Viertelstunden

Meine tägliche Zeitrechnung
beginnt mit den Schlägen der Repetieruhr.
Meist warte ich auf die volle Viertelstunde,
manchmal wecken mich die Schläge,
mittendrin,
zu spät, um mitzuzählen.
Viertelstunden sind mir vertrauter
als die weiten Gärten des Tages,
denn sie teilen den Tagesanbruch
in überschaubare Gedankenbeete.

In der Kindheit habe ich diese Viertelstunden
selten genossen, oft gefürchtet,
da sie flüchtig und zu kurz waren.
Ängste vor der Schule,
stimmten den Tag ein.
Viertelstundenweise Galgenfristen.
Allein an Wochenenden
und in den Ferien wucherte ich
sorglos verschwenderisch mit ihnen.
Im Alter liegt ein pflichtloses Gefühl
über den Forderungen der Uhr.

Nun ist es das Gurren der Tauben im Hinterhof,
der Lockruf der Amsel am Hausfirst gegenüber,
der durch den Spalt des gekippten Fensters schlüpft.
Das surrende Singen des Aufzugs,
die eilfertigen Schritte des Zeitungsauträgers,
nah an der Wohnungstür.
Montags und donnerstags
das echosuchende Rollen der Mistkübel im Hausflur,
das durch das Stiegenhaus zu mir heraufrotiert.
Ob mir das Rattern der metallenen Jalousien
des Bewohners vom fünften Stock fehlen wird,
dessen Parte bis gestern am Schwarzen Brett hing?

Heute teilen sich die Viertelstunden
ihre Zeit mit der Suche nach der Position,
bei der mein Rücken weniger schmerzt,
selten mit Fragen nach dem Tag.
Bis ich mich – irgendwann –
aus dem Takt der Repetieruhr befreie,
länger, immer länger, am Bettrand sitzend,
diese Viertelstunden wie gute Freunde hinter mir lasse.

… ::: Gedichte

SIEB.10 @ 4711 :: Viertelstunden

© Werner Stangl Linz 2020