‘Gedichtzyklen‘


Unkrauts Kriegsführung

Bei der Schneeschmelze
nutzt das Unkraut
das braungefrorene Gras als Tarnanzug.

Schickt als Vorhut
seine grünen Spitzen
in den Märzenhimmel.

Wenn die Aprilsonne
die Wurzeln wärmt,
bläst es zum Angriff.

Aus dem Hinterhalt
des Sommerschattens
überfällt es die erhoffte Ernte.

Im Herbst bleibt Arcimboldo ohne Gesicht.


Unkraut Bekämpfung


Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




Das Unkraut ist eine Frau

Das Unkraut ist jene Frau,
an der man einst achtlos vorüberging,
als sie uns schöne Augen machte.

Doch sie lief uns nach.
Ungeniert sinkt sie uns
unvermittelt an die Brust.


Unkraut randständig


Verfasst für den Alois Vogel – Literaturpreis 2018




Die Legende von Mensch und Bär

Wovon ich heute hier berichte,
ist lang und noch viel länger her;
bemerkenswert ist die Geschichte
von Höhlen und von Mensch und Bär.

Es war wohl evolutionärer Plan,
als Bären sich von Beeren nährten,
das heißt, sie lebten streng vegan,
wobei selbst Pilze sie verzehrten.

Auch Honig von den wilden Bienen
entdeckten sie als Leckerbissen.
Den mussten sie mit Schmerz verdienen,
wovon auch manche Imker wissen.

Das Leben schien so unbeschwert,
da kam es zu der Katastrophe,
die Bärenglück in Unglück kehrt.
Mehr davon in der nächsten Strophe.

Meteoriten aus dem weiten All
donnerten zahlreich auf die Welt,
sodass durch Schnee- und Hagelfall
das reiche Bärenbiotop zerfällt.

Dahin die Beeren, Pilze, Bienen,
die Bären mussten andres jagen
und sich ihr Leben schwer verdienen.
Nicht selten hörte man ihr Klagen.

So wurden sie zu Karnivoren,
ganz wie sie heute sich gerieren.
Doch wahrlich nicht dafür geboren,
jagten sie nun nach andren Tieren.

Da trat ins Bärenleben die Gefahr,
ganz unvermittelt: Aus der Traum!
Da, wo es einst so friedlich war,
erschien der Mensch im Lebensraum.

Anfangs nur spärlich, eher selten
dass Mensch und Bär zusammenkamen,
doch bald schon Streit und Kampf nur gelten;
einander sie das Leben nahmen.

So war’s auch im Neandertal,
da, wo die Neandertaler lebten,
wurd‘ es für Bären eine Qual,
da die nach ihren Fellen strebten.

Der Homo sapiens war auch nicht gnädig,
jagte im Rudel jeden Bären,
vor allem Speere waren schäbig,
wobei den Schmerz auch Pfeile mehren.

Die Menschen neiden ihm den Trick
beim Fang von Lachsen und Forellen,
wenn dieser mit so viel Geschick
sie fängt beim aus dem Wasser Schnellen.

Um Höhlen sie sich heftig stritten,
da diese Schutz und Zuflucht brachten,
oft Mord und Totschlag wurd‘ erlitten.
Es war ein blutig langes Schlachten!

Davon verkünden Mensch- und Bärenknochen,
die Archäologen in den Höhlen fanden,
erst jüngst vor ein paar Wochen
Berichte in Gazetten standen.

Letztlich gewann der Mensch den Streit,
die Bären sind schon lang verschwunden.
Ob die Natur ihm das verzeiht?
Ob je Vergessen heilt die Wunden?

Nein! Nicht vergessen ist die Schand‘,
man kann sie schmerzlich nachempfinden,
wenn wir noch heut‘ in Stadt und Land
in vielen Wappen Bären finden.

Wie tief die Menschen Schuldgefühle spüren,
zeigt, was die Tiefenpsychologen denken,
dass Menschen um zu kompensieren
den Kindern Teddybären schenken.


Legende Mensch Bär




© Werner Stangl Linz 2018