‘Gedichtzyklen‘


Herbst.Schmähung

Herbst! Herbst!
Schickst die Natur
auf Chlorophyllentzug,
stiehlst karge Sonnenstunden
aus den engen Tälern.
Du treibst die Nebelfetzen
als Boten läng’rer Nächte
durch die Gassen.
Du täuschst mit deinen Farben
die frühlingssücht‛gen Herzen.
Vertrieben hast du längst
den Schrill der Schwalben aus den Giebeln.
Bedrängst der Menschen Hälse
mit dicken Schals und hohen Krägen,
zwingst ihnen Mützen auf die Köpfe.
Deine Gefährten, die trägen Raben,
machst du zu Pompfüneb‛rern
des lebensmüd geword‛nen Jahres.

herbst schmähung


[Verzeichnis der Texte]




Drei unkrautige Einreimer

Wildwuchernde Winde

Es sieht jeder Blinde:
Die wuchernde Winde
wächst rasend geschwinde
entlang der borkigen Rinde
einer duftenden Linde
oder auch Tamarinde
und baumelt im Winde.
Meine Gattin Gerlinde
sagt: Gatte, erfinde
doch etwas geschwinde,
dass sie verschwinde!
Wie sehr ich mich schinde,
kein Mittel ich finde!
Meine Wut ist gelinde
schon lang eine blinde.
Weiter wuchert die Winde
wie ich schmerzlich empfinde,
entlang der borkigen Rinde
einer duftenden Linde
oder auch Tamarinde,
baumelt weiter im Winde …
weiter im Winde …
im Winde …
Winde …


Unerquickliche Quecke

Wenn ich sie entdecke,
diese quakende Quecke
auf dunklem Flecke
hinter der Hecke,
die Arme ich recke,
die Zähne ich blecke,
die Mordlust erwecke,
die Lippen mir lecke,
den Spaten wurzeltief stecke
und mach‘ sie zur Schnecke.
Zu dem Zwecke
dass niemand entdecke
die Leiche der Quecke
ich sie verstecke
in einer stillen Ecke
und dort mit Vergessen bedecke,
damit sie qualvoll verrecke.


Wirsch & Unwirsch

Unter dem wilden Kirsch-
baum verflucht ein Gärtner unwirsch
den wuchernd sprießenden Giersch.
Doch gar nicht wirsch
blickt auf der Pirsch
der Jäger, wenn hinter ihm knirsch-
t im Holze ein Hirsch.


Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




Sprachliches Unkraut

Das unvollendete Präteritum
hofft auf Perfektion.
Im hölzernen Satzbau
vermodern die Modi.
Das optimistische Futur
füttert die Gegenwart.

Maskulina und Feminina
geben sich dem Genuss hin.
Künstliche Komposita
haben es gestrichen voll
und zerfallen zerschmettert
auf dem Komposthaufen der Lettern.

Selbstgefällige Adjektiva
widersetzen sich der Mülltrennung.
Ein unerhörtes Appellativum
verirrt sich zwischen Parenthesen
und zerschellt schließlich
an einem Exklamationszeichen.

Eine achtlos hingeworfene Interjektion
folgt ihren Partikularinteressen,
Nebensätze setzen sich kommentarlos
zwischen zwei Stühle.
Präfix und Postfix
haben sich endgültig getrennt.

Umständliche Adverbia
stauen den Sprachfluss,
niedliche Diminutiva
verkümmern artgerecht,
Augmentativa zerplatzen
als Sprechblasen.

Verbogene Verben
suchen ihr grammatikalisches Rückgrat,
Nomina bleiben hingegen flexibel.
Dekliniert fürchten sich
zuletzt alle vor dem Durchfall
und hoffen auf einen Schlusspunkt



Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




© Werner Stangl Linz 2018