Draußen sein – Ein Versuch

Jetzt ist es genug! Was sollen diese lauten, fremden Geräusche! Sie reißen mich aus meiner Ruhe. Ich bin geduldig, aber das ist zuviel. Ich habe lange gebraucht, mich an das fortwährende Hämmern zu gewöhnen… Ich habe mich an vieles gewöhnt. Zuerst an dieses Schaukeln. Es war immer da. Hin und her und her und hin. Ich habe gelernt, mich nicht dagegen zu wehren. Ich muß einfach mitspielen. Dann ist es erträglich. Und die Enge. Endlose Wände. Ich stoße rechts an, dann links. Nein! Ich werde gestoßen. Und mit der Zeit wird es immer enger. Die Wände kommen näher. Wenigstens sind die Wände gepolstert. Oft höre ich Stimmen. Ich verstehe nicht, was sie sagen. Sie sind zu weit weg. Eine Stimme fiel mir von Anfang an auf; sie ist am lautesten. Ich mag diese Stimme. Oder besser: ich habe mich an sie gewöhnt. Sie unterscheidet sich von den anderen Stimmen nicht allein durch die Lautstärke. Sie hat einen seltsamen Klang, der in mir etwas auslöst… Ich ahne oft, was sie sagt. Manchmal schweigt sie lange. Und dann warte ich auf diese Stimme, meine Stimme. Wenn ich müde bin, lasse ich mich einfach fallen. Wo ich gerade bin. Es ist ohnehin nicht mehr viel Platz. Letzte Nacht habe ich gut geschlafen. Früher konnte ich Tag und Nacht nicht unterscheiden. Ich habe gelernt, daß es am Tag viel Lärm gibt, während in der Nacht alles stiller wird. So still, daß ich ängstlich werde. Das Hämmern wird langsamer und leiser. Ich lausche dann dem Schlag meines Herzens, bis er im Einklang mit dem Hämmern ist. Das Schaukeln wird sanfter. Und ich lasse mich fallen und schlafe ein. Wie lange ich schlafe? Ich weiß es nicht. Wenn ich aufwache, dann wiederholen sich viele Dinge: ein kräftiges Schaukeln, zum ersten Mal meine Stimme, das Gurgeln und das Glucksen. Ich pendle mich ein. Ein Tag steht bevor. An den Tagen erkenne ich Vertrautes. Es gibt ein Muster, einen Rhythmus. Ich denke manchmal, ich kann das Kommende auslösen oder beeinflussen. Das ist aber eine Illusion. Es gibt immer Überraschungen. Neulich ganz laute Töne. Als ob eine Musikkapelle draußen vorüberzöge. Ich habe sie seither nie wieder gehört. Ich würde sie sofort wiedererkennen. Einmal dachte ich, ich ersticke. Überall Rauch. Mir war schlecht. Ich konnte nichts dagegen tun. Ich kann mich gegen nichts wehren, alles geschieht. Wie lange ist es her? Ich habe kein Zeitgefühl. Nur der Rhythmus von Tag und Nacht hat sich in mir festgesetzt. Früher wußte ich nicht einmal, ob ich schlafe oder wache. Nahtlos geht eines ins andere über. Ich habe gelernt, meine Gedanken zu ordnen. Manche sind klar, manche unscharf. Woher kommen sie? Ich weiß es nicht. Manchmal träume ich. Dann sehe ich ein Licht. Es kommen schemenhafte Gestalten und ihre Schatten. Ich kann sie nicht festhalten, sie tanzen an mir vorüber. Ich habe zu ihnen keine Beziehung. Es geht zu schnell. Manchmal kommt eine Gestalt auf mich zu und ich möchte fliehen. Wohin? Heute geschehen seltsame Dinge. Es ist so eine Ahnung, eine Erregung. Als sollte sich etwas ändern. Irgendwie ist alles anders als sonst. Aber das ist vielleicht auch nur ein Gedanke, ein Hirngespinst. Wie alles vielleicht nur Einbildung ist. Dennoch: Ich habe nichts anderes.
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22 Uhr 50. Beckenendlage. 2800g, 50 cm, 34 cm. Apgar 1 min 10, 5 min 10, 10 min 10. Fersen-pH oB, Hämatokrit oB, Intubation oB, Blindpufferung oB, Asphyxie oB, Zyanose oB, Ikterus oB, Analtresie oB, Dysmaturität oB. Knabe. St. Benjamin. gez. Schrögendorfer.
WER, ZUM TEUFEL, IST SCHRÖGENDORFER?


Veröffentlicht in Gisela Weinhändler (Hrsg.): Gefangensein. Drinnen und draußen. S. 41-42. muc-Verlag, München.

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Draußen sein – Ein Versuch

© Werner Stangl Linz 2018