‘Prosa‘

Ungebundene Texte in Anlehnung an innere Monologe


NACHSCHLAG – Brot & Prügel & …

Bei der thematisch vorgegebenen Ambivalenz des Wortes NACHSCHLAG zwischen Brot & Prügel fällt beim NACHSCHLAG in einem Wörterbuch auf, dass zumindest eine Trivalenz (Brot & Prügel & Lexikon) besteht. Näher betrachtet zeigt sich alsbald, dass jeglicher SCHLAG die Tendenz hat, verschiedene Richtungen EINZUSCHLAGEN, wobei EINSCHLÄGIGE NACHSCHLAGWERKE allmählich die Phantasie in BESCHLAG nehmen. Wer kann einem Autor den Wunsch schon ABSCHLAGEN, beim AUFSCHLAGEN seines Moleskine SCHLAGWÖRTERN literarisch nachzuspüren? Man kann von einem DURCHSCHLAGENDEN Erfolg sprechen, auch wenn in Zeiten des Computers und des Laserdruckers jener DURCHSCHLAG seine Bedeutung verloren hat, den man einst mit verstärktem ANSCHLAG der Schreibmaschintasten und mit Hilfe von DURCHSCHLAGPAPIER erzeugen konnte. Für einen solchen ANSCHLAG benötigte man daher keine Bomben sondern kräftige und zielsichere Finger. Auch muss man sich bei jedem NACHSCHLAG fragen, ob ihm nicht ein VORSCHLAG vorangeht, der ihn unter Umständen überflüssig macht, denn häufig bleibt es bei diesem, wenn er von anderen AUSGESCHLAGEN wird, wobei diese ohne VORSCHLAGHAMMER passiert. Es geschieht zwar häufig, dass Menschen etwas ABGESCHLAGEN wird, jedoch nur mehr selten in Form mittelalterlichen HAND-, FUSS- oder gar KOPFABSCHLAGENS. Heute sind nur mehr Golfspieler an einem guten ABSCHLAG interessiert.

Der NACHSCHLAG besitzt vornehmlich eine sportliche Komponente, wobei es Disziplinen gibt, in denen er mit einer gelben oder roten Karte geahndet wird. Dafür braucht ein Referee seinerseits nicht im Regelbuch NACHSCHLAGEN. Wenn auch am Beginn eines Wettkampfes der HANDSCHLAG steht, verkümmert dieser vielfach zu einem Ritual, das nicht selten in einem finalen NIEDERSCHLAG seinen NIEDERSCHLAG findet, wobei beide nur wenig mit der meteorologischen Erscheinung gleichen Namens gemein haben, es sei denn, es handelt sich dabei um faustgroße Hagelkörner. Übrigens bleibt in diesem Zusammenhang unklar, was man unter HANDSCHLAGQUALITÄT versteht, denn insbesondere beim Boxen ist zwar das SCHLAGEN mit der Hand aber nicht der INNENHANDSCHLAG erlaubt, auch wenn ein regelkonformer FAUSTSCHLAG mit einem ZERSCHLAGENEN Kiefer oder AUSGESCHLAGENEN Zähnen enden kann. Welchem Kämpfer der Referee am Ende den ZUSCHLAG erteilt, hängt nicht zuletzt von der SCHLAGQUALITÄT ab, die wortwörtlich ein SCHLAGENDER Beweis für die SCHLAGFERTIGKEIT des Siegers darstellt, wobei bei Faustkämpfen die verbale Variante unberücksichtigt bleibt. Hingegen ist bei Auktionen der ZUSCHLAG höchstens mit Schmerzen für das Portemonnaie verbunden, die man aber kaum mit einem kühlenden UMSCHLAG behandeln kann. Hier darf der äußerst unsportliche TIEFSCHLAG nicht UNTERSCHLAGEN werden, dem aber nicht ein HOCHSCHLAG sondern der ÜBERSCHLAG sowohl physisch als auch metaphorisch gegenübersteht, letzterer in die Buchhaltung des Veranstalters, wobei eventuell die schon erwähnte UNTERSCHLAGUNG bei SCHLAGKRÄFTIGEN Finanzbehörden mit einem kräftigen AUFSCHLAG bestraft wird. Es ist keine Überraschung, dass manche Verlierer NIEDERGESCHLAGEN wirken.

