Tränenlos

Nein! Daran konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Vom Hörensagen? Höchstens. Aus den Erzählungen ihrer Mutter? Aus den Erzählungen derer, denen es ihre Mutter erzählt hatte? Sie schüttelte den Kopf, wie um ihr Nichtwissenkönnen zu bestätigen.

Sie betrachtete die bunte, abgegriffene Schallplattenhülle, die sie zwischen Aktenordnern in der Kartonschachtel auf dem Küchentisch entdeckt hatte. Ihr Bruder hatte diese Schachtel als letztes Stück aus dem Kellerabteil hierher gebracht. Schau alles durch, hatte er gemeint, bevor er die Wohnung verließ. Kellerabteil und Küche gehörten zur Wohnung, die ihre Mutter bis zu ihrem Tod vor wenigen Wochen bewohnt hatte. In der Küche als letztes Mobiliar ein Tisch und ein Stuhl.

Sie ließ Wasser in der Spüle ablaufen, bis es kalt war, und trank aus der hohlen Hand. Sie setzte sich an den Tisch.

„Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ stand in altdeutscher Schrift auf der Hülle der Schallplatte, darunter ein Scherenschnitt, der ein an einem Zaun stehendes Mädchen zeigte, das mit einem Taschentuch einem Mann nachwinkte, der sich mit einem Wanderstock offensichtlich von ihr entfernte. Dieses Lied sollen ihre Eltern und ihre ältere Schwester auf der Fahrt aus ihrer Geburtsstadt Linz nach Ludwigsburg in Deutschland immer wieder gesungen haben. Sie hatten die Reise mit einem vollbepackten Peugeot angetreten, der all ihre Habseligkeiten enthielt. Ihre Eltern, beide Lehrer, hatten in der von den Kriegsereignissen noch gezeichneten Provinzstadt Linz für die Familie keine Zukunft gesehen. Beide unterrichteten einige wenige Stunden an einer Privatschule, der Vater hielt zusätzlich seine Familie mit Übersetzungsarbeiten für die englische Besatzungsmacht über Wasser. Der Bruder des Vaters, ebenfalls Lehrer, hatte sich in der Zwischenzeit in Ludwigsburg eine Existenz aufgebaut.

Ihre Schwester erzählte ihr später, dass sie nur deshalb mitgesungen hätte, damit man ihre Tränen nicht hätte sehen können. Und weil sie von der Mutter dazu ermuntert worden wäre. Sie selber war damals noch keine drei Jahre alt und während der Fahrt eingeschlafen.


Wie diese Erzählung weitergeht, kann man in der Kulturzeitschrift LANDSTRICH “FREMDE” nachlesen.


Am Sonntag, 2. Juni 2019, 15:00 Uhr, findet die Präsentation der LANDSTRICH-Ausgabe 2019 FREMDE unter Mitwirkung von AutorInnen im Kubin-Haus in Zwickledt 7, 4783 Wernstein, statt.


Nr. 35 FREMDE, 2019

Beiträge von (folgen!)

ISBN: 978-3-95024026-6-7
Preis: 15 €

Bestellung: http://www.landstrich.at/

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© Werner Stangl Linz 2019