‘Literaturzeitschriften‘


Sprüche, vulkanisiert

Wenn es dem Vulkan zu wohl ist, geht er auf’s Eis schmelzen.

Der Vulkan geht so lange zum Brunnen, bis er ausbricht.

Man soll den Vulkan nicht vor dem Ausbruch loben.

Ein Vulkanausbruch kommt selten allein.

Wie man in den Vulkan hineinruft, so spuckt es heraus.

Wer sich in den Vulkan begibt, kommt darin um.

Wer den Geysir nicht ehrt, ist den Vulkan nicht wert.

Es ist nicht alles Vulkan was spuckt.

Schlafende Vulkane soll man nicht wecken.

Wenn der Vulkan nicht zum Philosophen kommt, muss der Philosoph zum Vulkan gehen.

Daraus folgt:

Empedokles

Bedenkenleer
hatte er sich vom Kraterrand
in das Lavameer
gestürzt –
die Sandalen blieben zurück –
im Falle
zog alle
Nichtigkeit
an ihm vorüber –
er hatte alles bedacht …
nur die Sandalen,
die hatte er nicht
zum Schuster gebracht!
Es ist zu spät!
Es ist zu spät!
Wer jetzt wohl in den Sandalen geht?


etcetera 72: Tanz auf dem Vulkan




KÖRPER TEILEN

Im Englischen gibt es die anschauliche Redewendung „give me a hand“, die die Möglichkeit andeutet, diesen Körperteil jemand anderem zur Verfügung zu stellen. Spinnt man diesen Gedanken weiter, erkennt man bald, wie praktisch es manchmal wäre, wenn Menschen ihren Körper teilen könnten, wobei damit nicht gemeint ist, sich metaphorisch zwischen zwei Tätigkeiten zu zersprageln, sondern dies auch physisch zu realisieren.

Im Englischen besitzt das Körperteilen übrigens Tradition, denn schon bei Shakespeare sagt Antonius zu Freunden, Römern und Landsleuten: „lend me your ears“. Wie das geendet hat, weiß man. Dieses spezielle Ohrenververleihen wäre etwa für Spionagetätigkeiten geeignet, denn dann bräuchte man sein Ohr nicht an die Wand pressen, sondern könnte es bequem im Nachbarzimmer unter dem Bett oder in einem Lampenschirm verstecken.

Bildlich erfahren sich Menschen ohnehin häufig als geteilt, denn wie oft kann man von anderen hören, dass man zwar anwesend aber mit dem Kopf ganz wo anders sei. Aber zurück zum Konkreten, zum Praktischen: Man stelle sich vor, dass man einfach seine Hand oder auch nur ein paar Finger ausklinken könnte, damit sie am Rücken an jener Stelle kratzen, an der es gerade schrecklich juckt, und die man aufgrund der üblichen anatomischen Gegebenheiten nicht erreichen kann. Es sei denn, man wäre ein Gummimensch, aber das ist kurzfristig nicht machbar.

Für korpulente Menschen ist es sicherlich bequem, könnten sie die Füße abmontieren und die Zehennägel gemütlich in Augenhöhe schneiden; oder die Hände mit der Schere nach unten schicken, was aber nicht ratsam scheint, denn man sollte mit den Augen doch eine gewisse Kontrolle behalten. Möglich ist natürlich, ein Auge zu den Füßen mitzuschicken, allerdings fehlt dann die vielleicht für einen adäquaten Zehennagelschnitt notwendige dreidimensionale Perspektive. Gleiches gilt für das Nägellackieren.