Um beim Sport zu bleiben: Ein HANDKANTENSCHLAG oder schneller BEINSCHLAG bringt im Karate Vorteile, mit Letzterem punktet auch ein Delphinschwimmer oder Krauler, während man im Tennis mit diesen wenig anfangen kann, da man seine Gegner nur indirekt SCHLAGEN darf, etwa mit einem gekonnten AUFSCHLAG, den auch Dominik Thiem nur mit einem ZAUBERSCHLAG retournieren könnte. Vermutlich geben hier gleichfalls SCHLAGFERTIGKEITEN den AUSSCHLAG, der sich bei den Protagonisten in blauen Flecken und eher selten in roten Punkten auf der Haut äußert. Bei solchen hilft ein heilender UMSCHLAG, auch ein aus der Mode gekommenes Mittel, um Bücher zu schützen, wofür man nicht unbedingt auf den UMSCHLAGPLATZ gehen muss. Übrigens ist das A & O beim Tennis ein guter RÜCKSCHLAG, der nicht mit einem NACKENSCHLAG verwechselt werden sollte, denn der wird durch das Reglement und das zwingend vorgeschriebene Netz verhindert. VERSCHLAGENE Bälle hingegen bilden beim Tennis das Um und Auf, denn ohne solche würde auch ein Tiebreak wenig nützen und eine endlose SCHLÄGEREI bedingen, unterschieden in VORHANDSCHLAG, RÜCKHANDSCHLAG, VOLLEYSCHLAG oder SCHMETTERSCHLAG. Übrigens ist im Tennismekka Wimbledon bei den überteuerten Erdbeerportionen stets SCHLAGOBERS dabei, das entgegen aller Tradition nicht mit Hilfe von TENNISSCHLÄGERN GESCHLAGEN wird.

Am Ende sportlicher Auseinandersetzungen steht häufig ein HERZSCHLAGFINALE, auch wenn dieser HERZSCHLAG wenig mit erotisch getönten Begegnungen zu tun hat. Eher spielt bei diesem HERZSCHLAG der AUGENAUFSCHLAG eine Rolle, wobei er bei Missinterpretation unter Umständen mit einem blauen Auge enden kann.

Jüngst war in SCHLAGZEILEN auch von SCHLAGENDEN Verbindungen die Rede, bei denen in manch antiquierten VERSCHLÄGEN völksungetümliche SCHLAGER gesungen worden sein sollen, ob mit oder ohne SCHLAGZEUGBEGLEITUNG ist nicht überliefert – hier wird wie immer die Unschuldsvermutung SCHLAGEND, d.h., wir ENTSCHLAGEN uns jeglicher Bewertung.

In der Musikbranche wiederum können SCHLAGER so EINSCHLAGEN, dass sich manche bei ihrer permanenten Wiederholung wie ERSCHLAGEN fühlen. Jeder EINSCHLAG hat nicht nur akustisch eine zerstörerische Seite, besonders wenn er in Form einer Gewehr-, Pistolen oder gar Kanonenkugel daherkommt, manchmal auch als QUERSCHLÄGER. Im Straßenverkehr bedingt der EINSCHLAG zwar die Wendigkeit, doch selbst dort kann er bedrohlich sein, wenn er sich als EINSCHLAGWINKEL beim Aufprall auf ein anderes Fahrzeug manifestiert. Darin sind Verkehrsexperten BESCHLAGEN, auch wenn dieses BESCHLAGEN nicht durch einen Hufschmied erfolgt ist. Als Heimwerker wieder ist man bei einem defekten SCHLAGBOHRER auch vor STROMSCHLÄGEN nicht sicher, die einen SCHLAGANFALL herbeiführen können.

So macht dieser sprachliche RUNDUMSCHLAGS letztlich SCHLAGARTIG deutlich, dass zahlreiche SCHLAGWORTE SCHLAGLICHTER mit einem veritablen SCHLAGSCHATTEN hinterlassen.


Gedanken zum Thema des DUM NR. 87 – „NACHSCHLAG – Brot & Prügel“.




