Es schlug die Glocke Geisterstunde,
Ein Dichter rang mit Fiebernot;
In schlaflos-quälend später Runde
Ihm Grip die Hand zur Kopplung bot.
„O holde Grippe!“, rief der Wicht,
„Komm mit ans Meer, im Wellenlicht
Woll’n wir den Keim zum Herrscher krönen,
Und alles Sein mit Gift verschönen!“

Da rief der Chor der treuen Zeugen:
„O Dichterfürst, welch kühner Sang!“
Doch Werner wollt’ sich tiefer beugen,
Wo Agrippinas Oper klang.
Das Fieber stieg, der Geist ward weit,
Es schwand das Maß für Raum und Zeit;
Ein Reim, so nackt, so ohne Sinn,
Zog Anselm in den Abgrund hin.

„Agripp!“, so scholl’s aus bleichen Lippen,
„Agrippina!“, gab den Widerhall.
Man sah sie an den Klippen nippen,
Ein trunkner, röm’scher Sündenfall.
„Verzeiht!“, so fleht der kranke Mann,
„Dass ich nur Torheit dichten kann!
Die Nacht ist schwarz, das Haupt ist schwer,
Ich find’ das rechte Wort nicht mehr.“

Doch schau! Ein Licht aus fernen Zonen!
Irene naht im Palmenhain.
Wo Götter weit im Osten wohnen,
Tritt sie in Anselms Kammer ein.
„Ich lese dich!“, ruft sie von fern,
„Du kranker, kühner Dichterstern!
Sechs Stunden bin ich dir voraus,
Im Kho-Lanta-Sonnenhaus.“

Anselm, verzückt von ihrem Glanze,
Erhebt das Haupt ein letztes Mal.
In wildem, letztem Reimestanze
Besiegelt er der Grippe Qual:
„Du bist voraus! O Charme, o Licht!
Dagegen hilft die Logik nicht.“
Es schmilzt der Grip in ihrem Schoß,
Das Weibliche wird grenzenlos.

Der Morgen graut. Das Fieber weicht.
Die Sonne tilgt den nächt’gen Spuk.
Das Herz wird frei, das Haupt wird leicht,
Vom Reime-Wahn hat er genug.
„O Jammer!“, ruft er, nun erwacht,
„Was hab’ ich bloß in jener Nacht
Für Unfug in die Welt gesandt?“
Und legt die Feder aus der Hand.


Auch als Rap in zwei Versionen: