‘Landstrich‘


Auf und Ab

landstrich-2016Im Koordinatensystem des cartesisches Raumes ist Auf und Ab prima vista jene Form der Bewegung, die Menschen von der Schöpfung oder Evolution – je nach weltanschaulicher Perspektive – vorenthalten wurde. Während Hin und Her gewöhnlich auf der x-Achse und Vor und Zurück auf der y-Achse stattfinden, ist es Insekten, Vögeln und einigen exotischen Arten unter Fischen und Säugetieren vorbehalten, auch die z-Achse zu bespielen. Genau genommen ist selbst das wissenschaftlich nicht so eindeutig, denn im geodätischen Koordinatensystem sind x- und y-Achse vertauscht, sodass unter dieser Perspektive Menschen zwischen Hin und Her bzw. Vor und Zurück lavieren, wohl nicht zuletzt deshalb, da sie von der z-Achse vulgo Auf und Ab-Achse ausgeschlossen sind.

Bei zunächst oberflächlicher Betrachtung bewegt sich das Gegensatzpaar Auf und Ab antagonistisch auf einer gemeinsamen Dimension, wobei es sich nicht nur semantischer Lifte oder semiotischer Paternoster bedient, sondern auch syntaktische Seilbahnen und sprachartistische Schrägaufzüge unterschiedlichster Neigungsgrade nicht scheut. Einigermaßen schräg klingt daher der Abputz zum Aufputz.

Feuerpolizeilich sollte jeder Aufzug mit einem Abzug versehen sein, wobei dramaturgisch mancher Aufzug mit dem Abzug eines Protagonisten endet, oder die Aufführung eines Kriminalstückes in den meisten Fällen mit der Abführung des Täters, sodass die Auflösung der Spannung von der Genugtuung abgelöst wird, dass dem Opfer endlich Gerechtigkeit widerfährt. Bühnentechnisch betrachtet folgt jedem Auftritt irgendwann der Abtritt, wobei hinsichtlich der realen Ausformung unserer Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Auf Grund des Ausgeschlossenseins von der z-Achse haben sich Menschen der Auf und Ab-Dimension mehrheitlich metaphorisch bedient, auf der kontradiktorisch Handlungsrichtungen einander gegenüberstehen: Aufbau und Abbau, Auflauf und Ablauf, Aufmarsch und Abmarsch, Auftrieb und Abtrieb, Aufleben und Ableben, Aufgang und Abgang, wobei bei letzterem önologisch auf sein Pendant verzichtet werden sollte.

Auf und Abs lassen sich paradoxerweise sowohl synonym als auch komplementär fassen, etwa Auflösen und Ablösen, Aufreißen und Abreißen, aber auch Aufhalten und Abhalten treffen sich aus unterschiedlicher Perspektive manchmal im selben Ereignis.

Im sportlichen Bereich gesellen sich zu Aufschlag und Abschlag, Aufspielen und Abspielen auch Aufwurf und Abwurf, das Aufteen bleibt ohne Gegenstück elitär unter sich, fußballerisch findet sich die Auflage zur Ablage, wobei dieses Gegensatzpaar sich literarisch als geringe Auflage in der Ablage in einem Antiquariat, bei Amazon oder auf Ebay äußert.

Einige Auf und Ab lassen sich nur an den Haaren herbeigezogen verflechten, etwa Aufsicht und Absicht, Aufbruch und Abbruch. Manch jugendlicher Aufstand ist mit dem Abstand von etlichen Jahren unverständlich, manch Auflauf erst nach Ablauf erklärbar, manch testosterongesteuerter Aufriss endet in einem Abriss schwärmerischer Hoffnungen.

Folgerichtig lässt sich der Aufschnitt aus der Metzgerei aus geordneten Abschnitten von Wurst bestimmen. War hier ein Abschneider am Werk?

Manche Kombinationen bleiben hoffnungslos einseitig, denn was soll ein Komplement wie Abwand, Abtrag, Abwecken, Abenthalt, Abmucken respektive Aufmurksen, Aufreisen, Auffall, Aufklemmen, Auftreibung, Aufscheu, Aufgesang, Aufsichern, Aufnützungserscheinung … Oder gar ein wienerischer Aufort? Und ist vielleicht gar alles nur Aufschaum?

