‘Sonstiges‘

fragment 01: er ging durch die belebten straßen

w.s. scripsit 1966

abstander ging durch die belebten straßen, als hätte er etwas verloren. niemand konnte seine augen sehen, denn sein blick war auf das unregelmäßige muster der straßensteine gebannt. er trug keine gedanken hinter seiner stirn, denn er hatte sie an der letzten straßenecke verloren. oder war es die vorletzte. darüber dachte er nicht nach. es störte ihn nicht, daß er manchmal die unwilligen blicke der passanten auf sich zog, wenn er einmal einen von ihnen übersah und nicht platz machte. gedankenverloren setzte er einen fuß vor den anderen, die richtung zählte nicht. der lärm konnte den unsichtbaren schild nicht durchdringen, den er gleichsam als schutz vor sich her trug. seine hände baumelten im toten rhythmus seine schritte. ziellos. vergeblich.
abstandniemand hatte ihn gesehen. nur ich bin ein stück mit ihm mitgegangen, zählte seine schritte. dann habe ich ihn in der menschenmenge verloren.
abstandseither sehe ich ihn jeden tag, einmal in dieser, einmal in jeder straße, dann in keiner.
abstandgrüßen sie ihn von mir, denn ich habe ihn verstanden.

strassensteine-pflaster

12. Juli 2016

Auf und Ab

landstrich-2016Im Koordinatensystem des cartesisches Raumes ist Auf und Ab prima vista jene Form der Bewegung, die Menschen von der Schöpfung oder Evolution – je nach weltanschaulicher Perspektive – vorenthalten wurde. Während Hin und Her gewöhnlich auf der x-Achse und Vor und Zurück auf der y-Achse stattfinden, ist es Insekten, Vögeln und einigen exotischen Arten unter Fischen und Säugetieren vorbehalten, auch die z-Achse zu bespielen. Genau genommen ist selbst das wissenschaftlich nicht so eindeutig, denn im geodätischen Koordinatensystem sind x- und y-Achse vertauscht, sodass unter dieser Perspektive Menschen zwischen Hin und Her bzw. Vor und Zurück lavieren, wohl nicht zuletzt deshalb, da sie von der z-Achse vulgo Auf und Ab-Achse ausgeschlossen sind.

Bei zunächst oberflächlicher Betrachtung bewegt sich das Gegensatzpaar Auf und Ab antagonistisch auf einer gemeinsamen Dimension, wobei es sich nicht nur semantischer Lifte oder semiotischer Paternoster bedient, sondern auch syntaktische Seilbahnen und sprachartistische Schrägaufzüge unterschiedlichster Neigungsgrade nicht scheut. Einigermaßen schräg klingt daher der Abputz zum Aufputz.

Feuerpolizeilich sollte jeder Aufzug mit einem Abzug versehen sein, wobei dramaturgisch mancher Aufzug mit dem Abzug eines Protagonisten endet, oder die Aufführung eines Kriminalstückes in den meisten Fällen mit der Abführung des Täters, sodass die Auflösung der Spannung von der Genugtuung abgelöst wird, dass dem Opfer endlich Gerechtigkeit widerfährt. Bühnentechnisch betrachtet folgt jedem Auftritt irgendwann der Abtritt, wobei hinsichtlich der realen Ausformung unserer Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Auf Grund des Ausgeschlossenseins von der z-Achse haben sich Menschen der Auf und Ab-Dimension mehrheitlich metaphorisch bedient, auf der kontradiktorisch Handlungsrichtungen einander gegenüberstehen: Aufbau und Abbau, Auflauf und Ablauf, Aufmarsch und Abmarsch, Auftrieb und Abtrieb, Aufleben und Ableben, Aufgang und Abgang, wobei bei letzterem önologisch auf sein Pendant verzichtet werden sollte.

Auf und Abs lassen sich paradoxerweise sowohl synonym als auch komplementär fassen, etwa Auflösen und Ablösen, Aufreißen und Abreißen, aber auch Aufhalten und Abhalten treffen sich aus unterschiedlicher Perspektive manchmal im selben Ereignis.

Im sportlichen Bereich gesellen sich zu Aufschlag und Abschlag, Aufspielen und Abspielen auch Aufwurf und Abwurf, das Aufteen bleibt ohne Gegenstück elitär unter sich, fußballerisch findet sich die Auflage zur Ablage, wobei dieses Gegensatzpaar sich literarisch als geringe Auflage in der Ablage in einem Antiquariat, bei Amazon oder auf Ebay äußert.

Einige Auf und Ab lassen sich nur an den Haaren herbeigezogen verflechten, etwa Aufsicht und Absicht, Aufbruch und Abbruch. Manch jugendlicher Aufstand ist mit dem Abstand von etlichen Jahren unverständlich, manch Auflauf erst nach Ablauf erklärbar, manch testosterongesteuerter Aufriss endet in einem Abriss schwärmerischer Hoffnungen.

