„Der Riss ist breiter geworden“, sagte mein Vater. „Wieder.“
Wir standen auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Hauses Nr. 4 in der Vierthalergasse in Meidling. Es war ein einstöckiges Haus aus der Gründerzeit, mit hohen Decken und schmalen Fenstern, die einen klaren Blick auf das Geschehen in der Gasse zuließen. Sie waren charakteristisch für eine Vorstadtgasse des 12. Bezirkes, deren Häuser während des Zweiten Weltkrieges glücklicherweise das intensive Bombardement durch die Alliierten überstanden hatten. Meine Urgroßeltern, die schon während der Monarchie aus Schlesien nach Wien gezogen waren, hatten es unmittelbar nach seiner Errichtung erworben. Es war ein klarer Frühlingstag, an dem das Licht der Sonne unerbittlich alle Spuren offenbarte, die mehr als hundert Jahre an der Fassade hinterlassen hatten.
Zur Zeit des Risses lebten in diesem Haus nur noch meine Eltern, meine Tante und ich. Mein Vater hatte die Enkelin der Gründerfamilie geheiratet, und deren Schwester wohnte neben meinen Eltern im ersten Stock in der Wohnung, die sie nach dem Tod des Großvaters übernommen hatte. In dieser hatte ich die meiste Zeit meiner vorschulischen Kindheit verbracht, da meine Mutter viel zu tun hatte, aber das hat nur am Rande mit dieser Geschichte zu tun. Der Bruder meines Großvaters, der im Erdgeschoß dieses Hauses eine Schusterei betrieben hatte, war schon lange vor diesen Ereignissen verstorben.
Mein Vater und ich überquerten die Gasse und begaben uns vom vertrauten Stöhnen des mächtigen Haustores in das kühle Dunkel der Einfahrt mit ihrem besonderen Geruch, den ich stets nach dem Schließen des Tores mit Ankommen und Geborgenheit in Verbindung gebracht hatte. In diesem Augenblick waren meinen Gedanken wieder weit entfernt in den Tagen meiner Kindheit, da der Geruch und Klang des Hausflurs eine Brücke zwischen den Zeiten und Generationen schlug als der gefühlte Ort, an dem die Geschichten unserer Familie weitergegeben wurden.
Da ich zu dieser Zeit eine Wohnung im Erdgeschoss bewohnte, die vormals die Schusterei beherbergt hatte, bekam ich wenig von den Gesprächen meines Vaters mit meiner Mutter und deren Schwester mit. Nur beiläufig erfuhr ich damals, dass die Zukunft dieses Hauses und mit ihr das Schicksal der Erinnerung daran von einer gründlichen Sanierung abhängen würde.
Einige Zeit vor dem Auftreten des Risses an unserem Haus war das angrenzende ebenerdige Gebäude an der Nordseite abgerissen worden, wobei die dadurch nun freiliegende Feuermauer mit Baumstämmen gepölzt worden war. Hinzu kam, dass das Haus bei der Erbauung nur halbseitig unterkellert war, während die an das abgerissene Haus angrenzende Hälfte auf einem für diese Gegend typischen Schottergemenge lag. Da die Gemeinde Wien schon vor längerer Zeit im oberen Abschnitt der Vierthalergasse mehrstöckige Gemeindebauten errichtet hatte, war das unter unserem Haus befindliche Grundwasser der Wiener Thermenlinie allmählich abgesunken. Gleichzeitig war auch unser im Innenhof liegender Brunnen mit einer geschwungenen Schwengelpumpe versiegt, mit der ich als Kind mit aller Kraft versucht hatte, den davorstehenden Kübel mit leicht nach Schwefel riechendem Wasser zu füllen, um die Steine im Hof zu wässern; ein Spiel, das damals so real und wichtig schien. Der Geruch von feuchtem Stein und altem Wasser stieg mir jedes Mal in die Nase, wenn ich an dem Platz vorbeiging, an dem einst das rostige Eisenrad der Pumpe gedreht hatte. Der Brunnen war zum Zeitpunkt des Risses schon lange versiegt, dessen Schacht, der in den Boden führte, war nichts mehr als ein vergessener Fleck. Ich erinnere mich noch an das weiße Schild, das mein Großvater an der Pumpe angebracht hatte, auf dem in altdeutscher Schrift „Kein Trinkwasser!“ zu lesen war.
Durch meine Tante erfuhr ich, dass mein Vater Kostenvoranschläge für eine Sanierung des Hauses eingeholt hatte. Ich wusste auch, dass mein Vater durch seine große Sparsamkeit, die die Familie stets deutlich zu spüren bekommen hatte, einiges an Geld angesammelt hatte. Dieses Geld konnte in eine Sanierung fließen. Hinzu kam, dass erst vor wenigen Jahren das Ziegeldach des Hauses und der darunter liegende Dachboden erneuert bzw. saniert worden waren. Die letzte Renovierung der Fassaden lag schon an die fünfundzwanzig Jahre zurück, wobei der dafür aufgenommene Kredit erst vor wenigen Jahren vollständig getilgt worden war. Ich wusste, dass mein Vater seine Entscheidungen stets sorgfältig prüfte, aber er war auch ein Mensch, der nicht leicht aufgab, hatte er sich doch mit seiner Familie über viele Jahre hinweg mit kleinen, aber stabilen Ersparnissen durchgekämpft. Viel später erfuhr ich von meiner Tante, dass das vorhandene Geld für die Sanierung wohl knapp gereicht hätte. Mein Vater hatte sich auch an den Magistrat gewandt, um Unterstützung für die Sanierung zu erhalten. Dort beschied man ihm, dass man bereit wäre, das Grundstück zu erwerben und eine Mietwohnung in einem nahen Gemeindebau für unsere Familie freizuhalten.
Ich war zum Zeitpunkt der letzten Verhandlungen um Sanierung oder Verkauf bereits aus meiner Wohnung im Erdgeschoss ausgezogen und berufsbedingt nach Linz übersiedelt, wo ich an der neu gegründeten Universität meine erste Arbeitsstelle gefunden hatte. Durch die Ereignisse und Notwendigkeiten dieses neuen Lebensabschnitts verblassten die Verbindungen zu diesem Ort, zu diesem Haus und zu den Geschehnissen immer mehr. Der Entschluss meines Vaters war dann irgendwann einmal endgültig, wobei er mir diesen in einem Telefonat damit begründete, dass es für ihn und meine Mutter angesichts des fortschreitenden Alters in einer kleinen Wohnung angenehmer wäre, als die permanenten Belastungen eines ganzen Hauses zu tragen. Als der Kaufpreis für das Haus festgelegt werden sollte, erfuhr mein Vater, dass die Gemeinde unser Grundstück und auch die daneben liegenden Areale als Grünland beziehungsweise Parkflächen umgewidmet hatte, so dass der Erlös bei weitem nicht dem in diese Gegend üblichen Quadratmeterpreis entsprach.
Heute befindet sich an Stelle unseres Hauses ein eingezäunter Hundepark, wobei sich an einem Nebenhaus und einer Feuermauer neben wenig gelungenen Graffiti noch die Konturen unseres Hauses abzeichnen, stumme Bewahrer einer vergangenen Zeit. Wo früher der Brunnen gestanden war, kann man noch die betonierte Grundplatte erkennen, überdeckt von Unkraut und Gestrüpp, das auch meine Erinnerungen zu überwuchern beginnt.
[Foto: Benjamin Stangl]