Eingereicht Podium
Es war über die letzten Wochen nicht mehr als ein kaum wahrnehmbarer, gleichwohl beständiger Zug nach innen gewesen, ein leiser, anhaltender Druck, der sich nicht auf ein einzelnes Ereignis zurückführen ließ, sondern sich vielmehr aus der fortgesetzten Aneinanderreihung jener kleinen, unspektakulären Anpassungen speiste, durch die sich ein Leben allmählich in eine Richtung bewegt, ohne dass man den Moment benennen könnte, in dem es begonnen hat, von einer ursprünglich vielleicht anders gedachten Linie abzuweichen, und so geschah es an einem jener Tage, die in ihrer äußerlichen Gleichförmigkeit keinerlei Anlass zu einer Unterbrechung gegeben hätten, dass Mira, während sie in der mechanischen Bewegung des Suchens eine Schublade ihres Schreibtisches öffnete, auf einen Gegenstand stieß, dessen bloße Gegenwart bereits eine leichte Verschiebung ihrer Wahrnehmung auslöste: den abgegriffenen Atlas ihrer Kindheit, den sie seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt hatte, und nicht mehr wusste, warum sie ihn überhaupt hierher an ihren Arbeitsplatz mitgenommen hatte.
Es war ein großformatiges Buch, das sich nicht ohne Widerstand öffnen ließ, als hätte sich die Zeit, die es ungesucht und somit unberührt verbracht hatte, in seinen Rücken eingeschrieben, und als sie die Seiten auseinander zog, stellte sich jenes eigentümliche Gefühl ein, das sie aus ihrer Kindheit kannte, ein Gefühl, das weniger mit Erinnerung im engeren Sinn zu tun hatte als mit einer Art Wiederaufnahme eines damals abgebrochenen Gedankens, der nie vollständig formuliert worden war, und sie sah die Karten, die Kontinente, die Linien, von denen einige mit jener unsicheren Strichführung versehen waren, die sie einst dazu veranlasst hatte, sie nicht als Grenzen, sondern als Möglichkeiten zu lesen, als provisorische Markierungen in einem Raum, der sich noch nicht endgültig entschieden hatte, was er sein wollte.
Dass sie als Kind überzeugt gewesen war, Lebensträume seien Orte, reale Orte, die man betreten könne, sobald man den Mut dazu aufbrächte, sich jenseits der auf Papier festgelegten Linien zu bewegen, erschien ihr in diesem Moment weder naiv noch falsch, sondern vielmehr wie eine Erkenntnis, die sie im Laufe der Zeit zugunsten einer anderen, sozial besser anschlussfähigen Sichtweise aufgegeben hatte, ohne jedoch je ganz erklären zu können, weshalb, und während sie mit dem Finger jene gestrichelten Linien nachzeichnete, stellte sich ein körperliches Erinnern ein, das sich der begrifflichen Fassung entzog, als hätte sich in ihr ein Koordinatensystem erhalten, das unabhängig von all den Entscheidungen in ihrem bisherigen Leben weiter existierte, die sie getroffen hatte.
Der Raum, in dem sie sich befand, dieser durch Glaswände strukturierte Arbeitsbereich, der mit seiner demonstrativen Offenheit jede Form von Intimität unterband, blieb unverändert, und doch begann er, sich in ihrer Wahrnehmung leicht zu verschieben, als hätte sich zwischen die Dinge ein kaum sichtbarer Abstand gelegt, der es ihr ermöglichte, sie nicht mehr ausschließlich in ihrer Funktion und Bezogenheit aufeinander zu sehen, sondern auch in ihrer stillschweigenden Voraussetzung, dass das Leben, das hier geführt wurde, eines war, das sich durch Planbarkeit, Berechenbarkeit und die fortgesetzte Minimierung von Unsicherheiten definierte, und dass gerade in dieser Reduktion ein Moment lag, den sie zunehmend als Verlust empfand, ohne es sogleich benennen zu können.
Es war in den darauf folgenden Tagen, dass sie begann, dieses Gefühl nicht mehr spontan zu verdrängen, sondern ihm in einer zunächst ungerichteten Bewegung nachzugehen, indem sie abends, oft noch im leeren Büro, Papier zur Hand nahm und Linien zog, ohne sich dabei an reale Topographien zu halten, vielmehr Formen entstehen ließ, die sich aus dem Vollzug selbst ergaben, als handle es sich weniger um ein Zeichnen als um ein freilegendes Nachvollziehen dessen, was sich bereits, wenn auch unartikuliert, in ihr angelegt hatte, und erst nach einiger Zeit begann sie, diese Flächen zu benennen, nicht um sie festzuschreiben, sondern um ihnen eine vorläufige Kontur zu geben: Sicherheit für jene dichten, klar abgegrenzten Bereiche, in denen alles seinen Platz hatte; Möglichkeit für jene offenen, ausfransenden Zonen, die sich jeder eindeutigen Bestimmung entzogen; und schließlich ein drittes, zunächst unbenanntes Feld, das sich zwischen beiden ausbreitete und dessen Charakter sich einer einfachen Zuordnung entzog.
