‘Gedichtzyklen‘


Derridas Katze

Die Milch in der Küche
war sauer geworden
über Nacht.
Der fahle Tag
strich mit seinem Licht
durch die noch nachtblinden Scheiben
über mein Fell.
In die erwachende Stille hinein
tappende Geräusche
vom Schlafzimmer her.
Das Knarren der Tür zum Bad,
alltägliches Ritual.
Nicht die Zeit wert,
hinterherzuschlendern.
Der sauren Milch wegen
durch den arglosen Spalt zwängend,
erblickte ich ihn.
Nackt.
In seinem Blick: Scham.
Wär ich doch bei Schrödinger geblieben.

Veröffentlicht in Poesiealbum neu, Resonanzen, 1/2017, Lyrik & Wissenschaft, S. 39.

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[Verzeichnis der Texte]

Bruckner.Park.Idyll

eisenbahnbruecke-linz-traeger

Auf einem rostfarbenen Lastkahn
strecken zerschweißte Träger der Eisenbahnbrücke
ihre Wunden in den blassblauen Sommersamstagshimmel.
Aus dem eventtruckzerpflügten Gras
starren das dunkelheitsverbrannte Bühnenrechteck
und die aneinandergereihten Sanitärquadrate
den Flanierenden vergelbt entgegen.
Von der fernverkehrenden Autobahnbrücke her
drängt sich hintergrundheischend das Rollen der Reifen
in das schweigende Fließen des Stromes.
Der aufbrechende Sommerflieder
reckt seine Blütenstände vergeblich
nach den heuer verspäteten Schmetterlingen.
Der Fußball im Käfig schlägt scheppernde Schneisen
in das Geschrei der Kinder aus dem Parkbad.
Die noch unverbauten Hänge des Pöstlingsbergs
drängen sich trockenbraun in das kritische Sichtfeld.
Das Polizeiauto patrouilliert schritttempiert
und wirkt wie immer deplatziert.
Der Wind blättert gelangweilt
in einer vergessenen Zeitung auf einer Parkbank.
Meine Erinnerungen ziehen mit den Wolken
aus dem verschimmernden Horizont der Vergangenheit
in den unaufhaltsamen Abend des Lebens.

sommerflieder


[Verzeichnis der Texte]


Die Mauer

mauer

Du baust eine Mauer
aus leergesungenen Träumen,
aus gebrochenen Versprechen,
aus zerlebten Tagen versäumter Hoffnungen,
aus verstreuten Fragmenten,
die du für das Leben hieltest.

Die bedrohten Zwischenräume
füllst du mit verbrauchten Lügen,
dir fremd gewordnen Illusionen,
zu oft geweinten Tränen,
unausgesprochnem Zorn
und vergessen gehoffter Wut.

Diese Mauer schützt dich nicht
vor dem Stachel der Erinnerungen.
Jeder Stein trägt noch die Glut alter Feuer,
jeder von ihnen gleicht einem Spiegel,
jeder Zwischenraum eine schutzlose Wunde.
Dein Leben aufgetürmter Verzicht.


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© Werner Stangl Linz 2017