auf –
ich vergesse den text, ehe ich ihn gelesen habe, wahrscheinlich ein sonderangebot –
“die leiden des jungen werthers” fällt mir wieder ein –
ich mustere unauffällig das gesicht des mädchens in der fensterscheibe und schaue dann wie unabsichtlich kurz direkt hinüber –
die dichten rotblonden haare sind vermutlich mit einem band zusammengebunden –
als ich vor vielen jahren den “werther” gelesen habe (habe ich ihn überhaupt gelesen?) –
briefroman, selbstmorde assoziiere ich … und liebe –
… wenn diese ihn nötiger brauchen vielen dank … –

harbachsiedlung

das mädchen ist vielleicht 16 oder 17 –
sie sieht ein bißchen altmodisch aus, ein wenig ländlich –
wahrscheinlich muss sie den “werther” für die schule lesen und dann einen aufsatz darüber schreiben –
ich lese in meiner zeitung (ohne zu lesen) –
ungeordnete gedanken, mehr gefühle sind es, die mir im kopf herumgehen –
als das mädchen merkt, dass ich sie schon einige augenblicke lang anstarre, blickt sie kurz auf und gleich wieder weg –
man blickt immer gleich weg, wenn man sich in der straßenbahn ansieht –
das gehört sich nicht, bekommt man schon als kind zu hören –

gründberg umsteigen zur linie 38

… ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen wenn diese … –
sie blättert um, sie liest also tatsächlich –
ich blättere auch um –
“frühjahrsputz in budapest” lese ich und ich denke an den geplanten urlaub am plattensee –
wir haben uns dann doch für die toskana entschieden –
ich merke, dass das mädchen kurz herüberschaut –
ich merke es, obwohl ich zeitung lese (lese ich?)
ich sehe schon die kirche von magdalena und den ersten goldregen bei der feuerwache (ich habe noch nie eine ausfahrt beobachtet –
es ist ein sonniger tag –

Ferdinand-Markl-Straße

diese viel zu kurze station bleibt wie fast immer ereignislos –
manchmal fährt die straßenbahn ohne zu halten nach

sankt magdalena biesenfeldbad

der ältere mann von der wildbergstraße sitzt noch immer auf seinem platz, er umklammert einen plastiksack –
“frühjahrsputz in budapest” lese ich nochmals und blättere weiter –
eine werbung für den “philharmoniker” –
ich denke an nabucco und “teure heimat …”, der tag wird gut enden –
verona fällt mir ein, schon wieder urlaub –
das mädchen lässt das reclamheft kurz sinken –
sie ist eigentlich recht hübsch, der “werther” passt irgendwie zu ihr –
ich bemerke, dass die zeilen numeriert sind (wie in der bibel) –
ich vermeide, sie auch indirekt durch die spiegelung im fenster zu beobachten (beobachte ich sie?) –
sie wird sicherlich einen aufsatz schreiben müssen –

glaserstraße

… wir bitten sie ihren sitzplatz anderen personen zu überlassen –
die putzfrauen steigen aus, sie wohnen im biesenfeld, wie ich weiß –
hier möchte ich nicht einmal begraben sein, denke ich –
architektonisch ganz interessant, aber die verwinkelten stiegenhäuser –
unsere leihomi wohnt hier bei ihrer tochter –
ich habe benjamin manchmal hingebracht und abgeholt –
heute abend kommt sie, wenn wir in die oper gehen –

dornach

ich sehe das postamt –
ein paar tnf-studenten steigen aus, für sie ist es näher zum tnf-turm als von der endstation –
man erkennt die tnf-studenten an den abgewetzten aktenkoffern –
oder sie wollen auch nur ein wenig frische luft schnappen –
das mädchen vis-á-vis verstaut das reclamheft in der schultasche und schaut auf die uhr –
sie wirkt für mich noch altmodischer als vorher, aber der “werther” passt … (das habe ich doch schon gedacht) –

schumpeterstraße pfarrzentrum heiliger geist

der wagen hält, obwohl niemand den halteknopf gedrückt hat (ich weiß das, weil das “wagen hält” nicht auf dem overheadscreen erscheint –
der fahrer schaut auf seinen fahrplan –
ich falte meine zeitung in der mitte und stecke sie in meine tasche –
ich stehe auf und gehe zur vordersten tür beim fahrer (wie beinahe jeden tag, um mir einige sekunden zu ersparen … wozu?) –

