‘Die Rampe‘


Der Stadt entgegen

Der Tag wickelt sich aus der Nacht.
Seine Fühler summen.
Jetzt hängt er frei im Himmel
wie ein Weltkörper rollend.
Die Sonne schwimmt über den Horizont,
der Strom der Asphaltbahnen treibt hin,
breit zur grünen Küste der Hügel.

Der Wind spielt mit den Stunden
um Werden und Sein, um Leben und Sterben.
Der Kessel erwachendes Feuer
singt an der Kruste des zerbrochenen Flügels,
und drückt seine zähe Last
durch das regenbogenfarbene Tor voraus
zur Stadt hin.

Unter dem wallenden Segel am Himmel aber
gleitet und stolpert der kohlschwarze Schatten
wie ein Fuß über die Häuser und Plätze,
über das Geschrei der Händler
und das Gespött der Gottlosen
hinweg.


Veröffentlicht in DIE RAMPE. Hefte für Literatur. 4/2019, S. 28.

der-stadt-entgegen


[Verzeichnis der Texte]




Nibelungen.Brücke

Brunhild & Kriemhild
uns ist in alten maeren
Zwei.Zeiten.Brücke
wunders vil geseit
Vor.Zeit & Un.Zeit
von vreude und hôchgezîten
entzweitest & verbandest
von helden lobebaeren
Zwei.Reich.Brücke
von grôzer arebeit
Reich & ge.Reicht
von weinen und von klagen
Zwei,Zonen.Brücke
von küener recken strîten
Zwei.Zungen.Brücke
muget ir nu wunder hoeren sagen
Gunther & Siegfried

nibelungen-bruecke


[Verzeichnis der Texte]

Abgedruckt in der Presse am 23. Mai 2015 Abgedruckt in der Presse am 23. Mai 2015




Sommer.Abend

Der Fluss lehnt an die Brücke
den abendlichen Glanz,
der Flug der Schwalben
spannt silbern ihren Bogen.
Gelassen duckt die Nacht sich
in die alten Gassen,
in ihrem Schoße reifen
die Bilder der Erinnerung,
aus denen schemenhaft
sich neue Träume formen.
Die Sehnsucht folgt den Spuren,
die unsre Herzen leise schrieben.
Zögernd nur trinken wir
den kühlen Abend,
der uns ein tröstlich Lager
für die Nacht verspricht.

abendstimmung


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© Werner Stangl Linz 2020