Folgerichtig lässt sich der Aufschnitt aus der Metzgerei aus geordneten Abschnitten von Wurst bestimmen. War hier ein Abschneider am Werk?

Manche Kombinationen bleiben hoffnungslos einseitig, denn was soll ein Komplement wie Abwand, Abtrag, Abwecken, Abenthalt, Abmucken respektive Aufmurksen, Aufreisen, Auffall, Aufklemmen, Auftreibung, Aufscheu, Aufgesang, Aufsichern, Aufnützungserscheinung … Oder gar ein wienerischer Aufort? Und ist vielleicht gar alles nur Aufschaum?

Worin liegt die Tätigkeit eines Absehers? Kann man die Abmerksamkeit noch weiter abschlüsseln? Partiell logisch erscheint der Aufruf von auf Abruf Bereitstehenden und immerhin lässt eine Aufrissbirne in Abbruchstimmung bei Aufbrucharbeitern einigen amüsanten Interpretationsspielraum, ähnlich ein für manchen Abruhr verantwortlicher Aufstandhalter. Und irgendjemand entdeckt sicherlich bei einem Auflaufdatum das Abkeimen jedweder Hoffnung.

Aus dem Dunkel persönlicher Erinnerungen taucht in dieser Kakophonie von Auf und Ab schließlich ein als Glaziologe renommierter Geographieprofessor der Gymnasialzeit auf, der die Unterrichtsstunden mit Abenteuern seiner Teilnahme an einer Alfred Wegener-Expedition würzte (unvergessen das bogenförmige Erstarren des Urins im Eise Grönlands anno 1930/31), der uns gelegentlich im Chor talauf-talab so lange aneinanderreihen ließ, bis zwangsläufig aus 36 Kinderkehlen die eilige Bewegungsform des Angehörigen einer nordischen Rasse erklang …

Es ist aufschließend und abschlussreich nicht zu leugnen, dass Auf und Ab einen veritablen Schluckab auslösen können, gegen den nur ein abschreckendes Aufschrecken hilft bzw. nach dem Aufhören der inneren Stimme das Abhören … oder auch umgekehrt.

In: Auf und Ab. Landstrich 2016, S. 8-9.

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
http://www.landstrich.at/

6. Mai 2016

Findling

Nach diesen ereignisreichen Tagen war ich endlich zur Ruhe gekommen. Aus den allmählich verstummenden Bildern und Gedanken riss mich ein Mann mit einer gelben Kopfbedeckung, die ich von den Menschen kannte, die mich in den letzten Tagen aufgesucht hatten. Mit einem seltsamen Gerät machte sich dieser Mann an meiner tiefsten und dunkelsten Stelle, die durch die Geschehnisse der letzten Tage nun zuoberst lag, zu schaffen.

Das eindringliche Knirschen und Schaben erinnerte mich an Klänge versunkener Zeiten, deren Spuren sich in mich eingeschrieben hatten. Mit diesen Erinnerungen verbanden sich dumpfe Kälte und kristallenes Umfangenwerden, unaufhaltsames Bedrängtsein und erstickendes Vergrabensein unter dunklen Massen. Ein nie zu enden scheinender Rhythmus, getrieben und geschoben, anstoßend und gestoßen, reibend und zerrieben, hängend und lösend. Immerzu.

Da ich keine Zeit besitze, sondern nur das Spiel von Helligkeit und Dunkelheit kenne, den Wechsel von Wärme und Kälte, kann ich nicht sagen, wie lang dieser Zustand der Dunkelheit einst gedauert hatte. Irgendwann, nachdem ich zu einer starren Ruhe gefunden hatte, zerfiel die Dunkelheit und aufbrechendes, emporragendes Erwachen regte sich in mir und um mich herum.

Aus diesem Erwachen wurde Licht und Wärme. Ringsum alles kahl und feucht, rundgeschliffen und von Wassern umspült, fand ich mich festgebunden an geschwisterlichen Fels. Vor mir erstreckte sich eine von Stürmen gepeitschte Wasserfläche, die unter dem Brennen eines unablässig wiederkehrenden Feuers am Himmel zurückwich und glänzende Hügel freilegte. Hinter mir aufragender Fels, vor mir ein Abhang mit wassergeschriebenen Furchen.

Allmählich wich das strenge Grau und sandige Braun vielfältigeren Farben im Wechsel der Jahreszeiten. Nicht weit ein Fluss in einer sanften Biegung, die sich im Dunst der Morgennebel verlief. Irgendwann war der Fluss nur mehr zu erahnen, denn auf halber Anhöhe ragten schwankende Wipfel von Bäumen empor, die allein von Winterstürmen entlaubt ein glitzerndes Fenster freigaben. Überall regten sich Lebewesen, die an manchen Tagen vor prasselndem Regen aber auch vor sengender Sonne in meiner Nähe Schutz suchten. Mein Schatten wanderte in ewiger Wiederkehr über die Felswand hinter mir, verschwand, als die Sonne am höchsten stand, und breitete sich dann allmählich über den Abhang aus, bis er den Rand des Waldes erreichte, in dessen Dunkel er einen Gefährten fand, ehe die Nacht alles in sich verbarg.