Worin liegt die Tätigkeit eines Absehers? Kann man die Abmerksamkeit noch weiter abschlüsseln? Partiell logisch erscheint der Aufruf von auf Abruf Bereitstehenden und immerhin lässt eine Aufrissbirne in Abbruchstimmung bei Aufbrucharbeitern einigen amüsanten Interpretationsspielraum, ähnlich ein für manchen Abruhr verantwortlicher Aufstandhalter. Und irgendjemand entdeckt sicherlich bei einem Auflaufdatum das Abkeimen jedweder Hoffnung.

Aus dem Dunkel persönlicher Erinnerungen taucht in dieser Kakophonie von Auf und Ab schließlich ein als Glaziologe renommierter Geographieprofessor der Gymnasialzeit auf, der die Unterrichtsstunden mit Abenteuern seiner Teilnahme an einer Alfred Wegener-Expedition würzte (unvergessen das bogenförmige Erstarren des Urins im Eise Grönlands anno 1930/31), der uns gelegentlich im Chor talauf-talab so lange aneinanderreihen ließ, bis zwangsläufig aus 36 Kinderkehlen die eilige Bewegungsform des Angehörigen einer nordischen Rasse erklang …

Es ist aufschließend und abschlussreich nicht zu leugnen, dass Auf und Ab einen veritablen Schluckab auslösen können, gegen den nur ein abschreckendes Aufschrecken hilft bzw. nach dem Aufhören der inneren Stimme das Abhören … oder auch umgekehrt.

In: Auf und Ab. Landstrich 2016, S. 8-9.

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
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6. Mai 2016

Andersartig – eine Wortklauberei

landstrich-andersartigKann man sich anders als artig dem Andersartigen nähern?

Im Kompositum aus anders und artig ist ein ausschließender Komparativ verborgen, denn es lässt sich stets fragen: Anders als wer? Anders als wie? Aber vor allem: Anders als was?

Andersartig erzwingt einen Positionswechsel, zumindest einen Perspektivenwechsel, der stets die Kenntnis des Artigen voraussetzt, während im Andersartigen selber alles offen bleibt. Dem Andersartigen ist daher genuin Nebelartiges, (noch) Fremdartiges zu eigen, möglicherweise Bedrohliches, zumindest aber zu Erschließendes.

Am besten ist es wohl, andersartig zunächst im Raum stehen zu lassen.

Andersartig.

Vielleicht ist eine andersartige Annäherung, eine unartige gewissermaßen, zielführender. Was ist unartiger als etwas blitzartig zu trennen. Ohne tröstlichen Bindestrich.

Anders artig.

Zufallsartig mit dem anders beginnend: Anders bindet sich eher selten und vorwiegend in einem existenziellen, fundamentalen Zusammenhang an Anderes: andersgläubig, andersgesinnt, andersdenkend, andersseiend. Letzteres ist Heidegger geschuldet, um seinem Nichts nichtet ein Anders andert entgegenzusetzen.

Andersfarbig, anderssprachig, anders als politisch interpretierbar; lokal andersherum oder knapp andersrum, anderswo, anderswoher und anderswohin; vielleicht auch noch anderswie.

Das war’s dann auch schon. Fast. Erwähnenswert die immerhin im Duden zu findende alternative Verpartnerung mit dem Gearteten, der dynamischen Schwester des Artigen. Es bleibt in der Familie.

Artig hingegen legt sich promiskuitiv fast mit allem und jedem ins Bett, vorwiegend mit Substantiva, und zeugt dann aalartig bis zypressenartig einen Kosmos an Möglichkeiten. Kein Lebewesen, ob Tier oder Pflanze, bleibt von ihm verschont. Wobei artig in der Fauna eine Vorliebe für Unangenehmes wie Spinnenartiges, Wespenartiges, Wurmartiges, Krebsartiges, Raupenartiges oder Schlangenartiges entwickelt. Bei höheren Lebewesen bleibt offen, ob das Affenartige eher dem Menschen zukommt, oder ob es sich umgekehrt verhält.

