‘Dichtung‘


Viertelstunden

Meine tägliche Zeitrechnung
beginnt mit den Schlägen der Repetieruhr.
Meist warte ich auf die volle Viertelstunde,
manchmal wecken mich die Schläge,
mittendrin,
zu spät, um mitzuzählen.
Viertelstunden sind mir vertrauter
als die weiten Gärten des Tages,
denn sie teilen den Tagesanbruch
in überschaubare Gedankenbeete.

In der Kindheit habe ich diese Viertelstunden
selten genossen, oft gefürchtet,
da sie flüchtig und zu kurz waren.
Ängste vor der Schule,
stimmten den Tag ein.
Viertelstundenweise Galgenfristen.
Allein an Wochenenden
und in den Ferien wucherte ich
sorglos verschwenderisch mit ihnen.
Im Alter liegt ein pflichtloses Gefühl
über den Forderungen der Uhr.

Nun ist es das Gurren der Tauben im Hinterhof,
der Lockruf der Amsel am Hausfirst gegenüber,
der durch den Spalt des gekippten Fensters schlüpft.
Das surrende Singen des Aufzugs,
die eilfertigen Schritte des Zeitungsauträgers,
nah an der Wohnungstür.
Montags und donnerstags
das echosuchende Rollen der Mistkübel im Hausflur,
das durch das Stiegenhaus zu mir heraufrotiert.
Ob mir das Rattern der metallenen Jalousien
des Bewohners vom fünften Stock fehlen wird,
dessen Parte bis gestern am Schwarzen Brett hing?

Heute teilen sich die Viertelstunden
ihre Zeit mit der Suche nach der Position,
bei der mein Rücken weniger schmerzt,
selten mit Fragen nach dem Tag.
Bis ich mich – irgendwann –
aus dem Takt der Repetieruhr befreie,
länger, immer länger, am Bettrand sitzend,
diese Viertelstunden wie gute Freunde hinter mir lasse.




Kleine Ewigkeit

Immer, wenn die Schatten fallen,
zwischen Dunkelheit und Tag,
fliehe ich die Gegenwart
und suche die versäumte Zeit,
in der Erinnerungen schlafen.

Ich träume jenen fernen Traum,
in dem Gedanken frei erstehen
und alte Szenen neu erwachen,
bis ich das Herz des Frühlings spüre,
die Quelle, die mir dich gebracht.

Wie leicht führt doch die Sehnsucht.
Das Mondlicht spaltet silbern
den Weg mir zwischen Bäumen,
sanft leitet mich das Klagen
des schläfrig müden Vogels.

Im Streicheln einer Brise,
erspür’ ich deinen Atem,
ertaste deiner Hände Zögern,
bis deine Lippen mich berühren
in dieser kleinen Ewigkeit.

Kleine Ewigkeit


Freie Nachdichtung von Jessie Redmon Fausets Gedicht „Douce Souvenance“ aus der Zeitschrift „The Crisis“, 1920.




Schönheit, die nie zu Ende geht

Wenn mich die Stürme des Lebens erschüttern und schlagen,
Wenn durch bittere Sorgen das Leben bedrückt,
Ist mir kein Hafen sich’rer als deine Arme,
Begehr’ ich keinen süßeren Himmel als deine Brust.

Wenn auf meinen Lebensweg Schatten fallen
Von sonnlosen Tagen und sternlosen Nächten,
Genügt mir das sanfte und beständige Licht,
Das sanft in deinen liebenden Augen mir leuchtet.

Und meine Welt, die ganze Welt, sie ist umfangen
Von deinen Armen; es liegt für mich
In deiner Augen Strahlen und Dunkelheit
Die wahre Schönheit, die nie zu Ende geht.

Schönheit die nie vergeht


Übertragung von James Weldon Johnsons “Beauty That is Never Old” in „Fifty Years and Other Poems“, 1921.




SIEB.10 @ 4711 ::

© Werner Stangl Linz 2020