One Night Hang

One Night Hang Ich hänge seit vier Tagen an einem Kleiderständer in einem Wiener Café, das so tut, als hätte es keine Eile. Vier Tage sind lang für etwas, das gemacht wurde, um getragen zu werden. Der Ständer ist aus dunklem Holz, an den Schultern blank gerieben. Generationen von Mänteln haben sich an ihm abgestützt, haben ihn umklammert, losgelassen. Er ist höflich. Er drängt sich nicht auf. Er trägt mich, ohne zu fragen, ohne zu zittern. Manchmal knarrt er leise – kein Protest, eher ein Erinnern. Meine Besitzerin ist gegangen, ohne sich umzudrehen. Vielleicht hat sie mich vergessen. Vielleicht testet sie, ob ich ohne sie existieren kann. Ich bin pink. Luxuriös. Empfindlich. Außen Kunstfell, weich und übertrieben, innen Seide, kühl und nachgiebig. „The Pink One“, flüstert mein Etikett. Ein Name wie ein Versprechen. Man muss ihn nicht laut sagen. Wenn man hängt, beginnt der Körper zu denken. Ich erinnere mich an den Anfang. Wien, Regen, ein Kauf mit Absicht. Sie setzte mich im Kaffeehaus auf ihren Kopf, betrachtete sich im Spiegel, als prüfte sie, ob ich zu ihr passe oder sie zu mir. Sie drehte sich leicht, berührte meinen Rand. Ich spürte ihre Wärme, ihr Zögern, das kleine Einverständnis zwischen uns. Dann hing sie mich auf. Zum ersten Mal getrennt und doch noch erfüllt von ihr. Damals begriff ich: Ich bin nicht gemacht für Dauer. Ich bin gemacht für Begegnungen. Tokio war mein erstes wirkliches Hängen. Metall, schlank, beinahe schüchtern. Er berührte mich kaum – nur so viel, wie nötig war, um mein Gewicht zu halten. Distanz als Form von Respekt. Und doch wusste er genau, wo ich empfindlich war, wie ich fiel, wie mein Flor sich legte. Ich hing an ihm wie an einer Idee von Ordnung. Es war still zwischen uns. Konzentriert. Kurz. Als sie mich wieder nahm, blieb etwas von dieser Disziplin in meiner Seide zurück. Mailand war das Gegenteil. Geschwungene Linien, selbstbewusst, fast herausfordernd. Er hielt mich nicht – er zeigte mich. Drehte mich ins Licht, ließ mein Pink gegen Spiegel und Espresso leuchten. Ich hing nicht, ich posierte. Er war nah, ein wenig zu nah, und ich ließ es zu. Manchmal ist Nähe nur eine Frage der Beleuchtung. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, etwas abgelegt zu haben, das ich nie ganz besessen hatte. Berlin war Eiche. Schwer, ruhig, zuverlässig. Kein Flirten, kein Spiel. Er nahm mein Gewicht an, ohne es zu kommentieren. Ich hing an ihm wie an einer Entscheidung. Es war nicht leidenschaftlich, aber es war ehrlich. Manchmal ist das Intimste, gehalten zu werden, ohne interpretiert zu werden. Paris dagegen interpretierte alles. Alt, ein wenig eitel, mit diesem Blick, der schon wusste, bevor ich hing. Zusammen ergaben wir ein Bild. Zu schön vielleicht. Er liebte die Idee meines Pink, die Linie meines Falls. Ich ließ mich betrachten. Eine Nacht lang war ich weniger Objekt als Inszenierung. Am Morgen lag Staub auf meinem Flor. Ich ging, bevor Bewunderung Besitz werden konnte. London war Zurückhaltung. Schwarz lackiert, aufrecht, korrekt. Seine Haken tasteten eher, als dass sie griffen. Er hielt mich fest, aber nie zu fest. Zwischen uns lag ein Schweigen, das spannender war als jedes Kompliment. Menschen sahen mich an und taten so, als täten sie es nicht. Dieses Spiel aus Sehen und Nicht-Zugeben machte mich elektrischer, als ich zugeben würde. Bangkok war Hitze. Teakholz, weich geschwungen, Orchideen, die zu intensiv rochen. Er nahm mich auf, als sei ich erwartet worden. Keine Distanz, kein Zögern. Ich spürte seine Wärme durch das Holz, spürte, wie mein Kunstfell im Wind vibrierte. Hängen wurde hier zum Tanz. Unberechenbar, schweißwarm, ein wenig zu lange und doch zu kurz. Als sie mich wieder nahm, blieb die Nacht wie ein Restglühen in meiner Seide. New York hatte Rollen. Er stand nie still. Er schob mich durch Räume, über Schwellen, hinein in Licht und wieder hinaus. Sein Griff war praktisch, fast ungeduldig. Doch in dieser Rastlosigkeit lag eine eigene Form von Hingabe. Er verstand, dass Stillstand eine Illusion ist. Ich hing an ihm wie an einem Versprechen, das sich ständig erneuerte. Atemlos. Wach. Und immer wieder: sie.
Ihre Hände in meinem Flor. Ihr Kopf unter meiner Krempe. Ihre plötzlichen Entscheidungen, ihre halb entschlossenen Abende. Sie nahm mich mit, legte mich ab, holte mich zurück. Manchmal war es Zärtlichkeit. Manchmal bloß Gewohnheit. Ich war Teil ihrer Auftritte, ihres Mutes, ihres Vielleicht. Sie liebte mich – nicht ausschließlich.
Ich war ein Akzent, kein Bekenntnis.
Vielleicht war genau das unsere Intimität. Jetzt hänge ich wieder in Wien. Der Ständer trägt mich mit geduldiger Gelassenheit. Kein Drängen. Kein Anspruch. Nur dieses ruhige Wissen um Gewicht und Gleichgewicht. Vielleicht kommt sie zurück. Vielleicht bleibt dieser Moment, gedehnt wie Seide unter Spannung. Irgendwo in Tokio steht noch immer ein schlanker Metallständer, der weiß, wie ich fiel, als alles begann.
Irgendwo in Bangkok glüht noch eine Nacht in meinem Flor. Und vielleicht ist Hängen nichts anderes als die diskrete Form einer Affäre –
kurz gehalten,
gut getragen,
nie ganz besessen.

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