Weihnachtsgeschichte für einen Psychologen

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Im Stall zu Bethlehem ging es hoch her, denn nicht nur die Hirten mit ihren Schafen drängten sich um die Heilige Familie, sondern auch die Heiligen drei Könige waren planmäßig eingetroffen und überreichten ihre Gaben. Das Jesuskind lächelte ihnen empathisch zu und die Könige beugten ihre Knie, denn sie fühlten, dass dieses Lächeln eine Botschaft hoher persönlicher Anteilnahme war. Josef und Maria standen schweigend dabei und staunten bloß, was da alles mit ihnen und ihrem Kind passierte. Die Herbergswirtin hatte Weihnachtskekse gebacken, sodass es im Stall nicht nur glänzte und glitzerte, sondern auch nach Zimt, Lebkuchen, gerösteten Mandeln und Haselnüssen duftete.

Die Engel, die all die Menschen zur Krippe gelotst hatten, flatterten aufgeregt umher, denn einer der ihren war noch nicht von der Einladungstour zurück. Man muss nämlich wissen, dass die Engel zu ganz speziellen Berufsgruppen ausgesandt worden waren. Einer zu den Hirten, ein anderer zu den Handwerkern, ein anderer zu den Kindern. Und der fehlende Engel – eigentlich war es ja eine Engelin – war zu den PsychologInnen geschickt worden.

„Dieses Psycherl! Immer kommt sie zu spät,“ sagte ein Engel.

„Wahrscheinlich ist sie auf der Couch eingeschlafen,“ spottete ein anderer.

Immer neue Erklärungen für die Verspätung fielen ihnen ein. Da ging plötzlich ein Raunen durch die Menge der Christusschauerinnen und -schauer. Eine lange Reihe von Menschen näherte sich dem Stall. An der Spitze die vermisste Engelin.

Obwohl manche von den näher kommenden Menschen – es waren fast ausschließlich Männer, aber damals wusste man noch wenig von Quotenregelungen – schon recht alt und gebrechlich aussahen, schleppten sie zahlreiche Bücher und andere Utensilien daher.

Der erste in der Reihe trat vor Jesus und legte ihm eine kleine Tafel in die Krippe, die noch ganz leer war. „Danke, mein lieber Aristoteles!“ Da zog dieser aus seinem Gewand noch drei Büchlein hervor und flüsterte: „Damit du die sündigen Seelen der Menschen besser verstehst!“

Da trat ein Mann an die Krippe und holte unvermittelt einen kleinen Stechzirkel hervor und pieckste, ehe Maria es noch verhindern konnte, der kleinen Jesuhand in die Fingerkuppe. „Keine Angst, Mutter, es tut nicht weh! Gustav Theodor möchte nur herausfinden, ab wann es zweimal weh tut!“ Und in Gedanken dachte das Jesukind an die viel größeren Schmerzen, die es eines Tages ertragen wird müssen. Dennoch lächelte es dem nächsten Mann entgegen. Dieser versuchte, Josef und Maria davon zu überzeugen, ihm das Jesuskind doch einfach mitzugeben: „Liebe Heilige Familie, ich kann etwas ganz Großes aus ihrem Kind machen, wenn Sie es mir überlassen!“ Er holte dabei eine kleine Ratte hervor, die er dem Jesuskind überreichte. Doch als er auch ein Stahlrohr hervorholte, bekamen es die herumschwirrenden Engel mit der Angst zu tun, packten ihn eher unsanft und flogen mit ihm davon. „Tut ihm nicht weh,“ rief ihnen Jesus nach. „John Broadus meint es ja nur gut! “

Der nächste Mann, der an die Krippe trat, trug einen dichten weißen Bart und hatte ein kleines Glöckchen mitgebracht, mit dem er hie und da klingelte. Dazu zog er jedes Mal Kekse aus seiner Tasche, die er dem Jesuskind reichte. Maria holte ein Taschentuch hervor und wischte Jesus nach jedem Keks über den Mund, um die Krümelchen zu entfernen. „Lass nur Mutter, Iwan muss ja sehen, wann es mir besonders gut schmeckt.“ Ein anderer wiederum hatte ein Kästchen mitgebracht, das er dem Jesuskind überreichte. „Da kannst du später den Heiligen Geist hineinsetzen“, sagte er. „Wenn er dann oft genug die Taste gedrückt hat, dann kann er bald wieder losfliegen!“ Josef betrachtete das Kästchen unter dem Aspekt der Tischlerkunst und fand es nicht so sehr gelungen, während Maria nur den Kopf schüttelte und meinte, dass man doch Lebewesen nicht einfach in einen Käfig sperren kann. Jesus aber sagte: „Lieber Burrhus Frederic, ich hoffe, du sperrst nicht auch deine Kinder in so einen Kasten!“

