‘Gedichte‘


Herbst.Schmähung

Herbst! Herbst!
Schickst die Natur
auf Chlorophyllentzug,
stiehlst karge Sonnenstunden
aus den engen Tälern.
Du treibst die Nebelfetzen
als Boten läng’rer Nächte
durch die Gassen.
Du täuschst mit deinen Farben
die frühlingssücht‛gen Herzen.
Vertrieben hast du längst
den Schrill der Schwalben aus den Giebeln.
Bedrängst der Menschen Hälse
mit dicken Schals und hohen Krägen,
zwingst ihnen Mützen auf die Köpfe.
Deine Gefährten, die trägen Raben,
machst du zu Pompfüneb‛rern
des lebensmüd geword‛nen Jahres.

herbst schmähung


[Verzeichnis der Texte]




Unkrauts Kriegsführung

Bei der Schneeschmelze
nutzt das Unkraut
das braungefrorene Gras als Tarnanzug.

Schickt als Vorhut
seine grünen Spitzen
in den Märzenhimmel.

Wenn die Aprilsonne
die Wurzeln wärmt,
bläst es zum Angriff.

Aus dem Hinterhalt
des Sommerschattens
überfällt es die erhoffte Ernte.

Im Herbst bleibt Arcimboldo ohne Gesicht.


Unkraut Bekämpfung


Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




Das Unkraut ist eine Frau

Das Unkraut ist jene Frau,
an der man einst achtlos vorüberging,
als sie uns schöne Augen machte.

Doch sie lief uns nach.
Ungeniert sinkt sie uns
unvermittelt an die Brust.


Unkraut randständig


Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




© Werner Stangl Linz 2018