‘Gedichte‘


Bruckner.Park.Idyll

eisenbahnbruecke-linz-traeger

Auf einem rostfarbenen Lastkahn
strecken zerschweißte Träger der Eisenbahnbrücke
ihre Wunden in den blassblauen Sommersamstagshimmel.
Aus dem eventtruckzerpflügten Gras
starren das dunkelheitsverbrannte Bühnenrechteck
und die aneinandergereihten Sanitärquadrate
den Flanierenden vergelbt entgegen.
Von der fernverkehrenden Autobahnbrücke her
drängt sich hintergrundheischend das Rollen der Reifen
in das schweigende Fließen des Stromes.
Der aufbrechende Sommerflieder
reckt seine Blütenstände vergeblich
nach den heuer verspäteten Schmetterlingen.
Der Fußball im Käfig schlägt scheppernde Schneisen
in das Geschrei der Kinder aus dem Parkbad.
Die noch unverbauten Hänge des Pöstlingsbergs
drängen sich trockenbraun in das kritische Sichtfeld.
Das Polizeiauto patrouilliert schritttempiert
und wirkt wie immer deplatziert.
Der Wind blättert gelangweilt
in einer vergessenen Zeitung auf einer Parkbank.
Meine Erinnerungen ziehen mit den Wolken
aus dem verschimmernden Horizont der Vergangenheit
in den unaufhaltsamen Abend des Lebens.

sommerflieder


[Verzeichnis der Texte]


fragment 01: er ging durch die belebten straßen

w.s. scripsit 1966

abstander ging durch die belebten straßen, als hätte er etwas verloren. niemand konnte seine augen sehen, denn sein blick war auf das unregelmäßige muster der straßensteine gebannt. er trug keine gedanken hinter seiner stirn, denn er hatte sie an der letzten straßenecke verloren. oder war es die vorletzte. darüber dachte er nicht nach. es störte ihn nicht, daß er manchmal die unwilligen blicke der passanten auf sich zog, wenn er einmal einen von ihnen übersah und nicht platz machte. gedankenverloren setzte er einen fuß vor den anderen, die richtung zählte nicht. der lärm konnte den unsichtbaren schild nicht durchdringen, den er gleichsam als schutz vor sich her trug. seine hände baumelten im toten rhythmus seine schritte. ziellos. vergeblich.
abstandniemand hatte ihn gesehen. nur ich bin ein stück mit ihm mitgegangen, zählte seine schritte. dann habe ich ihn in der menschenmenge verloren.
abstandseither sehe ich ihn jeden tag, einmal in dieser, einmal in jeder straße, dann in keiner.
abstandgrüßen sie ihn von mir, denn ich habe ihn verstanden.

strassensteine-pflaster

Die Mauer

mauer

Du baust eine Mauer
aus leergesungenen Träumen,
aus gebrochenen Versprechen,
aus zerlebten Tagen versäumter Hoffnungen,
aus verstreuten Fragmenten,
die du für das Leben hieltest.

Die bedrohten Zwischenräume
füllst du mit verbrauchten Lügen,
dir fremd gewordnen Illusionen,
zu oft geweinten Tränen,
unausgesprochnem Zorn
und vergessen gehoffter Wut.

Diese Mauer schützt dich nicht
vor dem Stachel der Erinnerungen.
Jeder Stein trägt noch die Glut alter Feuer,
jeder von ihnen gleicht einem Spiegel,
jeder Zwischenraum eine schutzlose Wunde.
Dein Leben aufgetürmter Verzicht.


[Verzeichnis der Texte]

© Werner Stangl Linz 2017