Draußen sein – Ein Versuch

Jetzt ist es genug! Was sollen diese lauten, fremden Geräusche! Sie reißen mich aus meiner Ruhe. Ich bin geduldig, aber das ist zuviel. Ich habe lange gebraucht, mich an das fortwährende Hämmern zu gewöhnen… Ich habe mich an vieles gewöhnt. Zuerst an dieses Schaukeln. Es war immer da. Hin und her und her und hin. Ich habe gelernt, mich nicht dagegen zu wehren. Ich muß einfach mitspielen. Dann ist es erträglich. Und die Enge. Endlose Wände. Ich stoße rechts an, dann links. Nein! Ich werde gestoßen. Und mit der Zeit wird es immer enger. Die Wände kommen näher. Wenigstens sind die Wände gepolstert. Oft höre ich Stimmen. Ich verstehe nicht, was sie sagen. Sie sind zu weit weg. Eine Stimme fiel mir von Anfang an auf; sie ist am lautesten. Ich mag diese Stimme. Oder besser: ich habe mich an sie gewöhnt. Sie unterscheidet sich von den anderen Stimmen nicht allein durch die Lautstärke. Sie hat einen seltsamen Klang, der in mir etwas auslöst… Ich ahne oft, was sie sagt. Manchmal schweigt sie lange. Und dann warte ich auf diese Stimme, meine Stimme. Wenn ich müde bin, lasse ich mich einfach fallen. Wo ich gerade bin. Es ist ohnehin nicht mehr viel Platz. Letzte Nacht habe ich gut geschlafen. Früher konnte ich Tag und Nacht nicht unterscheiden. Ich habe gelernt, daß es am Tag viel Lärm gibt, während in der Nacht alles stiller wird. So still, daß ich ängstlich werde. Das Hämmern wird langsamer und leiser. Ich lausche dann dem Schlag meines Herzens, bis er im Einklang mit dem Hämmern ist. Das Schaukeln wird sanfter. Und ich lasse mich fallen und schlafe ein. Wie lange ich schlafe? Ich weiß es nicht. Wenn ich aufwache, dann wiederholen sich viele Dinge: ein kräftiges Schaukeln, zum ersten Mal meine Stimme, das Gurgeln und das Glucksen. Ich pendle mich ein. Ein Tag steht bevor. An den Tagen erkenne ich Vertrautes. Es gibt ein Muster, einen Rhythmus. Ich denke manchmal, ich kann das Kommende auslösen oder beeinflussen. Das ist aber eine Illusion. Es gibt immer Überraschungen. Neulich ganz laute Töne. Als ob eine Musikkapelle draußen vorüberzöge. Ich habe sie seither nie wieder gehört. Ich würde sie sofort wiedererkennen. Einmal dachte ich, ich ersticke. Überall Rauch. Mir war schlecht. Ich konnte nichts dagegen tun. Ich kann mich gegen nichts wehren, alles geschieht. Wie lange ist es her? Ich habe kein Zeitgefühl. Nur der Rhythmus von Tag und Nacht hat sich in mir festgesetzt. Früher wußte ich nicht einmal, ob ich schlafe oder wache. Nahtlos geht eines ins andere über. Ich habe gelernt, meine Gedanken zu ordnen. Manche sind klar, manche unscharf. Woher kommen sie? Ich weiß es nicht. Manchmal träume ich. Dann sehe ich ein Licht. Es kommen schemenhafte Gestalten und ihre Schatten. Ich kann sie nicht festhalten, sie tanzen an mir vorüber. Ich habe zu ihnen keine Beziehung. Es geht zu schnell. Manchmal kommt eine Gestalt auf mich zu und ich möchte fliehen. Wohin? Heute geschehen seltsame Dinge. Es ist so eine Ahnung, eine Erregung. Als sollte sich etwas ändern. Irgendwie ist alles anders als sonst. Aber das ist vielleicht auch nur ein Gedanke, ein Hirngespinst. Wie alles vielleicht nur Einbildung ist. Dennoch: Ich habe nichts anderes.
………

22 Uhr 50. Beckenendlage. 2800g, 50 cm, 34 cm. Apgar 1 min 10, 5 min 10, 10 min 10. Fersen-pH oB, Hämatokrit oB, Intubation oB, Blindpufferung oB, Asphyxie oB, Zyanose oB, Ikterus oB, Analtresie oB, Dysmaturität oB. Knabe. St. Benjamin. gez. Schrögendorfer.
WER, ZUM TEUFEL, IST SCHRÖGENDORFER?


