Alma 2.0

Krösswang hatte schlecht geschlafen. Wie so oft in den letzten Wochen.

Als er hörte, wie sich Alma neben ihm im Bett aufrichtete und geräuschlos wie immer aus dem Bett stieg, hielt er die Augen geschlossen und tat so, als ob er schliefe. Alma ging wie jeden Morgen in die Küche, um ihr gemeinsames Frühstück vorzubereiten. Darin war sie perfekt.

Dennoch: Alma war die Ursache seiner Schlaflosigkeit, die jener Gedankenmühle geschuldet war, die sich jeden Abend zu drehen begann, wenn er sich gemeinsam mit ihr zu Bett begab. Wie jeden Tag gab sie ihm einen zärtlichen Kuss und wünschte ihm einen guten Schlaf. Sie wusste, dass er in letzter Zeit in der Nacht häufig wach lag und hatte ihm zu Baldriantropfen geraten, doch er konnte den Geruch nicht ausstehen. Diese Fürsorge, die Alma permanent an den Tag legte, war es, die ihm die Entscheidung so schwer machte: Krösswang wollte sich von Alma trennen.
Dieser Gedanke begleitete ihn durch den Tag bis zum Einschlafen und immer dann, wenn er glaubte, sich entschieden zu haben, leerte Alma in ihrer ehelichen Perfektion Zweifel in Krösswangs Gedankenfluss.

Krösswang begann mit dem Sammeln von Situationen, die einen Grund zur Trennung liefern könnten. So hatte sie vor einiger Zeit begonnen, seine Anzüge und Hemden im begehbaren Schrank nach Farben zu ordnen, wobei sie ihm am Morgen die perfekt dazu passende Krawatte ins Bad brachte. Immerhin war es ihm gelungen, sie davon abzuhalten, die Krawatte auch noch zu binden. Er hatte auch bemerkt, dass sie jeden Tag die Taschen der Hosen und der Sakkos leerte, wobei sie die darin gefundenen Karamellbonbons oder Notizzettel auf eine Schale im Vorzimmer legte, um sie ihm dann am Morgen wieder in die entsprechenden Taschen der Hosen oder der Sakkos zu stecken. Dass er auch immer frisch gebügelte Sacktücher in der Hosentasche vorfand, versteht sich von selbst.

Sie hatte sich vor einiger Zeit angewöhnt, sein Mobiltelefon und seinen Emailverkehr zu überprüfen, …


Wie diese Erzählung weitergeht, kann man in der Kulturzeitschrift LANDSTRICH “DIE WELT VON MORGEN” nachlesen.


Nr. 36 DIE WELT VON MORGEN, 2020

ISBN: 978-3-9504026-7-4
Preis: 15 €

Bestellung: http://www.landstrich.at/

… ::: Gedichte

SIEB.10 @ 4711 :: Alma 2.0

© Werner Stangl Linz 2020