Es war einmal … Nein! Das stimmt so nicht. Es gibt ihn noch, den Wunschtisch. Und es ist auch kein Märchen, das ich jetzt erzähle, denn ich selber war ihm begegnet. Oder besser gesagt, er ist mir begegnet. In der Wirklichkeit. So wie der Sessel Wirklichkeit ist, auf dem du gerade sitzt und diese Geschichte liest, oder das Papier, auf dem sie gedruckt ist.

Es war Zufall, wie so vieles Wundersame im Leben Zufall ist. Ich saß ich in meinem Café, das ich fast jeden Tag aufsuche, und hing meinen trüben Gedanken nach. Mein Leben war zu dieser Zeit sehr einsam geworden – die Umstände tun hier nichts zur Sache -, und ich wünschte mir sehnlichst, einem liebevollen Menschen zu begegnen. Ich las wie immer meine Zeitung. Da kam eine große, rothaarige Frau auf mich zu und fragte, ob sie sich zu mir setzen dürfte, da alle Tische im Lokal besetzt waren. Ich nickte zustimmend. Ich vertiefte mich wieder in meine Zeitung, aber ich schielte immer wieder an der Zeitung vorbei, um mein Gegenüber zu betrachten. Sie hatte wie ich einen Kaffee bestellt und einen Schwäbischen Käsekuchen, den sie langsam verspeiste. Dabei trafen sich manchmal unsere Blicke und sie lächelte mir einmal zu. Während ich hinter meiner Zeitung verschanzt überlegte, wie ein Gespräch zu beginnen wäre, bat sie die Kellnerin um die Rechnung. Sie bezahlte und verabschiedete sich mit einem freundlichen Gruß und einem Lächeln, das tief in mein Herz drang. Ich sah noch, wie sie vor dem Verlassen des Cafés die Toilette aufsuchte und dann quer über den Platz zur Tiefgarage ging. Ich beobachtete, wie ihr rot leuchtendes Haar im Abgang zur Garage verschwand. Schade, dachte ich, dass ich nicht den Mut gehabt hatte, sie anzusprechen. Aber vielleicht würde sie ja eines Tages wieder in das Café kommen, und dann würde ich sie bestimmt ansprechen.

In den nächsten Tagen setzte ich mich nach Möglichkeit immer an diesen Tisch und hoffte, sie würde wiederkommen und sich zu mir setzen. Dabei musste ich wohl einige Male geseufzt haben, denn unvermittelt hörte ich eine flüsternde Stimme: „Du wirst sie wiedersehen.“

Verwundert schaute ich mich um, aber am Nebentisch saß ein junges Paar und unterhielt sich angeregt. Sie konnten nicht zu mir gesprochen haben. Und am Tisch gegenüber saß ein Lehrer, der wie immer kopfschüttelnd die Schularbeiten seiner Schüler korrigierte.

Noch einmal diese Stimme: „Du wirst sie wiedersehen.“

Da wurde mir klar, dass der Tisch, an dem ich saß, zu mir sprach. Der kleine marmorne Kaffeehaustisch mit dem schweren, verzierten Eisenfuß. Ich hatte wahrlich seltsame Dinge im Leben erlebt und wusste, dass es Augenblicke im Leben gibt, in denen Wundersames geschieht. Aber ein Tisch hatte noch nie zu mir gesprochen.

„Woher willst du denn das wissen?“ erwiderte ich zögernd.

„Weil ich ein Wunschtisch bin.“

Ich hielt einen Augenblick inne, denn ich musste begreifen, was gerade geschah. Ich sprach mit meinem Tisch im Kaffeehaus. Ich blickte mich um, ob uns jemand gehört hätte, aber das Pärchen neben mir war vertieft in sein Gespräch, und der Lehrer schüttelte abermals den Kopf, als er mit zügigen, roten Strichen die Fehler in einem Schularbeitsheft markierte.

Wahrscheinlich traute ich meinen Sinnen noch immer nicht, denn ich rief die Kellnerin und beglich meine Rechnung. Ich bemühte mich dabei, das Verlassen des Cafés nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen.

Am nächsten Tag würde ich mich an einen anderen Tisch setzen, nahm ich mir vor. Und so geschah es. Die anderen Tische im Lokal waren schweigsam, so schweigsam, wie eben Kaffeehaustische sind. Doch eines Tages war der „Wunschtisch“ der einzige, der frei war. Ich schalt mich einen Toren und nahm dennoch mit einem mulmigen Gefühl Platz. Ich bestellte einen Kaffee und holte mir die Zeitung. Ich las gerade den Leitartikel, als ich abermals diese Stimme hörte: „Da bist du ja wieder. Ich habe dich schon vermisst.“

Dieses Mal war ich nicht so überrascht wie beim ersten Mal. Ich versteckte mich hinter der Zeitung, damit die an den Nebentischen Sitzenden nicht hören konnten, dass ich leise vor mich hin sprach. Mit einem Tisch sprach.

„Du hast sie noch nicht wieder gesehen.“

„Nein“, erwiderte ich.

„Aber du wirst ihr sicher begegnen. Schon sehr bald.“

An diesem Tag und an den folgenden – ich ließ mir von nun an diesen Tisch reservieren – entspannen sich anregende Gespräche. Ich erfuhr, was es mit dem Wunschtisch für eine Bewandtnis hat. Ein Wunschtisch kann jedem Menschen, der an ihm sitzt, einen Wunsch erfüllen, der ganz tief im Herzen gefühlt wird. Dabei merken es die meisten Menschen gar nicht, dass sie an einem Wunschtisch sitzen. Wunschtische sprechen üblicherweise auch nicht mit allen Menschen. Am ehesten noch mit Kindern, die an ihnen Platz nehmen. Diese Kinder wünschen sich, dass der Spinat doch nicht so grün schmeckt. Und dann verwandelt der Wunschtisch den ungeliebten Spinat in Grießbrei mit Schokolade oder Vanilleeis. Das Besondere daran ist, dass es die Mutter gar nicht bemerkt, denn der Grießbrei oder das Eis bleiben für die anderen so grün wie Spinat eben ist. Wenn sich Erwachsene an den Wunschtisch setzen, dann geht es meist um profane Dinge wie ein Auto oder eine größere Wohnung. Auch solche Wünsche kann der Wunschtisch erfüllen. Aber es gibt eine Bedingung. Der Wunsch muss aus tiefstem Herzen kommen. Der Wunsch nach einem größeren Auto, nur weil der Nachbar ein neues bekommen hat, wird nicht erfüllt, denn das Herz ist bei einem solchen Wunsch nicht rein von Neid oder Missgunst. Auch erfüllt der Wunschtisch jedem Menschen, der sich an ihn setzt, nur einen einzigen Wunsch. Dann verschwindet er auf immer.

Mir gefiel der Wunschtisch immer mehr und daher setzte mich in den nächsten Tagen immer wieder an ihn, um noch mehr zu erfahren. Einmal entdeckte die Kellnerin, wie ich so vor mich hinsprach, doch geistesgegenwärtig hielt ich mein Handy ans Ohr und tat so, als ob ich ein Gespräch führte. Dabei war das Telefonieren in meinem Stammcafé gar nicht gerne gesehen.

Ich weiß nicht, wie oft ich mit meinem Wunschtisch gesprochen hatte, aber eines Tages geschah, was geschehen musste. Ich begegnete der Frau mit den roten Haaren und dem Lächeln ganz in der Nähe. Und ich hatte neben der Gelegenheit auch den Mut, sie anzusprechen. Wir gingen zu meinem Café, setzten uns jedoch an einen anderen Tisch, denn mein Wunschtisch war besetzt.

Als ich am folgenden Tag wie zuvor meinen Wunschtisch reserviert hatte und mich an ihn setzte, blieb er stumm. Ich streichelte seine Marmorplatte und stieß auch ein wenig unsanft gegen seinen gusseisernen Fuß. Er blieb stumm. Ich untersuchte ihn und hoffte, irgendein Zeichen seiner Vergangenheit zu entdecken. Der Tisch sah genauso aus wie zuvor, hatte den selben kleinen Sprung in der Marmorplatte, fühlte sich vielleicht ein wenig kühler an als zuvor, aber das war wohl Einbildung.

Es war genauso gekommen, wie er es versprochen hatte. Ich hatte die Frau wiedergesehen. Mein Wunsch aus tiefstem Herzen war erfüllt worden.

Das ist nun viele Jahre her. Ich kenne die Frau noch immer und sie begleitet ein wenig mein Leben, das dadurch nicht mehr so einsam ist. Manchmal sitze ich mit ihr an diesem Tisch und erinnere mich. Wie gerne würde ich mich bei meinem Wunschtisch bedanken.

Wo er wohl sein mag? Wem wird er seinen Herzenswunsch erfüllen?

Aber vielleicht sitzt gerade du an meinem Wunschtisch …


* Der Titel und die Idee zu dieser kleinen Geschichte ist einer Kellnerin in meinem Stammcafé geschuldet, die mich bei einer Reservierung fragte, ob ich einen „Wunschtisch“ hätte.


Veröffentlicht in: Literarisches Österreich. Themenheft 2014. Zeitschrift des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes: Das geheime Leben der Dinge. S. 59-61.