Schneezeile

Am Rand der Welt
Hat die erste Winternacht
Die letzten Sätze des Sommers gelöscht

Dürr gewordene Wörter
Aus dem Schnee gezerrt
Werfen Schatten der Erinnerung

Nicht aus Sehnsucht
Sondern als Beweis
Für das Bleiben

Angehäufte Kristalle
Legen Zeugnis ab
Für Farben vergangener Träume

Und der Himmel tut so
Als wäre nichts gewesen

Wintersaat

Die Nacht sät Sterne
Auf das vergessene Feld

Die Leichtigkeit des Schnees
Mit seinem harten Weiß
Täuscht über den Fels darunter

Millionen kleiner Kristalle
Tragen das Archiv der Erinnerungen

Der Wind liest vertraute Namen
Lässt sie nebeneinander stehen
Wie Skelette alter Träume
Die sich weigern zu fallen

Ein blauer Riss im Himmel
Ist mehr ein Irrtum
Als Hoffnung

Winterruf

Der Schnee schreibt Zeichen in die Luft
Der Wind lehnt sich an uns
Als wüsste er mehr

Der Schatten geht uns voraus
Als kenne er den Weg
Hinter uns atmet die Zeit

Das Jahr liegt
Wie ein vergessenes Lied
Unter der Haut

Wir stehen still
Verwurzelt im Frost

Der Mond hängt
Zwischen kahlen Ästen
Ruft leise: Komm

Winterkristalle

Zwischen wirbelnden Kristallen
Vom Wind absichtslos zusammengetragen
Wiegen sich sonnengebleichte Halme

Der Wind stellt keine Fragen
Geht durch alles hindurch
Müde der sommerlichen Lügen

Im Schleier des Horizonts
Verabreden sich Prophetengestalten
Mit sparsamen Gebärden

Wolken türmen sich wartend
Und geben doch kein Versprechen

Ein Augenblick
Der nichts will
Außer sein

Winterstarre

Gedanken verharren
Unerbittlich ohne Trost
Laufen nicht mehr fort

Unter unseren Schritten
Das knirschende Geräusch
Als breche abermals
Was längst tot ist

Uns bleibt dieses Sehen
In die innere Ferne
Unbarmherzig erstarrtes Erinnern

Der Atem füllt die Zwischenräume
Zwischen dem was war
Und unserer Sehnsucht

Der Winter ist der Archivar
Für das Übersehene

winterkristalle

[Foto: Roswitha Panholzer, 2026]