‘Gedichtzyklen‘


Abschied

Du hieltest lang in deinen Händen
das dunkle Gesicht der Nacht,
als wäre es von einem Dämmern erhellt.
Beim Abschied sah ich, wie die Sonne
in den Buchten deiner Augen erlosch.
Wann werde ich mein Land wiedersehen,
den Horizont deines Gesichts?
Ich werde andere Himmel sehen,
an Quellen andrer Lippen trinken,
duftend und nächtlich,
doch wenn der verhängnisfarbene Traum
die verklingende Erinnerung entfacht,
beklage ich den Verlust der Heimat,
dürstend nach dem Regen deiner Augen.
Achtlos fließt der Tag
vor den Fenstern der Fremde.
Lasst mir die Hoffnung.


Veröffentlicht in Almut Armélin & Ulrich Grasnick: Wenn wir den Atem anhalten: Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis 2017. Berlin-Brandenburg: Quintus, S. 128.


abschied


[Verzeichnis der Texte]




Herbst.Reminiszenzen

Wenn du behutsam durch den Park gehst,
hörst du vielleicht die Blätter,
die hinter dir herflüstern,
dir vom Sommer erzählen,
von der längst vergessenen Sehnsucht des Frühlings.
Und der von der Nacht gefrorene Himmel
knallt sein unterbittliches Blau
in die Zwischenräume deiner Gedanken.
Der Winter wird kommen.




Herbst.Schmähung

Herbst! Herbst!
Schickst die Natur
auf Chlorophyllentzug,
stiehlst karge Sonnenstunden
aus den engen Tälern.
Du treibst die Nebelfetzen
als Boten läng’rer Nächte
durch die Gassen.
Du täuschst mit deinen Farben
die frühlingssücht‛gen Herzen.
Vertrieben hast du längst
den Schrill der Schwalben aus den Giebeln.
Bedrängst der Menschen Hälse
mit dicken Schals und hohen Krägen,
zwingst ihnen Mützen auf die Köpfe.
Deine Gefährten, die trägen Raben,
machst du zu Pompfüneb‛rern
des lebensmüd geword‛nen Jahres.

herbst schmähung


[Verzeichnis der Texte]




© Werner Stangl Linz 2018