‘Literaturzeitschriften‘


Wunder der Prärie

Sie kommen. Jeden Abend. Pünktlich. Der Kuss der Mutter. Ich ziehe die Vorhänge meines Klappbetts zu. Sorgfältig. Kein Licht darf hereindringen. Die Mutter dreht das Licht ab. Das Klappbett spart Platz in unserer Zimmer-Küche-Wohnung.

Nein, das sind sie noch nicht! Es sind die festen Schritte meiner Mutter. Sie verlässt das Wohnzimmer und schließt die Tür. Nun sitzt sie in der Küche, um auf meinen Vater zu warten. Er macht jeden Tag Überstunden. Damit ich einmal etwas Besseres werde. Damit ich ins Gymnasium gehen kann.

Ich prüfe nochmals. Der Vorhang darf keine Öffnung freilassen. Keinen Spalt. Alles sicher. Kein Schein dringt in mein Zelt. So nennt meine Mutter die vorgezogenen Vorhänge. Der Schatten des Fensterkreuzes, den die Straßenlaterne von draußen auf den Stoff wirft, zittert ein wenig.

Ich ziehe die Tuchent über den Kopf. So warte ich in meinem Zelt auf ihr Kommen. So wie die Mutter in der Küche auf meinen Vater wartet. Sie werden kommen. Bald. Wie jeden Abend. Pünktlich.

Mein Vater hatte mich ins Urania-Kino mitgenommen. Ausnahmsweise. Sonst begleite ich meine Tante an Samstagen ins Philadelphia-Kino. Ferien auf Immenhof. Die Geierwally. Alle Sissy-Filme. Die gefallen mir besonders. Die Orte sind mir vertraut. Schönbrunn kenne ich von den Spaziergängen mit meiner Mutter. Ich freue mich auf das italienische Eis danach. Oder die Cremeschnitte.

Mein Vater dachte, dass Tierfilme das Richtige für mich sind. Da kann ich etwas lernen von der Welt. Der Welt, die ich nur aus Büchern kenne. Und aus dem Kino. Reisen gibt es bei uns nur ins Waldviertel.

Mit meinem Vater „Wunder der Prärie“ auf einem Schoßplatz. Der Walt Disney Film mit den Präriehunden. Die werden von Pumas gejagt, aber nie erwischt. Sie verschwinden auf das Kommando eines Wächters rechtzeitig in ihren Erdhöhlen. Immer auch dann, wenn die Büffel kommen.

Büffel. Riesige Herden dieser mächtigen Tiere. Sie stürmen aus der Ferne auf uns zu. Donnernd wüten sie über alles hinweg. Das Näherkommen, das Dröhnen ihrer Hufe. Das Zittern der Erde, das Verdunkeln unter ihren Leibern. Die gelbroten Wolken aus aufgewirbeltem Sand.

Sie kommen jeden Abend. Immer dasselbe Bild. Zuerst der schmale dunkle Strich am Horizont. Darüber der blaue Himmel, darunter die weite grünen Ebene. Ein Strich, der immer breiter wird. Er beginnt zu zittern. Er schickt ein Flirren voraus. Mein Herz schlägt schneller, der Atem versperrt meine Stimme. Das Dröhnen schnürt meine Brust ein, drückt mich in die Kissen. Die Beklemmung löscht alle Gedanken.

Da sind sie. Da sind sie. Ich ducke mich. Ein trampelndes Stampfen, das auf mich stürzt. Ich bewege mich nicht. Kann mich nicht bewegen.

Endlich sind sie über mich hinweg. Ich wage nicht zu atmen. Ich weiß, sie kommen wieder. Wie in der Urania. Und seither jeden Abend. Mehrmals. Ich höre wieder ihre Hufe. Diese stampfenden Hämmer. Das Zittern der Luft, der gelbrote Staub. Dreimal. Viermal. Manchmal zähle ich, wie oft sie kommen. Wieder der Strich am Horizont. Das flirrende Zittern.

Ich höre die Stimme meines Vaters in der Küche. Nun kommen sie nicht wieder. Bis morgen Abend …



Veröffentlicht in DUM – das ultimative Magazin No. 88/2018, NACHT – Schlaf & Vogel, S. 17.




LEBENSLANG

Auch wenn für Menschen lebenslang theoretisch klar durch den Anfang Geburt – manche setzen die Zeugung an den Beginn – und das Ende Tod definiert scheint, so schwierig ist lebenslang im Einzelfall zu bemessen. Schließlich heißt es in der Bibel: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“

Und der sagt es üblicherweise nicht.

Wird ein Straftäter zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, so weiß keiner genau, wie lange lebenslang dauern wird, denn möglicherweise kommt er wegen guter Führung nach fünfzehn Jahren frei, kann bei einem Gefangenentransport flüchten oder sich durch ein in Streifen geschnittenes und zusammengeknotetes Leintuch dem verfügten lebenslang entziehen, sei es an der Gefängnismauer oder am Fensterkreuz. Aber auch im zweiten Fall kennt er nicht die Stunde, denn vielleicht wird er von einem aufmerksamen Wächter entdeckt und dann geht es mit dem lebenslang weiter.

Pech gehabt. Oder Glück, je nach Perspektive.

Im Grunde ist lebenslang zwar eine unsichere Angelegenheit, doch zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass lebenslang teilweise in den Griff zu bekommen ist, denn es besteht stets aus zwei Teilen: einem fest definierten und einem unbestimmten.

