Heimat: Drei Gedichte

Abschied

Du hieltest lang in deinen Händen
das dunkle Gesicht der Nacht,
als wäre es von einem Dämmern erhellt.
Beim Abschied sah ich, wie die Sonne
in den Buchten deiner Augen erlosch.
Wann werde ich mein Land wiedersehen,
den Horizont deines Gesichts?
Ich werde andere Himmel sehen,
an Quellen andrer Lippen trinken,
duftend und nächtlich,
doch wenn der verhängnisfarbene Traum
die verklungene Erinnerung entfacht,
beklage ich den Verlust der Heimat,
dürstend nach dem Regen deiner Augen.
Achtlos fließt der Tag
vor den Fenstern der Fremde.
Lasst mir die Hoffnung.

Erst in der Ferne

Du Splittersammlerin Seele.
Ich fand versteckt hinter dem Haus
mich selbst wie ein erloschenes Zündholz.
Der Tisch war gedeckt.
Das Haus ist verkauft.
Erst in der Ferne weiß ich,
was ich da war.
Es reihen sich mir die Tage.
Ich werde alt sein, wenn ich es bin.
Nichts weiter.
Dass ich mir die Vergangenheit
nicht stahl
und mitnahm.

Heimkehr

Die Hunde hatten nicht angeschlagen.
Das Glas auf dem Tisch war gefüllt.
Die Stunden blieben wortlos,
deine Augen stellten keine Fragen.
Hinter uns lag der Tag,
vor uns die Nacht.
Was wird sie erzählen?


 

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© Werner Stangl Linz 2020