‘Sonstiges‘


Frühe Herbstgedichte

Ein Abend im Herbst (1965)

Früh senkt die graue Dämmerung
herab die kahle Finsternis
und mahnt uns zur Erinnerung,
die nie uns ruhen ließ.

Das Hoffen längst entschwundner Tage
kehrt nochmals in den Sinn zurück,
und die so oft gestellte Frage
ergänzt ein Bild uns Stück um Stück.

Das Schöne, das uns einst erfreut,
zeigt sich in neuem Licht,
das Schlechte, das uns heute reut,
verliert doch seine Schrecken nicht.

Und wir erkennen, was geschehen,
und was in eitlem Wahn getan,
Verzeihung wir von Gott erflehen,
denn Neues kündigt sich schon an.


Herbstbild (1965)

Blumen welken in der Vase.
Dunkles Licht fällt in den Raum.
Durch die trüben Fensterscheiben
blickt herein ein kahler Baum.
Leblos liegt die lauter Stille
über jedem Gegenstand,
alles hält die Dämmerung
in der grauen, kalten Hand.
Nirgends gibt es mehr Bewegung,
nirgends Freude, nirgends Leben,
überall nur leisen Schlaf
ohne das geringste Regen.

Wilde Winde rütteln heftig
an den alten Fensterläden,
tragen weithin übers Land
des Altweibersommers Fäden.
Große Wolken blinden Staubs
wirbeln durch die Gassen,
treiben jedes Lebewesen
aus den leeren, dunklen Straßen.
Einsamkeit hat angetreten
ihre Herrschaft rings im Land;
glücklich schätz‘ sich jedermann,
der Alleinsein nie empfand.


Herbst (1965)

Kühler werden die Tage,
kälter herrschet die Nacht.
Die Natur stimmt an die Klage
über den Tod, der ihr gebracht.

Ängstlich fließt dahin das Jahr,
weiß schon um sein Ende,
denkt daran, wie alles war,
müde ruh’n im Schoß die Hände.

Von den kranken Bäumen fallen
welke Blätter langsam nieder,
graue Nebel dichter wallen,
überall ist Ruh‘ und Frieden.

Selten wärmt der Sonne Strahl,
kurz nur ist ihr Tageslauf;
und die Äste, die schon kahl,
ragen in den Himmel auf.

Selten Blumen kann man sehen
auf den weiten leeren Wiesen,
nur noch Herbstzeitlose stehen
die den nahen Winter grüßen.

Bald hüllt Schlaf das Leben ein,
still wird es in Berg und Tal,
mancher fühlt sich jetzt allein,
Einsamkeit herrscht überall.


Herbst (1966)

Der fliehende Sommer
rastet am alten Bretterzaun,
ausgebrannt durch eigne Glut.
Lebensleer und ohne Kraft
liegt das Land darnieder,
sehnt sich nach des Winters Ruh.
Rote Wolken treiben
ungestüm ihr Spiel,
dunkles Blut bedecket
weithin schwer den Boden.
Alter, grauer Schnee
liegt auf vielen Hügeln,
kündet schon den Frieden.
Matte blinde Sonne
spendet keine Kraft,
denn das Reich der Nacht
wird auch dich besiegen.


Herbstliches Fenster (1966)

Die Fensterscheiben weinen,
Tränenketten schmücken den Trauerhimmel.
Sterbend braun das alte Gras.
Kahle Äste greifen in die Leere,
hie und da ein todgeweihtes Blatt.
Rotes Band hoch in den Zweigen
verrät uns noch der Sonne Lauf.
Todesvögel stechen in den Nebel,
der an den müden Sträuchern hängt,
wie eine späte Frucht
als Opfer für die Götter.




LEBENSLANG

Auch wenn für Menschen lebenslang theoretisch klar durch den Anfang Geburt – manche setzen die Zeugung an den Beginn – und das Ende Tod definiert scheint, so schwierig ist lebenslang im Einzelfall zu bemessen. Schließlich heißt es in der Bibel: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“

Und der sagt es üblicherweise nicht.

Wird ein Straftäter zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, so weiß keiner genau, wie lange lebenslang dauern wird, denn möglicherweise kommt er wegen guter Führung nach fünfzehn Jahren frei, kann bei einem Gefangenentransport flüchten oder sich durch ein in Streifen geschnittenes und zusammengeknotetes Leintuch dem verfügten lebenslang entziehen, sei es an der Gefängnismauer oder am Fensterkreuz. Aber auch im zweiten Fall kennt er nicht die Stunde, denn vielleicht wird er von einem aufmerksamen Wächter entdeckt und dann geht es mit dem lebenslang weiter.

Pech gehabt. Oder Glück, je nach Perspektive.

Im Grunde ist lebenslang zwar eine unsichere Angelegenheit, doch zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass lebenslang teilweise in den Griff zu bekommen ist, denn es besteht stets aus zwei Teilen: einem fest definierten und einem unbestimmten.