Bei Dingartigem bleibt beinahe nichts – angefangen beim Atom bis zum Universum – verschont: baumwollartig, breiartig, faserartig, granitartig, grippeartig, gummiartig, holzartig, hügelartig, kegelartig, lawinenartig, lederartig, leinenartig, liedartig, mosaikartig, nebelartig, palastartig, pyjamaartig, rauchartig, roboterartig, schnupfenartig, seidenartig, wellenartig, wolkenartig, wollartig … Für ein solch blasenartiges Sammelsurium sollte man Nadelartiges bei der Hand haben.

Mit Antonymen kommt artig oft ins Straucheln, denn es verschmäht die Pendants zu großartig, gutartig, neuartig oder fremdartig. Derartig stehen diese isoliert im Raum. Ist artig aber dadurch schon einzigartig und nicht vielartig? Auch im Verschiedenartigen findet sich Gleichartiges.

Diese Polyamorie des Artigen will man seltsamerweise Kindern vorenthalten, denn im Erzieherischen hat artig die klar definierte Bedeutung von erwachsenenartig, denn nicht artig, verkürzt zum unartig, sind Kinder, wenn sie nicht den Vorstellungen ihres Edukans entsprechen. Für das Unartigsein steht die holprig gereimte Drohung im Raum, dass dieses Mal die Weihnachtsgeschenke ausbleiben: „Wenn die Kinder artig sind kommt zu ihnen das Christkind; …“*.

Manche schreiben artig einen Hang zur Heftigkeit, wenn nicht Aggressivität zu, wenn man an panikartig, fluchtartig, tumultartig und schockartig, aber auch krampfartig, triebartig, reflexartig, blitzartig, donnerartig oder gar schlagartig denkt.

Politisch manchmal unkorrekt hebt artig das Fremdartige hervor und meint damit auch Andersdenkende, Andersgesinnte oder Andersgläubige. Hier nähert sich das Artig dem Anders an. Haben Anders und Artig doch mehr gemein? Gibt es nicht auch das Abartige, Bösartige, Krebsartige, Schlagartige oder Schockartige?

Anders als stichwortartig kommt man dem andersartig nicht näher.

Artig ist wohl doch nicht so andersartig als anders.

Andersartig bleibt eigenartig.


* Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter, 1845.


In: Andersartig. Landstrich 2015, S. 4-5.

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
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Eine gelesene erste Fassung des Textes findet sich in der Sendereihe FEDERSPIEL – ab 8:50:

Autorenkreis-Federspiel-Logo

6. September 2015

„G und die W“-Rap

בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ׃

Hat G die Fäden gezogen? Kosmische Strings?
Gestrickt? Gesponnen.
Orthografisch zwei G: אלהים
Kollektives Spinnen?
Virtuelle Stringspaltereien.
Bastelstunde mit Higgs-Bosonen.
Warum G und die W?
Konjunktionistisch: Mitgehangen, mitgefangen?
W mit Geschlechtswort, G geschlechtswortlos.
Genderei von Anbeginn?
GIn oder GInnen.
Also: warum UND?
G + W = Alles?
G – W? Alles Nichts?
Nichts nichtet; bekanntlich.
Allest alles? Alles allest? In der Raum-Zeit-Krümmung: Unendlich?
Singularitätisch macht G x W Sinn: Eins.
G / W? Homolog!
Eins! Nothing else: Eins!
Werbepausenfüllender ORF. PR für Monotheismus.
landstrich 2014G wie Goethe (bitte ankeuzen): Im Anfang war …
der Sinn,
das Wort,
die Tat,
die Kraft.
Allmächtiger! Zwei Buchstaben: Genesis dekonstruiert.
Bur-Malottke eliminiert G durch Dr. Murke.
– G -? Parenthetisch?
(G)? Geklammert?
Klammern gehen gar nicht.
G ausklammern?
Was hält die W zusammen?
G Î W
Doch eher G ∉ W
Vielleicht: G Ì W
Schöpfungsdefinition: G Þ W
Eher doch: W \ G
Woher – zum T – kommt der T?


In: Gott und die Welt. Landstrich 2014, S. 76-77. Transkription!

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
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15. April 2014

© Werner Stangl Linz 2017