universität

der fahrer drückt den weichenknopf ein paarmal –
der wagen kommt langsam zum stillstand –
als ich aussteige sehe ich den roten pferdeschwanz des mädchens zur schule baumeln –
ein weißes band –
wahrscheinlich wird sie doch keinen aufsatz schreiben müssen, das hoffe ich wenigstens –
der “werther” passt zu ihr –

finale

die anzeige bei der haltestelle springt von 8.14 auf 12°, es wird ein richtiger frühlingstag werden, auf dem heimweg am nachmittag werde ich meine jacke ausziehenmüssen –
der schülerlotse hat gerade seine arbeit beendet, ich muss selber aufpassen beim überqueren der straße –
ein paar studenten überholen mich, sie haben es eiliger –
im teichwerk ist noch nachtbetrieb –
ein paar enten watscheln über den weg und lassen sich in den uniteich plumpsen (gestern habe ich eine tote ente im wasser treiben gesehen) –
ich summe “teure heimat …” und hole den büroschlüssel aus meiner hosentasche.


Aktualisierung des Textes “wenn sie an der nächsten haltestelle aussteigen wollen, drücken sie bitte rechtzeitig den halteknopf“, veröffentlich in den Facetten ’90.




Per E-Mail ins Paradies

Ich hob mein Glas, in dem die Eiswürfel längst geschmolzen waren. Pedro, der Sohn der Köchin, bequemte sich hitzemüde aus dem Schatten der Honigpalme, unter der er vor der trotz später Stunde noch kräftigen Sonne Schutz gesucht hatte. Wortlos nahm er das Glas und ging den weißen Kiesweg hinauf zur Finca, die auf einem unscheinbaren Hügel lag.

Während ich auf den Whisky wartete, überlegte ich, wen von meinen österreichischen Freunden ich dieses Mal zu Silvester auf meine kleine Insel einladen sollte. Wie im Vorjahr würde ich sie schon ein paar Tage vorher mit meinem Jet einfliegen lassen, um den Jahreswechsel mit Menschen meiner Muttersprache feiern zu können. Da fiel mir ein, dass ich mich bald mit meinem Sekretariat in Verbindung setzen sollte, damit sie mit dem Pyrotechniker aus Shanghai das Feuerwerk arrangieren. Das Diner wie üblich von Alain Ducasse, oder sollte ich doch Ferran Adrià fragen? Schließlich passte seine spanische Küche besser hierher … und sein Auftritt auf der documenta war mir noch lebhaft in Erinnerung. Witzigmann kam nicht in Frage.

Pedros Schlurfen unterbrach meine Planungen. Nachdem er das Glas auf das Tischchen neben der Hängematte gestellt hatte, verzog er sich mit schläfrigen Schritten wieder in den Schatten. Ich ließ die Eiswürfel ein wenig im Glas rotieren, nahm einen kleinen Schluck des allmählich kühler werdenden Whiskys und blickte hinaus auf das Meer, das in sanftem Rhythmus fast geräuschlos den Sandstrand streichelte.

Die abendliche Stille verleitet die Seele dazu, Rückschau zu halten. Als ob es gestern gewesen wäre …

Meine Freunde waren damals ungläubig gewesen, als ich ihnen von meinen Plänen erzählt hatte. Ich konnte ihnen den Zweifel in den Augen nicht verdenken, denn zu märchenhaft schien alles. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, denn es war der österreichische Nationalfeiertag, als ich an meinem Computer die Mailbox sondierte. Der Betreff einer E-Mail hatte „Dringend! Ich brauche Ihre Hilfe, Herr Altbauer!“ gelautet. Eine dieser zahlreichen Bettel-E-Mails von todkranken Waisenkindern in der dritten Welt, dachte ich, und wollte schon die Löschtaste drücken. Zufällig fiel mein Blick auf die E-Mail-Adresse: „m.tesoro@royal-bank.uk“.

