‘Gedichtzyklen‘

Abend

Der Abend sattelt die leergelebten Stunden
und trabt den rötlichen Hügeln entgegen.
Die Schwalben zerschrillen im Flug
die verbliebenen Schatten.

Der Halbmond deiner Lider
vibriert in der Erwartung
einer versprochenen Nacht,
die spinnengleich prüfend ihre Hände
über die Dächer der Häuser legt,
die in die Buchten der Hügel sich kauern.

Gleich Spinnwebenflor spinnt sich die Nacht
an die erblindenden Fenster.
Der Duft fernen Ginsters
durchragt die Kühle der Leere,
und löscht die letzte Erinnerung.

[Foto: Benjamin Stangl, Wien 2016]

8. Dezember 2016

Bruckner.Park.Idyll

eisenbahnbruecke-linz-traeger

Auf einem rostfarbenen Lastkahn
strecken zerschweißte Träger der Eisenbahnbrücke
ihre Wunden in den blassblauen Sommersamstagshimmel.
Aus dem eventtruckzerpflügten Gras
starren das dunkelheitsverbrannte Bühnenrechteck
und die aneinandergereihten Sanitärquadrate
den Flanierenden vergelbt entgegen.
Von der fernverkehrenden Autobahnbrücke her
drängt sich hintergrundheischend das Rollen der Reifen
in das schweigende Fließen des Stromes.
Der aufbrechende Sommerflieder
reckt seine Blütenstände vergeblich
nach den heuer verspäteten Schmetterlingen.
Der Fußball im Käfig schlägt scheppernde Schneisen
in das Geschrei der Kinder aus dem Parkbad.
Die noch unverbauten Hänge des Pöstlingsbergs
drängen sich trockenbraun in das kritische Sichtfeld.
Das Polizeiauto patrouilliert schritttempiert
und wirkt wie immer deplatziert.
Der Wind blättert gelangweilt
in einer vergessenen Zeitung auf einer Parkbank.
Meine Erinnerungen ziehen mit den Wolken
aus dem verschimmernden Horizont der Vergangenheit
in den unaufhaltsamen Abend des Lebens.

sommerflieder


[Verzeichnis der Texte]


18. Juli 2016

Die Mauer

mauer

Du baust eine Mauer
aus leergesungenen Träumen,
aus gebrochenen Versprechen,
aus zerlebten Tagen versäumter Hoffnungen,
aus verstreuten Fragmenten,
die du für das Leben hieltest.

Die bedrohten Zwischenräume
füllst du mit verbrauchten Lügen,
dir fremd gewordnen Illusionen,
zu oft geweinten Tränen,
unausgesprochnem Zorn
und vergessen gehoffter Wut.

Diese Mauer schützt dich nicht
vor dem Stachel der Erinnerungen.
Jeder Stein trägt noch die Glut alter Feuer,
jeder von ihnen gleicht einem Spiegel,
jeder Zwischenraum eine schutzlose Wunde.
Dein Leben aufgetürmter Verzicht.


[Verzeichnis der Texte]

22. Mai 2016

© Werner Stangl Linz 2017