Man muss auch an raffinierte Möglichkeiten denken, etwa jemandem aus der Entfernung ein Haxl zu stellen, während der Rest ganz arglos an einer Wand lehnt und „Alle meine Entchen“ pfeift. Man könnte jemandem die Faust aufs Auge drücken, während man scheinbar genüsslich an der Bar seinen Whisky on the Rocks trinkt. Problematisch könnte das nur in einem Saloon werden, wenn sich die laut Westernfilmen übliche Prügelei mit selbstständigen Fäusten oder Füßen ergibt, bei der der eine oder andere Beteiligte gar nicht mehr weiß, warum gerade seine Faust auf dem Schädel eines Kartenspielers oder sein Fuß auf dem Steiß des Sheriffs oder seine Finger im Dekolleté der Bardame landen. Peinlich könnte es werden, wenn die eigene Faust auf Grund ihrer Rage und im wahrsten Sinn des Wortes blind vor Wut den eigenen Körper malträtiert. Ich glaub, mich tritt mein Pferd.

Bleiben wir bei den positiven Möglichkeiten: Eine Frau oder ein Mann muss vor dem Rendezvous keinen Spiegel oder wie heute üblich die Selfiekamera des Smartphones nutzen, um die eigene Erscheinung zu überprüfen. Sie könnten einfach mit ausgeklinkten Augen in einer Entfernung von ein paar Metern sich selber von allen Seiten begutachten; abgesehen von den Augen natürlich, aber daran kann man sich ja vielleicht gewöhnen. Ein weites Feld an praktischen Möglichkeiten ergibt sich natürlich für den Bereich der menschlichen Beziehungen, wobei sich das in Abstufungen von oberflächlichen bis zu leidenschaftlichen Verhältnissen darstellt. Die angenehmen Seiten sind dabei offensichtlich – detaillierte Spielarten kann ich gerne der Phantasie der Leserinnen und Leser überlassen. Im Wortsinne zwiespältig ist Körperteilen aus der Perspektive der ehelichen Treue, wenn z. B. ein Mann zu Hause bei seiner Angetrauten beim Abendessen sitzt, und diese moniert: „Ist dein Unterteil schon wieder bei der Nachbarin?“

Wenn man das hier dargelegte Prinzip des Körperteilens nicht nur auf Extremitäten beschränkt, sondern auf Innereien ausdehnt, könnte ein Alkoholiker seine Leber auf Entzug nach Kalksburg schicken, während er seiner geregelten Arbeit nachgeht. Oder jemand schickt bei Problemen mit der Lunge diese auf den Zauberberg … Man könnte ein verletztes Glied einfach in einem Paket zum Arzt schicken, per Einschreiben, versteht sich. Das wäre auch bei einem eitrigen Backenzahn praktisch, sofern dieser den Schmerz mitnimmt. Die moderne Prothetik ist dabei auf einem guten Weg.

An dieser Stelle kommt die durchaus nicht irrelevante Problematik ins Spiel, wenn man vergisst, wo man einen seiner Körperteile abgelegt oder wohin man einen anderen geschickt hat. Darüber sollte man akribisch Buch führen oder zumindest GPS-Ortung einsetzen: „Alexa, find my left foot!“ Und nicht zuletzt zu den letzten Fragen: Was passiert, wenn einen Menschen der Tod ereilt und ein wesentlicher Körperteil ist gerade unterwegs? Oder wenn einige Teile den Rest überleben und fortan nicht nur sprichwörtlich ein Eigenleben entwickeln? Wie wird sich das beim Letzten Gericht darstellen? Kommt ein Teil ins Paradies und ein anderer in die Hölle? Oh Gott!