Es gab Zeiten, da suchten mich nicht nur Tiere auf, sondern auch Menschen, die einzeln oder in Gruppen kamen, mich erkletterten, mich singend und tanzend umkreisten. Manche entfachten Feuer, die die Schatten des sonderbaren Treibens auf mich flackernd warfen.

Manchmal suchten Tiere erschöpft von der Flucht und in die Enge getrieben in meinem Schatten vor anderen Tieren und vor allem vor Menschen Schutz. Tagelang hallte in mir das Echo ihrer klagenden Schreie wider, die blutig unter einem Biss oder einem Messer erstorben waren. Manchmal jagten Menschen auch Menschen.

Ermüdend in seiner Wiederkehr geschah alles um mich mit geradezu hartnäckiger Regelhaftigkeit, bis zu jenem besonderen Tag. Davor hatte es Tag um Tag, Nacht um Nacht gestürmt und es war, als wollte das Blitzen und Donnern mich an meine Wurzeln, weit entfernt in Raum und Zeit, erinnern. Kein Leben drang in diesen Tagen zu mir. Rechts und links schoss das Sturzwasser an mir vorüber und riss auf dem Abhang Schneisen in Gebüsch und Wald. Brüllende Fluten packten alles, was sich ihnen in den Weg stellte und nahmen es splitternd und berstend mit sich. In meinen Rücken prallten entwurzelte Bäume und losgerissene Steine, unter deren Anprall ich erbebte. So geschah es, dass der Grund, auf dem ich mich sicher ruhend glaubte, von der Gewalt der Massen zerfurcht und zerbrochen wurde. Immer heftiger pochten die Wassermassen an meinen Rücken, bis ich, des sicheren Standes enthoben, den mir von einer trügerischen Ewigkeit zugewiesenen Platz verloren gab. Verloren geben musste. Langsam, noch zögernd, fasste mich die Schräge des Abhangs. Dahin. Hinab. Der zerrissene Wald konnte mich nicht halten. Ohnmächtig knirschend, rollend und gleitend stürzte ich. Nahe am Fluss fand mein Ausgeliefertsein ein Ende. Umgeben von Mauerwerk, Gebälk und fremden Gegenständen fand ich mich schwankend. Immer weiter rieb sich das Wasser machtvoll an allem, Stück um Stück packte es und schwemmte es in den sich dahinwälzenden Fluss, der weit ausgreifend längst sein Bett verlassen hatte.

So endlos mir das Fließen und Reißen erschienen war, so unvermittelt zerriss das Blau eines sonnenglühenden Himmels das Toben, bis das Wasser nur noch flüsternd in wenigen schlammgeborenen Rinnsalen seinen Weg suchte. Menschen kamen von überall her, bestaunten und beklagten die Verwüstung. Kopfschüttelnd versicherten sie einander, welches Glück die Bewohner des Hauses gehabt hätten, in das ich zerstörend gestürzt war.

Danach vergingen einige Tage, an denen immer wieder Männer mit allerlei Gerätschaften kamen, mich umkreisten, von allen Seiten prüfend betrachteten.

Wohl in der Folge dieser Geschehnisse war dieser Mann gekommen, der nun mit seiner schrillenden Verrichtung zu einem Ende gelangt schien. Er holte aus einer Tasche längliche Gegenstände, die er in das Loch steckte, das er mit seiner Gerätschaft wohl gebohrt hatte. Schließlich befestigte er einen Draht, der an einer Spule endete. Mit einer formbaren Masse verschloss er das Loch, ergriff die Spule und entfernte sich, wobei sich der Draht entrollte. Ich sah, wie er in einiger Entfernung hinter dem Fahrzeug, mit dem er gekommen war, stehen blieb. Ich konnte nicht sehen, was dort geschah, aber es musste etwas mit der Verrichtung zu tun haben, die mit dem Bohren an mir begonnen hatte. Der Mann blickte sich um und nahm einen trichterförmigen Gegenstand an den Mund, aus dem ein durchdringender Ton erklang. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann bückte sich der Mann mit einer kraftvollen Bewegung …

FEDERSPIEL-Lesung-Alte-Welt-Linz

[Foto: Ingrid Brachner]

Die gesamte Lesung in der Alten Welt in Linz

[Kamera und Schnitt: Ortwin Teibert; Der Findling ab 41:33]

22. September 2015

© Werner Stangl Linz 2017