Niemand wusste genau, woher Florino kam. Sicher war nur eines: Er war ein Umweltgeist. Nicht größer als eine Katze, mit Haaren aus Moos und Augen, die wie Tautropfen glänzten. Wenn er durch den Wald streifte, raschelten die Blätter manchmal ganz von selbst, als würden sie ihn begrüßen. Lange glaubte Florino, keine besondere Gabe zu besitzen. Andere Umweltgeister ließen Bäume schneller wachsen, heilten kranke Wiesen oder riefen Regenwolken herbei. Florino dagegen konnte nichts Außergewöhnliches. Darüber war er manchmal traurig.

Eines Tages war er auf dem Weg zu einem Fest der Umweltgeister, als er am Wegesrand eine zerknitterte Plastiktüte entdeckte. Auf ihr war eine rote Mohnblume aufgedruckt. „Wie schade“, murmelte Florino und hob die Tüte auf. Er betrachtete die Blume, schloss die Augen und stellte sich vor, wie schön es wäre, wenn daraus eine echte Mohnblume würde. Plötzlich wurde die Tüte warm. Als Florino die Augen öffnete, hielt er keine Plastiktüte mehr in den Händen, sondern eine echte Mohnblume. Ihre roten Blütenblätter bewegten sich sanft im Wind. Verblüfft probierte er es erneut und verwandelte eine weggeworfene Verpackung in eine Sonnenblume. Bald verstand er seine Gabe: Wenn er Plastik berührte und dabei an eine Blume dachte, verwandelte es sich genau in diese. Die älteste Umweltgeistin, der er von seiner Entdeckung berichtete, lächelte. „Die meisten Wesen sehen nur Müll“, sagte sie. „Du siehst, was daraus werden könnte.“

Von da an zog Florino durch Wälder, Parks und Wiesen. Überall ließ er Blumen wachsen. Die Menschen staunten über die bunten Blüten, die plötzlich an Straßenrändern, auf Brachflächen und in verlassenen Ecken erschienen. Wo gestern noch eine Flasche gelegen hatte, blühte heute eine Sonnenblume. Aus einer Verpackung wurden Margeriten, aus einem Plastikdeckel Kornblumen oder Vergissmeinnicht. Anfangs verwandelte Florino jeden Fund mit Freude in Blumen, doch je mehr er unterwegs war, desto mehr weggeworfenes Plastik bemerkte er. Es lag in Gräben, auf Wiesen, in Flüssen und an Straßenrändern. Selbst zwischen den Wurzeln alter Bäume fand er es.

Eines Tages gelangte Florino ans Meer. Er erstarrte. Der Strand war voller Plastik. Flaschen, Tüten, Becher und Verpackungen trieben im Wasser oder hatten sich zwischen den Felsen verfangen „Das schaffe ich“, sagte Florino mutig. Er arbeitete den ganzen Tag und die ganze Nacht. Aus Flaschen wurden Sonnenblumen, aus Tüten Mohnblumen und aus Bechern Margeriten. Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, leuchteten zwischen den Dünen hunderte bunte Blüten. Doch noch immer lag Plastik am Strand, denn das Meer spülte mit jeder Welle neues heran.

Traurig setzte er sich auf einen Stein. Da hörte er Stimmen. Eine Gruppe Kinder sammelte Müll und füllte Säcke mit Flaschen, Dosen und Verpackungen. „Warum macht ihr das?“, fragte Florino. „Weil das Meer unsere Hilfe braucht“, sagte ein Mädchen. „Jeder kann etwas tun“, ergänzte ein Junge. Da verstand Florino, dass selbst die größte Zauberkraft nicht ausreichte, wenn man allein blieb.

Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit. Die Kinder sammelten den Müll ein und brachten alles, was wiederverwendet oder wiederverwertet werden konnte, an die richtigen Stellen. Nur das Plastik, das niemand mehr gebrauchen konnte, verwandelte Florino in Blumen. Schon bald blühten die Dünen in allen Farben. Schmetterlinge kamen zurück, Bienen summten durch die Luft, und selbst die Möwen schienen fröhlicher zu kreischen.

Von diesem Tag an arbeitete Florino nie mehr allein. Überall, wo Menschen die Natur schützten, war er nicht weit. Manchmal entdeckte man auf einer sauberen Wiese plötzlich neue Blumen, manchmal blühte an einem frisch gereinigten Flussufer ein ganzer Teppich aus Margeriten. Dann wussten die Menschen: Florino war hier gewesen. Und er erinnerte sie an etwas Wichtiges: Die Welt wird nicht durch Zauber gerettet. Aber ein kleines bisschen Zauber kann Menschen helfen, gemeinsam das Richtige zu tun.