Zum Glück siegte meine Neugier und ich öffnete die E-Mail und las:

Lieber, guter Freund Herr Altbauer,

guten Tag an Sie. Ich bin Mrs. Maria Theres Tesoro und arbeite für Filiale der Royal Bank London in der Republic of Burundi. Bei allem Respekt und Achtung, ich schreibe Ihnen aus meinem Büro in Bujumbura und möchte Ihnen vorschlagen, ein Geschäft, das von größtem Nutzen für uns beide werden kann. In meiner Abteilung entdeckte ich eine verlassene Summe von £ 18,500,000 GBP (Achtzehn Million £) in einem Konto, das zu einem unserer ausländischen Kunden Dr. Enrico Altbauer gehört, gestorben mit seiner ganzen Familie in Burundi hier bei Flugzeugabsturz auf 12. Oktober 2007.

Ich persönlich habe schon in der Suche die Verwandten für 2 Jahre jetzt erfolglos. Finde traurig, dass bald Summe großen Geldes verjährt und an kriminelles Regime fällt, das Waffen kaufen wird. Suche Ihre Zustimmung, Sie zu nennen als nächsten Angehörigen / Empfänger an den Verstorbenen, so dass die Erlöse aus diesem Konto bei 18,500,000 geschätzt GBP kann Ihnen ausbezahlt sein.

Wenn Sie mir Passkopie schicken und Konto nennen, wird ausgezahlt an Sie, wobei geteilt in diese Prozentsätze, 20% für mich und 80% für Sie. Ich habe alle notwendigen rechtlichen Dokumente, die zur Sicherung dieser Forderung werden. Ich brauche nur in Ihrem Namen zu den Dokumenten und legalisieren sie in der Royal Bank Filiale hier, um Sie als berechtigten Empfänger nachweisen.

Alles, was ich jetzt bitte, ist Ihre ehrliche Zusammenarbeit, Verschwiegenheit und Vertrauen, damit wir sehen diese Transaktion durch. Ich garantiere Ihnen, dass dies unter einer legitimen Anordnung, die Sie aus einer Verletzung des Gesetzes schützt ausgeführt wird.

Wir haben fünf Tage, um es durchlaufen, dies ist sehr dringend bitte. Bitte auf Ihre Bestätigung dieser Nachricht und geben Sie Ihr Interesse, werde ich Ihnen weitere Informationen liefern. Lassen Sie mich wissen, Ihre Entscheidung, anstatt mich warten. Ich weiß, dass, wenn Sie meine Bank Informationen über dieses Schreiben, das ich zu Ihnen gesandt, ich ins Gefängnis gehen, aber stehen Sie bitte, weil ich wirklich möchte Demokratie nicht Diktatur, um Geld zu sammeln nicht für Waffen. Schreiben Sie mir Mail rasch.

Mit hoffnungsvollen Grüßen,

Maria Theres Tesoro.

Da ich kein leichtgläubiger Mensch bin, überprüfte ich die genannten Fakten dieser E-Mail. Es war nicht schwer herauszufinden, dass sich am 12. Oktober 2006 tatsächlich ein Flugzeugunglück in Burundi ereignet hatte, wobei alle Insassen umgekommen waren. Ich fand durch eine Internetrecherche auch heraus, dass es sich um das Privatflugzeug des 1974 nach Burundi ausgewanderten Österreichers Heinrich Josef Altbauer handelte, der sich den Vornamen Enrico zugelegt hatte. Er hatte in der Provinz Makamba einen Handel mit Rohstoffen aufgebaut, was ihn bald zu einem der reichsten Männer Afrikas machte. Das Foto des Zeitungsberichtes zeigte einige Flugzeugtrümmer und darüber das Bild eines bärtigen weißen Mannes mit einer schwarzen Frau, die ein Kind auf dem Arm hielt. Alle wären bei dem Unglück ums Leben gekommen, hieß es in dem Bericht.

Ich hatte zwar eine große Familie und es gab in der ganzen Welt verstreute Mitglieder der Familie Altbauer, doch von diesem Enrico hatte ich noch nie gehört. Offensichtlich ging es dieser Bankangestellten nur darum, einen hiesigen Namensvetter zu finden, den man den Behörden bzw. der Bank gegenüber als Verwandten ausweisen konnte.

