‘Spiegelungen‘


Der Stadt entgegen

Der Tag wickelt sich aus der Nacht.
Seine Fühler summen.
Jetzt hängt er frei im Himmel
wie ein Weltkörper rollend.
Die Sonne schwimmt über den Horizont,
der Strom der Asphaltbahnen treibt hin,
breit zur grünen Küste der Hügel.

Der Wind spielt mit den Stunden
um Werden und Sein, um Leben und Sterben.
Der Kessel erwachendes Feuer
singt an der Kruste des zerbrochenen Flügels,
und drückt seine zähe Last
durch das regenbogenfarbene Tor voraus
zur Stadt hin.

Unter dem wallenden Segel am Himmel aber
gleitet und stolpert der kohlschwarze Schatten
wie ein Fuß über die Häuser und Plätze,
über das Geschrei der Händler
und das Gespött der Gottlosen
hinweg.

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Der Baum

Im verstummten Teil des Gartens,
nah an seiner Grenze,
steht ein alter Baum,
müde noch vom Widerstand
gegen die Stürme
des letzten Jahres.
Schatten der Erinnerung
sind eingebrannt
in seine Rinde.
An den höchsten Ästen
hängen vergessene Früchte,
die süßer werden
von Tag zu Tag,
wie spät entfachte Liebe.

hauptplatz
[Aquarell: Erwin Kastner, 2011]


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© Werner Stangl Linz 2019