‘Fragmente‘


fragment 01: er ging durch die belebten straßen

w.s. scripsit 1966

abstander ging durch die belebten straßen, als hätte er etwas verloren. niemand konnte seine augen sehen, denn sein blick war auf das unregelmäßige muster der straßensteine gebannt. er trug keine gedanken hinter seiner stirn, denn er hatte sie an der letzten straßenecke verloren. oder war es die vorletzte. darüber dachte er nicht nach. es störte ihn nicht, daß er manchmal die unwilligen blicke der passanten auf sich zog, wenn er einmal einen von ihnen übersah und nicht platz machte. gedankenverloren setzte er einen fuß vor den anderen, die richtung zählte nicht. der lärm konnte den unsichtbaren schild nicht durchdringen, den er gleichsam als schutz vor sich her trug. seine hände baumelten im toten rhythmus seine schritte. ziellos. vergeblich.
abstandniemand hatte ihn gesehen. nur ich bin ein stück mit ihm mitgegangen, zählte seine schritte. dann habe ich ihn in der menschenmenge verloren.
abstandseither sehe ich ihn jeden tag, einmal in dieser, einmal in jeder straße, dann in keiner.
abstandgrüßen sie ihn von mir, denn ich habe ihn verstanden.

strassensteine-pflaster

er war am ende seiner kräfte

w.s. scripsit 1966

er war am ende seiner kräfte.
seine hand zitterte vor furcht und hoffnungslosigkeit, als er den schweiß von seiner stirn trocknete. sie hatten ihn in die welt hinausgejagt, sie, die er liebte und die er achtete. sie hatten ihn aus ihrem gedächtnis gestrichen, doch er konnte nicht vergessen. durfte er denn vergessen?
sein fliehender atem sägte in die starre winterstille weiße zwischenräume. vor jedem schritt bebten seine füße zurück, vor jeder bewegung galt es tausenderlei zu bedenken. er wusste und dieses wissen ließ in zögern. bald nahm er eine geste, eine bewegung zurück, um ungeschehen zu machen, doch der wilde sturm drängte ihn vorwärts.
seine augen sahen die weiße und fürchteten sie. er zählte die schritte, doch die kälte trug die zahlen ins unermeßliche. stumm stolperte er über einen vereisten stein. der schmerz trieb blutwellen in sein gehirn.
endlich. die silhouette eines baumes sog ihn näher. hastiger und hoffender wurden seine schritte. er vergaß das zählen, denn ersuchte schutz, schutz vor ihnen und vor sich selber. er schloß einige schrittlang die augen, denn er hoffte, daß sein nächster blick den baum näher zeigen würde. er begann zu laufen. der stechende schmerz in seiner brust ließ ihn immer wieder innehalten. voll erwartung öffnete er seine augen. der wind trieb die dichten böen auf seine pupillen. krampfhaft hielt er sie offen, denn er wollte sehen, mußte sehen. wo war der baum, seine schützenden äste, sein schatten?
der wind mit seiner kalten hand ergriff seinen körper und trug ihn weiter. er wehrte sich dagegen, doch bald erlahmten seine beine, seine arme, seine augen.
er ließ sich treiben und das vergebliche einer rettung grub sich tiefer in seinen sinn.
vielleicht konnte er doch vergessen, wenn er daran glaubte.

Ungeschriebenes und Unschreibbares … (2010)

Ich suche nach den Worten
für dein Königinnentum
für dein Schreiten
für das Feuer deiner Haare
für das Neigen deines Kopfes
für das Zögern deiner Lippen
für das Lächeln deiner Wangen

–oo-o-o-oo–

Ich hör nicht mehr,
wenn du sprichst,
die Worte werden mir zur Melodie des Herzens.

–oo-o-o-oo–

Das Publikum applaudiert
dem Sentiment,
im Ausklang träumt der Abend von …

–oo-o-o-oo–

Der Schnee des Winters
gibt die Wiesen frei
doch nicht dein Herz.
Tief ruht es
erdrückt von den Gedanken.
Die Erinnerung
brdet neues Eis
genährt aus der Wiederholung des Alten.
Du hast es aufgegeben,
dass es jemals wieder
frei schlagen wird.
Sentimentalität
ist dir so fern.

–oo-o-o-oo–

Warum quäle ich mich immer wieder
dich zu erreichen?
Ich laufe gegen eine Mauer
die du irgendwann einmal
zum Schutz dir bautest,
zum Schutz vor dem Leben,
vor mir?
Und ich laufe gegen diese Wand,
du umgibst dich mit Freundschaften
zum Schutz vor den Menschen.

–oo-o-o-oo–

Der Tag verspricht dir nichts,
er lebt dich
und trägt dich durch die Stunden.
Was ist Zeit?
Sie trägt dich nicht,
kannst sie nicht halten …

–oo-o-o-oo–

Du läufst bis ans Ende der Welt,
um vor dir selber zu fliehen,
und findest doch dort
nur dich selber,
abgehetzter und ängstlicher
als vor deiner FLucht …

–oo-o-o-oo–

© Werner Stangl Linz 2017