Verfasst für etcetera 74 – Körper:Teile. Von Monstern und …




NACHSCHLAG – Brot & Prügel & …

Bei der thematisch vorgegebenen Ambivalenz des Wortes NACHSCHLAG zwischen Brot & Prügel fällt beim NACHSCHLAG in einem Wörterbuch auf, dass zumindest eine Trivalenz (Brot & Prügel & Lexikon) besteht. Näher betrachtet zeigt sich alsbald, dass jeglicher SCHLAG die Tendenz hat, verschiedene Richtungen EINZUSCHLAGEN, wobei EINSCHLÄGIGE NACHSCHLAGWERKE allmählich die Phantasie in BESCHLAG nehmen. Wer kann einem Autor den Wunsch schon ABSCHLAGEN, beim AUFSCHLAGEN seines Moleskine SCHLAGWÖRTERN literarisch nachzuspüren? Man kann von einem DURCHSCHLAGENDEN Erfolg sprechen, auch wenn in Zeiten des Computers und des Laserdruckers jener DURCHSCHLAG seine Bedeutung verloren hat, den man einst mit verstärktem ANSCHLAG der Schreibmaschintasten und mit Hilfe von DURCHSCHLAGPAPIER erzeugen konnte. Für einen solchen ANSCHLAG benötigte man daher keine Bomben sondern kräftige und zielsichere Finger. Auch muss man sich bei jedem NACHSCHLAG fragen, ob ihm nicht ein VORSCHLAG vorangeht, der ihn unter Umständen überflüssig macht, denn häufig bleibt es bei diesem, wenn er von anderen AUSGESCHLAGEN wird, wobei diese ohne VORSCHLAGHAMMER passiert. Es geschieht zwar häufig, dass Menschen etwas ABGESCHLAGEN wird, jedoch nur mehr selten in Form mittelalterlichen HAND-, FUSS- oder gar KOPFABSCHLAGENS. Heute sind nur mehr Golfspieler an einem guten ABSCHLAG interessiert.

Der NACHSCHLAG besitzt vornehmlich eine sportliche Komponente, wobei es Disziplinen gibt, in denen er mit einer gelben oder roten Karte geahndet wird. Dafür braucht ein Referee seinerseits nicht im Regelbuch NACHSCHLAGEN. Wenn auch am Beginn eines Wettkampfes der HANDSCHLAG steht, verkümmert dieser vielfach zu einem Ritual, das nicht selten in einem finalen NIEDERSCHLAG seinen NIEDERSCHLAG findet, wobei beide nur wenig mit der meteorologischen Erscheinung gleichen Namens gemein haben, es sei denn, es handelt sich dabei um faustgroße Hagelkörner. Übrigens bleibt in diesem Zusammenhang unklar, was man unter HANDSCHLAGQUALITÄT versteht, denn insbesondere beim Boxen ist zwar das SCHLAGEN mit der Hand aber nicht der INNENHANDSCHLAG erlaubt, auch wenn ein regelkonformer FAUSTSCHLAG mit einem ZERSCHLAGENEN Kiefer oder AUSGESCHLAGENEN Zähnen enden kann. Welchem Kämpfer der Referee am Ende den ZUSCHLAG erteilt, hängt nicht zuletzt von der SCHLAGQUALITÄT ab, die wortwörtlich ein SCHLAGENDER Beweis für die SCHLAGFERTIGKEIT des Siegers darstellt, wobei bei Faustkämpfen die verbale Variante unberücksichtigt bleibt. Hingegen ist bei Auktionen der ZUSCHLAG höchstens mit Schmerzen für das Portemonnaie verbunden, die man aber kaum mit einem kühlenden UMSCHLAG behandeln kann. Hier darf der äußerst unsportliche TIEFSCHLAG nicht UNTERSCHLAGEN werden, dem aber nicht ein HOCHSCHLAG sondern der ÜBERSCHLAG sowohl physisch als auch metaphorisch gegenübersteht, letzterer in die Buchhaltung des Veranstalters, wobei eventuell die schon erwähnte UNTERSCHLAGUNG bei SCHLAGKRÄFTIGEN Finanzbehörden mit einem kräftigen AUFSCHLAG bestraft wird. Es ist keine Überraschung, dass manche Verlierer NIEDERGESCHLAGEN wirken.

