Schon als Kind wollte ich Schriftsteller werden, oder besser: Dichter. Der Unterschied war mir damals noch nicht bewusst, denn alles Sprachliche schien mir zu dieser Zeit mit einem Zauber verbunden, waren es nun die Märchen und Sagen, die mir meine Mutter und meine Tante vorlasen, oder waren es die Lieder, die in der Familie gesungen wurden. Besonders hatten es mir Reime angetan, die ich nach Erzählungen meiner Mutter lautstark und beharrlich beim Spielen wiederholte.

Mein erster Versuch, die Dichterkarriere einzuschlagen, war ein Text, den ich vor etlichen Jahren in einer Schachtel am Dachboden entdeckte. In einem schmalen Heft fand sich in fein säuberlicher Grundschulschrift die Geschichte eines alten Mannes, der alleine in einem Wald lebte und dort ein Kind zur Welt brachte, was mir zwar wohlwollende Zustimmung ob meiner literarischen Bemühungen, aber auch das eine oder andere lächelnde Kopfschütteln einbrachte.

Im Schulalltag und seinen Notwendigkeiten ging dieser Berufswunsch zusehends verloren, zumal es in meinem Lebensumfeld keine Vorbilder gab, also keine Menschen, die mit Dichten oder zumindest Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienten.
Erst gegen Ende meiner Schulzeit begann ich die unvermeidlichen Liebesgedichte zu verfassen – in wohlgesetzten Reimen natürlich. Geschleudert wurden diese penibel abgezählten Verszeilen auf eine eher scheue Geliebte, die sich allen Annäherungsversuchen standhaft widersetzt hatte. Nicht zuletzt die Erfolglosigkeit dieser Gedichte führte dazu, dass ich mich ungereimten Formen der Literatur zuwandte, angeregt von der damals in Mode gekommenen Sprachspielerei bis hin zur konkreten Poesie. Da mein Deutschlehrer auf diese Bemühungen aufmerksam wurde, kam es zu ersten Veröffentlichungen in einer Literaturzeitschrift, in der ich mich unversehens in gedruckter Nachbarschaft zu einigen bewunderten Größen der damaligen Literaturszene befand, etwa Peter Henisch, H. C. Artmann, Christine Lavant oder Ernst Jandl.

Der Dienst beim Bundesheer mit seinen endlos abzudienenden Stunden förderte die Produktion von Gedichten und auch kurzen Prosatexten, die aber mangels Kontaktmöglichkeiten zu meinem Lehrer eher in der berüchtigten Schublade landeten.
Und danach hieß es studieren, wobei die Schreibtätigkeit nun anderen Formen galt, auch wenn in diesen hin und wieder die literarische Schreibweise durchschien, die in diesem Kontext eher weniger erwünscht war. So wurde ich in dieser Zeit mehr zum Gelegenheitsschreiber von etwas, das ich in wenig selbstkritischen Augenblicken schon für Dichtung hielt, aber mangels einer Öffentlichkeit in Form von Gedrucktem in der bereits oben metaphorisch bemühten Ablage landete, die genau genommen ein stabiler Versandkarton war.

Der Einstieg in einen wissenschaftlichen Beruf, in dem das bedrohliche publish or perish galt, beförderte zwar meine schreiberische Tätigkeit, die allerdings weit entfernt von dem blieb, was man als Dichtung bezeichnen könnte. Zwar hatte ich irgendwo in einem nebenbei kurz betriebenen Germanistikstudium erfahren, dass auch solche Gebrauchstexte durchaus dem Genre der Literatur zuzurechnen wären, allerdings betraf das nüchtern betrachtet auch Kochrezepte und Gebrauchsanweisungen.
Kurze Hoffnung auf eine Dichterkarriere keimte auf, als ich mich mit einem Theaterstück an einem vom hiesigen Landestheater ausgeschriebenen Dramenwettbewerb beteiligte und überraschend einen Preis erhielt, der mit einer Aufführung des Stückes verbunden war. In diesen Tagen sah ich mich durchaus wieder auf einem guten Weg, mein großes Ziel doch noch zu erreichen, wobei das in einigen weiteren Theatertexten mündete. Allerdings war es mir auf Grund der beruflichen Tätigkeit und der in dieser Zeit gegründeten Familie mit Nachwuchs praktisch nicht möglich, das dann notwendige Antichambrieren bei einschlägigen Verlagen oder Bühnen konsequenter zu betreiben. Also nahm ich mit nicht zu schwerem Herzen Abschied von der Vorstellung, über die Dramatik doch noch die Dichterkarriere einzuschlagen.

Am Ende meiner beruflichen Laufbahn konnte ich auf mehrere Bücher und hunderte Publikationen in wissenschaftlich Zeitschriften zurückblicken, aber die in Mußestunden sporadisch verfertigten literarischen Texte, die während dieser Zeit in dem einen oder anderen Druckmedium erschienen waren, blieben daneben in der Minderzahl.

In den Ruhestand versetzt suchte und fand ich Aufnahme in einigen literarischen Zirkeln, was mich meinem ursprünglichen Ziel wohl theoretisch näherbrachte, nicht zuletzt gefördert durch die nun größere Produktionsmenge an Texten, wobei es irgendwie unaufhaltsam war, dass sich neben häufigeren Publikationen in Literaturzeitschriften auch der eine oder andere Preis bei Wettbewerben einstellte.

In der Auseinandersetzung mit Gleichgesinnten fand ich einerseits Trost, dass es mit der Dichterkarriere nicht geklappt hat und wohl auch niemals klappen würde, so dass ich mich damit abfand, ein einfacher Schreiberling geworden zu sein, dem das eine oder andere literarische Werk wohl geglückt sein dürfte, wenn man der freundlichen Resonanz glauben kann.

Der Zeitschrift etcetera mit einer Ausschreibung zum Thema „Umweg“ ist es schließlich zu verdanken, dass ich diesen persönlichen Umweg hier zu Papier bringe.

Vielleicht klappt es ja posthum …

[Foto: Benjamin Rizy, 19. Februar 2014, Lesung Literaturhaus Wien]