‘Übertragung‘


Kleine Ewigkeit

Immer, wenn die Schatten fallen,
zwischen Dunkelheit und Tag,
fliehe ich die Gegenwart
und suche die versäumte Zeit,
in der Erinnerungen schlafen.

Ich träume jenen fernen Traum,
in dem Gedanken frei erstehen
und alte Szenen neu erwachen,
bis ich das Herz des Frühlings spüre,
die Quelle, die mir dich gebracht.

Wie leicht führt doch die Sehnsucht.
Das Mondlicht spaltet silbern
den Weg mir zwischen Bäumen,
sanft leitet mich das Klagen
des schläfrig müden Vogels.

Im Streicheln einer Brise,
erspür’ ich deinen Atem,
ertaste deiner Hände Zögern,
bis deine Lippen mich berühren
in dieser kleinen Ewigkeit.

Kleine Ewigkeit


Freie Nachdichtung von Jessie Redmon Fausets Gedicht „Douce Souvenance“ aus der Zeitschrift „The Crisis“, 1920.




Schönheit, die nie zu Ende geht

Wenn mich die Stürme des Lebens erschüttern und schlagen,
Wenn durch bittere Sorgen das Leben bedrückt,
Ist mir kein Hafen sich’rer als deine Arme,
Begehr’ ich keinen süßeren Himmel als deine Brust.

Wenn auf meinen Lebensweg Schatten fallen
Von sonnlosen Tagen und sternlosen Nächten,
Genügt mir das sanfte und beständige Licht,
Das sanft in deinen liebenden Augen mir leuchtet.

Und meine Welt, die ganze Welt, sie ist umfangen
Von deinen Armen; es liegt für mich
In deiner Augen Strahlen und Dunkelheit
Die wahre Schönheit, die nie zu Ende geht.

Schönheit die nie vergeht


Übertragung von James Weldon Johnsons “Beauty That is Never Old” in „Fifty Years and Other Poems“, 1921.




Das Herz einer Frau

Das Herz einer Frau erwacht mit der Morgendämmerung,
Als einsamer Vogel, mit sanftem Flügelschlag,
fliegt es rastlos über die Türme und Täler des Lebens,
In ihrem Nachklang sucht das Herz sein Zuhause.

Das Herz einer Frau kehrt zurück mit der Nacht,
Betritt in seiner Not ein ihm fremdes Verlies,
Versucht zu vergessen den Traum von den Sternen,
Während es bricht, bricht, bricht an den schützenden Gittern.

Das Herz einer Frau Georgia Douglas Johnson


Übertragung von Georgia Douglas Johnsons “The Heart of a Woman” in “The Heart of a Woman and Other Poems”, 1918.

Bild: Gundi Groh, 1981.

 




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© Werner Stangl Linz 2020