‘Gedichtzyklen‘


Herr Kübel und Herr Drehstuhl

Herr Kübel seufzt grad aus dem Vollen,
denkt an Frau Sofa, Liebe, Glück,
da hört er neben sich ein Rollen:
Herr Drehstuhl rückt in seinen Blick.

„Der ist ja ziemlich ramponiert“,
denkt Kübel, doch er sagt es nicht.
Herr Drehstuhl aber kokettiert,
setzt auf ein schwärmerisch Gesicht:

„Na Schatz, wie wär es mit uns beiden?“
Herr Kübel ist darob erschrocken,
doch will Verletzung er vermeiden.

Herr Drehstuhl hört schon Hochzeitsglocken.
„Bin hetero und werd‘ es bleiben!“
erwidert Kübel staub und trocken.


Doch das ist lang noch nicht das Ende! Gibt es für Kübel eine Wende? Rosa Sofa 2.0




Glück: Wienerisch

Die Glücksforschung sagt,
wer permanent klagt,
jede Freude verjagt
und mit Sorgen sich plagt,
wird kaum alt und betagt.

Wer nie etwas Neues wagt
wird vom Versäumten geplagt,
bleibt am Ende ganz nackt.
Aus den Lenden dann ragt
Pechklee, von Zweifeln zernagt.

Jammerern sei’s also gesagt:
wer täglich die Glücksfee befragt
und zitternd sein Glückskeks benagt,
wird bald vom Pechfrosch bequakt,
kommt so aus dem Takt.

Von eitlen Wünschen geplagt,
hat Fortuna zur sinnlosen Jagd
nach dem Glücke Weises gesagt:
Das Glück is a Vogerl,
goa liab, owa scheu.
Es losd si schwea faungan,
owa fuatgflogn is glei.


Das Kursivgedruckte ist beim Vortrag zu singen.





Wirsch & Unwirsch

Unter dem wilden Kirsch-
baum verflucht ein Gärtner unwirsch
den wuchernd sprießenden Giersch.
Doch gar nicht wirsch
blickt auf der Pirsch
der Jäger, wenn hinter ihm knirsch-
t im Holze ein Hirsch.








© Werner Stangl Linz 2018