‘Literaturzeitschriften‘


Versteckte Sterne *

Nominales: Astern, Austern, Ostern, Western, Düsternis, Finsternis, Schwestern, Nüstern

Adjektivisches: lüstern

Adverbiales: gestern

Verbales: lästern, geistern, meistern, mustern, aufplustern, pflastern, schustern, flüstern, kleistern


* Zu sprechen als: A-Schtern. Au-Schtern usw.

Für das etcetera Heft 76 STERN/UNSTERN verfasst. Siehe auch Sprichwörtliche Sterne.




Sprichwörtliche Sterne

Menschliches

Bist du am Abend sternhagelvoll,
ist auch der Morgen nicht so toll.

Wer immer nach den Sternen greift,
dem Wind bald um die Ohren pfeift.

Wer einen Stern reißt früh am Morgen,
der hat am Abend auch noch Sorgen.

Astronomisches

War die Nacht ganz sternenklar,
weiß man, wo die Sonne war.

Sieht man den Stern von Bethlehem,
kann man gleich zur Krippe gehn.

Sieht nächtens man den Morgenstern,
ist der nächste Tag nicht fern.

 

Stern Unstern etcetera

Botanisches

Ist es dem Weihnachtsstern zu trocken,
wird er bald blattlos vor dir hocken.

Ist es dem Weihnachtsstern zu nass,
beißt er gleichfalls rasch ins Gras.

Steht der Weihnachtsstern im Zug,
verliert er Blätter wie im Flug.

Animalisches

Willst du einen Seestern fangen,
musst du erst ans Meer gelangen.

Willst einen Seestern du verzehren,
wird er sich wohl dagegen wehren.

Liegt ein Seestern dir im Magen,
wirst du über Bauchweh klagen.


Für das etcetera Heft 76 STERN/UNSTERN verfasst. Siehe auch Versteckte Sterne.




Wunder der Prärie

Sie kommen. Jeden Abend. Pünktlich. Der Kuss der Mutter. Ich ziehe die Vorhänge meines Klappbetts zu. Sorgfältig. Kein Licht darf hereindringen. Die Mutter dreht das Licht ab. Das Klappbett spart Platz in unserer Zimmer-Küche-Wohnung.

Nein, das sind sie noch nicht! Es sind die festen Schritte meiner Mutter. Sie verlässt das Wohnzimmer und schließt die Tür. Nun sitzt sie in der Küche, um auf meinen Vater zu warten. Er macht jeden Tag Überstunden. Damit ich einmal etwas Besseres werde. Damit ich ins Gymnasium gehen kann.

Ich prüfe nochmals. Der Vorhang darf keine Öffnung freilassen. Keinen Spalt. Alles sicher. Kein Schein dringt in mein Zelt. So nennt meine Mutter die vorgezogenen Vorhänge. Der Schatten des Fensterkreuzes, den die Straßenlaterne von draußen auf den Stoff wirft, zittert ein wenig.

Ich ziehe die Tuchent über den Kopf. So warte ich in meinem Zelt auf ihr Kommen. So wie die Mutter in der Küche auf meinen Vater wartet. Sie werden kommen. Bald. Wie jeden Abend. Pünktlich.

Mein Vater hatte mich ins Urania-Kino mitgenommen. Ausnahmsweise. Sonst begleite ich meine Tante an Samstagen ins Philadelphia-Kino. Ferien auf Immenhof. Die Geierwally. Alle Sissy-Filme. Die gefallen mir besonders. Die Orte sind mir vertraut. Schönbrunn kenne ich von den Spaziergängen mit meiner Mutter. Ich freue mich auf das italienische Eis danach. Oder die Cremeschnitte.

Mein Vater dachte, dass Tierfilme das Richtige für mich sind. Da kann ich etwas lernen von der Welt. Der Welt, die ich nur aus Büchern kenne. Und aus dem Kino. Reisen gibt es bei uns nur ins Waldviertel.

Mit meinem Vater “Wunder der Prärie” auf einem Schoßplatz. Der Walt Disney Film mit den Präriehunden. Die werden von Pumas gejagt, aber nie erwischt. Sie verschwinden auf das Kommando eines Wächters rechtzeitig in ihren Erdhöhlen. Immer auch dann, wenn die Büffel kommen.

Büffel. Riesige Herden dieser mächtigen Tiere. Sie stürmen aus der Ferne auf uns zu. Donnernd wüten sie über alles hinweg. Das Näherkommen, das Dröhnen ihrer Hufe. Das Zittern der Erde, das Verdunkeln unter ihren Leibern. Die gelbroten Wolken aus aufgewirbeltem Sand.

Sie kommen jeden Abend. Immer dasselbe Bild. Zuerst der schmale dunkle Strich am Horizont. Darüber der blaue Himmel, darunter die weite grünen Ebene. Ein Strich, der immer breiter wird. Er beginnt zu zittern. Er schickt ein Flirren voraus. Mein Herz schlägt schneller, der Atem versperrt meine Stimme. Das Dröhnen schnürt meine Brust ein, drückt mich in die Kissen. Die Beklemmung löscht alle Gedanken.

Da sind sie. Da sind sie. Ich ducke mich. Ein trampelndes Stampfen, das auf mich stürzt. Ich bewege mich nicht. Kann mich nicht bewegen.

Endlich sind sie über mich hinweg. Ich wage nicht zu atmen. Ich weiß, sie kommen wieder. Wie in der Urania. Und seither jeden Abend. Mehrmals. Ich höre wieder ihre Hufe. Diese stampfenden Hämmer. Das Zittern der Luft, der gelbrote Staub. Dreimal. Viermal. Manchmal zähle ich, wie oft sie kommen. Wieder der Strich am Horizont. Das flirrende Zittern.

Ich höre die Stimme meines Vaters in der Küche. Nun kommen sie nicht wieder. Bis morgen Abend …



Veröffentlicht in DUM – das ultimative Magazin No. 88/2018, NACHT – Schlaf & Vogel, S. 17.




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