Da ich zu dieser Zeit gerade meinen Urlaub plante, wollte ich dieser Geschichte auf den Grund gehen und buchte kurzentschlossen einen Flug nach Afrika. Da die Hauptstadt von Burundi am Tanganjikasee liegt und dementsprechend touristisch erschlossen ist, war es leicht, online auch gleich ein komfortables Hotel zu buchen. Mein Hausarzt, bei dem ich die vorgeschriebene Gelbfieberimpfung machen ließ, stellte mir eine kleine Reiseapotheke zusammen und empfahl mir, mich vor Krokodilen und Nilpferden in Acht zu nehmen. Die Ausstellung eines Visums war innerhalb von 48 Stunden möglich, sodass ich schon in drei Tagen abreisen konnte.

In einer E-Mail kündigte ich Frau Tesoro den Zeitpunkt meines Eintreffens an, und bat sie, mich vom Flughafen abholen zu lassen. Bevor das Flugzeug zur Landung in Bujumbura ansetzte, drehte es eine Runde über dem Tanganjikasee, der in der abendlichen Sonne wie ein goldener Teppich glitzerte. Ich deutete es als gutes Omen für mein Unternehmen.

Bei der Zollkontrolle wurde mir von dem Beamten in akzentfreiem Französisch mitgeteilt, dass ich schon erwartet würde. Ehe ich meiner Überraschung Ausdruck verleihen konnte, nahm ein anderer Beamter die noch ungeöffneten Koffer und führte mich in den nahen VIP-Bereich des Flughafens. Eine großgewachsene, elegant gekleidete junge Frau mit dunklem Teint erhob sich von einem Zebrafell-Sofa und kam lächelnd auf mich zu.

„Mister Altbauer, nehme ich an!“

„Mrs. Tesoro?“

„Ja. Willkommen in Burundi!“

Ohne Umschweife bat sie den Beamten ein Taxi zu rufen. Während der Fahrt zu meinem Hotel eröffnete sie mir nach dem üblichen Smalltalk über den Verlauf des Fluges, dass sie das Geschäft noch heute über die Bühne bringen wollte. Sie hätte alle Unterlagen mitgebracht.

Ich war etwas überrascht, aber es sollte mir Recht sein, denn dann konnte ich die ganze Zeit hier für einen Urlaub nutzen.

Nachdem ich mich auf meinem Zimmer geduscht und der herrschenden Hitze angemessene Kleidung angezogen hatte, begab ich mich in die Lounge des Hotels, wo Mrs. Tesoro auf mich wartete. Ein Boy führte uns in einen Business Room, wo wir an einem runden Tisch Platz nahmen. Sie holte aus ihrer Tasche einen schmalen Aktenordner und reichte mir ein Formular. Sie bat mich, es genau zu studieren und dann zu unterschreiben. Es handelte sich um die in Englisch abgefasste Erklärung über meine Verwandtschaft zu dem verstorbenen Landsmann Enrico Altbauer und darüber, dass ich bereit wäre, sein Erbe als nächster Angehöriger anzutreten. Nach der Unterschrift bat sie mich, ihr meinen Pass auszuhändigen. Sie würde mit diesen Unterlagen in der Bank das Geschäft finalisieren, und mir danach den Zugang zu meinem Erbe ermöglichen.

Nach einer Stunde in der Hotelbar, von der aus man klimaanlagengeschützt das bunte Treiben vor dem Hotel beobachten konnte, erschien Mrs. Tesoro mit einem noch strahlenderen Lächeln als am Flughafen, wie mir schien. Sie ließ eine Flasche Veuve Clicquot kommen, mit dem wir unser Geschäft begießen sollten. Sie händigte mir meinen Pass aus und überreicht mir eine Scheckkarte samt einem Kontoauszug, aus dem hervorging, dass ich ab sofort alleiniger Verfüger über ein Konto der Royal Bank London mit einem Stand von 14,400.000 Britischen Pfund wäre.