Je länger sie sich mit diesen Zeichnungen beschäftigte, desto deutlicher wurde ihr, dass es sich dabei nicht um Abbilder eines bereits existierenden Zustands handelte, sondern vielmehr um eine Art prozesshafte Kartographie, in der sich ihre eigene Bewegung zwischen verschiedenen Möglichkeiten niederschlug, wobei jede Linie zugleich eine Setzung und eine Revision darstellte, ein Versuch, der sich im Moment seines Entstehens bereits wieder in Frage stellte, und in diesem Sinn begann sie zu begreifen, dass das, was sie bislang als Lebenstraum verstanden hatte, weniger ein Ziel war, das es zu erreichen galt, als vielmehr eine Form des Entwerfens, ein fortgesetztes Zeichnen gegen die allem innewohnenden Tendenz zur Verfestigung und Endgültigkeit.
Ihre Gespräche mit Jonas, die sich zunächst kaum von ihren früheren Unterhaltungen unterschieden, gewannen in diesem Zusammenhang eine unerwartete Schärfe, als er, nachdem er ihre Zeichnungen lange und mit einer für ihn ungewohnten Geduld betrachtet hatte, bemerkte, dass es sich dabei nicht um Karten im eigentlichen Sinn handle, sondern eher um Entscheidungen, die noch nicht getroffen worden seien, und obwohl sie zunächst geneigt war, diese Bemerkung als eine jener beiläufigen Formulierungen abzutun, die mehr über den Sprechenden als über den Gegenstand aussagen, blieb das darin enthaltene Agens des Noch-Nicht in ihr haften, als würde es eine zeitliche Dimension eröffnen, die sich nicht mehr in der gewohnten Abfolge von Planung und Umsetzung erschöpfte.
In den darauf folgenden Nächten stellte sich ein Zustand ein, den sie nicht als Unruhe bezeichnen konnte, da ihm jede Form von äußerer Bewegung fehlte, sondern eher als eine verdichtete Wachheit, in der sich verschiedene Einsichten überlagerten, ohne sich zu einem klaren Bild zu fügen, und eine davon, vielleicht die unscheinbarste und gerade deshalb wirksamste, bestand in der Wahrnehmung, dass sie sich über Jahre hinweg in einem Gefüge eingerichtet hatte, das gerade durch seine Stabilität jene Fragen ausschloss, die es hätten infrage stellen können, und dass diese Ausschließung nicht als Zwang erlebt worden war, sondern als eine Form der Erleichterung, vielleicht sogar Erlösung.
Es wäre jedoch unzutreffend zu sagen, dass sie daraufhin eine radikale Entscheidung getroffen hätte, denn nichts dergleichen geschah; vielmehr begann sie, an jenen unscheinbaren Stellen, an denen sich Gewohnheit in Handlung übersetzt, kleine Verschiebungen vorzunehmen, ein Zögern dort zuzulassen, wo zuvor unmittelbare Zustimmung gestanden hatte, ein Nicht-Wissen auszusprechen, wo sonst eine provisorische Gewissheit formuliert worden wäre, und es war gerade diese Abwesenheit eines dramatischen Bruchs, die den Prozess schwer fassbar machte, da sich die Veränderungen weniger in äußeren Ereignissen als in einer veränderten Beziehung zu ihnen vollzogen.
Die Karten, die sie weiterhin zeichnete, wurden in diesem Maße nicht klarer, sondern im Gegenteil durchlässiger, die Grenzen verloren ihre Eindeutigkeit, die Bereiche begannen, ineinander überzugehen, und das zuvor unbenannte Feld erhielt schließlich den Namen Angst, obwohl dieser Begriff kaum notiert, sich schon als unzureichend erwies, da er nur einen Teil dessen erfasste, was sich dort zeigte: nicht nur Abwehr, sondern ebenso eine Form von Anziehung, ein Gesichtspunkt der Öffnung, der sich in seiner Unbestimmtheit entzog.
