‘Gedichtzyklen‘


Eiben und Birken

Als Schreiber fällt es mir beileibe
schwer, wenn ich das hier schreibe,
und wahrlich nicht zum Zeitvertreibe,
ich unbeirrbar dabei bleibe:
Einst war die Erde eine Scheibe.

Die Kelten tanzten um die Eibe
und wärmten auf die kalten Leibe.
Dann gingen sie zu ihrem Weibe,
auf dass es weiter kräftig reibe
und sie damit zur Liebe treibe.

Kirgisen konnten unter Birken
übrigens ganz Ähnliches bewirken.


Der Weg zur Unterwelt war in der griechischen und römischen Mythologie mit Eiben gesäumt, galt in allen Kulturen, die die Eibe kannten, als heiliger Baum und war in Europa als ein langsam wachsender Nadelbaum weit verbreitet. Das Holz der Eibe ist zäh, hart und gleichzeitig elastisch, sodass es seit der Steinzeit und vom den Römern zur Herstellung von Bögen, Pfeilen und später zu Armbrüsten verarbeitet wurde. Die Eibe stand bei den Kelten noch im keltischen Baumhoroskop, doch aufgrund der Christianisierung wurde die Eibe aus dem Horoskop gestrichen. Die Eibe galt bei den Kelten als der geheime Baum des Todes und als Wächter zur Unterwelt, doch auch als Baum der Geduld und des ewigen Lebens. Bei den keltischen Druiden hatte die Eibe sogar ein eigenes Runen Zeichen, das Böses abwehren sollte, weshalb Eiben an den heiligen Plätze standen, wo Rituale und Gerichtsverfahren abgehalten wurden. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein trugen Menschen Amulette aus Eibenholz zur Abwehr von Dämonen. Bei den Germanen galt die Eibe als Sinnbild der Ewigkeit, für Hildegard von Bingen war der Eibenbaum ein Sinnbild der Fröhlichkeit.





Derridas Katze

Die Milch in der Küche
war sauer geworden
über Nacht.
Der fahle Tag
strich mit seinem Licht
durch die noch nachtblinden Scheiben
über mein Fell.
In die erwachende Stille hinein
tappende Geräusche
vom Schlafzimmer her.
Das Knarren der Tür zum Bad,
alltägliches Ritual.
Nicht die Zeit wert,
hinterherzuschlendern.
Der sauren Milch wegen
durch den arglosen Spalt zwängend,
erblickte ich ihn.
Nackt.
In seinem Blick: Scham.
Wär ich doch bei Schrödinger geblieben.

Veröffentlicht in Poesiealbum neu, Resonanzen, 1/2017, Lyrik & Wissenschaft, S. 39.

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Bruckner.Park.Idyll

eisenbahnbruecke-linz-traeger

Auf einem rostfarbenen Lastkahn
strecken zerschweißte Träger der Eisenbahnbrücke
ihre Wunden in den blassblauen Sommersamstagshimmel.
Aus dem eventtruckzerpflügten Gras
starren das dunkelheitsverbrannte Bühnenrechteck
und die aneinandergereihten Sanitärquadrate
den Flanierenden vergelbt entgegen.
Von der fernverkehrenden Autobahnbrücke her
drängt sich hintergrundheischend das Rollen der Reifen
in das schweigende Fließen des Stromes.
Der aufbrechende Sommerflieder
reckt seine Blütenstände vergeblich
nach den heuer verspäteten Schmetterlingen.
Der Fußball im Käfig schlägt scheppernde Schneisen
in das Geschrei der Kinder aus dem Parkbad.
Die noch unverbauten Hänge des Pöstlingsbergs
drängen sich trockenbraun in das kritische Sichtfeld.
Das Polizeiauto patrouilliert schritttempiert
und wirkt wie immer deplatziert.
Der Wind blättert gelangweilt
in einer vergessenen Zeitung auf einer Parkbank.
Meine Erinnerungen ziehen mit den Wolken
aus dem verschimmernden Horizont der Vergangenheit
in den unaufhaltsamen Abend des Lebens.

sommerflieder


[Verzeichnis der Texte]


© Werner Stangl Linz 2017