Während wir mit Champagner auf unser Geschäft anstießen, eröffnete sie mir, dass sie bei der Bank gekündigt hätte und in ihre Heimat zurückkehren möchte. Sie erzählte, dass ihre Familie von der kleinen karibischen Insel Grande stammte, die zum Archipel der Islas del Rosario gehöre. Sie wollte sich dort auf einer der achtundzwanzig kleinen Inseln niederlassen, von denen einige käuflich zu erwerben wären. Allerdings reichten ihre 3,6 Millionen nicht aus, um ihre Lieblingsinsel zu erstehen, denn diese wäre erst mit knapp über fünf Millionen zu kaufen. Ein wahres Paradies. Sie seufzte dabei, und meine Phantasie trug sie dabei in ihrer geschmeidigen Eleganz an den Strand eines sonnenüberfluteten Eilands.

Nun liege ich in einer Hängematte, die zwischen zwei Palmen am Strand dieser Fünf-Millionen-Insel aufgespannt ist und blicke auf das in diesem Teil der Karibik glasklare smaragdene Meer hinaus, aus dem Korallenbänke ragen, die die Gischt der Wellen im Abendlicht der Sonne aufleuchten lassen.

Beim letzten Schluck Whisky wird mir klar: Ich werde die Entscheidung über den Koch doch meiner Frau Maria Theres überlassen …


Foto: Benjamin Stangl, 2017




Der persönliche Feiertag

Der persönliche Feiertag

“Erwin, hast du das gelesen?”

“Ich bin schon fast eingeschlafen. Hat das nicht bis morgen Zeit?” brummt dieser.

Erwin lag wie jeden Tag im gemeinsamen Bett mit dem Rücken zu Eva, da diese vor dem Schlafengehen im Schein der Nachttischlampe noch ein wenig in der Zeitung blättern wollte. Wie jeden Tag.

“Die Regierung erlaubt uns jetzt, einen Tag im Jahr als persönlichen Feiertag zu wählen.”

Erwin reagierte nicht.

“Einen persönlichen Feiertag”, wiederholte sie und stupste mit der linken Hand Erwins Rücken.

“Lass mich schlafen, ich bin müde.”

“Stell dir vor, wir können jetzt unseren Hochzeitstag immer gemeinsam feiern, wenn wir uns an dem Tag frei nehmen.”

Erwin hob den Kopf ein wenig und erwiderte: “Aber es soll doch ein persönlicher Feiertag sein und kein Familientag.”

Eva hatte seine Antwort halb überhört und setzte fort: “Da könnten wir unsere Eltern einladen … und gemeinsam etwas unternehmen.”

“Die werden den Teufel tun”, brummelte Erwin. “Und wenn ich schon einen persönlichen Feiertag bekomme, dann suche ich mir schon persönlich aus, wofür.”

“Wir könnten auch meinen Geburtstag wählen. Oder deinen”, fügte Eva rasch hinzu.

“In meinem Alter ist der Geburtstag eher nichts zum Feiern, denn besaufen kann ich mich wann immer ich will.”

“Das machst du dann aber ohne mich!”

“Sag ich ja! Und jetzt will ich schlafen.”

“Dann fahre ich an meinem Feiertag halt mit meinen Freundinnen in eine Wellnessoase”, konterte Eva trotzig.

“Gute Idee”, murmelte Erwin, “dann hab ich wenigstens einen Tag meine Ruhe.”

“Was willst du damit sagen?”

Erwin zog die Tuchent über seinen Kopf: “Dass ich jetzt einfach schlafen will.”

“Immer willst du schlafen, wenn ich mit dir etwas Wichtiges besprechen möchte.”

Erwin seufzte und überließ Eva eine Weile die Kommunikation. Als sie merkte, dass Erwin auf keine Fragen mehr reagierte, faltete sie die Zeitung geräuschvoll zusammen und drehte das Licht ab: “Das ist wieder typisch!”

Sie war schon am Einschlafen, als sich Erwin noch einmal aufrichtete und bestimmt verkündete: “Ich werde heuer mit meinen Arbeitskollegen zum Champions League Finale fahren.”

Dann Stille. Eva zog sich die Tuchent über den Kopf. Irgendwann begann Erwin zu schnarchen.

Dieser abendliche Disput liegt schon einige Jahre zurück, und Eva und Erwin wählten erwartungsgemäß getrennte persönliche Feiertage. Doch nun wählten sie überraschenderweise erstmals einen gemeinsamen Feiertag.

Sie nutzen ihn für den Besuch beim Scheidungsrichter.




SIEB.10 @ 4711 ::

© Werner Stangl Linz 2019