Als eine Nachricht eintraf, die ein Angebot enthielt, das sich jeder klaren Einordnung widersetzte, da es weder den Kriterien von Sicherheit noch denen einer planbaren Entwicklung entsprach, erkannte sie darin weniger eine Gelegenheit im herkömmlichen Sinn als vielmehr eine Verdichtung jener offenen Zone, die sich in ihren Zeichnungen ausgebildet hatte, und während sie die Nachricht wiederholt las, stellte sich nicht die Frage nach ihrer Realisierbarkeit, sondern die nach ihrer Zugehörigkeit: ob sie Teil jenes Lebens war, das sie bislang geführt hatte, oder ob sie auf etwas verwies, das noch keinen festen Ort hatte.
In einem Gespräch mit Jonas, der ihr Abwägen und Zögern weder kommentierte noch aufzulösen versuchte, artikulierte sich schließlich in knapper Form, was sich zuvor nur implizit gezeigt hatte: dass sowohl das, was sie zurückhielt, als auch das, was sie anzog, aus derselben Quelle zu stammen schien, und dass sich daraus keine eindeutige Handlungsanweisung ableiten ließ, sondern lediglich die Einsicht, dass jede Entscheidung, die sie treffen würde, notwendig eine Form von Verlust einschloss.
In der Nacht, die auf dieses Gespräch folgte, legte sie den Atlas neben ihre eigenen Karten, und während sie die gedruckten Linien, die den Anspruch erhoben, eine bereits gegebene Ordnung abzubilden, mit ihren eigenen, tastenden, sich ständig verändernden Linien verglich, stellte sich ein Verständnis ein, das weniger als Schlussfolgerung denn als eine Art Verschiebung ihrer Perspektive beschrieben werden kann: dass Lebensträume, sofern dieser Begriff überhaupt noch sinnvoll verwendet werden konnte, weder als fixe Orte existierten noch als bloße Illusionen zu verwerfen waren, sondern als etwas Drittes, das sich nur im Vollzug, im fortgesetzten Entwerfen zeigte.
Die Antwort, die sie am nächsten Morgen formulierte, entzog sich folgerichtig der Logik einer klaren Entscheidung; sie bestand aus Fragen, aus Vorbehalten, aus Andeutungen eines Interesses, das sich selbst noch nicht ganz vertraute, und gerade in dieser Unbestimmtheit lag eine Qualität, die ihr zuvor fremd gewesen war: die Möglichkeit, sich in einem Zustand zu bewegen, der weder als Anfang noch als Ende bezeichnet werden konnte.
Was sich in der Folge veränderte, ließ sich nicht in klaren Schritten nachzeichnen, da es weniger in Ereignissen als in einer veränderten Wahrnehmung ihrer selbst bestand, und so kam es, dass sie eines Abends, ohne einen besonderen Anlass, eine ihrer Karten betrachtete und am Rand einen Satz notierte, der zunächst wie eine Feststellung wirkte, sich jedoch im Moment seines Niederschreibens bereits wieder zu entziehen begann: dass ein Leben vielleicht nicht dort gelingt, wo es seine endgültige Form findet, sondern in jenen Übergängen, in denen es sich seiner eigenen Möglichkeit aussetzt
Sie ließ den Stift noch einen Augenblick über dem Papier schweben, als erwarte sie eine Fortsetzung, einen abschließenden Gedanken, der das Vorangegangene sichern würde, doch nichts dergleichen stellte sich ein, und so blieb der Satz unvollständig, nicht im grammatischen, sondern im gedanklichen Sinn, offen für Ergänzungen, die sich vielleicht nie einstellen würden.
Als sie den Atlas schloss und das Licht ausschaltete, war da für einen kurzen Moment das kaum greifbare Gefühl, dass sich etwas verschoben hatte, nicht endgültig, nicht unumkehrbar, sondern in jener vorsichtigen Weise, in der sich Linien auf einer Karte verändern lassen, ohne dass man sagen könnte, ob sie damit ihrem Gegenstand näher kommen oder sich weiter von ihm entfernen.
Und während sie den Raum verließ, blieb die Vorstellung zurück, dass es möglicherweise keinen Punkt gibt, an dem sich entscheiden ließe, ob ein Lebenstraum verwirklicht worden ist oder nicht, sondern nur eine fortgesetzte Bewegung zwischen Entwurf und Verwerfung, zwischen Annäherung und Rücknahme, eine Bewegung, die sich jeder abschließenden Bewertung entzieht und gerade darin ihre eigentümliche, schwer zu ertragende und zugleich kaum verzichtbare Wirklichkeit gewinnt.
