‘Fragmente‘

fragment 01: er ging durch die belebten straßen

w.s. scripsit 1966

abstander ging durch die belebten straßen, als hätte er etwas verloren. niemand konnte seine augen sehen, denn sein blick war auf das unregelmäßige muster der straßensteine gebannt. er trug keine gedanken hinter seiner stirn, denn er hatte sie an der letzten straßenecke verloren. oder war es die vorletzte. darüber dachte er nicht nach. es störte ihn nicht, daß er manchmal die unwilligen blicke der passanten auf sich zog, wenn er einmal einen von ihnen übersah und nicht platz machte. gedankenverloren setzte er einen fuß vor den anderen, die richtung zählte nicht. der lärm konnte den unsichtbaren schild nicht durchdringen, den er gleichsam als schutz vor sich her trug. seine hände baumelten im toten rhythmus seine schritte. ziellos. vergeblich.
abstandniemand hatte ihn gesehen. nur ich bin ein stück mit ihm mitgegangen, zählte seine schritte. dann habe ich ihn in der menschenmenge verloren.
abstandseither sehe ich ihn jeden tag, einmal in dieser, einmal in jeder straße, dann in keiner.
abstandgrüßen sie ihn von mir, denn ich habe ihn verstanden.

strassensteine-pflaster

12. Juli 2016

Ungeschriebenes und Unschreibbares … (2010)

Ich suche nach den Worten
für dein Königinnentum
für dein Schreiten
für das Feuer deiner Haare
für das Neigen deines Kopfes
für das Zögern deiner Lippen
für das Lächeln deiner Wangen

–oo-o-o-oo–

Ich hör nicht mehr,
wenn du sprichst,
die Worte werden mir zur Melodie des Herzens.

–oo-o-o-oo–

Das Publikum applaudiert
dem Sentiment,
im Ausklang träumt der Abend von …

–oo-o-o-oo–

Der Schnee des Winters
gibt die Wiesen frei
doch nicht dein Herz.
Tief ruht es
erdrückt von den Gedanken.
Die Erinnerung
brdet neues Eis
genährt aus der Wiederholung des Alten.
Du hast es aufgegeben,
dass es jemals wieder
frei schlagen wird.
Sentimentalität
ist dir so fern.

–oo-o-o-oo–

Warum quäle ich mich immer wieder
dich zu erreichen?
Ich laufe gegen eine Mauer
die du irgendwann einmal
zum Schutz dir bautest,
zum Schutz vor dem Leben,
vor mir?
Und ich laufe gegen diese Wand,
du umgibst dich mit Freundschaften
zum Schutz vor den Menschen.

–oo-o-o-oo–

Der Tag verspricht dir nichts,
er lebt dich
und trägt dich durch die Stunden.
Was ist Zeit?
Sie trägt dich nicht,
kannst sie nicht halten …

–oo-o-o-oo–

Du läufst bis ans Ende der Welt,
um vor dir selber zu fliehen,
und findest doch dort
nur dich selber,
abgehetzter und ängstlicher
als vor deiner FLucht …

–oo-o-o-oo–

1. Januar 2010

Ungeschriebenes und Unschreibbares … (2009)

An einer Weggabelung stehe ich,
doch ich blicke zurück,
es ist der Schmerz der versäumten Möglichkeiten,
die noch schwerer wiegen als die Hoffnungen,
die noch unsicherer sind.

–o-o-o–

Der Tanz der Gedanken
stockt an der Weggabelung,
begleitet dich bis an das Ende des Weges,
dort stockt dein Fuß
und die Träume fallen ab
in das Feuer der Erinnerung.
Das fahle Grau der Wintersonne
macht alle Wege gleich.

–o-o-o–

Das Jahr trägt seinen Schatten vor sich her,
der Raum vermählt sich mit der Zeit,
das Gestern überholt den Morgen
und duckt sich in den Nischen der Erinnerung.

Die Hoffnung vermischt sich mit der Erfüllung.

–o-o-o–

Wir tasten uns entlang
an den Fäden,
die uns das Schicksal
in der Höhle des Lebens spannt.
Kreuz und quer
begegnen wir anderen Tastenden,
berühren einander
überschneiden …

–o-o-o–

Das Leben fließt an mir vorbei
ich greife nicht danach
und staune …

–o-o-o–

Wie die Wellen am FLuss
verwirbelt der Wind die Gräse an der Böschung.
Er peitscht die unschuldigen Blumen,
mischt die Farben
zu immer neuen Mustern.
Böen köpfen die Blumen
Die Halme streifen einander
und singen ein Lied
von weit her.

–o-o-o–

161 cm Dynamit
verpackt in eine Siamkatze
im Schatten eines Marillenbaums.
Das wäre doch ein Motiv
für ein Kirchenfenster.

–o-o-o–

Ich habe vom Trank des Lebens gekostet
und den langen Tagen der Sehnsucht.
Du füllst mein Glas mit deiner Liebe …

–o-o-o–

Jedes Paar, dem ich begegne,
reißt eine Wunde auf
im weiten Narbenfeld des Lebens.
Alle Bilder sprechen
von den vergebnen Möglichkeiten.
Und aus dem Dunkel kriecht hervor
der alte Schmerz,
der doch so neu war
und voll des Lebens.
Müdigkeit,
das Leben gießt erinnerungen aus.

Beim Rückweg deines Lebens
in die Heimat der Ewigkeit
bist du allein gelassen
von der Gefährtin.
Warum sind meine Verse
gefüllt mit wenigen WOrten,
Tränen, Angst, …

–o-o-o–

Ein jeder Tag mit dir
schreibt Spuren in mein Leben.

–o-o-o–

Wir treiben auf einem Boot
im Fluss des Lebens
ausgesetzt
den Launen überlassen
an einigen Stellen jagen wir dahin,
die breiten Ufer sind selten.

–o-o-o–

Buch.Haltung
Der Herbst ist jene Zeit
in der man inne hält
und seine Ernte prüft.
Wie jedes Jahr ist die Bilanz
zu dürftig, um den Winter …

–o-o-o–

Ein Narr ist,
wer an das Leben glaubt,
an Treue und an Ewigkeit.
Nichts hat Bestand
in dieser Welt der Täuschung
und der Lügen.
Selbst der Spiegel
hat nur Spott und Häme.
Wer anderen vertraut …

–o-o-o–

Diese Nacht
ließ uns nach dunkler Zeit
LEBEN
ertanzen, erträumen,
was möglich wäre
im neuen Leben.
Sind eingetaucht
in eine Meer aus Sehnsucht
nach einem neuen Tag.
Das Alte hinter uns gelassen
abgestriffen
wie den perlenden Regen
von einem zerrissenen Mantel.
Scherben blieben zurück,
fügten sich zu neuen Bildern.

31. Dezember 2009

© Werner Stangl Linz 2017