Dafür muss man nur die Perspektive auf den Augenblick, das Jetzt legen, denn dann ist ein Teil des lebenslang durch den Zeitraum von der Geburt bis zu diesem Zeitpunkt klar festgelegt. Da heutzutage die meisten Menschen eine Geburtsurkunde besitzen und so den Tag ihres Lebensbeginns genau kennen, können sie bei einigem mathematischen Geschick und der Kenntnis der Schaltjahre die Tage dieses Abschnitts genau berechnen. Einige kennen sogar die Stunde ihres ersten Schreis und können in kleineren Zeiteinheiten wie Stunden, Minuten, Sekunden ausdrücken, wie viel von ihrem lebenslang bisher verflossen ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist lebenslang eindeutig und um diesen Abschnitt brauchen sich Menschen keine Gedanken mehr zu machen.

Menschen widmen sich vor allem dem zweiten Teil des lebenslang. Viel hängt dabei vom jeweiligen Zeitpunkt dieser Auseinandersetzung ab, denn eine Prognose für einen Säugling stellt sich anders dar als für einen Hundertjährigen, da Neugeborene eher selten aus dem Fenster steigen und versuchen, sich mit Drogengeld ein neues Leben aufzubauen.

Bei den Prognosen stützen sich die meisten auf die Erlebnisse des ersten Teils des lebenslang, wobei diese hoffen, dass er besser wird als der erste oder wenigstens nicht schlechter. Ängstliche befürchten, dass es nur mehr bergab gehen kann, was in Bezug auf die Lebenserwartung realistisch ist, denn schließlich tickt der Lebenswecker unaufhaltsam bis zum rien ne va plus.

Am kritischsten scheint diese Extrapolation in jener Phase des Lebens, die als midlife-crisis bezeichnet wird. In dieser Zeit ist der Mensch in seinem Leben im Wortsinne halbwegs unterwegs, doch er beginnt bewusst akzeptierend oder unbewusst verdrängend zu erkennen, dass die Proportion des ersten Teils zum zweiten allmählich in Schieflage gerät. Vor allem befürchten einige, dass der folgende Abschnitt kürzer sein könnte als der erste, was mit der Dauer des Nachdenkens erfahrungsgemäß immer realistischer wird.

Es gibt traditionsreiche Berufsstände, die sich vorwiegend mit dem zweiten Teil des lebenslang beschäftigen. Waren es in der Antike von Gasen oder Rauch benebelte Jungfrauen, die in die Zukunft blickten, so waren es später Wahrsagerinnen mit einer Glaskugel oder der Fähigkeit, in den Linien der Hand das künftige Schicksal und seine Dauer zu enthüllen. Heute werden kürzere Prognosen in Tageszeitungen, Wochen- oder Monatsmagazinen bevorzugt, die genauso treffsicher sind wie die um die Jahreswende erstellten Horoskope, die neben Reichtum und Erfolg vor allem Liebe und Glück in Aussicht stellen. Oder auch nicht. In diesen Kurzprognosen findet sich so gut wie nie eine genaue Angabe über die Dauer der zweiten Hälfte des lebenslang. Man stelle sich eine konkrete Formulierung vor: „In der kommenden Woche werden Sie überraschend den Besuch eines Mannes mit einer schwarzen Kapuze erhalten, der eine Sense geschultert hat. Sie sollten darauf vorbereitet sein!“

Die Ungewissheit über den zweiten Teil des lebenslang trieb aber in der Menschheitsgeschichte weit seltsamere Blüten, denn Menschen begannen sich früh an die vage Hoffnung zu klammern, dass lebenslang doch von anderer Dauer wäre als von der irdischen Lebens. Dies mündete schließlich in die Phantasie, dass es einen dritten Lebensabschnitt geben müsste, der das lebenslang ad absurdum führt und ewig währt. Tiefenpsychologisch betrachtet wurde dieser Teil des lebenslang deshalb erfunden, um dem zweiten Abschnitt die Bedrohung eines absoluten exitus zu nehmen. So nach dem Motto: Dieses Leben kann doch nicht alles gewesen sein. Oder: Wer glaubt, lebt ewig.


Verfasst für PODIUM Heft Herbst/Winter 2018

PODIUM LEBENSLANG Herbst 2018




Sprüche, vulkanisiert

Wenn es dem Vulkan zu wohl ist, geht er auf’s Eis schmelzen.

Der Vulkan geht so lange zum Brunnen, bis er ausbricht.

Man soll den Vulkan nicht vor dem Ausbruch loben.

Ein Vulkanausbruch kommt selten allein.

Wie man in den Vulkan hineinruft, so spuckt es heraus.

Wer sich in den Vulkan begibt, kommt darin um.

Wer den Geysir nicht ehrt, ist den Vulkan nicht wert.

Es ist nicht alles Vulkan was spuckt.

Schlafende Vulkane soll man nicht wecken.

Wenn der Vulkan nicht zum Philosophen kommt, muss der Philosoph zum Vulkan gehen.

Daraus folgt:

Empedokles

Bedenkenleer
hatte er sich vom Kraterrand
in das Lavameer
gestürzt –
die Sandalen blieben zurück –
im Falle
zog alle
Nichtigkeit
an ihm vorüber –
er hatte alles bedacht …
nur die Sandalen,
die hatte er nicht
zum Schuster gebracht!
Es ist zu spät!
Es ist zu spät!
Wer jetzt wohl in den Sandalen geht?


etcetera 72: Tanz auf dem Vulkan




© Werner Stangl Linz 2018