Dafür muss man nur die Perspektive auf den Augenblick, das Jetzt legen, denn dann ist ein Teil des lebenslang durch den Zeitraum von der Geburt bis zu diesem Zeitpunkt klar festgelegt. Da heutzutage die meisten Menschen eine Geburtsurkunde besitzen und so den Tag ihres Lebensbeginns genau kennen, können sie bei einigem mathematischen Geschick und der Kenntnis der Schaltjahre die Tage dieses Abschnitts genau berechnen. Einige kennen sogar die Stunde ihres ersten Schreis und können in kleineren Zeiteinheiten wie Stunden, Minuten, Sekunden ausdrücken, wie viel von ihrem lebenslang bisher verflossen ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist lebenslang eindeutig und um diesen Abschnitt brauchen sich Menschen keine Gedanken mehr zu machen.

Menschen widmen sich vor allem dem zweiten Teil des lebenslang. Viel hängt dabei vom jeweiligen Zeitpunkt dieser Auseinandersetzung ab, denn eine Prognose für einen Säugling stellt sich anders dar als für einen Hundertjährigen, da Neugeborene eher selten aus dem Fenster steigen und versuchen, sich mit Drogengeld ein neues Leben aufzubauen.

Bei den Prognosen stützen sich die meisten auf die Erlebnisse des ersten Teils des lebenslang, wobei diese hoffen, dass er besser wird als der erste oder wenigstens nicht schlechter. Ängstliche befürchten, dass es nur mehr bergab gehen kann, was in Bezug auf die Lebenserwartung realistisch ist, denn schließlich tickt der Lebenswecker unaufhaltsam bis zum rien ne va plus.

Am kritischsten scheint diese Extrapolation in jener Phase des Lebens, die als midlife-crisis bezeichnet wird. In dieser Zeit ist der Mensch in seinem Leben im Wortsinne halbwegs unterwegs, doch er beginnt bewusst akzeptierend oder unbewusst verdrängend zu erkennen, dass die Proportion des ersten Teils zum zweiten allmählich in Schieflage gerät. Vor allem befürchten einige, dass der folgende Abschnitt kürzer sein könnte als der erste, was mit der Dauer des Nachdenkens erfahrungsgemäß immer realistischer wird.

Es gibt traditionsreiche Berufsstände, die sich vorwiegend mit dem zweiten Teil des lebenslang beschäftigen. Waren es in der Antike von Gasen oder Rauch benebelte Jungfrauen, die in die Zukunft blickten, so waren es später Wahrsagerinnen mit einer Glaskugel oder der Fähigkeit, in den Linien der Hand das künftige Schicksal und seine Dauer zu enthüllen. Heute werden kürzere Prognosen in Tageszeitungen, Wochen- oder Monatsmagazinen bevorzugt, die genauso treffsicher sind wie die um die Jahreswende erstellten Horoskope, die neben Reichtum und Erfolg vor allem Liebe und Glück in Aussicht stellen. Oder auch nicht. In diesen Kurzprognosen findet sich so gut wie nie eine genaue Angabe über die Dauer der zweiten Hälfte des lebenslang. Man stelle sich eine konkrete Formulierung vor: „In der kommenden Woche werden Sie überraschend den Besuch eines Mannes mit einer schwarzen Kapuze erhalten, der eine Sense geschultert hat. Sie sollten darauf vorbereitet sein!“

Die Ungewissheit über den zweiten Teil des lebenslang trieb aber in der Menschheitsgeschichte weit seltsamere Blüten, denn Menschen begannen sich früh an die vage Hoffnung zu klammern, dass lebenslang doch von anderer Dauer wäre als von der irdischen Lebens. Dies mündete schließlich in die Phantasie, dass es einen dritten Lebensabschnitt geben müsste, der das lebenslang ad absurdum führt und ewig währt. Tiefenpsychologisch betrachtet wurde dieser Teil des lebenslang deshalb erfunden, um dem zweiten Abschnitt die Bedrohung eines absoluten exitus zu nehmen. So nach dem Motto: Dieses Leben kann doch nicht alles gewesen sein. Oder: Wer glaubt, lebt ewig.


Verfasst für PODIUM Heft Herbst/Winter 2018

PODIUM LEBENSLANG Herbst 2018




Sprüche, vulkanisiert

Wenn es dem Vulkan zu wohl ist, geht er auf’s Eis schmelzen.

Der Vulkan geht so lange zum Brunnen, bis er ausbricht.

Man soll den Vulkan nicht vor dem Ausbruch loben.

Ein Vulkanausbruch kommt selten allein.

Wie man in den Vulkan hineinruft, so spuckt es heraus.

Wer sich in den Vulkan begibt, kommt darin um.

Wer den Geysir nicht ehrt, ist den Vulkan nicht wert.

Es ist nicht alles Vulkan was spuckt.

Schlafende Vulkane soll man nicht wecken.

Wenn der Vulkan nicht zum Philosophen kommt, muss der Philosoph zum Vulkan gehen.

Daraus folgt:

Empedokles

Bedenkenleer
hatte er sich vom Kraterrand
in das Lavameer
gestürzt –
die Sandalen blieben zurück –
im Falle
zog alle
Nichtigkeit
an ihm vorüber –
er hatte alles bedacht …
nur die Sandalen,
die hatte er nicht
zum Schuster gebracht!
Es ist zu spät!
Es ist zu spät!
Wer jetzt wohl in den Sandalen geht?


etcetera 72: Tanz auf dem Vulkan




© Werner Stangl Linz 2018