Es war dann doch eine Frau in der Reihe der Psychologen, die aber schweigsam geblieben war, sich in eine Ecke des Stalles gesetzt hatte und die Heilige Familie beobachtete. Hie und da hielt sie in einem Büchlein fest, was sie gesehen hatte. Jesus wandte sich an seinen Vater Josef und sagte: „Charlotte wird in ihrem Tagebuch alles festhalten, was mir widerfährt! Also besser keine gsunde Watschen, Josef, auch wenn ich dir einmal nicht gehorche!“

Es gab auch einen Mann, der sich nach dem Eintreten in den Stall schräg hinter Jesus auf einen Strohballen gesetzt hatte. Dabei beobachtete er mit Interesse das kleine Ding, das sich zwischen den Beinchen des Jesuskindes manchmal regte. Das Jesuskind hatte den Mann sehr wohl bemerkt und rief ihn einmal zwischen zwei Psychologen kurz zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: „Das ist zwar auch wichtig, aber doch nicht alles, lieber Sigmund!“ Dieser setzte sich erstaunt auf seinen Strohballen zurück und überlegte, ob er diese Botschaft besser vergessen oder lieber verdrängen sollte.

Schließlich trat ein Mann hervor, der zahlreiche Drähte in der Hand hielt und diese dem kleinen Jesuskind an den Kopf zu kleben versuchte. Josef wollte ihn daran hindern, aber Jesus sagte zu seinem Vater: „Lass ihn! Hubert glaubt, damit meine Gedanken lesen zu können! Er irrt sich zwar, aber die Menschen müssen auf ihre Irrtümer schon selber drauf kommen!“

Nach all den berühmten PsychologInnen trat schließlich eine Frau mit einem schreienden Knaben auf dem Arm vor, um ihm Jesus zu zeigen. Im Angesicht der Heiligen Familie hörte das Kind sofort zu schreien auf, und die beiden Kinder blickten einander in die Augen. Es wurde im ganzen Stall still. Da sprach das Jesuskind: „Du wirst schon bald, nachdem du getauft worden bist, einen ähnlichen Namen wie ich tragen. Und du wirst eines Tages einem Mädchen aus einer berühmten Psychologenfamilie begegnen, mit der du drei Kinderlein haben wirst, die alle biblische Namen tragen werden!“

Da lächelte der Knabe auf dem Arm seiner Mutter und in seinen Augen blitzten kleine Sechsecke. Da flüsterte das Jesukindlein ihm zu: „Ich bin schon gespannt, welche Profession du mir dann empfehlen wirst. Eine hohe S-Komponente ist sicher dabei, wahrscheinlich auch I, aber beim dritten bin ich mir nicht sicher, wahrscheinlich E, oder? Wegen der Vatikanbank und so … Zwar werde ich ja zuerst Tischler werden, also hab ich sicher eine R-Komponente, und vielleicht auch ein wenig A, wenn mir ein hübsches Möbelstück gelingt … Nur die C-Komponente macht mir Sorgen, vor allem wegen der dreißig …“ Da stockte das Jesuskind, sah abermals ein wenig traurig aus und seine Stimme schien zu zittern.

Da streckte das Kind seine Hand nach dem Jesuskind aus und streichelte es. Da begann Jesus wieder zu lächeln wie zuvor …


Die Auflösung für Nichtpsychologen


Musik: Juan Leovigildo Brouwer Mesquida: Un Dia de Noviembre, gespielt von Tatyana Ryzhkova
[Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=v36l7eVXvZc]


… ::: Prosa

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Weihnachtsgeschichte für einen Psychologen

© Werner Stangl Linz 2017