Veröffentlicht in Gisela Weinhändler (Hrsg.): Gefangensein. Drinnen und draußen. S. 41-42. muc-Verlag, München.




Chronologie, invers

Eins

Sie zuckte mit keiner Wimper, als er in die Schuhschachtel griff, wahllos Fotos herausriss und auf sie schleuderte: „Unser Leben! Alles Scheiße?“
Kein Staunen fand sich in ihren Augen. Als hätte sie es erwartet.
Bei jedem Päckchen, das er immer unkontrollierter in ihre Richtung warf, wiederholte er ohne lauter zu werden: „Alles Scheiße?“
Seine Stimme kippte. Schließlich leerte er die restlichen Fotos in der Schachtel über ihrem Kopf aus.
Noch einmal: „Alles Scheiße?“
Sie saß noch immer regungslos.
Er verließ das Zimmer und knallte die Türe zu.

Zwei

Er folgte ihr ins Schlafzimmer und beteuerte, dass doch alles nur ein Missverständnis sei. Was er aus seiner Kindheit erzählt hätte, sei doch ganz anders gemeint gewesen. Er hielt sie während seiner flehentlichen Erklärungen an beiden Händen fest, damit sie ihn nicht wie sonst in solchen Situationen einfach stehen lassen konnte.
„Du tust mir weh“, sagte sie betont ruhig. „Ich bin kein Kind, das du belehren musst!“
Er schwieg und versuchte, ihr in die Augen zu schauen. Sie wich seinem Blick aus.
Er wiederholte mehrmals, dass er doch endlich auch über ihre Kindheit reden wollte. Sie schien ihm nicht zuzuhören: „Ich werde mir nie wieder von Dir vorschreiben lassen, was ich zu tun habe.“
Irgendwann ließ er resignierend ihre Hände los und ging in sein Arbeitszimmer. Sein Blick fiel auf die Schuhschachtel im offenstehenden Schrank, in dem er die Familienfotos aufbewahrte.

Drei

Unvermittelt blieb sie nach dem schweigsamen Nebeneinanderhergehen stehen: „Du bist wie dein Vater! Zuerst hinschlagen und dann um Verzeihung bitten.“
Tränen schossen in seine Augen.
Dieses Resümee des Abends stellte alles auf den Kopf.
War sie blind oder war er es?
Er war von diesem Vorwurf so überrascht, dass er auf dem restlichen Nachhauseweg bis zum Aufschließen der Wohnungstür schwieg.
Wie immer half er ihr im Vorzimmer aus dem Mantel. Während er seinen Mantel an die Garderobe hängte, ging sie ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen.

Vier

Nachdem sie das italienische Lokal verlassen hatten, …

Wie diese Geschichte weitergeht, kann man in der Kulturzeitschrift LANDSTRICH „NEUE ZEITEN“ nachlesen:


Am Sonntag, 3. Mai 2018, 15 Uhr, findet die Präsentation der LANDSTRICH-Ausgabe 2018 NEUE ZEITEN unter Mitwirkung von AutorInnen im Kubin-Haus in Zwickledt 7, 4783 Wernstein, statt.


Nr. 34 NEUE ZEITEN, 2018

Beiträge von Norbert Leitgeb, Evelyne Polt-Heinzl, Michael Burgholzer, Johanna Wurzinger, Adi Traar, Wilhelm Rager, Bodo Hell, Markus Köhle, Martin Praska, Karl Johann Müller, Julian Schutting, Otto Johannes Adler, Peter Landerl, Bernadette Haller, Stefan Winterstein, Werner Stangl, Dominik Leitner, Britta Lübbers, Stephan Groetzner, Heinz Göbel, Bianca Buhr, Friedrich Hirschl, Alois Riedl, Martin Pollack, Andrea Nießner, Robert Anders, Gerhard Zeillinger, Didi Sattmann, Reinhold Schrappeneder, Michael Burgholzer und Rudi Klein.

ISBN: 978-3-9504026-4-3
Preis: 14 €

Bestellung: http://www.landstrich.at/




© Werner Stangl Linz 2018