Um beim Sport zu bleiben: Ein HANDKANTENSCHLAG oder schneller BEINSCHLAG bringt im Karate Vorteile, mit Letzterem punktet auch ein Delphinschwimmer oder Krauler, während man im Tennis mit diesen wenig anfangen kann, da man seine Gegner nur indirekt SCHLAGEN darf, etwa mit einem gekonnten AUFSCHLAG, den auch Dominik Thiem nur mit einem ZAUBERSCHLAG retournieren könnte. Vermutlich geben hier gleichfalls SCHLAGFERTIGKEITEN den AUSSCHLAG, der sich bei den Protagonisten in blauen Flecken und eher selten in roten Punkten auf der Haut äußert. Bei solchen hilft ein heilender UMSCHLAG, auch ein aus der Mode gekommenes Mittel, um Bücher zu schützen, wofür man nicht unbedingt auf den UMSCHLAGPLATZ gehen muss. Übrigens ist das A & O beim Tennis ein guter RÜCKSCHLAG, der nicht mit einem NACKENSCHLAG verwechselt werden sollte, denn der wird durch das Reglement und das zwingend vorgeschriebene Netz verhindert. VERSCHLAGENE Bälle hingegen bilden beim Tennis das Um und Auf, denn ohne solche würde auch ein Tiebreak wenig nützen und eine endlose SCHLÄGEREI bedingen, unterschieden in VORHANDSCHLAG, RÜCKHANDSCHLAG, VOLLEYSCHLAG oder SCHMETTERSCHLAG. Übrigens ist im Tennismekka Wimbledon bei den überteuerten Erdbeerportionen stets SCHLAGOBERS dabei, das entgegen aller Tradition nicht mit Hilfe von TENNISSCHLÄGERN GESCHLAGEN wird.

Am Ende sportlicher Auseinandersetzungen steht häufig ein HERZSCHLAGFINALE, auch wenn dieser HERZSCHLAG wenig mit erotisch getönten Begegnungen zu tun hat. Eher spielt bei diesem HERZSCHLAG der AUGENAUFSCHLAG eine Rolle, wobei er bei Missinterpretation unter Umständen mit einem blauen Auge enden kann.

Jüngst war in SCHLAGZEILEN auch von SCHLAGENDEN Verbindungen die Rede, bei denen in manch antiquierten VERSCHLÄGEN völksungetümliche SCHLAGER gesungen worden sein sollen, ob mit oder ohne SCHLAGZEUGBEGLEITUNG ist nicht überliefert – hier wird wie immer die Unschuldsvermutung SCHLAGEND, d.h., wir ENTSCHLAGEN uns jeglicher Bewertung.

In der Musikbranche wiederum können SCHLAGER so EINSCHLAGEN, dass sich manche bei ihrer permanenten Wiederholung wie ERSCHLAGEN fühlen. Jeder EINSCHLAG hat nicht nur akustisch eine zerstörerische Seite, besonders wenn er in Form einer Gewehr-, Pistolen oder gar Kanonenkugel daherkommt, manchmal auch als QUERSCHLÄGER. Im Straßenverkehr bedingt der EINSCHLAG zwar die Wendigkeit, doch selbst dort kann er bedrohlich sein, wenn er sich als EINSCHLAGWINKEL beim Aufprall auf ein anderes Fahrzeug manifestiert. Darin sind Verkehrsexperten BESCHLAGEN, auch wenn dieses BESCHLAGEN nicht durch einen Hufschmied erfolgt ist. Als Heimwerker wieder ist man bei einem defekten SCHLAGBOHRER auch vor STROMSCHLÄGEN nicht sicher, die einen SCHLAGANFALL herbeiführen können.

So macht dieser sprachliche RUNDUMSCHLAGS letztlich SCHLAGARTIG deutlich, dass zahlreiche SCHLAGWORTE SCHLAGLICHTER mit einem veritablen SCHLAGSCHATTEN hinterlassen.


Gedanken zum Thema des DUM NR. 87 – „NACHSCHLAG – Brot & Prügel“.




© Werner Stangl Linz 2018